Forschungsprojekte

Funding period: 1 May 2019 to 30 April 2022

How have audiovisual representations of public spaces – and particularly the documentation of war damage and of reconstruction efforts –, shaped the politics, policies and polities of post-WW II Europe? Framing post-war culture as a culture of trauma and transition and treating public space as a privileged site for the discursive construction of regional, national and supra-national communities, VICTOR-E studies the political iconography of public spaces in non-fiction film from the cessation of hostilities (1944-45) until the Thaw (1956) in a transnational perspective. This perspective encompasses different national experiences of war destruction and post-war reconstruction across Europe.
Rather than mere representations of pro-filmic realities, VICTOR-E assumes that documentary films serve as agents in the formation of normative frameworks for communities at both the communal and national level. In particular, VICTOR-E assumes that, through the cinematic configuration of public spaces, non-fiction films contribute towards the formation of distinctive notions of the demos and, by implication, of different and competing visions of democracy.

VICTOR-E unites scholars of non-fiction film from four European countries with film archives and combines archival research with oral histories to provide context for previously digitized as well as newly discovered and digitized content. Apart from scholarly publications and conferences, the main deliverable is a sustainable, multilingual (F, I, D, CZ, English) virtual exhibition connected with European Film Gateway, which presents the research results to scholars and the general public and furthers our understanding of how audiovisual media shape notions of public space as a site of commemoration and political and social action.

Project leader:
Prof. Dr. Vinzenz Hediger | Profile

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The project is funded by HERA - Humanities in the European Research Area

Im dritten Arbeitsfeld soll das im Projekt entwickelte Konzept einer „Biopolitik der Differenz“ im Hinblick auf das Verhältnis von Staat und Gesellschaft in Betracht kommen. Ausgangspunkt ist hier jene Analyse des Verhältnisses von Staat und Gesellschaft, die in den Nachkriegsjahren in Deutschland maßgeblich war. Aufbauend auf diesem Materialkorpus und im Austausch mit den Forschungen in den ersten beiden Arbeitsfeldern zur Biopolitik wird eine neuartige Aneignung maßgeblicher Texte der politischen Philosophie der Moderne (v.a. Hobbes und Hegel) möglich. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie sich mithilfe der Reflexion auf das Verhältnis von Politik und Leben ein Problem des Staat-Gesellschaftsdiskurses durchdenken lässt, das durch die eingangs genannten Krisendiagnosen ins Zentrum der Diskussion gelangt ist. Dabei geht es um die Frage, wie sich Verfassungsprozesse jenseits des traditionellen Verhältnisses von Staat und Gesellschaft begreifen lassen. Diese Frage verbindet zwei verschiedene Aspekte: die Verfassung als die Verteilung und Organisation politischer Macht und die Verfassung als die politisch-rechtliche Strukturierung und damit Ermöglichung der ausdifferenzierten Teilbereiche der bürgerlichen Gesellschaft (im Sinne der "sozialer Konstitutionalisierung"; vgl. Teubner 2012). Diese Doppelfrage nach der Verfassung als Medium der Verbindung und Unterscheidung von Staat und Gesellschaft bzw. Politik und Leben soll in diesem Arbeitsfeld in zwei Hinsichten untersucht werden.
    (a) Unabhängig davon, ob die Kritik des (National-)Staats sich in der Perspektive auf dessen Aufhebung in supranationalen Formen des Politischen (EU, UN, WTO, etc.), in transnationalen Formen von global governance (Bankenregulierung – "Basel III", Schiedsgerichte, etc.) oder in der Hinwendung zu regionalen Formen der Organisation des gesellschaftlichen Lebens (Peergroup, Community, Netzwerk, Lebensformen) artikuliert, geht mit all diesen Modellen die Zurückweisung der Staat-Gesellschaft-Differenz einher. Daher erfordert eine Untersuchung der aktuellen Staatskritik zuvorderst eine Analyse der Bedingungen und Strukturen dessen, wogegen sie sich in Stellung bringt: In kritischer Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Entwürfen zu einer Verfassung nach dem Staat, ob als "dynamisches Verfassungsverständnis" (Habermas 2012: 256), "horizontale Konstitutionalisierung" (Joerges 2008) oder als "Globalverfassung" (Fischer-Lescano 2005), geht es daher um die Untersuchung der Gründe und Strukturen des konstitutiven, differentiellen Abhängigkeitsverhältnisses von (National-)Staat und bürgerlicher Gesellschaft. (b) Die genannten Kritiken des (National-)Staates sind dadurch bestimmt, dass sie an die Stelle der Organisation des Sozialen durch den Staat Modelle der Selbstorganisation des Sozialen stellen. Diese Vereinseitigung auf die selbstorganisierenden und -regulierenden Kräfte des Sozialen hat zur Konsequenz, dass sie die Frage nicht mehr beantworten können, wie politische Freiheit in ihrer spezifischen politischen Normativität – den Ideen der Allgemeinheit, Gleichheit und Solidarität – im Sozialen Wirksamkeit erlangen kann. Es scheint sich damit die Aporie einzustellen, dass das Soziale entweder im modernen Sinn als selbstregulierend oder aber, antimodern, als von außen staatlich gesteuert gedacht werden muss. In diesem Arbeitsfeld soll der Hypothese nachgegangen werden, dass sich diese Aporie auflösen lässt, wenn die begrifflichen Ressourcen einer Biopolitik der Differenz ins Spiel gebracht werden. Denn diese erlauben, die Differenz von Leben und Politik so zu denken, daß sie nicht nur – negativ – das gesellschaftliche Leben von der staatlichen Regulierung freisetzt, sondern – umgekehrt und positiv – die Freiheit des Politischen allererst ermöglicht. Die genannte Aporie beruhte demnach (undurchschaut) auf einem defizienten oder problematischen Verständnis der Differenz von Leben und Politik. Diese Hypothese soll vor allem durch eine kritische Rekonstruktion der Gedanken desjenigen Autors ausgearbeitet werden, der für die (deutsche) Diskussion von Staat und Gesellschaft grundlegend ist: der politischen Philosophie Hegels. Dabei soll gezeigt werden, dass sich bereits in der Hegelschen Staatsphilosophie, die die Staat-Gesellschaft-Differenz maßgeblich bestimmt hat, entscheidende Hinweise darauf finden, wie das äußerliche Verhältnis von bürgerlicher Gesellschaft und (National-)Staat durch einen Zusammenhang von Leben und Politik überwunden werden kann, in dem Politik und Leben je in sich die Differenz zum anderen geltend machen. Dieser Gedanke kann für die Frage nach einem erneuerten Begriff des Staates in Zeiten der Globalisierung (a) fruchtbar gemacht werden.

