Forschung aktuell

Die Krise der liberalen Weltordnung: Jabri, Daase und Kroll über die Widersprüche des Liberalismus und den Angriffen seiner Kritiker

Von Jerzy Sobotta

Die Angst um das Bestehende geht um. Mittlerweile hat sie auch die Politikwissenschaften ergriffen. Diesen Eindruck hatte man jedenfalls auf der Jahreskonferenz 2017 des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ . Die dritte Podiumsdiskussion  stand ganz im Zeichen der Krise der liberalen Weltordnung. Moderator Prof. Stefan Kadelbach, Mitglied des Clusters und Professor für Öffentliches Recht, Europarecht und Völkerrecht an der Goethe-Universität, sah in den politischen Entwicklungen der letzten beiden Jahre eine Selbstzerstörung liberaler Gesellschaften heraufziehen. Brexit, Trump, das katalanische Unabhängigkeitsreferendum und das Scheitern der Jamaika-Koalition in Deutschland seien Zeichen einer existentiellen Krise des Westens. „Die Welt ist aus den Fugen geraten“, so fasste Kadelbach das Gefühl zusammen, das die drei Vorträge am 24. November 2017 vereinte.

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Die sinnliche Wahrnehmung zum Tanzen bringen. Tatjana Sheplyakova über die kognitive Ästhetik Dziga Vertovs

Von Steffen Andrae

Stampfende, hämmernde, kreischende Maschinen, donnernde Züge und klirrende Werkzeuge. Arbeiter unter Tage, im Stahlwerk oder bei Paraden. Der Lärm und die schnell wechselnden Bilder in Dziga Vertovs Enthusiasmus erzeugen eine nur schwer zu ertragende Kulisse. Der Film entstand 1930, aber seine klangliche und bildliche Gestaltung stellt noch heute unsere alltäglichen Hör- und Sehgewohnheiten auf die Probe. Seine sinnliche Herausforderung – um nicht zu sagen sein Affront – hat Methode. Vertovs Filmkunst will ein „neues Sehen“, eine neue Art der Wahrnehmung etablieren. Der alten muss dafür buchstäblich Hören und Sehen vergehen.

Dr. Tatjana Sheplyakova, Philosophin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität, sprach am 3. Dezember 2017 im Rahmen der B3 Biennale des bewegten Bildes über Vertovs Film und Ästhetik. Unter dem Titel „L’Homme Machine – Das neue Leben in Dziga Vertovs Enthusiasmus / Sinfonie des Donbass“ gewährte sie einen tiefen Einblick in die Ideen der russischen Künstler-Avantgarde der 1920er und 30er Jahre. Sie waren durch einen wechselseitigen Zusammenhang von futuristischer Technikauffassung, scharfer Kunstkritik und radikalem politischem Selbstverständnis geprägt.

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Quo vadis, Utopie? Rainer Forst über das Verhältnis von Utopie und Ironie

Von Steffen Andrae

Utopisches Denken hat es nicht leicht. Sein wesentlicher Gehalt – dass es über die gegebene Wirklichkeit hinausweist und eine neue, mögliche andere antizipiert – scheint prinzipiell ambivalent. Einerseits ist utopisches Denken unabdingbar für die Problematisierung bestehender Ausbeutungs-, Unterdrückungs- und Herrschaftsverhältnisse. Ein präziser und kritischer Sinn für die Wirklichkeit des Hier und Jetzt speist sich aus einer Idee von Möglichkeit, also aus der Vorstellung, dass es auch anders sein könnte. Andererseits unterliegt utopisches Denken stets einem gewissen Verdacht. Denn Versuche, eine neue Gesellschaft und den dazugehörigen Menschen zu begründen, sind mit Risiken verbunden: sie können, indem sie das vermeintlich Richtige durchzusetzen versuchen, totalitär werden.

Über die Widersprüche und Paradoxien utopischen Denkens sprach Rainer Forst, Professor für Politische Theorie an der Goethe-Universität und Co-Sprecher des Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, am 1. Dezember 2017 im Rahmen der B3 Biennale des bewegten Bildes. In seinem Vortrag mit dem Titel „Utopie und Ironie. Eine Kritische Theorie des Nirgendwo“ untersuchte er, ob Ironie ein mögliches Korrektiv der Fallstricke utopischen Denkens darstellt. Anhaltspunkte für diese Annahme suchte Forst in einem der Klassiker neuzeitlicher Utopien: Thomas Morus' Utopia – Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia von 1516.

