Internationale Jahreskonferenz des Clusters: Rechtfertigungsnarrative Legitimation und erzählende Verständigung

Die zweite Jahreskonferenz des Frankfurter Exzellenzclusters zur „Herausbildung normativer Ordnungen“ widmet sich dem Thema der „Rechtfertigungsnarrative“. Mit Hilfe dieses Begriffs soll insbesondere die historische Dimension von Rechtfertigungsordnungen erschlossen werden, d.h. die Erzählungen, die sich zu Legitimationen sozialer Strukturen und Institutionen verdichten. Sie bilden keine homogenen Blöcke, sondern sollen in ihrer Pluralität, Konflikthaftigkeit und Dynamik analysiert werden.

Mit dem Schlagwort des ‚Rechtfertigungsnarrativs’ widmet sich die Jahreskonferenz einem zentralen Untersuchungsgegenstand des Clusters. Gemeint sind damit als Erzählung strukturierte Begründungen für die Legitimität oder Illegitimität normativer Ordnungen. Dabei geht es ebenso darum, Rechtfertigungsnarrative aus umfassenderen Diskursen gewissermaßen herauszupräparieren, wie den Umgang mit der Tatsache zu untersuchen, dass sich Rechtfertigungsnarrative ablösen und daher oft eine historische, potentiell selbstrelativierende Dimension in sich tragen müssen, ohne deshalb ihren Geltungsanspruch aufzugeben.

Der Begriff ist in den unterschiedlichen kooperierenden Fächern mehr oder weniger gut etabliert; insofern stellt die Konferenz zum einen das Experiment dar, nach seiner Anwendbarkeit und seinem Potential in verschiedenen disziplinären Kontexten zu fragen. Zum anderen werden die unterschiedlichen Dimensionen diskutiert, die solche Narrative aufweisen – von den ästhetischen Qualitäten, die möglicherweise über die Akzeptanz einer Begründung ebenso entscheiden wie Inhalte, bis hin zum Einsatz von gegenläufigen Rechtfertigungserzählungen in konkreten Friedensverhandlungssituationen oder bei der Ausgestaltung von Wirtschaftspolitik.

Unter der Federführung des Forschungsfeldes 2 „Geschichtlichkeit normativer Ordnungen“ soll dem diesjährigen Leitthema der „Rechtfertigungsnarrative“ in fünf Panels nachgegangen werden. Aus historischer Perspektive wird es im ersten Panel des ersten Tages um die Rolle von Rechtfertigungsnarrativen in Übergangszeiten gehen. Im Zentrum des zweiten Panels steht die Frage, welche Rolle Rechtfertigungsnarrativen in politischen Verhandlungsprozessen zukommt. Das dritte Panel wird sich aus rechtswissenschaftlicher Perspektive mit der Bedeutung von Menschenrechten als Rechtfertigungsnarrative auseinandersetzen. Am zweiten Konferenz-Tag wird sich dann Samstagvormittag das philosophisch ausgerichtete Panel mit der Ästhetik von Rechtfertigungsnarrativen befassen. Schließen wird die Tagung am Samstagnachmittag mit einem Panel über den Stellenwert von Rechtfertigungsnarrativen in der Ökonomie.

Wie bereits im letzten Jahr werden namhafte Gäste aus den verschiedenen im Cluster vertretenen Disziplinen Vorträge halten. So freuen wir uns sehr, den Ethnologen Harri Englund aus Cambridge, den Rechtswissenschaftler Robert Howse von der New York University, den Philosophen Michael Hampe von der ETH Zürich, den Bremer Historiker Hans Kippenberg und den Wirtschaftshistoriker Keith Tribe aus Sussex in Frankfurt begrüßen zu können. Dabei fällt die eindeutige disziplinäre Zuordnung unserer Gäste nicht leicht, sind doch die meisten von ihnen in mindestens zwei Fächern zu Hause – gute Beispiele dafür, wie in unserem Cluster Forschung praktiziert und verstanden wird. Neben der Interdisziplinarität ist aber auch der Dialog mit der Öffentlichkeit und der politischen Praxis für den Cluster von besonderem Interesse. So schätzen wir uns glücklich, dass es uns in diesem Jahr gelungen ist, mit Gunter Pleuger jemanden zu gewinnen, der als Diplomat, ständiger Vertreter der Bundesrepublik bei den Vereinten Nationen und Staatssekretär im Auswärtigen Amt tätig war, bevor er das Amt des Präsidenten der Europa-Universität Viadrina angenommen hat. Aus den Reihen des Clusters werden der Historiker Hartmut Leppin, die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff, der Rechtswissenschaftler Günter Frankenberg und der Philosoph Martin Seel die Panels mit Vorträgen bereichern.

Wir wünschen interessante Vorträge und spannende Debatten!

< Zurück zur Konferenz-Übersicht


Aktuelles

„Normative Ordnungen“, herausgegeben von Rainer Forst und Klaus Günther, ist im Suhrkamp Verlag erschienen

Am 17. April 2021 ist der Sammelband „Normative Ordnungen“ im Suhrkamp Verlag erschienen. Herausgegeben von den Clustersprechern Prof. Rainer Forst und Prof. Klaus Günther, bietet das Werk einen weit gefassten interdispziplinären Überblick über die Ergebnisse eines erfolgreichen wissenschaftlichen Projekts. Mehr...

Das Postdoc-Programm des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“: Nachwuchsförderung zwischen 2017 und 2020

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist seit je her ein integraler Bestandteil des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“. Das 2017 neu strukturierte, verbundseigene Postdoc-Programm bietet die besten Bedingungen zu forschen und hochqualifizierte junge Wissenschaftler*innen zu fördern. Zum Erfahrungsbericht: Hier...

„Symposium on Jürgen Habermas’ Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Rainer Forst erschienen

Als jüngste Ausgabe der Zeitschrift "Constellations: An International Journal of Critical and Democratic Theory" ist kürzlich das „Symposium on Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Prof. Rainer Forst erschienen. Mehr...

Nächste Termine

28. Oktober 2021, 14.00 Uhr

Buchvorstellung und Diskussion: Wissenschaftsfreiheit im Konflikt. Mehr...

29. Oktober 2021, 17.00 Uhr

Buchvorstellung und Diskussion: The Government of Things - Foucault and the New Materialisms. Mehr...

-----------------------------------------

Neueste Medien

Studieren, Forschen, Lehren trotz Corona-Pandemie

Prof. Dr. Nicole Deitelhoff (HSFK und „Normative Ordnungen“), Prof. Dr. Stefanie Dimmeler (Cardio-Pulmonary Institute und Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Dr. Klaus Günther („Normative Ordnungen“) und Prof. Dr. Jan Pieter Krahnen (SAFE)
Moderation: Doris Renck (hr-Journalistin)
Frankfurter interdisziplinäre Live-Debatte

Europa kann mehr! Friedensgutachten 2021

Prof. Dr. Christopher Daase (Forschungsverbund "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK))
Book lɔ:ntʃ

Videoarchiv

Weitere Videoaufzeichnungen finden Sie hier...

Neueste Volltexte

Rainer Forst (2021):

Solidarity: concept, conceptions, and contexts. Normative Orders Working Paper 02/2021. Mehr...

Annette Imhausen (2021):

Sciences and normative orders: perspectives from the earliest sciences. Normative Orders Working Paper 01/2021. Mehr...