Literatur:
Fischer-Lescano, Andreas 2005: Globalverfassung: Die Geltungsbegründung der Menschenrechte. Weilerswist.
Habermas, Jürgen 2012: Nachmetaphysisches Denken II - Aufsätze und Repliken. Berlin.
Joerges, Christian 2008: "Kollisionsrecht als Form der Konstitutionalisierung Europas nach 'schmerzlichen Erfahrungen': Zur Kritik der Geschichtsvergessenheit der Europarechtswissenschaft", in: ders. et al. (Hrsg.): "Schmerzliche Erfahrungen der Vergangenheit" und der Prozess der Konstitutionalisierung Europas. Wiesbaden, 26-42.
Teubner, Gunther 2012: Verfassungsfragmente. Gesellschaftlicher Konstitutionalismus in der Globalisierung, Berlin.

Das Projekt „Die politische Differenz des Lebens“ unternimmt es, den Diskurs über Staat und Gesellschaft mit dem Diskurs über Politik und Leben in Beziehung zu setzen. Davon ist aus einer Reihe von Gründen ein wichtiger Erkenntnisgewinn zu erwarten. Auf der einen Seite kann die Diskussion zum Verhältnis von Politik und Leben etwas darüber lehren, wie die Gesellschaft als äußere Voraussetzung der Politik selbst politisch produziert und reproduziert wird. Nur wenn die Gesellschaft als lebendiger Zusammenhang verstanden wird, wird auch begreifbar, dass politische Regulierung notwendig die Regulierung gesellschaftlicher Selbstregulation sein muss. Auf der anderen Seite stellt die Beschreibung des modernen Verhältnisses von Staat und Gesellschaft eine Figur der Differenz bereit, die in den gegenwärtig dominanten Auseinandersetzungen um die Biopolitik fehlt. Nur wenn die Politik als gegenüber dem Leben kategorial differente Orientierung an der vernünftigen Bestimmung des Allgemeinen verstanden wird, lassen sie sich einander gegenüber als wechselseitig irreduzibel begreifen.
    Zugleich aber gilt, dass beide Diskurse einander nicht äußerlich ergänzen können, sondern innerlich verändern müssen. Denn während das Denken in den Kategorien von Staat und Gesellschaft dazu neigt, ihre Differenz als ein stabiles Verhältnis des Verschiedenen zu verstehen (und dadurch in Kohärenz zu überführen), stellt der biopolitische Diskurs einen Begriff des Lebens bereit, der durch seine wesentliche Unbestimmtheit und Entzogenheit bestimmt wird. Darin liegt das Spezifische der modernen Bestimmung des Lebens: Das Leben wird in der Moderne, im Bruch mit teleologischen Konzeptualisierungen, als selbstbezüglicher Prozess der Erhaltung und Steigerung ohne einen Zweck, in dem es sich erfüllt, und damit ohne abschließende Form gedacht (Ebeling 1976; v.a. die Beiträge von Blumenberg, Buck, Henrich und Spaemann; im Hintergrund steht dabei die kritische Deutung des modernen Lebensbegriffs, die Heidegger an Nietzsche entwickelt hat; vgl. Heidegger 1950 und 1961.). Im Verhältnis von Politik und Leben bedeutet dies: Leben ist in der Moderne das politisch hervorgebrachte Andere der Politik. Das Projekt zielt mithin auf das Denken einer doppelten Differenz: des Lebens gegenüber der Politik und der Politik gegenüber dem Leben. Diese Perspektive hat eine deskriptive und eine normative Bedeutung, die durch die Ausarbeitung einer Biopolitik der Differenz genauer bestimmt werden sollen.
