Panel II – Die Revolution und das Volk

Internationale Jahreskonferenz “Revolution, Reaktion, Restauration: Umbrüche normativer Ordnungen"

Freitag, 23. November 2018, 10:00 Uhr – 12:00 Uhr

Goethe-Universität Frankfurt am Main, Campus Westend
Max-Horkheimer-Str. 2
Gebäude "Normative Ordnungen", EG 01 und EG 02

Die Demokratie als System beruht auf einer grundlegenden Paradoxie: Das Volk existiert in ihr nur als verfasstes Subjekt. Doch die Möglichkeit der Verfassung selbst basiert auf der Existenz des Volkes. Das demokratische Volk ist der Verfassung vorgängig, obwohl die Verfassung das Volk der Demokratie überhaupt erst hervorbringt. Das Volk existiert also nicht ohne Verfassung. Doch es kann nicht in seiner verfassten Form aufgehen. Seine politische Existenz als demokratisches Subjekt verweist auf seine Existenz innerhalb wie außerhalb der politisch verfassten Formen.
Seit den demokratischen Revolutionen der Moderne kann die Einheit von Souverän, Staat und Volk nicht mehr durch den Körper des Monarchen hergestellt werden. Die Frage, wer das Volk ist und wer es repräsentiert, bleibt in Demokratien grundlegend unterbestimmt und  umstritten. Und die radikale und potentiell gewalttätige Transformation ihrer jeweiligen Form bleibt eine stets drohende Möglichkeit. Die Demokratie wird somit von ihrem Anderen und Außen heimgesucht und bedroht: dem Vordemokratischen und dem Antidemokratischen.
Das Panel analysiert diese Heimsuchungen der Demokratie entlang der Fragen nach den Möglichkeiten und der normativen Zulässigkeit der Revolution und nach den Formen und Ursachen des gegenwärtig erstarkenden Populismus.

 

Moderation: Prof. Dr. Martin Saar

CV
Martin Saar ist seit 1.10.2017 Professor für Sozialphilosophie am Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er ist Principal Investigator des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und Mitglied des Kollegiums des Instituts für Sozialforschung. Von 2014 bis 2017 war er Professor für politische Theorie an der Universität Leipzig. Studium der Philosophie, Psychologie und Volkswirtschaftslehre an der FU Berlin und New School for Social Research. Von 2000 bis 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie, von 2004 bis 2011 wissenschaftlicher Assistent am Institut für Politikwissenschaft in Frankfurt. Vertretungsprofessuren in Berlin, Bremen, Frankfurt und Hamburg. Gast- und Forschungsaufenthalte an der New School for Social Research. Wichtigste Publikationen: Genealogie als Kritik. Geschichte und Theorie des Subjekts nach Nietzsche und Foucault, Frankfurt / M. / New York 2007: Campus (Reihe Theorie und Gesellschaft, Band 59); Die Immanenz der Macht. Politische Theorie nach Spinoza, Berlin 2013: Suhrkamp.

 

Vortrag 1
Prof. Dr. Dirk Jörke

Populismus – oder das Ende des liberalen Zeitalters

Abstract
Der Aufstieg vor allem rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen in den westlichen Demokratien hat nicht nur zu einer wachsenden Instabilität dieser Systeme, sondern auch zu einer intensiven Debatte in den Sozialwissenschaften geführt. Gestritten wird vornehmlich über das Verhältnis von Populismus und Demokratie und die Ursachen der gegenwärtigen populistischen Revolte. Die Debatte wurde und wird vornehmlich mit dem begrifflich-normativen Arsenal des politischen Liberalismus geführt, wie in einem ersten Schritt gezeigt werden soll. Diese Herangehensweise besitzt jedoch spezifische blinde Flecken, zu ihnen zählen insbesondere eine stark individualistische Freiheitskonzeption und eine Vernachlässigung sozio-ökonomischer Spaltungslinien. Diese blinden Flecken verhindern nicht nur ein angemessenes Verständnis der populistischen Revolte, sie führen auch zu einer Verschärfung der existierenden gesellschaftlichen Spaltungen, worauf in einem zweiten Schritt einzugehen ist. Abschließend soll eine nichtliberalistische Deutung des Populismus skizziert werden, die sich auf marxistische Denkmotive stützt. Dazu gehört auch die Einsicht, dass wir gerade einen Epochenumbruch erleben.

