Im Interview: der Ethnologe Karl-Heinz Kohl. Die Politik hat einen Sehnsuchtsort gewählt

Ein Gespräch über die politische Renaissance des Heimatbegriffs und Loyalitätsgefühle in Migranten-Gemeinden

Von der Auflösung von Heimat und Kultur waren einmal vor allem indigene Gesellschaften betroffen. Heute gibt es in der Folge von Migration und Globalisierung auch in westlichen Ländern wieder ein starkes Bedürfnis nach Heimat.

KARL-HEINZ KOHL: Es geht sogar noch weiter. Dieses Phänomen finden wir nicht nur in den postmodernen Dienstleistungsgesellschaften, sondern mittlerweile auch in den Schwellenländern. Offensichtlich hängt es mit dem Verlust authentischer sozialer Beziehungen zusammen.

Wie reagiert die Ethnologie auf diesen Wandel?

In der Ethnologie hat man früher eher von primordialen Bindungen gesprochen: noch aus der frühen Kindheit rührende Bindungen an den Ort, an dem man aufgewachsen ist, an die eigene Sprache, an die eigenen Verwandten und an die eigene Herkunftskultur. Sie sind stark affektiv besetzt und halten weit länger als die, die erst später dazugekommen sind. Heute hat sich aus diesem Ansatz eine ganze Forschungsrichtung entwickelt. Sie befasst sich mit den sozialen, lokalen und kulturellen Zugehörigkeitsgefühlen von Menschen, also mit all dem, was man im Deutschen mit dem Heimatbegriff verbindet.

Was hat sich darüber verändert?

Die Zugehörigkeiten bleiben mit zunehmender Mobilität nicht mehr konstant. Es haben sich wechselnde kulturelle Identitäten herausgebildet. Migranten erschaffen sich mit ihren Diaspora-Gemeinden neue soziale Nah-Räume, die nicht mehr ortsgebunden sind. Kleine Heimatinseln gewissermaßen. Ihre Mitglieder identifizieren sich zwar stark mit ihrem Herkunftsland, sind aber auch dort nicht mehr wirklich heimisch. Die Untersuchung der Diaspora-Gemeinden ist ein wichtiges Thema in der Ethnologie geworden.

Was ist das Besondere der Diaspora?

Diasporen sind Face-to-Face-Gemeinschaften. Die wechselseitigen Bindungen sind dementsprechend stärker als in den Herkunftsregionen selbst. Während die althergebrachten Wert- und Moralvorstellungen in der alten Heimat einem schnellen Wandel unterliegen können, hält man in der Diaspora starr an ihnen fest. Oft tragen sie sogar zu ihrer Wiederbelebung bei. Als es in der Türkei beispielsweise noch verboten war, den Schleier zu tragen, hat man das hier in Deutschland bereits getan.

Der Heimatbegriff hat heute in der Politik wieder Konjunktur. Wie hat sich der politische Bezug auf Heimat in der Bundesrepublik verändert?

Es gab in der Geschichte der Bundesrepublik drei Phasen, in denen der Begriff eine Rolle spielte. Die erste setzte unmittelbar nach dem Krieg ein. Sie wurde wesentlich von den Vertriebenen und ihren Verbänden getragen; auch der in den bayerischen Bergen spielende Heimatfilm war damals ein beliebtes Genre. Dann kam die Studentenbewegung, die den Heimatbegriff als konservativ, politisch rechts und rückwärtsgewandt diskreditierte. Die zweite Phase begann Mitte der achtziger Jahre infolge der damals forciert vorangetriebenen Urbanisierung. Ein deutlicher Einschnitt war die Heimattrilogie von Edgar Reitz. Er versuchte den Heimatbegriff zu rehabilitieren, obwohl er auch die Kehrseiten, die Beengungen der dörflichen Lebenswelt, nicht verschwieg. Das Ende dieser Phase begann mit dem Fall der Berliner Mauer. Viele der nach 1948 in die Bundesrepublik Geflüchteten kehrten von ihren Besuchen in die alte Heimat desillusioniert zurück. Die Erinnerung hatte sie verklärt.

Und heute?

Heute befinden wir uns in einer dritten Phase. In den Vereinigten Staaten hatte der Patriotismus bereits nach den Terroranschlägen auf die Twin Towers eine Renaissance erfahren Die Homeland Security wurde gegründet - das "Heimatschutzministerium". Bei uns verlief die Entwicklung zunächst etwas anders. Die Integration der Zuwanderer hielt man zunächst für gelungen. Erst als die Angehörigen der Diaspora-Gemeinden an Selbstbewusstsein gewannen und stolz auf ihre Herkunft und ihre kulturellen Traditionen verwiesen, setzte eine vergleichbare Gegenbewegung ein.

Wodurch ist sie gekennzeichnet?

