Forschung aktuell

„Eine umfassende politische Praxis der Gerechtigkeit“: Für ein transnationales und progressives Projekt gegen die Krise der Demokratie

Vortrag von Rainer Forst im Rahmen des interdisziplinären Ausstellungsprojekts »Making Crises Visible«

Von Juana de O. Lorena

Wird die aus dem Griechischen abgeleitete Vokabel „Krise“ im Duden nachgeschlagen, so bekommt man die folgende Erklärung als mögliche Sinndeutung: Krise ist ein „kritischer Wendepunkt im Verlauf einer akuten Krankheit“. Und Krankheiten müssen – bekanntlich erst und in gerade in schwierigen Fällen – meistens durch ExpertInnen diagnostiziert werden. Die Problematik der „Krise der Demokratie“, sowie die ihrer Diagnose, scheinen diesem Schema nicht zu folgen. Die Beurteilung scheint mittlerweile keine exklusive Aufgabe von SpezialistInnen mehr zu sein, sondern sie wird als Feststellung der Allgemeinheit wahrgenommen. Dieses generelle Urteil hat in diesem Fall seine Berechtigung, da die Krise von vielen – wenn nicht von allen – Subjekten so empfunden und bestätigt wird.
Doch im Rahmen des interdisziplinären Ausstellungsprojekts »Making Crises Visible« wird die Krise insbesondere auch aus wissenschaftlicher Expertenperspektive diskutiert. Um die Frage der Krise der Demokratie aus einer politisch-philosophischen Warte zu adressieren, sprach Prof. Rainer Forst zum Auftakt des Rahmenprogramms zum Projekt. Am Abend des 12. Februars 2020 gab der Philosoph und Co-sprecher des Forschungsverbundes „Normative Orders“ anregende Impulse, um über die aktuelle Lage der Demokratie zu reflektieren. Rebecca Caroline Schmidt, Geschäftsführerin des Forschungsverbundes begrüßte sehr herzlich das Publikum im Senckenberg Biodiversitäts- und Klima-Forschungszentrum und lieferte einen Überblick über die Ausstellung und das Rahmenprogramm von „Making Crisis Visible“. Im Anschluss daran stellte sie den Referenten des Abends vor. Rainer Forst ist Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt. Neben seiner Tätigkeit im Forschungsverbund „Normative Ordnungen“ ist er Co-Sprecher der Kolleg-Forschergruppe „Justitia Amplificata“. Als einer der einflussreichsten Philosophen seiner Zeit, erhielt er im Jahr 2012 den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seine Arbeiten konzentrieren sich auf Fragen der praktischen Vernunft, Gerechtigkeit und Toleranz. Zu seinen bedeutsamsten Publikationen gehören „Kontexte der Gerechtigkeit“ (Suhrkamp 1994, Univ. von California Press 2002), „Toleranz im Konflikt“ (Suhrkamp 2003, Cambridge UP 2013), „Das Recht auf Rechtfertigung“ (Suhrkamp 2007, Columbia UP 2012) und „Normativität und Macht“ (Suhrkamp 2015, Oxford UP 2017).

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"In der Höhle. Über Wirklichkeit und Macht." Vortrag von Rainer Forst im Rahmen der B3 Biennale des Bewegten Bildes 2019