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Bericht zum Crisis Talk "Humanitarian Crisis"

Von Thorsten Thiel

Ob in Syrien, im Jemen, im Südsudan oder in Nigeria: Bei  Europas nahen wie fernen Nachbarn kommt es in den letzten Jahren immer wieder zu humanitären Krisen. Insbesondere die hierdurch ausgelösten bzw. verstärkten Migrationsbewegungen haben diese Krisen zu einem zentralen Thema europäischer Politik werden lassen. Der nunmehr sechste Crisis Talk nahm dies am 17. Oktober 2017 zum Anlass, zu fragen, welche Rolle und Verantwortlichkeiten der EU aus humanitären Krisen erwachsen. Wie schon bei den ersten fünf Brüsseler Talks waren der Einladung des Leibniz-Forschungsverbundes »Krisen einer globalisierten Welt« und seiner Partner – der Vertretung des Landes Hessens bei der EU, dem Europa-Büro der Leibniz-Gemeinschaft und dem Frankfurter Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen« – wieder viele Menschen gefolgt, so dass Prof. Dr. Tilman Brück (IGZ), Dr. Nils Behrndt (Kabinettschef des EU-Kommissars für Internationale Zusammenarbeit und Entwicklung Neven Mimica), und Kathrin Schick (Direktorin des NGO-Europanetzwerkes VOICE) vor vollem Haus diskutieren konnten, was die EU tun könne und tun müsse.

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Eine Insel bitte. Brooke Harrington über Steuerparadiese, Vermögensverwalter und ihre Kunden

Von Jerzy Sobotta

Stellen Sie sich vor, Sie gehören zu den reichsten Menschen der Welt. Sagen wir, zu den acht reichsten, denn denen gehört mittlerweile die Hälfte des weltweiten Vermögens. Ein hartes Leben, denn alle wollen an Ihr Geld: Ihre Kinder, Ihre Liebschaften, Ihre Ehepartner und – der Fiskus. Was können Sie dagegen tun? Kaufen Sie sich doch einen Staat. Keinen großen. Ein kleiner reicht, am besten ist er bankrott, von einer Wirtschaftskrise geschüttelt und liegt irgendwo mitten im Ozean. Die Idee stammt von den Vermögensverwaltern aus dem Hause Mossack Fonseca. Die Firma schrieb 1994 die Wirtschaftsgesetze des südpazifischen Inselstaates Niue. Seither können sich die 1400 Einwohner nicht mehr nur mit einem Korallenriff rühmen, sondern auch mit unzähligen Briefkastenfirmen, die das Vermögen von Diamantenhändlern, ukrainischen Oligarchen, Spitzensportlern, saudischen Königen und westlichen Politikern verschwinden lassen.
Über die abenteuerliche Welt der Steuerparadiese hat die Soziologin Brooke Harrington am 27. September 2017 einen Vortrag mit dem Titel "Inequality and the Wealth Management Profession" am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ gehalten. Viele Jahre verbrachte sie im Kreis derer, die das Vermögen der Superreichen verwalten. Die Ergebnisse ihrer Forschung beschrieb sie im Buch „Capital without borders. Wealth managers and the One Percent“ (Harvard 2016). Darin stellt sie die Strategien und das Selbstbild einer Berufsgruppe dar, die am liebsten unsichtbar geblieben wäre.

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“Der Streit zwischen der juristischen und der philosophischen Fakultät bei Immanuel Kant“ - Endbericht über den Forschungsaufenthalt

Dr. jur. Domenico Siciliano Firenze, 10. September 2017

A.) Der Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ finanzierte einen Aufenthalt von einem Monat und zehn Tagen (vom 10. Mai 2017 bis zum 3. Juni 2017 und vom 11. Juli bis zum 27. Juli 2017) in Frankfurt am Main, der Forschungen für ein Buch-Projekt über den Streit der juristischen mit der philosophischen Fakultät diente. Das Projekt stellte die Modifikation eines ursprünglichen Projektes zur Rechtstheorie des Frankfurter Zivilrechtlers und Rechtstheoretikers Rudolf Wiethölter dar, das insgesamt durch ein dreimonatiges Stipendium im Zeitraum zwischen November 2015 und Anfang Februar 2016 durch den Exzellenzcluster finanziert wurde. Im Folgenden werde ich insgesamt und zusammenfassend über meine gesamte Forschungstätigkeit in Frankfurt berichten und dabei auf den seinerzeit gestellten Antrag mit dem Titel “Der Streit zwischen der juristischen und der philosophischen Fakultät bei Immanuel Kant“ vom 17.5.2017 generell Bezug nehmen.