    Deskriptiv: Auf einer ersten Ebene liegt das Ziel des Projekts darin, die differentielle Struktur der modernen Politik besser zu verstehen, von der her auch die Dynamik und Form ihrer aktuellen Krise zu begreifen ist. Denn die Biopolitik der Differenz versteht die moderne Form der Politik so, dass sie sich vom Leben ausdifferenziert und es dadurch als ihr Außen hervorbringt. Das entspricht der Weise, in der der Staat die Gesellschaft als eigenständige und selbstregulierte produziert und sich selbst erst durch diese Differenzierung bestimmt. Um die Differenzierungsbewegung genau zu begreifen, bedarf es allerdings mehr als der Feststellung einer solchen Entsprechung. Es soll vielmehr untersucht werden, inwiefern – in der einen Richtung – die staatliche Freigabe der Gesellschaft von der staatlichen Regulierung auf bestimmten Annahmen über die Selbstregulierung des Lebendigen beruht und inwiefern – in umgekehrter Richtung – das Verständnis des Lebens, auf dessen Erhaltung und Steigerung sich die biopolitisch verstandene Regierungstätigkeit richtet, systematisch mit der Gestalt der modernen, bürgerlichen Gesellschaft zusammenhängt. Dies ermöglicht auch, nach dem Verhältnis von Differenz und Krise zu fragen – also danach, inwiefern die Krisen, deren Wahrnehmung die aktuelle Debatte bestimmt, aus der zugrundeliegenden, strukturbestimmenden Differenz unmittelbar hervorgehen: Ist die Differenz als solche bereits eine krisenhafte, brüchige Figur? Und umgekehrt: Wie muss die zugrundeliegende Differenz – von Leben und Politik – begriffen und gestaltet werden, um solche pathologischen, krisenhaften Konsequenzen zu vermeiden?
    Normativ: Das führt auf eine zweite Ebene von Zielen des Projekts. Es soll ebenso die Frage stellen, wie sich ausgehend von den deskriptiven Klärungen zu Staat und Gesellschaft bzw. Politik und Leben die richtige Gestalt ihrer Differenzstruktur bestimmen lässt. Dazu schlägt das Projekt eine klare Positionierung vor: Die Figur einer Biopolitik der Differenz ist nicht nur deskriptiv aufschlussreich, sondern soll auch normativ verteidigt werden. Der Schlüssel dafür liegt in der konstitutiven Unbestimmtheit, die das Leben gegenüber der politischen Form ausmacht: Das Leben entzieht sich seiner politischen Formierung. Dies muss so verstanden werden, dass dem Leben (oder dem Lebendigen) damit eine Differenz gegenüber der Form als solcher zukommt. Durch seine Rekonstruktion im Rahmen einer Biopolitik der Differenz öffnet sich in dem Verhältnis von Staat und Gesellschaft ein Spielraum der Veränderung, der beide Seiten (und damit zugleich die Weise ihrer Verbindung) betrifft: Die wesentliche Unbestimmtheit des Lebens, seine Differenz gegenüber jeder Form, eröffnet einen Raum für neue Weisen der Organisation gesellschaftlicher wie politischer Prozesse. Die Rekonstruktion im Rahmen einer Biopolitik der Differenz erlaubt also, den wesentlichen Unterschied von Staat und Gesellschaft zu denken, ohne sie einander äußerlich entgegenzusetzen und damit der wechselseitigen Veränderung zu entziehen. Die biopolitisch gedachte Unbestimmtheit (oder Formlosigkeit) des Lebens ist die Kraft der Veränderung in dem Verhältnis von Staat und Gesellschaft.
    Um die Figur einer Biopolitik der Differenz zu bestimmen, bedarf es daher dreier Schritte: Erstens soll die Differenz im Leben bestimmt, d.h. ein Lebensbegriff entwickelt werden, der durch seine immanente Differenz bestimmt ist; zweitens soll die Differenz des Lebens zu seinem Anderen (zur Politik als Form) ausgearbeitet werden; drittens soll dadurch das Verhältnis des Lebens der Gesellschaft (oder der Gesellschaft als lebendiger, als Ensemble von lebendigen Vollzügen) zum Staat neu gedacht werden. Diese drei Schritte entsprechen den drei Arbeitsfeldern des Projekts.