Von Johanna Schafgans

Die Halle, in der sich die BesucherInnen der B3 Biennale am 17. Oktober 2019 versammelten, hatte einen gewissen Höhlencharakter, was zum Thema des Vortrages passte: „In der Höhle. Über Wirklichkeit und Macht“. Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Co-Sprecher des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“, sprach passend zum Thema der B3 Biennale des bewegten Bildes 2019, in der es um die Erzeugung von Wirklichkeit durch Bilder, Erzählungen und Theorien ging, also auch um das Verhältnis von Wirklichkeit und Macht. Wer das Wesen sozialer Macht verstehen will, muss in die Höhle der ideologischen Verblendungen hinabsteigen. Aber was genau sieht man da? Und wie geblendet sind die, die aus der Höhle dem Licht der “wahren Wirklichkeit” begegnen?
Rainer Forst begann seinen Vortrag also mit Platons Höhlengleichnis. Die Tradition der westlichen Politischen Philosophie beginne mit Platons Werk über den Staat, „Politeia“, und in diesem Werk werde im Sinne eines sokratischen Dialogs erörtert, was die gerechte politische Ordnung sei. Die Antwort von Platon sei, dass die gerechte politische Ordnung darin bestehe, dass die Polis analog geordnet sei wie die menschliche Seele: die Vernunft herrscht über die Tapferkeit und die Begierde. An einer berühmten Stelle wird dann die Frage erörtert, wie man auf die Idee einer guten, gerechten oder vernünftigen Ordnung kommt. Die Antwort von Platon sei, dass die Philosophie eine dialektische Wissenschaft sei, die man lange üben muss, und erst in reifem Alter (ungefähr ab 55, so selbstironisch Forst, Jahrgang 1964) seien Philosophen in der Lage, die Erkenntnis des Guten zu bewerkstelligen. An diesem Punkt zwinge sich die Schlussfolgerung auf: Wenn man die Wahrheit über die gute und gerechte Gesellschaft nur über ein langen Bildungsgang in der Philosophie erkennen kann, dann müssten reife Philosophen auch die idealen politischen Herrscher sein. Aus dieser Feststellung ergebe sich aber das nächste Problem: Wie ist es diesen weisen Philosophen möglich, eine Gesellschaft, die ja aus mehrheitlich ungebildeten Menschen besteht, zu regieren? Und genau an dieser Stelle tauche das zentrale Dilemma dieses Buches auf, das Platon schrieb, nachdem Sokrates in der griechischen Polis zum Tode verurteilt wurde – das Problem nämlich, dass die Idee einer gerechten Herrschaft praktisch-politisch nicht umsetzbar sei, sondern bestenfalls ein ferner Orientierungspunkt am Ideenhimmel bleibe.

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„Ach!“ Klaus Günther über wirkliche Fiktionen und fiktive Wirklichkeiten

Von Tanja Strukelj

Das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion hat durch die Debatten um virtuelle Realität und Fake News an Aufmerksamkeit gewonnen. Kann man Wirklichkeit und Fiktion trotz ihrer verschwimmenden Grenzen noch klar voneinander trennen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Klaus Günther in seinem Vortrag, den er am 16. Oktober 2019 auf der Frankfurter Buchmesse im Rahmen der B3 Biennale des bewegten Bildes hielt. In diesem Jahr beschäftigte die B3 unter dem Stichwort „Realities“ mit Themen wie Virtual Realities und Künstlicher Intelligenz, zu deren Erkundungen Klaus Günther beitrug. Klaus Günther ist Professor für Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozessrecht, seit 2007 Co-Sprecher des Forschungsverbunds „Normative Orders“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Mitglied im Kollegium des Instituts für Sozialforschung.
Stehen Fiktion und Wirklichkeit einander unversöhnlich gegenüber? Klaus Günther lässt deren Grenzen verschwimmen, wenn er von „wirklichen Fiktionen“ und „fiktionaler Wirklichkeit“ spricht: Einerseits haben einige fiktive Elemente Auswirkungen auf die Wirklichkeit, andererseits ist die Erfahrung unserer Wirklichkeit immer auch eine Konstruktion.

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„Wie sind wir eigentlich da gelandet?“ Zum „Kult der Unmittelbarkeit“ und zum Aufstieg von autoritären Führungsfiguren

Von Juana de O. Lorena

Schon zum 17. Mal fand am Abend des 24. Oktober 2019 ein Vortrag der Reihe Goethe Lectures Offenbach statt. Die Veranstaltungsreihe ist das Ergebnis einer erfolgreichen Kooperation zwischen dem Frankfurter Forschungsverbund „Normative Orders“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main und dem Klingspor Museum Offenbach.
Mit dem Bild „Doppelbildnis Stalin“ von B. Jäger und Thomas Bayrle – zwei Künstler aus der Offenbacher Gruppe „Gulliver-Presse“ – in der Hand, hieß Dr. Stefan Stoltek das Publikum in seinem Haus willkommen. Wie es üblich bei der Reihe ist, dient diese Darstellung als Anregung zur thematischen Diskussion des Abends. Auch der Leiter des Amts für Wirtschaftsförderung der Stadt Offenbach am Main, Jürgen Amberger, begrüßte das Publikum sehr herzlich. Dazu sprach er über die Wichtigkeit des Themas in der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatte. Insbesondere betonte er die Bedeutung dieser Diskussion vor dem Hintergrund des gefährlichen Aufstiegs populistischer und nationalistischer Strömungen in der Welt, aber auch erneut in Deutschland. Die Vorstellung des Referenten wurde dem Co-Sprecher des Forschungsverbundes, Prof. Klaus Günther, überlassen.

