Panel II: Multinormativität - Konstellationsanalysen

"Normative Ordnungen im Wandel: Globale Herausforderungen - Siebte internationale Jahreskonferenz des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen"

Donnerstag, 20. November 2014, 17.15 bis 19.15 Uhr

Es ist nicht zuletzt die laufende Debatte um transnationales Recht, die das wissenschaftliche und politische Interesse an pluraler Normativität forciert. Aber auch andere Themen leisten zur neuen Konjunktur dieses rechtswissenschaftlichen Klassikers ihren Beitrag. Postkoloniale Perspektiven auf indigene Normativität sind relevant. Welt weite Migrationsströme führen zur Evidenz diverser Strukturen auch dort, wo man von diesem sozialen Tatbestand lange absehen wollte. Die politische Soziologie hat die Kriterien, mit denen sie die politischen Ordnungen beobachtet, zusehends von Government auf Governance umorientiert – mit dem Thema der ‚privaten Gesetzgebung’ im Fokus. Staatliche und nicht-staatliche Regulierung wird verflochten mit hybrider Normativität als Resultat. Und es wächst das Interesse an ‚vormodernen’ Verhältnissen mit ihrer allenfalls vagen Staatlichkeit und normativen Unübersichtlichkeit. All diese Bezugspunkte, die Gegenwarts- und Vergangenheitsgesellschaft übergreifen, führen hin zu empirischen Konstellationen von Rechtspluralismus (v. Benda-Beckmann), zu einem reichen Fundus von Beispielen ür Erscheinungsformen und Probleme von pluralen, oft hybriden Normativitäten.

Chair: Prof. Dr. Thomas Duve (Principal Investigator des Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen", Goethe-Universität Frankfurt am Main)

CV
Thomas Duve ist Professor für vergleichende Rechtsgeschichte am Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt und Direktor am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt. Er ist Principal Investigator am Frankfurter Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Herausgeber der Zeitschrift „Rechtsgeschichte – Legal History“, Mitherausgeber des „forum historiae iuris“, des „Jahrbuch für Geschichte Lateinamerikas - Anuario de Historia de América Latina“ sowie verschiedener Schriftenreihen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Rechtsgeschichte der Frühen Neuzeit und der Moderne, mit einem Schwerpunkt auf der Rechtsgeschichte Hispanoamerikas. Neuere Publikationen: „Sonderrecht in der Frühen Neuzeit. Das frühneuzeitliche ius singulare, untersucht anhand der privilegia miserabilium personarum, senum und indorum in Alter und Neuer Welt“ (2008), „Katholisches Kirchenrecht und Moraltheologie im 16. Jahrhundert: Eine globale normative Ordnung im Schatten schwacher Staatlichkeit“, in: Kadelbach, Stefan/Günther, Klaus (Hrsg.): „Recht ohne Staat? Zur Normativität nichtstaatlicher Rechtsetzung“, 2011 und „Von der Europäischen Rechtsgeschichte zu einer Rechtsgeschichte Europas in globalhistorischer Perspektive“, in: Rechtsgeschichte – Legal History 20 (2012).

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Vortrag 1

Prof. Dr. Marie-Claire Foblets (Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung)

A plea for Accommodation of Diversity within the State Legal Framework

Abstract
The vast majority of societies around the world have, over the past 30 years, become increasingly multiethnic and multicultural; this development raises serious questions regarding the legal techniques available for managing social cohesion. The contribution will be organised around three practical questions. The first question relates to the setting of cultural diversity: which arena in particular – geographic or regional – is at stake? The second question examines the origin of cultural diversity, that is to say the factors that have given rise to cultural diversity in the setting under scrutiny. The third question focuses on the interaction itself between law and cultural differences, and seeks to unravel the methods, solutions and processes utilized in each context in order to resolve disputes over culture and cultural differences. Ultimately, the purpose is to describe and examine how, in various settings, State legal institutions and practices, case law and legal experience treat cultural diversity: in a protective way or, on the contrary, by imposing various types of restrictions upon it? And to draw empirically based conclusions from the comparison of different experiences with accommodation of diversity within the State legal framework.

