"Die wissenschaftliche Exzellenz ist bedroht"

Die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln fordert in der Krise Unterstützung für junge Forscherinnen mit Kindern

Frau Fuchs-Schündeln, Sie haben als Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik eine besondere Unterstützung von Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Kindern in der Corona-Krise gefordert. Warum?
Die Corona-Krise ist für alle Nachwuchswissenschaftler eine große Herausforderung. Sie stehen unter enormem Zeitdruck, sich innerhalb von sechs Jahren zu empfehlen für eine Lebenszeitprofessur, und können derzeit etwa aufgrund geschlossener Labore oder aufgeschobener Feldforschung nur eingeschränkt arbeiten. Diejenigen, die Kinder haben, sind durch die Kita- und Schulschließungen aber in einer besonders schwierigen Situation. Und wir sehen bereits jetzt, dass Frauen von diesen Maßnahmen stärker betroffen sind als Männer. Der Frauenanteil unter den Einreichungen von wissenschaftlichen Arbeiten ist schon kleiner geworden.
Das Thema wird auch in den sozialen Medien diskutiert. Vieles davon klingt aber eher nach anekdotischer Evidenz.
Es gibt erste Zahlen von verschiedenen Publikationen, die zeigen, dass es mehr als das ist. In sechs Arbeitspapierreihen der Volkswirtschaftslehre beispielsweise ist der Frauenanteil im März und April dieses Jahres um 8 Prozentpunkte gesunken - dabei liegt der durchschnittliche Frauenanteil unter den Autoren auch sonst nur bei 25 Prozent. Als Vorsitzende der Fachzeitschrift "Review of Economic Studies" kann ich auch hier schon einen kleinen Rückgang in den Einreichungen von Autorinnen feststellen, von 19,4 Prozent vor der Krise auf 17,9 Prozent. Das ist deutlich weniger als bei den Arbeitspapieren und nicht signifikant, aber die Publikationen haben hier meist einen längeren Vorlauf. Und die Entwicklung dieser Frühindikatoren finde ich beunruhigend.

Sollten die Kita- und Schulschließungen eigentlich nicht alle gleichermaßen einschränken?
Wir kennen die konkreten Betreuungsverhältnisse in den Familien nicht. Was wir aber aus Studien wissen, ist, dass die meisten Nachwuchsforscherinnen in Vollzeit arbeiten und ihre Partner auch. Die Nachwuchsforscher mit Kindern hingegen haben meist Partnerinnen, die in Teilzeit oder überhaupt nicht arbeiten. Insofern ist davon auszugehen, dass die Mehrbelastung für die Forscherinnen höher ist.

Was bedeutet es für die Karriere einer Nachwuchsforscherin, wenn sie mehrere Monate nicht in Vollzeit arbeiten kann?
In der Volkswirtschaftslehre ist man froh, während der sechsjährigen Qualifikationsphase für eine Lebenszeitprofessur vier oder fünf Publikationen in guten Zeitschriften zu plazieren. In dieser Zeit ein halbes Jahr zu verlieren ist ein erheblicher Einschnitt. In den Entscheidungsgremien werden die Bewerber miteinander verglichen: Was haben sie veröffentlicht? Welche Projekte haben sie in der Pipeline? Auch bei der Elternzeit sollte die eingeschränkte Produktivität theoretisch zwar berücksichtigt werden. Aber oft heißt es dann doch: Der Mann war produktiver, dann nehmen wir doch ihn. Die kritische Phase einer akademischen Karriere fällt genau mit der Familiengründung zusammen. Und es gibt sehr gute Evidenz dafür, dass Mütter systematisch stärker in die Kinderbetreuung einbezogen sind als Väter.

Sollten Mütter also bevorzugt behandelt werden? Oder wäre das nicht ebenfalls unfair?
Um Chancengleichheit herzustellen, ist manchmal eine ungleiche Behandlung zugunsten der Frau notwendig. Das zeigt auch eine Studie aus Amerika zur sogenannten "tenure clock extension". Wenn forschenden Eltern eine Fristverlängerung bis zur Evaluation gewährt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit auf eine Lebenszeitprofessur für Väter, während sie für Mütter sinkt. Viele Väter sind offenbar nicht so stark in die Kinderbetreuung eingespannt und nutzen das zusätzliche Jahr, um mehr zu publizieren. Ich sehe die Bedenken, und natürlich wäre es am besten, jeden Einzelfall zu prüfen. Aber das ist nicht möglich. Deshalb spricht eben doch einiges dafür, auf die Daten zu blicken und sich jetzt verstärkt um Nachwuchswissenschaftlerinnen zu kümmern. Gerade in den Wirtschaftswissenschaften ist der Frauenanteil noch sehr gering und können wir uns einen Rückschritt kaum leisten. Der bedroht nicht nur die Chancengleichheit, sondern auch die wissenschaftliche Exzellenz. Wir laufen Gefahr, dass sich nicht diejenigen mit den besten Ideen durchsetzen, sondern die zeitlich am wenigsten von der Corona-Krise Betroffenen.

Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?
Eine Minimalforderung ist, bei der Evaluation zu berücksichtigen, dass Forscherinnen mit Kindern in der Krise nur eingeschränkt arbeiten konnten. Außerdem wäre es wichtig, für junge Forscherinnen eine Finanzierung der bereits ermöglichten Vertragsverlängerungen bereitzustellen, sie mit Hilfskräften zu entlasten oder sie im Wintersemester von einem Teil ihrer Lehrverpflichtungen zu befreien.

Hat die Bundesregierung es hier versäumt zu handeln?
Die Politik hat die Konsequenzen der Schul- und Kitaschließungen für Kinder, Familien und Mütter vernachlässigt, was ich bedenklich finde. Hier geht es um unsere Zukunft. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir ähnliche Effekte wie in der Wissenschaft auch in anderen Bereichen sehen werden und die Krise ein zusätzliches Hindernis für junge Frauen ist, eine erfolgreiche Karriere zu starten.

Braucht es also die gerade wieder diskutierte Frauenquote?
Quotenregelungen sind immer nur die zweitbeste Lösung. Aber was oft nicht bedacht wird: Der Mensch ist stark von Normen geprägt. Was sind gute Eltern, was sind schlechte? Gerade in Deutschland sind diese Normen für Mütter immer noch viel stärker als für Väter. Es kostet Kraft, dagegen zu verstoßen. Das aufzubrechen dauert und könnte durch eine Quote beschleunigt werden, die jungen Frauen mehr Vorbilder bieten würde.

Das Gespräch führte Jessica von Blazekovic.

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8. Mai 2020. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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