Neue Zugänge zur Wirtschaftswissenschaft. Nicht bloß Zahlen, auch Geschichte und Kultur sollten sich Ökonomen genauer anschauen

DER VOLKSWIRT

Gut zehn Jahre liegt der Ausbruch der großen Finanz- und Wirtschaftskrise zurück, die viele Ökonomen in ihrem Selbstverständnis erschütterte. Manche begannen an Makromodellen zu zweifeln, die auf zu wenige Variablen verengt waren, Risiken ausblendeten und generell auf einem unrealistischen Menschenbild aufbauten. Andere forderten eine breitere Ausbildung. Künftige Ökonomen sollten an den Universitäten verschiedene Forschungsansätze kennenlernen.

Inzwischen läuft die Weltwirtschaft wieder auf Hochtouren, doch Narben und Zweifel bleiben. Die Ausbildung ist inzwischen etwas breiter aufgestellt, weil auch verhaltensökonomische Ansätze im Studium thematisiert werden. Einige Kritiker finden das aber nicht genug. Der ökonomische "Mainstream" müsse sich öffnen für eine "plurale" und "heterodoxe" Ökonomie. Was genau darunter zu verstehen ist, bleibt manchmal vage.

Es gibt nicht wenige Vorbehalte. Versteckt sich hinter diesem Ruf nur ein Neuaufguss linker Einwände gegen die "Mainstream"-Ökonomie? Rüdiger Bachmann vom Ökonomenverband VfS sieht bei den Pluralen kluge und engagierte, aber auch linksaktivistische Studenten. Wollen die "Pluralen" einfach gerne wieder Marx und Lenin lesen, wie in den 1968er-Zeiten? Nils Goldschmidt, der an der Universität Siegen einen Studiengang für "Plurale Ökonomik" ins Leben gerufen hat, weist das zurück. Es gehe um ein breiteres Verstehen von Wirtschaft im jeweiligen historischen und kulturellen Kontext. In Siegen lehren nun ordoliberale Volkswirte wie Goldschmidt zusammen mit politisch linksorientierten und auch esoterisch angehauchten Volks- und Betriebswirten und "Wachstumskritikern", unter den Studenten finden sich auch ein paar vom Typ nervige Aktivisten.

Dass die "Pluralen" durchaus fruchtbare Forschungsansätze liefern, bewies nun eine Konferenz in Frankfurt, organisiert von "Normative Orders", dem Exzellenzcluster der Goethe-Universität, der Siegener Uni und der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft. Stargast war Deirdre McCloskey von der University of Illinois in Chicago. McCloskey hat eine Trilogie über die "bourgeoise" Ära verfasst und vertritt die Position, dass die enorme Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens - um den Faktor 30 seit dem Jahr 1800 - nicht ohne die Innovationen zu verstehen seien, die aus einer liberalen Gesellschaft stammen. Nicht kapitalistische Akkumulation oder Ausbeutung sei der Schlüssel, sondern die Freisetzung der kreativen Energien. Ökonomen müssten den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Folglich plädiert McCloskey für eine "humanistische" Wirtschaftswissenschaft. In ihrer Forschung sind Geschichte, Literatur und Geisteswissenschaft wichtige Quellen.

Der Rotterdamer Professor für "kulturelle Ökonomie", Arjo Klamer, stellte seine Theorie einer "wertbasierten" Wirtschaftswissenschaft vor. Mainstream-Ökonomen konzentrierten sich auf Märkte und Organisationen, seien es Staaten oder Unternehmen, sie vernachlässigten aber "Oikos", das Haus, und die soziale Sphäre, kritisierte er. Im Streben nach Glück wünschten die Menschen letztlich nicht kaufbare Güter wie ein neues IPhone, sondern das, was Klamer "shared goods" nennt: Freundschaft und Familie, Vertrauen, Wissen. All das ergebe sich aus sozialer Interaktion. Viktor Vanberg (Uni Freiburg) warf ein, dass diese Theorie dem nahekomme, was Gary Becker, ein hartgesottener Chicago-Ökonom, geschrieben habe: Die letzten Ziele und Wünsche sind Haushaltsgüter, die man eben nicht auf dem Markt kaufen könne.

Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft unterstützt die Forderung, dass Volkswirte geschichtliche Hintergründe kennen müssten, um aktuelle Fragen zu verstehen. Die Stärke der deutschen (Export-)Industrie (mittelbar auch des Exportüberschusses) und des über die Provinz verteilten Mittelstandes leitete er auch aus historischen Mustern ab: der Kleinstaaterei im alten Reich, der dezentralen Industrialisierung in Deutschland, der guten technischen Ausbildung und dem Tarifpartnerschaftsmodell (seit dem Stinnes-Legien-Abkommen).

Wohin die Wirtschaftswissenschaft steuert, ist schwer zu sagen. In den achtziger und neunziger Jahren wandte sie sich von der reinen Theorie ab und der Empirie zu, hat Daniel Hamermesh in einem bekannten Paper festgestellt. Inzwischen ist eine Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern sehr einflussreich, die sich als "Markt-Designer" oder "Ingenieure" versteht - so zum Beispiel der Nobelpreisträger Alvin Roth. Auf der Frankfurter Konferenz kritisierte John Davis (Marquette University in Wisconsin) diese Richtung und wünschte sich eine Wirtschaftswissenschaft, die ökonomische Beziehungen in andere, soziale Beziehungen einbettet. Die Erhebung der Ökonomen über die Gesellschaft gibt es allerdings schon länger: Schon in den dreißiger Jahren bezeichneten sich einige als "Sozial-Ingenieure", erinnerte Volker Caspari (TU Darmstadt) auf der Konferenz.

Wie der Dialog der Ökonomen mit der Öffentlichkeit besser funktionieren kann, ist umstritten. Erwin Dekker von der Erasmus Universität Rotterdam präsentierte kulturkritische Schriften bekannter Ökonomen aus der Zwischenkriegszeit, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten wollten. Einige der ganz großen Ökonomen widmeten ihre Bücher nicht einem Fachpublikum, sondern hatten viel breitere Kreise im Auge: Marx appellierte an die "Proletarier aller Länder" und Hayek widmete sein Hauptwerk kritisch "den Sozialisten in allen Parteien". Allein daran lässt sich ein breiterer Anspruch ablesen, nicht der einer engen Spezialwissenschaft.

Von PHILIP PLICKERT. F.A.Z., 19.02.2018, Wirtschaft (Wirtschaft), Seite 20. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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