Publication details

Durch Eigennutz zum Gemeinwohl: Individualisierung, Reformation und der „Geist des Kapitalismus“. Zur Entstehung und Bedeutung von Leonhard Fronspergers Schrift „Von dem Lob deß Eigen Nutzen“ aus dem Jahre 1564. Normative Orders Working Paper 01/2018

Working paper
Open-Access-Logo
Author(s): Klump, Rainer; Pilz, Lars
Year of publication: 2018

Abstract: Im Jahr 1564 veröffentlicht der Ulmer Militärexperte und -schriftsteller Leonhard Fronsperger die Schrift „Von dem Lob deß Eigen Nutzen“, in der er darlegt, dass die konsequente Verfolgung des eigenen Nutzens als individuelle Handlungsmaxime im Ergebnis zu einer Förderung des Gemeinwohls führt. Das etwas mehr als hundert Seiten umfassende Werk wird in Frankfurt am Main, einem Zentrum des europäischen Buchdrucks und -handels, verlegt und findet Erwähnung im ersten veröffentlichten Katalog der Frankfurter Buchmesse. Fronsperger präsentiert seine für die damalige Zeit durchaus revolutionäre These in der Form eines satirischen Enkomions und unterlegt sie mit einer umfangreichen Gesellschaftsanalyse. Er stellt fest, dass die politischen Herrschaftsformen, die gesellschaftlichen Institutionen und die wirtschaftlichen Handelsbeziehungen auf einer konsequenten Verfolgung des eigenen Nutzens aller Akteure beruhen und dass sich die von der Kirche geforderte Ausrichtung des individuellen Handelns am Gemeinwohl in der Realität nicht finden lässt. Vielmehr hält er die Kritik der Theologen am egoistischen Handeln des Einzelnen für falsch, empfindet er doch den Staat, Wirtschaft und Gesellschaft im Großen und Ganzen als gut funktionierend. Im Folgenden dokumentieren wir zunächst die Biografie des Autors, die Entstehung und Verbreitung des Werks und seine besondere literarische Form. Anschließend diskutieren wir die zentrale These in drei verschiedenen geistesgeschichtlichen Kontexten, die jeweils von besonderer Bedeutung für die Herausbildung der neuzeitlichen Gesellschafts- und Wirtschaftstheorien sind. Erkenntnis- und staatstheoretisch weist Fronspergers Werk deutliche Parallelen zu den Analysen auf, die Niccolò Machiavelli und später Giovanni Botero in Italien zur Bedeutung der auf den individuellen fürstlichen Interessen basierenden Staatsräson bzw. zu den Triebkräften erfolgreicher Stadtentwicklung vorlegten. Markante Unterschiede gibt es dagegen zu den Ansichten der deutschsprachigen Reformatoren im Anschluss an Luther, die zwar die Unterscheidung zwischen geistlicher und weltlicher Sphäre propagieren und damit die Entwicklung einer eigenständigen Moral für das Wirtschaftsleben befördern, dort allerdings mehrheitlich die Orientierung am „Gemeinen Nutzen“ propagieren. Indem Fronsperger dagegen die Verfolgung des Eigennutzes fordert, nimmt er wirtschafts- und gesellschaftstheoretische Einsichten über das Wesen und die Auswirkungen der Arbeitsteilung vorweg, die erst 150 Jahre und später von Bernard Mandeville und Adam Smith in England und Schottland formuliert wurden. Das Werk Fronspergers bietet damit ein herausra-gendes Beispiel dafür, wie sich aus dem Zusammenspiel von wirtschaftlichem Erfolg, einem realistischen Menschenbild und manchen Aspekten der Reformation in deren Folge ein neues normatives Verständnis von den Antriebskräften ökonomischer und gesellschaftlicher Dynamik entwickelt, das später als der „Geist des Kapitalismus“ bezeichnet wird.

Research area: Research Area 1: The Normativity of Normative Orders: Origins, Vanishing Points, Performativitiy
Research project: Self-interest vs. the Common Good: On a Central Issue in Economic Ethics
Subject(s): economics

urn:nbn:de:hebis:30:3-473730
Full text: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/files/47373/Durch_Eigennutz_zum_Gemeinwohl_Klump-Pilz.pdf

Back to publications list


Headlines

Die Gegenwart der Religion und die Zukunft der Philosophie. Internationale Tagung über und mit Jürgen Habermas

Am 20. und 21. November 2020 fand die Tagung „Gegenwart der Religion - Zukunft der Philosophie. Überlegungen im Anschluss an das jüngste Werk von Jürgen Habermas“ statt. In acht Vorträgen international renommierter Wissenschaftler*innen aus der Philosophie und Theologie wurde an zwei Tagen das 2019 erschienene Werk "Auch eine Geschichte der Philosophie" mit dem Autor Jürgen Habermas diskutiert. Mehr...

Ringvorlesung "Machtverschiebung durch Algorithmen und KI"


Von Suchmaschinen bis hin zu Predictive Policing - Algorithmen und Künstliche Intelligenz verändern gesellschaftliche Strukturen und ökonomische Geschäftsmodelle. In der Ringvorlesung "Machtverschiebung durch Algorithmen und KI" werden ab dem 11. November 2020 gesellschaftliche Auswirkungen und Optionen rechtlicher Regulierung im Zusammenhabng mit KI diskutiert. Mehr...

Upcoming Events

21. Januar 2021, 12 Uhr

Frankfurter Kolloquium für Internetforschung X: Maximilian Becker (Leibniz Universität Hannover): Freiheit zur Rechtswidrigkeit im Internet: Herausforderungen technischer Rechtsdurchsetzung. Mehr...

21. Januar 2021, 18.00 Uhr

13. FFGI Vortragsreihe: Dr. Cinzia Sciuto (Journalistin, Frankfurt): Menschenrechte in einer pluralistischen Gesellschaft. Warum wir mehr Laizität brauchen. Mehr...

22. Januar 2021, 12.30 Uhr

Booklaunch within the Postdoctoral Dialogue Series "Norms, Plurality and Critique": Disasters and Social Reproduction - Crisis Response between the State and Community. Mehr...

-----------------------------------------

Latest Media

Videoarchiv

Weitere Videoaufzeichnungen finden Sie hier...

„Freiwilligkeit oder Zwang?“ – Experimente in den Zeiten von Infektionsschutz

Prof. Dr. Dr. Günter Frankenberg (Goethe-Universität Frankfurt am Main, Forschungsverbund "Normative Ordnungen")
Moderation: Prof. Marion Tiedtke (Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main)
DenkArt „Der normalisierte Ausnahmezustand“


Kant's Tribunal of Reason. Legal Metaphor and Normativity in the Critique of Pure Reason

Prof. Rainer Forst (Normative Orders, Goethe University), Dr. Jakob Huber (Normative Orders, Goethe University), Dr. Sofie Møller (Normative Orders, Goethe University), Prof. Susan Shell (Boston College), Dr. Martin Sticker (University of Bristol), Prof. Marcus Willaschek (Normative Orders, Goethe University)
Booklaunch within the Postdoctoral Dialogue Series "Norms, Plurality and Critique"

New full-text Publications

Darrel Moellendorf (2020):

Hope and reasons. Normative Orders Working Paper 02/2020. More...

Annette Imhausen (2021):

Sciences and normative orders: perspectives from the earliest sciences. Normative Orders Working Paper 01/2021. More...