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Veranstaltungsbericht zum Crisis Talk “Rechtsstaatlichkeit in der EU – Ein Grundwert in der Krise?“

Von Dr. Stefan Kroll

Die Stärkung der Rechtsstaatlichkeit ist eine dauerhafte Aufgabe demokratischer Gemeinschaften. Die von der Europäischen Kommission im Jahre 2019 geforderte „Kultur der Rechtsstaatlichkeit“ ist daher noch kein Ausweis einer Krise dieses EU-Grundwerts. Es handelt sich bei dieser Forderung eher um eine Reaktion auf neue Herausforderungen, wie Nicole Deitelhoff (Sprecherin des Leibniz-Forschungsverbunds „Krisen einer globalisierten Welt“) in ihrer Begrüßung zu diesem 14. Crisis Talk am Beispiel des Kampfes gegen den politischen Extremismus oder des Schutzes von Grundrechten im Internet eindrücklich beschrieb.

Diese Herausforderungen stellen aber noch keine Krise dar. Krisenartig für die Rechtsstaatlichkeit, so Deitelhoff, seien gegenwärtig vor allem Entwicklungen in einzelnen Mitgliedsstaaten. Mark Weinmeister (Hessischer Europastaatssekretär) setzte in seiner Begrüßung einen ähnlichen Akzent, in dem er einerseits den grundsätzlichen und unstreitigen Charakter der Rechtsstaatlichkeit in der EU hervorhob. Aber eben auch die Irritation darüber, dass dieser Grundkonsens aktuell von einzelnen in Frage gestellt sei und darauf eingegangen werden müsse.

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Wie Streit die Demokratie stärken kann: Nicole Deitelhoff über Potenziale und Grenzen der demokratischen Streitkultur

Von Tanja Strukelj

Rechtsruck, Polarisierung, sprachliche Verrohung und Gewalt: Gegenwärtig sieht sich unsere Gesellschaft mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Wie steht es um die Zukunft von Demokratie und Liberalität? Wie können wir unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken? Wie werden wir unser Zusammenleben zukünftig gestalten können? Gleich zu Beginn ihres Vortrags „Konflikte_Wie werden wir unser Zusammenleben gestalten?“, der im Rahmen der Denkraum-Reihe „Zukunft_Aber wie?“ in Kooperation des Schauspiel Frankfurt mit dem Forschungsverbund „Normative Orders“ am 24. September 2019 im Chagallsaal stattfand, stellte Nicole Deitelhoff diese Fragen in den Raum. Ihre Antwort: Es brauche mehr Streit! Nicole Deitelhoff ist Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungspolitik an der Goethe-Universität Frankfurt sowie geschäftsführendes Vorstandsmitglied an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK). Seit 2007 ist Deitelhoff Mitglied des Direktoriums und Principal Investigator des Forschungsverbunds „Normative Orders“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Außergewöhnlich sind Konflikte nicht – im Gegenteil: Sowohl im Kreis der Familie und Freunde als auch zwischen Staaten ist der Streit ein Bestandteil des Zusammenlebens. Für das Zusammenleben sei es allerdings wichtig, dass der Streit produktiv ausgetragen wird und nicht in Gewalt umschlägt. Daran orientiert sich die Staatstheorie, die es als Anspruch von Staaten formuliert, ein solch gewaltsames Austragen von Konflikten zu unterbinden. Sinnhaft hierfür wurde das vom britischen Philosophen Thomas Hobbes entworfene Bild des Leviathan, der als exekutive Gewalt seinen Bürgerinnen und Bürgern Frieden, Sicherheit und Wohlstand garantiere, sofern sich diese ihm unterwerfen und entwaffnen lassen. Auch wenn Verstaatlichung nicht das Ende aller Gewalt mit sich gebracht habe, könne das produktive und gewaltfreie Austragen von Konflikten dennoch als Ziel demokratischer Staatsformen formuliert werden, so Deitelhoff.