CV
Marie-Clarie Foblets, Lic. Iur., Lic. Phil., Ph. D. Anthrop. (Belgium), was for many years professor of Anthropology and of Law at the Universities of Leuven (Louvain) and Antwerp. She has held various visiting professorships both within and outside Europe. From 2005 to 2008 she served as Head of the ‘Department of Social and Cultural Anthropology’ at the Catholic University of Leuven, and from 2009 to 2012 she chaired the ‘Institute for Migration Law and Legal Anthropology’ at the Law Faculty in Leuven. In 2012 she joined the German Max Planck Society, to become Director of the newly established Department of Law and Anthropology, within the Institute of Social Anthropology in Halle a/d Saale. She has done extensive research and published widely on issues of migration law, including the elaboration of European migration law after the Treaty of Amsterdam (multi-layered governance), citizenship/nationality laws, compulsory integration policies, anti-racism and non-discrimination. In the field of anthropology of law, her research focuses on cultural diversity and legal practice, with special interest in the application of Islamic family law in Europe, and more recently in the accommodation of cultural and religious diversity under State law. In 2001 she was elected member of the Royal Academy of Sciences and Arts (Flanders/Belgium). She is also an honorary member of the Brussels bar. In 2004 she received the Francqui Prize, the most distinguished scientific award in the humanities in Belgium.

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Vortrag 2:

Prof. Dr. Miloš Vec (Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen", Universität Wien)

Normcore: Soziale Regeln und Recht der Mode

Abstract
Wenn heute von den „Gesetzen der Mode“ (Barbara Vinken) die Rede ist, dann ist das nur noch metaphorisch gemeint. Man könnte von „Entrechtlichung“ sprechen; denn die Materie ist weitgehend aus Gesetzen verschwunden, den staatlichen Behörden außer Sichtweite geraten und vor Gerichten zumeist nicht verhandelbar. Vormoderne und Moderne scheinen hier noch musterhaft geschieden. Stattdessen bestimmen hauptsächlich soziale Regeln über die Angemessenheit der äußeren Erscheinung. Diese Normen sind kompliziert, sie sind saisonal, ortsabhängig und milieuspezifisch. Natürlich provoziert jede dieser Mode-Normen den kalkulierten Regelbruch und inszeniert ihn als Innovation – just wiederum im Namen der Mode selbst. Mode bedeutet daher stets die potenzielle Selbstaufhebung ihrer Maximen. Denn Regeln der Mode nehmen nicht Gott, Natur oder Vernunft als Normquelle oder Legitimation in Anspruch, sie sind vielmehr Ausdruck einer höchst wandelbaren sozialen Selbstregulierung der Gesellschaft. Verstöße bleiben dementsprechend ohne institutionelle Sanktion noch berühren sie das moralische Gewissen des Individuums. Fallweise bestehen dennoch auch rechtliche Normen, die Ge- und Verbote aussprechen, über die vor Gericht entschieden wird und die einer weitgehenden individuellen Freiheit in Kleiderfragen juristische Grenzen ziehen. Recht und Staat sind somit auch in der Moderne doch nicht ganz aus diesem Kräftefeld der Akteure eliminiert. Aber auch die Moral bestimmt in einigen Fällen über Angemessenheit. Diese Koexistenz, Kooperation und Konkurrenz von Normen verschiedener Qualität macht das Untersuchungsfeld der Kleidung zu einem besonders reizvollen Gegenstand für Fragen der Multinormativität. Denn hier besteht offenbar plurale und hybride Normativität in mehrfachem Sinne. Der Vortrag möchte diese Interaktion der verschiedenen normativen Sphären in rechtshistorischer und rechtstheoretischer Perspektive untersuchen.

