Processual Social Theory

Ringvorlesung des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen"

15. Juni 2016

Prof. Dr. Andrew Abbott (University of Chicago)

Goethe-Universität Frankfurt am Main
Campus Westend, Hörsaalzentrum, HZ10

Abstract
Es geht um die Grundlagen einer prozessualen Theorie des gesellschaftlichen Lebens. Ausgehend von der Prämisse, dass Veränderung der Normalzustand alles Sozialen ist, ersetzt die prozessuale Theorie das traditionelle und schwer lösbare Problem, Wandel in einem als stabil angenommenen System zu erklären, durch das leichter lösbare Problem, Stabilität als Nebenprodukt von Wandel zu erklären. Skizziert wird eine Sozialontologie, in der sowohl Personen als auch soziale Gruppen als Entwicklungslinien, definiert über Ereignisse im Laufe der Zeit, hervorgebracht werden. Dieser Schritt ersetzt die Idee der Ebenen durch jene der Koplanarität.
Das Gegenwärtige ist nicht unmittelbar, sondern weist eine begrenzte Dauer auf, da Handlungen, Bedeutungen und Einschränkungen unterschiedlich lange benötigen, um soziale Prozesse zu durchdringen. Zur Sprache kommt das Konzept des Kodierens, welches den Mechanismus bezeichnet, durch den 1) der soziale Prozess zu jedem Augenblick eine Aufzeichnung aller möglichen kausalen Effekte der Vergangenheit behält, und 2) Phänomene anderer Ordnungen (das Gehirn, die physische Umwelt etc.) als Reservoir von Erinnerungen dienen, die zu einem späteren Zeitpunkt ‚lebendig‘ werden können. Schließlich wird die Nützlichkeit dieser Analyse am Beispiel umfangreicher Transformationen sozialer und kultureller Entitäten aufgezeigt.

CV
Andrew Abbott ist Professor für Soziologie an der Universität von Chicago. Er studierte Geschichte, Literatur und Soziologie in Harvard und Chicago, wo er 1982 promoviert wurde. Nach 13 Jahren Lehrtätigkeit an der Rutgers Universität (New Jersey) kehrte er 1991 nach Chicago zurück.
Abbott ist bekannt für seine kontextsensitiven Beschäftigungstheorien und war Vorreiter einer algorithmenbasierten Herangehensweise in der soziologischen Sequenzanalyse. Er publizierte zu den Grundlagen der sozialwissenschaftlichen Methodik sowie zur Entwicklung der Sozial- wissenschaften und des akademischen Systems. Sein Werk umfasst u. a. The System of Professions (Chicago 1988), für das er 1991 den ASA Sorokin Award gewann, sowie eine historische Studie über akademische Disziplinen und Publikationen (Department and Discipline; Chicago 1999) und eine theoretische Analyse von fraktalen Mustern in sozialen und kulturellen Strukturen (Chaos of Disciplines; Chicago 2001). Seine neueste Publikation ist ein Studienhandbuch für die Nutzung von Bibliotheken und Internetmaterialien (Digital Paper; Chicago, 2014).

Vortrag in englischer Sprache

 

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Veranstalter:
Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" in besonderer Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften und dem SFB "Schwächediskurse und Ressourcenregime"

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