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Veranstaltungsbericht zum Crisis Talk “Gipfelnächte in Europa: Die Krise als Entscheidungsmodus“

Von Dr. Stefan Kroll

Europäische Politik präsentiert sich den Bürgerinnen und Bürgern nicht selten als Krisenpolitik. Am Ende langer Sitzungsnächte, in denen über Entscheidungen gerungen wurde, treten die Verantwortlichen vor die Presse und verkünden eine lang erwartete Einigung. Mark Weinmeister (Hessischer Europastaatssekretär), der die Gäste dieses 13. Crisis Talks in der Vertretung des Landes Hessen in Brüssel begrüßte, bezog sich auf diese wiederkehrende Choreographie und stellte die Frage in den Raum, ob dieses nächtliche Ringen ein nicht nur engagierter, sondern eben auch nachhaltiger Politikmodus sei. Der Moderator Ralph Sina (WDR/NDR) knüpfte hieran an, als er einräumte, dass es sich dabei nicht nur, aber eben auch um ein Medienphänomen handele. Ein Problem solcher Krisengipfel sei eben auch, dass diese die Kräfte der Presse so binden würden, dass über die Berichte der Gipfel die Darstellung der normalen politischen Prozesse in Brüssel häufig zu kurz kämen.

Dies war der Rahmen, in dem in der Folge die Experten Prof. Dr. Oliver Ibert (Direktor des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung), Prof. Dr. Mark Rhinard (Stockholm University) und Dr. Carsten Pillath (Generaldirektor, Rat der Europäischen Union) über die Gipfelnächte in Europa diskutierten. Carsten Pillath stellt dabei zunächst fest, dass die Gipfelnächte von den Beteiligten selbst meist nicht als eine Entscheidungsfindung im Krisenmodus empfunden würden. In Europa komme eben jede Regierung zu Wort, das koste Zeit und so werde es manchmal auch später in der Nacht, bis eine Übereinkunft gefunden werde. Dies sei jedem der Beteiligten klar und bedeute nicht zugleich, dass eine Einigung grundsätzlich in Gefahr sei. Pillaths weitere Ausführungen zu seinen persönlichen Erfahrungen aus solchen Entscheidungssituationen – etwa im Kontext der griechischen Finanzkrise –  legten jedoch nahe, dass ganz so viel Understatement nicht immer vorzufinden ist und es eben doch Momente sein können, die die Forschung als krisenartig beschreibt.

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Das islamische Kopftuch zwischen Glaubensfreiheit, staatlicher Neutralität und Gleichberechtigung

Von Katharina Limberger

Ist das islamische Kopftuch individueller Ausdruck der grundrechtlichen Glaubensfreiheit oder politisches Symbol eines paternalistischen, emanzipationsfeindlichen Islam? Und in welchem (verfassungs-)rechtlichen Rahmen bewegt sich die Diskussion um das Kopftuch und die immer wieder geforderten Kopftuchverbote? Verletzen die Forderungen nach Verboten die grundrechtlich geschützte Glaubensfreiheit von Kopftuch tragenden Frauen? Oder verlangt im Gegenteil die staatliche Neutralität, dass Lehrerinnen und Richterinnen sich im Dienst unverhüllt zeigen? Wie ist das Kopftuch aus feministischer Sicht zu bewerten? Als Rückschritt im Kampf um die Emanzipation von paternalistischer Bevormundung oder widersprechen gerade die Verbote dem Kernanliegen der Frauenbewegung um ein selbstbestimmtes Leben?
Darüber diskutierten am 1. November 2019 im Historischen Museum der Stadt Frankfurt Prof. Dr. Ute Sacksofsky, Vizepräsidentin des Staatsgerichtshofs des Landes Hessen, Professorin für Öffentliches Recht und Rechtsvergleichung und Mitglied des Forschungsverbundes „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt und Seyran Ateş, Rechtsanwältin – u.a. der Berliner Bildungsverwaltung in verschiedenen Verfahren um Kopftuchverbote –, Frauenrechtlerin, Imamin und Mitbegründerin der ersten geschlechterübergreifenden Ibn-Rushd-Goethe-Moschee (Berlin). Die beiden Juristinnen und Verfechterinnen von Frauenrechten nahmen dabei gänzlich verschiedene Standpunkte ein und gingen dem Thema in einer engagierten Diskussion auf den Grund.