CV
Miloš Vec, geboren 1966 in Frankfurt am Main, seit Oktober 2012 Professor für Europäische Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Universität Wien. Zuvor Projektleiter am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte und am Exzellenzcluster „Formation of Normative Orders“, Frankfurt am Main. Lehre an den Universitäten Hamburg, Berlin, Bonn, Frankfurt, Konstanz, Lyon, Tübingen und Vilnius. Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft 1997; Berufung zum Gründungsmitglied der „Jungen Akademie“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina 2000; Nachwuchspreis der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur 2006; Akademiepreis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften 2008; Fellow am Institute for Advanced Study (Wissenschaftskolleg) Berlin im akademischen Jahr 2011-12. Forschungsschwerpunkte: Geschichte des Völkerrechts und der internationalen Beziehungen, Multinormativität, Recht in der Industriellen Revolution, Geschichte von Kriminalistik und Kriminologie.

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Vortrag 3

Dr. Stefan Kroll (Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen", Goethe-Universität Frankfurt am Main):

 Die Entstabilisierung von Erwartungen durch die Verweigerung von Recht

 Abstract
Der Vortrag befasst sich mit der Situation der Multinormativität. Neben den auf der Strukturebene angesiedelten Fragen nach den Modi der Koexistenz   unterschiedlicher Normativität, eröffnet der Blick auf die Situation auch die Perspektive auf die Betroffenen von Multinormativität. In der Situation treffen die Struktur und der Akteur aufeinander. An der Situation kann beobachtet werden, wie sie sich gegenseitig prägen. Dies ist vor allem deshalb interessant, weil das Verhältnis verschiedener Normativitäten in unterschiedlichen historischen Situationen keiner bestimmten Hierarchie folgt, sondern kontingent zu sein scheint (Miloš Vec). Je nach Situation wird etwa in den internationalen Beziehungen Recht mobilisiert oder gemieden, es werden allgemeine oder exklusive Ordnungen ausgerufen. An der Völkerrechtsverweigerung gegenüber außereuropäischen Ländern im 19. Jh. wird deutlich, welche Folgen dies bisweilen haben kann. Die Entscheidung einzelner Akteure, diese Beziehungen nach nicht-rechtlichen Maßstäben zu gestalten, führte zu einer empfindlichen Störung der rechtlichen Funktion der Stabilisierung von Erwartungen.

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CV
Stefan Kroll st wissenschaftlicher Mitarbeiter der Goethe-Universität (Fachbereich Gesellschaftswissenschaften) und Mitglied des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Zuvor arbeitete er am LOEWE-Schwerpunkt „Außergerichtliche und gerichtliche Konfliktlösung“ (Frankfurt), dem Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften (Göttingen), der Munk School of Global Affairs (Toronto) und dem Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte (Frankfurt). Stefan Kroll wurde 2011 von der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen promoviert. Seine Dissertation wurde mit der Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft und dem Friedrich-Christoph-Dahlmann-Preis ausgezeichnet. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Herausbildung weltgesellschaftlicher Strukturen, der Völkerrechtsgeschichte und den internationalen Beziehungen

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Bildergalerie:

  • Prof. Dr. Thomas Duve (Chair), Professor für vergleichende Rechtsgeschichte der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Direktor des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte und Partner Investigator des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“)
  • Prof. Dr. Marie-Claire Foblets, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
  • Prof. Dr. Milos Vec, Professor für Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Universität Wien und Assoziiertes Mitglied des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen"
  • Dr. Stefan Kroll, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für internationale Organisationen und der Professur für internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Post Doc am Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen"
  • Prof. Dr. Klaus Günther, Co-Sprecher des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" und Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Strafprozessordnung der Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Prof. Dr. Marie-Claire Foblets, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
  • Prof. Dr. Rainer Forst, Co-Sprecher des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" und Professor für Politische Theorie und Philosphie der Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Prof. Dr. Marie-Claire Foblets, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
  • Dr. Lena Foljanty, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte
  • Prof. Dr. Susanne Schröter, Professorin für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Principal Investigator des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen"
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Goethe-Universität Frankfurt am Main, Campus Westend
Lübeckerstraße/Ecke Hansaallee
Gebäude "Normative Ordnungen", EG 01 und EG 02

Veranstalter:
Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen"


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