Die Teilprojekte

Die Differenz des Lebens (Arbeitsfeld 1)
Das Problem der biopolitischen Form (Arbeitsfeld 2)
Die Verfassung des Lebens (Arbeitsfeld 3)

Literatur:
Ebeling, Hans (Hrsg.) 1976: Subjektivität und Selbsterhaltung: Beiträge zur Diagnose der Moderne. Frankfurt am Main.
Heidegger, Martin 1950: Holzwege. Frankfurt am Main.
Heidegger, Martin 1961: Nietzsche. Band I und II. Pfullingen.

Zur Neukonzeption der Krise von Staat und Gesellschaft

Projektlaufzeit: 1. Januar 2019 bis 31. Dezember 2021

In diesem Projekt sollen zwei Stränge philosophischer Auseinandersetzung mit gegenwärtigen politischen Formen und Krisen zusammengebracht werden. Auf der einen Seite steht der Diskurs, der die beiden Kategorien des Staates und der Gesellschaft hinsichtlich ihrer Differenz und ihres Verhältnisses untersucht. Auf der anderen Seite stehen Diskussionen um die Frage, auf welche Weise sich Politik auf das Leben richtet, oder umgekehrt, inwiefern das Leben die Ressourcen enthält, um die Krisen in der Herausbildung politischer Strukturen zu überwinden. Die vorgeschlagene Verknüpfung soll sich allerdings nicht in einem Vergleich beider Diskurse erschöpfen. Es geht nicht bloß darum zu fragen, inwiefern sie analog funktionieren, die gleichen Gegenstände behandeln und ähnliche oder aber unterschiedliche Antworten auf gegenwärtige Krisen anbieten. Das Projekt soll vielmehr weitergehen und eine wechselseitige Beobachtung beider Diskurse vorschlagen. Jede Seite vermag auf Leerstellen und Probleme der anderen hinzuweisen und zugleich mögliche Antworten zu ihrer Überwindung bereitzustellen.

Zur detaillierteren Beschreibung des Gesamtprojekts: Hier...

Projektverantwortliche:

Dr. Jonas Heller
| Profil
Dr. Marina Martinez Mateo | Profil
Prof. Dr. Christoph Menke | Profil

Die Teilprojekte:

Die Differenz des Lebens (Arbeitsfeld 1)
Das Problem der biopolitischen Form (Arbeitsfeld 2)
Die Verfassung des Lebens (Arbeitsfeld 3)

 