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Im Krebsgang durch die Vorlesungen am Collège de France

Von Johann Szews

Bericht zur Tagung "Philosophie, Kritik, Geschichte: Foucaults historisch-kritische Praxis in seinen Vorlesungen" am 30. und 31. Juli 2019 an der Johann-Goethe-Universität Frankfurt am Main

[1] Zwischen 1970 und 1984 hielt Michel Foucault 13 Vorlesungen am Collège de France, lediglich 1977 setzte er wegen eines Sabbatjahres aus. Diese Vorlesungen waren öffentlich zugänglich und mit bis zu 500 Zuhörer*innen überaus gut besucht. Foucault steckte intensive Arbeit in die Vorbereitung, etwa 6000 Druckseiten umfassen seine Manuskripte und Notizen aus diesen Jahren. Einer über die Zuhörerschaft hinausgehenden Öffentlichkeit wurden die Vorlesungen allerdings erst wesentlich später durch die Publikation von Manuskripten und Audioaufzeichnungen zugänglich. Sorgfältig editiert erschienen sie ab den späten 1990er-Jahren auf Französisch, jedoch nicht in chronologischer Reihenfolge: Als erstes wurde 1996 "Il faut défendre la société" (1975/76) veröffentlicht, die deutsche Übersetzung "In Verteidigung der Gesellschaft" folgte 2001. Die deutschsprachige Edition bei Suhrkamp schloss 2016 mit den Vorlesungen "Theorien und Institutionen der Strafe" (1971/72).

Der Frage, welche Bedeutung diesen Vorlesungen aus heutiger Sicht zukommt, widmete sich vom 30. bis 31. Juli 2019 die von MARTIN SAAR (Frankfurt am Main) und FRIEDER VOGELMANN (Frankfurt am Main) veranstaltete Tagung "Philosophie, Kritik, Geschichte: Foucaults historisch-kritische Praxis in seinen Vorlesungen" am Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Inwiefern unterscheiden sich die Vorlesungen vom publizierten Werk und wie ist die Darstellungsform von Foucaults Vorträgen zu verstehen, dessen Lehrstuhl den eigensinnigen Titel "Geschichte der Denksysteme" trug? Insgesamt stand die Tagung, in deren Verlauf sieben Vorlesungen diskutiert wurden, im Zeichen einer gesellschaftskritischen Foucault-Lektüre: Referent*innen und Publikum fragten immer wieder nach Möglichkeiten der Aktualisierung von Foucaults kritischer Perspektive.

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Headlines

„Frankfurter interdisziplinäre Debatte“. Frankfurter Forschungsinstitute laden zum Austausch über disziplinen-übergreifende Plattform ein

Die „Frankfurter interdisziplinäre Debatte“ ist ein Versuch des Dialogs zwischen Vertreter*innen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu aktuellen Fragestellungen – derzeit im Kontext der Corona-Krise und u.a. mit Beiträgen von Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Prof. Dr. Rainer Forst und Prof. Dr. Klaus Günther. Seit Ende März 2020 ist die Onlineplattform der Initiative (www.frankfurter-debatte.de) verfügbar. Mehr...

Wir trauern um Rainer Schmalz-Bruns (11.9.1954 – 31.3.2020)

Mit Rainer Schmalz-Bruns ist einer der wichtigsten und einflussreichsten Politikwissenschaftler unseres Landes von uns gegangen. Wir verlieren mit ihm einen der originellsten Denker in Bezug auf die Dynamiken demokratischer Ordnungen, auf dessen Expertise und Rat wir stets zurückgreifen konnten, und wir verlieren einen wundervollen Menschen – und lieben Freund – der uns sehr fehlen wird. Mehr...

Upcoming Events

Bis zum 20. April 2020

In der Goethe-Universität finden bis zum 20. April 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Das Veranstaltungsprogramm des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" wird ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

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