Die Frage an jeden gestellt. Rahel Jaeggi und Rainer Forst über Solidarität

Was kann Solidarität bedeuten? Der begrifflichen Klärung dieser Frage widmeten David Strecker und Rainer Forst jetzt einen Workshop am Frankfurter Standort des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Im Auftaktvortrag versuchte Darrel Moellendorf das Konzept für die Herausforderungen des Anthropozäns zu aktualisieren. Einen an der Arbeiterbewegung und deren von Pete Seeger populär gemachter Hymne "Solidarity forever" gewonnenen Solidaritätsbegriff übertrug er auf Verteilungsfragen in der internationalen Staatengemeinschaft, etwa bezüglich der Kosten einer grünen Wirtschaftstransformation oder der Covid-19-Impfstoffe. Solidarität stelle in solchen Zusammenhängen Gründe zum gemeinsamen Handeln bereit, die sowohl von Gerechtigkeitserwägungen als auch bloßem Eigeninteresse verschieden seien: Gerechte Verteilungen lasse sie nicht nur deshalb wünschenswert erscheinen, weil sie moralisch richtig wären, sondern auch weil sie im geteilten Interesse der Beteiligten lägen. Gleichzeitig verhindere sie das Trittbrettfahren, also Versuche einzelner Staaten, von Leistungen anderer zu profitieren.
Als zentrale Frage des Workshops kristallisierte sich bald heraus, ob es sich bei Solidarität um eine Form der Kooperation handelt, die im Dienst beliebiger, auch falscher Zwecke stehen kann, oder ob sie als solche moralisch und politisch wünschenswert ist. Gibt es Solidarität auch in faschistischen Untergrundorganisationen? Steht man auch in Verbrecherbanden brüderlich füreinander ein? Über diese Frage entspann sich eine Kontroverse zwischen Rainer Forst und Rahel Jaeggi.
Forst bestand darauf: Solidarität ist rein deskriptiv zu verstehen. Als unselbstständiges Konzept erhalte sie normativen Gehalt erst durch die Verbindung mit anderen Konzepten, etwa dem der Gerechtigkeit oder des gemeinsamen Guten, wegen denen man solidarisch ist. Begrifflich zeichne sich Solidarität durch "normative Promiskuität" aus und könne vielen Zwecken oder Werten dienen, sei aber kein Zweck oder Wert an sich. Wie Moellendorf bemühte Forst das Beispiel der Solidarität im Mafiaclan. Würde man sie mit spezifischem, normativem Inhalt aufladen, verlöre man die Möglichkeit, von solchen zu verurteilenden Fällen von Solidarität zu sprechen und würde den Begriff für die Schönwetterphänomene reservieren. Selbst wenn man Solidarität als eine Art Tugend auffassen wolle, sei sie allenfalls moralisch neutral wie der Mut, den man ebenso für die falsche Sache zeigen könne.
Jaeggi demgegenüber wollte eine der Solidarität als solche innewohnende Normativität herausarbeiten. Mit Unterscheidungen zu angrenzenden Begriffen versuchte sie die Solidarität von Beispielen wie dem Mafiaclan zu entkoppeln: Dort sei man vielmehr loyal denn solidarisch, verbinde sich mit Solidarität doch ein Sinn für die Legitimität des gemeinsam zu erreichenden Zwecks. Zwar gestand auch sie zu, dass es Fälle verurteilenswerter Solidarität gibt, etwa in nationalistischen Kontexten, die gerade heute mit Diskussionen um "Anywheres" und "Somewheres" wieder an Bedeutung gewännen. Doch statt Solidarität als neutrale Form beliebiger normativer Gehalte zu verstehen, schlug sie in Anknüpfung an die Redeweise von sozialen Pathologien in der älteren Kritischen Theorie vor, zwischen "progressiven" und "regressiven" Formen von Solidarität zu unterscheiden.

Als leitendes Beispiel diente der Berliner Philosophin dabei die Solidarität mit dem in der Pandemie überanstrengten Gesundheitspersonal oder Flüchtlingen, mit denen viele etwa durch Beifall Sympathie zeigten, ohne sich aber für eine merkliche Besserung ihrer Bedingungen einzusetzen. Um zu verstehen, was Solidarität bedeutet, fasste Jaeggi die in solchen Zusammenhängen zu hörende Forderung ins Auge: "Wir wollen nicht euer Mitgefühl, sondern eure Solidarität." Damit brächten Betroffene nicht nur den Wunsch zum Ausdruck, nicht als Empfänger karitativer Gaben, sondern als Gleiche anerkannt werden zu wollen. Mit dem Stichwort "Solidarität" verfolge man vielmehr das Ziel, andere in die eigenen Kämpfe einzubeziehen und so neue soziale Bindungen zu schaffen, die zuvor nicht bestanden hätten.
Solidarität verändere so die Bedingungen sozialer Situiertheit: Statt nur auf vorneweg geteilten Identitäten oder Interessen aufzusetzen, versuche sie diese zuallererst hervorzubringen und sichtbar zu machen. Mit ihr wird darauf insistiert, dass wir in einer geteilten Welt wechselseitiger Abhängigkeit und Angewiesenheit leben, dass die Situation derer, die von uns Solidarität einfordern, in gewissem Sinne auch die eigene ist, so verschieden sie zunächst scheinen mag. Wer sich der Solidarität verweigert, so scheint man Jaeggi hier fortdenken zu müssen, tut dies also zum Preis des Selbstmissverständnisses, sich nicht als soziales, von anderen abhängiges Wesen zu vergegenwärtigen. Das ließe sich wohl jenen ins Stammbuch schreiben, die so tun, als ob Pandemie und Klimawandel sie nichts angingen.

Von Miguel de la Riva aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1. Dezember 2021, Geisteswissenschaften (Natur und Wissenschaft), Seite N3. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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