Forschungsprojekte 2007-2012

Forschungsprojekte 2007-2012

Forschungsfeld 1: Konzeptionen von Normativität

1. Die bioethische Herausforderung normativer Ordnungen (Prof. Dr. Rainer Forst)

2. Die Normativität des Rechts im Wandel (Prof. Dr. Klaus Günther und Prof. Dr. Stefan Kadelbach)

3. Gleichheitsanspruch und Geschlechterdifferenzen in Eltern-Kind-Beziehungen: die Praxis normativer Ordnungen (Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Axel Honneth und Prof. Dr. Kai-Olaf Maiwald)

4. Die Schule von Salamanca (Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann)

5. Politische Normativität (Prof. Dr. Peter Niesen)

6. Religiöse Überzeugungen in normativen Ordnungen (Prof. Dr. Thomas M. Schmidt)

7. Normtypen und Stufen normativer Praktiken (Prof. Dr. Thomas M. Schmidt und Prof. Dr. Marcus Willaschek)

8. Quellen moralischer Normativität (Prof. Dr. Martin Seel)

9. Genese von Normen in der ökonomischen Wissenschaft (Prof. Dr. Volker Caspari, Prof. Dr. Rainer Klump und Prof. Dr. Bertram Schefold)

10. Die Diktatur der Gerechtigkeit (Prof. Dr. Rainer Maria Kiesow)

11. Geltungsbedingungen partikular produzierter Normen mit universalistischem Anspruch unter den Bedingungen kultureller Heterogenität (Prof. Dr. Harald Müller)

12. Normativität und Freiheit (Prof. Dr. Christoph Menke)

13. Religiöse Ideen und soziales Handeln: Christliche Rechtfertigungsnarrative zwischen Gesellschaftskritik und Legitimitätsglauben (Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty und Prof. Dr. Axel Honneth)

14. Rechtfertigungsnarrative: Das Beispiel des gegenwärtigen Kinos (Prof. Dr. Martin Seel)

15. Menschenrechte, Gerechtigkeit und Toleranz: Die Herausbildung normativer Ordnungen im Verhältnis des Westens zum Islam (Prof. Dr. Rainer Forst)

16. Herausbildung der Präferenzen für Demokratie und Marktwirtschaft in Afrika südlich der Sahara (Prof. Dr. Nicola Fuchs-Schündeln)

17. Die Rolle des Kinderbetreuungsangebots für Fertilität und weibliches Arbeitsangebot (Prof. Dr. Nicola Fuchs-Schündeln)

18. Normativität in einer nicht-idealen Welt (Prof. Dr. Stefan Gosepath)

19. Professur des Exzellenzclusters – Makroökonomie und Entwicklung (Prof. Dr. Fuchs-Schündeln)

20. Professur des Exzellenzclusters – Internationale Politische Theorie (Prof. Dr. Stefan Gosepath)

21. Professur des Exzellenzclusters – Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie (Prof. Dr. Christoph Menke)

 

Forschungsfeld 2: Geschichtlichkeit normativer Ordnungen

1. Biblische Rechtfertigungsnarrative in spätantiker Umwelt– die Rolle der kaiserlichen Frauen (Prof. Dr. Hartmut Leppin)

2. Menschenwürde in der Frühen Neuzeit (Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann und Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte)

3. Rechtfertigungsnarrative in der Frühen Neuzeit: Debatten um politische Normen in europäischen Ständeversammlungen des 16./17. Jahrhunderts (Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte)

4. Die Wissenschaftskultur der Aufklärung und die Rechtfertigung normativer Ordnungen (Prof. Dr. Moritz Epple)

5. Partikulare Umsetzung normativer Wirtschaftsordnungen im 19. Jahrhundert (Prof. Dr. Andreas Fahrmeir)

6. Normentransfer, Aneignung von Normen und Camouflage normativer Ordnungen (Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl)

7. Westliche Normen und lokale Medien in Afrika (Prof. Dr. Mamadou Diawara)

8. Neue Diskurse zu Staat und Gesellschaft in der islamischen Welt (Doktorandengruppe; Leiterin: Prof. Dr. Susanne Schröter)

9. Religiöse und lokale Ordnungen auf Java. Islam, Wieder-Erstarken von Tradition und Alltagsleben auf Java, Indonesien (Prof. Dr. Susanne Schröter)

10. Feministische Diskurse in der islamischen Welt (Prof. Dr. Susanne Schröter)

11. Mathematik und die Etablierung normativer Ordnungen in antiken Kulturen: Ägypten und Mesopotamien im Vergleich (Prof. Dr. Annette Warner (Imhausen))

12. Zur Funktion der Kanonisierung bei der Wissensüberlieferung in Mesopotamien (Prof. Dr. Annette Warner (Imhausen)

13. Transnationale Genealogien (Doktorandengruppe; Leiterin: PD Dr. Stefanie Michels)

14. Wissen und Information über Afrika (Doktorandengruppe; Leiter: Dr. Benjamin Steiner)

15. Nationale Bildgedächtnisse Europas (Prof. Dr. Bernhard Jussen)

16. Konstituierung und Formwandel von Außenpolitik (in Kooperation mit den Forschungsfeldern 3 und 4) (Prof. Dr. Andreas Fahrmeir, Prof. Dr. Gunther Hellmann und Dr. Miloš Vec)

