Publication details

Diffusion von Verantwortung und Haftung in komplexen Handlungszusammenhängen. In: Christopher Daase, Stefan Engert und Georgios Kolliarakis (Hrsg.): Politik und Unsicherheit. Strategien in einer sich wandelnden Sicherheitskultur, S. 105–118.

Book chapter

Author(s): Rauer, Valentin
Year of publication: 2014

Abstract: In modernen arbeitsteiligen Gesellschaften steigt mit jeder neuen technischen Innovation der Grad der Komplexität und Vernetzung. Die führt dazu, dass immer unklarer wird, wer die Verantwortung trägt und wer im Schadensfalle haftet. Erodiert das Prinzip der politischen Verantwortung in diffuse Zuständigkeitsräume, erodiert gleichzeitig das Prinzip demokratisch verfasster Staaten als solches. Das Verantwortungsprinzip ist für Demokratien von außerordentlicher Bedeutung, da es in sich Widersprüchliches vereint: Es eröffnet für politische Entscheidungsträger einerseits einen gewissen Handlungsspielraum, ausschließlich nach situativen Anforderungen zu handeln. Andererseits ist dieser Handlungsspielraum keineswegs normativ und moralisch ungeregelt. Die Akteure handeln stets im Wissen, später mit Blick auf die Legitimität ihrer Entscheidungen öffentlich Rede und Antwort stehen zu müssen. Verantwortung impliziert ein politisch und öffentlich einklagbares ‚Recht auf Rechtfertigung‘ (Forst). Mit dem Verantwortungsprinzip ist es modernen Gesellschaften gelungen, bei unerwarteten Ereignissen trotz normativ vorab festgelegten Regulierungen innovativ und handlungsfähig zu bleiben – ohne im Gegenzug die Frage nach der Legitimität der jeweiligen Entscheidung zu suspendieren. Politische Verantwortung zu übernehmen bedeutet, eigene Entscheidungen ex post öffentlich rechtfertigen zu müssen. Diese Bindung von autonomen Entscheidungen an die Pflicht, auf die Fragen der Betroffen ‚verstärkt antworten‘ zu müssen – so die eigentliche Wortbedeutung des Präfixes ‚Ver‘ vor dem Wortstamm ‚antworten‘ – ist das Erfolgsgeheimnis des Konzepts und erklärt seine große Bedeutung für Demokratien. Dennoch ist in komplex arbeitsteiligen Gesellschaften oftmals völlig unklar wer was politisch zu verantworten hat. Der Beitrag befasst sich mit diesen Formen aktueller Verantwortungsdiffusion am Beispiel der Sicherheitspolitik seit dem 11. September 2001. Ziel ist es, die Mechanismen von Verantwortungsdiffusion mit Blick auf Möglichkeiten der Rezentrierung aufzuzeigen.

Keywords: Sicherheit, Sicherheitskultur, politische Verantwortung, Verantwortungsdiffusion

Research area: Research Area 3: The Plurality of Normative Orders: Competition, Overlapping, Interconnection
Research project:
Subject(s): sociology, political science

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