Man könnte die These wagen, dass sie auch von einem gewissen Neid getragen war auf die so viel ausgeprägteren Zugehörigkeits- und Loyalitätsgefühle der Diaspora-Gemeinden. Hier glaubte man noch authentische Bindungen vorzufinden, vor allem aber eine affirmative Beziehung zur eigenen Vergangenheit und Kultur, mit der man sich in Deutschland nach den Verbrechen der NS-Zeit nie mehr so recht identifizieren mochte. Die gegenwärtige Konjunktur des Heimatbegriffs wurde mithin nicht erst durch die Flüchtlingskrise ausgelöst, mit der sie dann freilich ihren Höhepunkt erreichte.

In Deutschland gibt es jetzt ein Bundesministerium für Heimat. Was halten sie von diesem Plan?

Mit kommt das sehr kühn vor. Ich habe Zweifel daran, dass Heimat sich politisch erzwingen lässt.

Das Heimatministerium soll besonders den ländlichen Raum stärken, durch ganz praktische Maßnahmen wie Breitbandausbau oder die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs. Was darf man sich davon versprechen?

Zunächst einmal hat schon lange eine Entländlichung des ländlichen Raumes stattgefunden. In Deutschland haben wir heute nur noch 275 000 landwirtschaftliche Betriebe, in denen gerade einmal 900 000 Menschen tätig sind. Daneben gibt es die Agrarindustrie, die keine traditionellen Arbeitsformen und lokalen Bindungen mehr kennt. Dazu kommen die vielen Pendler, die ja auch nicht mehr wirklich zu den Dorfgemeinden zählen. Die Frage ist, ob die Digitalisierung, in die man jetzt so viele Hoffnungen setzt, nicht eher zu einer weiteren Auflösung der in dörflichen Gemeinden noch existierenden Zugehörigkeitsgefühle führen wird.

In der politischen Diskussion um Heimat geht es um eine pragmatische Umwertung des Heimatbegriffs: Heimat als Projekt, als das, was man sich aufbaut.

Ich finde die Vorstellung sympathisch. Doch ist sie eher naiv. Heimat lässt sich nicht künstlich herstellen. Nach Heimat sehnt man sich vor allem dann, wenn man sie nicht mehr hat. Und dann vergisst man leicht, dass das Leben in solch beschränkten Verhältnissen auch seine Schattenseiten hat. Hätte man sie sonst verlassen? Man hat also einen Sehnsuchtsort als Bezeichnung für ein Ministerium gewählt.

Gerade diese Sehnsucht will die Politik dem Heimatbegriff ja austreiben. Was ihn auch für die politische Linke attraktiv machen soll.

Ernst Bloch hat schon in der Vorkriegszeit die mangelnde Berücksichtigung heimatlicher Bindungen durch die politische Linke kritisiert. Ich denke, das hat sich geändert. Inzwischen nimmt auch die Linke an der Heimatdiskussion teil. Man muss heute wohl eher trennen zwischen einer kosmopolitischen Elite, die mit dem Heimatbegriff nicht viel am Hut hat, und dem neuen Kommunitarismus, der relativ unabhängig von politischen Orientierungen ist.

Wobei die Kosmopoliten auch ihre festen Bezugspunkte haben. Man gruppiert sich um Kultur- und Konsumformen oder bestimmte Wohnviertel. Ist der projekthafte Heimatbegriff hier verwirklicht?

Ja, er wird nur nicht als solcher artikuliert, sondern bleibt eher im Unbewussten. Nehmen wir beispielsweise die Scientific Community mit ihren internationalen Konferenzen. Man trifft sich hier und dort in der Welt, bleibt dabei aber immer im Kreis derselben Personen. Die Sprache ist meist Englisch, ganz unabhängig von der Herkunft der Teilnehmer. Der Universitätscampus ist der universelle Ort, an dem man sich überall in der Welt trifft. Auch hier haben wir also mehr oder weniger geschlossene Gemeinschaften, deren Mitglieder durch starke Zugehörigkeitsgefühle miteinander verbunden sind.

Lässt sich der Partikularismus der Identitätspolitik durch den Bezug auf eine geteilte Heimat ein Stück weit begrenzen?

Da geben sich die Politiker einer Illusion hin. Ich zweifle daran, dass man dieses Ziel mit den beabsichtigten Mitteln erreichen kann. Das hat natürlich auch mit der sozialhierarchischen Ordnung unserer Gesellschaft zu tun. Früher konnten Migranten oft gar nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Heute hat sich das geändert. Man ist nicht mehr gezwungen, im Zielland heimisch zu werden. Und man ist durch die moderne Kommunikation ja auch permanent im Kontakt zur alten Heimat. Das stärkt die Bindungsgefühle an die Herkunftswelt, die zusätzlich noch dadurch gestärkt werden, dass Migranten in unseren Gesellschaften auf Ausgrenzungen treffen, auf die sie wiederum mit Abgrenzungen reagieren.

Das Gespräch führte Thomas Thiel. F.A.Z., 21.03.2018, Forschung und Lehre (Natur und Wissenschaft), Seite N4 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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