Das Projekt wird gefördert innerhalb des Programms Sachbeihilfe der DFG

Die Aufgabe von Arbeitsfeld 2 ist es, das Verhältnis zwischen dem in Arbeitsfeld 1 herausgearbeiteten Begriff des Lebens und dem modernen Begriff des Politischen systematisch zu entwickeln. Liegt der Fokus in Arbeitsfeld 1 auf der Differenz innerhalb des Lebens (interne Differenz), so behandelt Arbeitsfeld 2 die Differenz von Politik und Leben (relationale Differenz). Das Ziel ist dabei, ein konsistentes Verständnis davon zu gewinnen, wie sich die Politik in der Moderne auf das Leben bezieht, d.h. wie der moderne Begriff der Politik und der moderne Begriff des Lebens miteinander verbunden sind. Dieses Verständnis muss zwei Anforderungen integrieren, die in der bisherigen Auseinandersetzung weitgehend isoliert geblieben sind: Der Begriff des Lebens soll von der Politik her (oder auf die Politik hin) bestimmt werden, ohne dass der Begriff der Politik seine Differenz gegenüber dem des Leben verliert. Diese doppelte Anforderung verlangt methodisch zwei Schritte: In einem ersten Schritt (a) sollen bestehende Ansätze auf ihre Potentiale und auf ihre Schwachstellen untersucht werden. Im Zentrum stehen dabei jene biopolitischen Ansätze, die oben als "Biopolitik der Differenz" bezeichnet wurden, insbesondere der Ansatz Agambens. Bei Agamben interessiert dabei der Begriff der "Form", um den in seinem Homo-Sacer-Projekt die Differenz von Politik und Leben organisiert ist. Auf der Basis einer grundlegenden Relektüre Agambens soll in einem zweiten Schritt (b) ein eigener formtheoretischer Ansatz entwickelt werden, der eine Verbindung mit der politik- bzw. sozialtheoretischen Differenz von Staat und Gesellschaft ermöglicht. Ziel ist es hier, den Form-Begriff als Verbindungs- und zugleich als Trennungsglied von Politik und Leben zu begreifen, um dadurch deren Verhältnis in der Moderne adäquat beschreiben zu können.
    (a) Die Differenz von Politik und Leben bildet für Agamben das zentrale Problem okzidentaler Politik. Den problematischen Gehalt sieht er in der Trennung der politischen Form vom Leben als ihrem bloßen "Material". Die sich als "souverän" begreifende Politik greift auf das Leben so zu, dass es zu einem bloßen (formlosen) Überleben deformiert wird. Die Differenz von Politik und Leben impliziert somit zunächst wiederum (vgl. oben, AF 1.) eine Unterscheidung im Begriff des Lebens selbst – in ein politisches Leben (bíos) und das "nackte" Leben (zoé), das vom Politischen getrennt ist (Agamben 2002; mit Rückgriff auf Arendt 2002). Auf dieser Differenz im Leben selbst gründet Agamben eine kritische Diagnose der Moderne im Zeichen des "Lagers"; allerdings nicht – und darauf kommt es hier an –, um die Differenz von Politik und Leben zu verwerfen, sondern um sie anders zu verstehen. Dafür ist das Verhältnis von Leben und Form entscheidend (Agamben 2015: 195-213 und 2011: 127-149): Der negativen Biopolitik, die auf der Differenz von bíos und zoé basiert, stellt er eine positive Biopolitik entgegen, die er um das Syntagma forma vitae bzw. form-of-life zentriert (Agamben 2011: 131f.). Dabei wird die Form so bestimmt, dass das Leben weder von der Politik getrennt noch auf sie reduziert werden kann. Nicht zu trennen sind sie, weil "Lebensform" ein Leben bezeichnet, dem es um seine politische Form selbst geht; irreduzibel ist es, insofern die Lebensform als "Potentialität" über alle faktischen Formierungen hinausweist und somit jede Reduktion auf eine abschließende politische Gestalt ausschließt. Dieser letzte Punkt impliziert für Agamben notwendigerweise, dass eine positive Biopolitik der Lebensform nur jenseits des Staates (im Sinne von status, Zustand) zu konzipieren ist.
    (b) An diesem Punkt setzt die Konzeption der Relationalität von Leben und Politik im Zeichen der Form an. Sie baut auf Agamben auf und richtet sich zugleich gegen ihn, insofern sich aus Agambens Konzeption zwei wesentliche Desiderate ergeben: Zum einen wird der Staat von Agamben als etwas bloß Negatives bestimmt, zum anderen bleibt im Nachdenken über das Leben die Dimension der Gesellschaft weitgehend unberücksichtigt. Diese beiden Desiderate will das Projekt beheben. Die Hypothese lautet dabei gegen Agamben, dass sich die Differenz von Politik und Leben nicht fassen lässt, ohne beide in ihrer spezifisch modernen Neubestimmung zu verstehen: die Politik als partizipative Bestimmung des Allgemeinen, das Leben als die freie Entfaltung des Besonderen. In diesem Arbeitsfeld soll insbesondere der damit verbundene (oder darin implizierte) Begriff der Form herausgearbeitet werden. Dafür kann zusätzlich zu den oben (AF 1) genannten Vorarbeiten im Rahmen des Frankfurter Exzellenzclusters "Die Herausbildung Normativer Ordnungen" auch an ertragreiche Diskussionen am Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt angeschlossen werden.

Literatur:
Agamben, Giorgio 2002: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt am Main.
Agamben, Giorgio 2011: Höchste Armut. Ordensregeln und Lebensform (Homo sacer IV.1). Frankfurt am Main.
Agamben, Giorgio 2015: The Use of Bodies (Homo sacer IV.2). Stanford.

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