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Keynote: A Critical Theory of Transnational Justice: One Ground and Several Contexts von Prof. Dr. Rainer Forst auf der Frankfurt Summer Academy on Global Justice

Von Johanna Schafgans

Wir befinden uns an der Max-Horkheimer-Straße neben dem Theodor-W.-Adorno-Platz, auf dem der Schreibtisch von Adorno steht. „Natürlich wird in unserem ‚Normative Orders’-Gebäude Kritische Theorie gemacht”, sagt Prof. Dr. Rainer Forst mit einem Lächeln.
Anlässlich der Frankfurter Sommerakademie zur ‚Globalen Gerechtigkeit‘ hielt Forst, Co-Sprecher des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen”, am 17. Juli 2017 einen Vortrag mit dem Titel „A Critical Theory of Transnational Justice: One Ground and Several Contexts”, in dem er vor allem seine "Kritische Theorie transnationaler Gerechtigkeit" vorstellte.
Die Arbeit von Rainer Forst, der Punter anderem auch Direktor der Leibniz-Forschungsgruppe „Transnationale Gerechtigkeit“ an der Goethe-Universität ist, kann zusammenfassend als ein Plädoyer für ein transnationales Konzept globaler Gerechtigkeit und eine kritische Theorie der „transnationalen Gerechtigkeit“ beschrieben werden. Mit seiner Theorie versucht er alternative Analysen des globalen Gerechtigkeitskonzepts zu entwickeln. Dabei soll eine Theorie transnationaler Gerechtigkeit auf eine umfassende Analyse von Phänomenen der Ungerechtigkeit und ihrer Wurzel beruhen, denn die verschiedenen Kontexte der Gerechtigkeit seien durch die Arten von Ungerechtigkeit, die sie bewirken, verknüpft. An dieser Verbindung müsse eine kritische Theorie der Gerechtigkeit ansetzen.

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Vertrackt politisch – Christopher Daase über Abstrakten Expressionismus und den Kalten Krieg in der Malerei

Von Jerzy Sobotta

In der jungen Bundesrepublik der 1950er Jahre war die Kunst ein umkämpftes Feld. Die Künstler und Kuratoren mussten mit der Zäsur umgehen, die die Kulturpolitik der Nazis hinterlassen hatte. Dabei ging es nicht allein um die Wiederaneignung dessen, was als „Entartete Kunst“ verdrängt und verboten worden war, sondern auch um eine ideologische Verortung innerhalb der Positionen des Kalten Krieges. Wie Kunst und unser Geschmack von den Kräften der Weltpolitik bestimmt sind, stellte Prof. Christopher Daase anhand der Erfolgsgeschichte des Abstrakten Expressionismus in Westdeutschland dar. Sein Vortrag fand am 23. Mai 2017 im Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt statt und war Teil des Begleitprogramms der Ausstellung „Ersehnte Freiheit. Abstraktion in den 1950er Jahren“. Daase, der unter anderem Kunstgeschichte studierte, lehrt Politikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt, ist Principal Investigator des Exzellenzclusters „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“ und Co-Direktor des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung.

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Normative Ordnungen des Digitalen – Konferenzbericht

Bericht von Magdalena von Drachenfels und Thea Riebe über die interdisziplinäre Konferenz vom 6. bis 7. Juli  2017 "Normative Orders of the Digital" des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen"; Organisatoren Christoph Burchard, Dominik Brodowski, Christopher Daase, Matthias C. Kettemann, Alexander Peukert, Thorsten Thiel, Valentin Rauer. Bericht auf theorieblog.de: Hier...


Headlines

„Frankfurter interdisziplinäre Debatte“. Frankfurter Forschungsinstitute laden zum Austausch über disziplinen-übergreifende Plattform ein

Die „Frankfurter interdisziplinäre Debatte“ ist ein Versuch des Dialogs zwischen Vertreter*innen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu aktuellen Fragestellungen – derzeit im Kontext der Corona-Krise und u.a. mit Beiträgen von Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Prof. Dr. Rainer Forst und Prof. Dr. Klaus Günther. Seit Ende März 2020 ist die Onlineplattform der Initiative (www.frankfurter-debatte.de) verfügbar. Mehr...

Bundesministerin Karliczek gibt Startschuss für das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt

In einer Pressekonferenz hat Bundesministerin Anja Karliczek am 28. Mai 2020 den Startschuss für das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) gegeben. Mit dabei waren Sprecherin Prof. Nicole Deitelhoff (Goethe-Uni, Normative Orders), sowie der Geschäftsführende Sprecher Prof. Matthias Middell (Uni Leipzig) und Sprecher Prof. Olaf Groh-Samberg (Uni Bremen). Nun kann auch das Frankfurter Teilinstitut seine Arbeit aufnehmen. Mehr...

Upcoming Events

Bis Ende September 2020

In der Goethe-Universität finden mindestens bis Ende September 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Das Veranstaltungsprogramm des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" wird ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

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Latest Media

Krise und Demokratie

Mirjam Wenzel im Gespräch mit Rainer Forst
Tachles Videocast des Jüdischen Museum Frankfurt

Normative Orders Insights

... with Nicole Deitelhoff

New full-text Publications

Burchard, Christoph (2019):

Künstliche Intelligenz als Ende des Strafrechts? Zur algorithmischen Transformation der Gesellschaft. Normative Orders Working Paper 02/2019. More...

Kettemann, Matthias (2020):

The Normative Order of the Internet. Normative Orders Working Paper 01/2020. More...