Anerkennung und Sozialismus

Workshop aus Anlass des 65. Geburtstags von Axel Honneth

Es ist eine der zentralen Thesen von Hegels Sozialphilosophie, dass die bürgerliche Gesellschaft – und das heißt nicht zuletzt auch: der Waren- und Arbeitsmarkt – nicht nur eine Sphäre eigennützig strategischen Handelns, sondern zugleich auch eine Sphäre zwischenmenschlicher Anerkennung ist: Vermittelt durch marktförmigen Austausch von Gütern erfahren die Einzelnen hier soziale Wertschätzung für ihre individuelle Leistung. Auch wenn schon bei Hegel unklar ist, wie sich dabei eine beschreibende Diagnose der bürgerlichen Gesellschaft zu einem eventuell unerfüllten normativen Anspruch an dieselbe verhält, hat eine ganze Tradition der Kritik diese These Hegels mit dem Verweis darauf zurückgewiesen, dass gerade eine bürgerliche, d.h. kapitalistische Produktions-, Zirkulations- und Konsumtionsweise systematisch Formen der Ungerechtigkeit und Ausbeutung produziert, die nicht nur die formelle Gleichheit der Gesellschaftsmitglieder faktisch untergraben, sondern auch soziale Pathologien wie Entfremdung oder Verdinglichung erzeugen, welche die Einzelnen in ihrer Teilnahme an sozialen Praktiken behindern.

Spätestens seit und besonders prägnant von Marx ist bezweifelt worden, dass gelingende Selbst- und Sozialverhältnisse unter kapitalistischen Bedingungen möglich sind. Deshalb stellt sich die naheliegende Frage, ob es eine sozialistische Gesellschaftsform geben kann und wie diese beschaffen sein müsste, die auf der einen Seite die Ungerechtigkeiten und ethischen Defizite vermeidet, die das Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft auf gleiche Anerkennung systematisch untergraben, die aber zugleich auf der anderen Seite nicht die normativen Anerkennungsgewinne und praktischen Koordinierungsleistungen unterschreitet, die die kapitalistische Marktordnung bislang immerhin ermöglicht hat. Dies betrifft zunächst die Frage der Gestalt sozialistischer Produktion (Arbeitsverhältnisse), Zirkulation (Tausch- und Marktverhältnisse) und Konsumtion (Bedürfnisentwicklung und -befriedigung), aber auch insgesamt die Gestalt und Struktur einer sozialistischen Sittlichkeit.

Der eintägige Workshop an der Goethe-Universität Frankfurt am Main will sich dem Verhältnis von Sozialismus und Anerkennung sowohl philosophie- und sozialgeschichtlich, als auch systematisch nähern.

Eine Anmeldung ist erforderlich. Anmeldung: Hier...

Organisation und Kontakt: Dr. Sidonia Blättler, Dr. des. Julia Christ, Dr. Daniel Loick und Dr. Titus Stahl

Programm:
9.30 Uhr
Panel I: Marx’sche Grundlagen

Igor Shoikhedbrod (University of Toronto): Towards a Radical Theory of Recognition: What Contemporary Critical Theorists Can Learn from Karl Marx
Lukas Kübler (HU Berlin): Solidarität, Freiheit und Kooperation
Steffen Hermann (Universität Hagen): Marx’ Konzept der Genossenschaft und die Moralität des Marktes

11.30 Uhr Pause

11.45 Uhr
Panel II: Theorietraditionen

Victor Kempf (Goethe-Universität Frankfurt am Main): Vom Liberalismus zum Sozialismus? Anmerkungen zur Fortschrittfigur Axel Honneths und ihrer gesellschaftstheoretischen Fundierung
Fabio Angelelli (Universität Sapienza Rom): „Der Klassenkampf ist ein sittlicher Krieg“. Zum marxistischen Paradigma der Subjektkonstitution bei Hans-Jürgen Krahl
Michael Nance (University of Maryland): Honneth’s Democratic Sittlichkeit and Market Socialism

13.45 Uhr Mittagspause

15.00 Uhr
Panel III: Diagnosen und Perspektiven

Judith Mohrmann (HU Berlin): Capitalism, Freedom, and the Good Life
Arthur Bueno (University of Sao Paulo): Rationality – Bildung – Vitality: A Recognition-Theoretical Understanding of Market Pathologies
Bastian Ronge (HU Berlin): Wie ist eine solidarische Arbeitsteilung möglich? Anerkennungstheorie und der Kampf für eine solidarische Ökonomie

Veranstalter:
Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen", Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Institut für Sozialforschung

Weitere Informationen: Hier...

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