CV
Dirk Jörke studierte Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie und Geschichte in Kiel und Hamburg. 2003 wurde er an der Universität Greifswald mit einer Arbeit über Demokratie als Erfahrung. John Dewey und die politische Philosophie der Gegenwart promoviert, 2009 erfolgte dort die Habilitation (Kritik demokratischer Praxis. Eine ideengeschichtliche Studie). Von 2009 bis 2014 war er Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seit April 2014 ist er Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Technischen Universität Darmstadt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Demokratietheorie, USamerikanischer Pragmatismus und politisches Denken des 18. Jahrhunderts. Jüngste Buchveröffentlichung, zusammen mit Veith Selk: Theorie des Populismus. Zur Einführung (Junius 2017). Aktuell arbeitet er an einem Buchmanuskript mit dem Titel Die Größe der Demokratie.

 

Vortrag 2
Prof. Dr. Christoph Menke

Die Möglichkeit der Revolution

Abstract
Was macht eine Revolution möglich? Der Vortrag versteht diese Frage als die Frage nach dem Subjekt, das fähig ist, eine Revolution zu machen. Jeder Versuch, diese Frage zu beantworten, ist mit einer Aporie konfrontiert: Das Subjekt der Revolution kann weder mit seiner geschichtlich hervorgebrachten sozialen Form identifiziert werden, noch kann es ein Subjekt „als solches“ sein, als eine Macht der Negativität vorgängig zu Geschichte und Gesellschaft. Der Vortrag schlägt vor, einen Ausweg aus dieser Aporie in der Idee einer transzendentalen Wendung der Subjektivität zu finden: Die Revolution ist der transzendentale Gebrauch der historisch angeeigneten und gesellschaftlich geformten Möglichkeiten des Subjekts. Die Möglichkeit der Revolution besteht in der Revolutionierung der Möglichkeiten (als Fähigkeiten).

CV
Christoph Menke ist Professor für Praktische Philosophie mit Schwerpunkt Politische Philosophie und Rechtsphilosophie an der Goethe-Universität und Principal Investigator des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Studium der Philosophie und Germanistik in Heidelberg und Konstanz; Promotion 1987 Konstanz; Habilitation 1995 Berlin; von 1997-99 Associate Professor an der New School for Social Research, New York; von 1999-2008 Professor für Philosophie, Schwerpunkt Ethik und Ästhetik an der Universität Potsdam. Seit 2009 Professor für Philosophie an der Universität Frankfurt. Zu den wichtigsten Publikationen zählen: Die Souveränität der Kunst (1988); Tragödie im Sittlichen (1996); Spiegelungen der Gleichheit (2000, 2004); Die Gegenwart der Tragödie. Versuch über Urteil und Spiel (2005); Kraft. Ein Grundbegriff ästhetischer Anthropologie (2008); Recht und Gewalt (2011); Die Kraft der Kunst (2013); Kritik der Rechte (2015); Law and Violence. Christoph Menke in Dialogue (2018); Am Tag der Krise (2018); Autonomie und Befreiung (i.E.).

 

Vortrag 3
Dr. Sofie Møller

Hindsight and Foresight in Kant’s Opposition to Revolution

Abstract
Who can tell whether a civil war will result in a successful revolution, a restoration of an oppressive regime or in a continued stateless condition? In hindsight, we might see that a revolution has promoted political progress and social change but we cannot make this judgment before the events have unfolded. By distinguishing hindsight from foresight, Kant invites us to separate the judgment on what was achieved through a revolution from its legality and its moral permissibility. These considerations intertwine political and legal theory with a philosophy of history. Since the only legal form of coercion is performed by a people which is legally constituted, there can be no extralegal right to use coercion. Revolutions can still be effective in promoting political progress but do so by unleashing violence and lawlessness. Kant’s skepticism toward revolutions invites us to consider alternative methods of promoting political change. I argue that Kant’s forward-looking skepticism about revolutions encourages legal reform as an instrument of political change.

CV
Sofie Møller is a postdoctoral researcher at the Goethe University Frankfurt and the Cluster of Excellence ‘The Formation of Normative Orders’, where she works on legal and political philosophy in a Kantian framework. She studied philosophy and semiotics in Copenhagen, Berlin and Bologna and received her doctorate from the European University Institute in 2017. She was a visiting research scholar at Brown University and a fellow of the Danish Academy in Rome. At the Cluster of Excellence, she is researching the conception of social progress in a Kantian framework and she has published with the European Journal of Political Theory and Kant Studien. She is author of the book Kant’s Tribunal of Reason. Legal structures of the Critique of Pure Reason, which is forthcoming with Cambridge University Press.

 

Veranstalter:
Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen"


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