17. Muslimisches Leben in Wiesbaden (Prof. Dr. Susanne Schröter)

18. Prozedurentexte in der Entwicklung, Bewahrung und Vermittlung von Expertenwissen (Prof. Dr. Annette Warner (Imhausen)

19. Professur des Exzellenzclusters – Ethnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen (Prof. Dr. Susanne Schröter)

20. Professur des Exzellenzclusters – Wissenschaftsgeschichte der vormodernen Welt (Prof. Dr. Annette Warner-Imhausen)

 

Forschungsfeld 3: Transnationale Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden

1. Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie (Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Prof. Dr. Rainer Forst, Prof. Dr. Peter Niesen und Prof. Dr. Klaus Dieter Wolf)

2. Die Einhegung der Gewaltinstrumente: Transformation der Rüstungskontrolle (Prof. Dr. Harald Müller)

3. Secur(itiz)ing the West. The Transformation of Western Order (Prof. Dr. Gunther Hellmann)

4. Aushandlungen von Normativität: Feministische-Postkoloniale Interventionen  (Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies - FRCPS) (Prof. Dr. Nikita Dhawan)

7. Krise und normative Ordnung – Variationen des ‚Neoliberalismus‘ und ihre Transformation (Doktorandengruppe; Leiter: Dr. Thomas Biebricher)

8. Konstituierung und Formwandel von Außenpolitik (in Kooperation mit den Forschungsfeldern 2 und 4) (Prof. Dr. Andreas Fahrmeir, Prof. Dr. Gunther Hellmann und Prof. Dr. Miloš Vec)

9. Das Rechtfertigungsnarrativ des „guten funktionalen Regierens” (Prof. Dr. Jens Steffek)

10. Global Crime Governance: Towards a new Normative Order to Combat Transnational Nonstate Violence (PD Dr. Anja Jakobi und Prof. Dr. Klaus Dieter Wolf)

11. The Quest for a 'New Deal': Opposition and the Global Political Order (Prof. Dr. Nicole Deitelhoff)

12. Ambivalente Universalisierung der Demokratie (Prof. Dr. Jens Steffek und Prof. Dr. Peter Niesen)

13. Der „demokratische Frieden“ als Rechtfertigungsnarrativ (Prof. Dr. Christopher Daase)

14. Hierarchie und Hegemonie in Global Governance (Prof. Dr. Christopher Daase)

15. Friedensmissionen und Sicherheitssektorreform (Prof. Dr. Christopher Daase)

16. Professur des Exzellenzclusters – Internationale Organisationen (Prof. Dr. Christopher Daase)

17. Professur des Exzellenzclusters – Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnung (Prof. Dr. Nicole Deitelhoff)

18. Professur des Exzellenzclusters – Gender/Postkoloniale Studien (Jun.-Prof. Dr. Nikita Dhawan)

19. Professur des Exzellenzclusters – Transnationales Regieren (Prof. Dr. Jens Steffek)

 

Forschungsfeld 4: Die Herausbildung von Rechtsnormen zwischen den Nationen

1. Regulierte Selbstregulierung in rechtshistorischer Perspektive (Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Stolleis)

2. Zivilverfassungen in der Weltgesellschaft (Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Gunther Teubner)

3. Exterritorialisierung normativer Ordnungen (Prof. Dr. Joachim Zekoll)

4. Strafen, Sanktionen und andere Durchsetzungsinstrumente normativer Ordnungen (Prof. Dr. Klaus Günther und Prof. Dr. Cornelius Prittwitz)

5. Das Völkerrecht und seine Wissenschaft, 1789-1914 (Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Stolleis)

6. Gründe und Praxis des Strafens – ein deutsch-amerikanischer Vergleich (Prof. Dr. Klaus Günther)

7. Internationales Immaterialgüterrecht – Grundstrukturen, weltweite Expansion und Krise einer normativen Ordnung (Prof. Dr. Alexander Peukert)

8. Normative Bedingungen der Entwicklungspolitik (Doktorandengruppe; Leiter: Prof. Dr. Stefan Kadelbach)

9. Wandel des transnationalen Arbeits- und Wirtschaftsrechts (Doktorandengruppe; Leiter: Dr. Florian Rödl)

10. Konstituierung und Formwandel von Außenpolitik (in Kooperation mit den Forschungsfeldern 2 und 3) (Prof. Dr. Andreas Fahrmeir, Prof. Dr. Gunther Hellmann und Prof. Dr. Miloš Vec)

11. Entstehung und Veränderung konstitutioneller Ordnungen im Vergleich (Prof. Dr. Günter Frankenberg)

12. Die Entstehung nationaler Rechtssysteme im postosmanischen Südosteuropa (Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Stolleis)

13. Professur des Exzellenzclusters – Bürgerliches Recht und Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt im internationalen Immaterialgüterrecht (Prof. Dr. Alexander Peukert)

 

Die bioethische Herausforderung normativer Ordnungen

Projektleitung: Prof. Dr. Rainer Forst

In diesem Projekt ging es um die Frage, wie neue biomedizinische Technologien, etwa künstliche Befruchtung, Stammzellforschung, Präimplantationsdiagnostik (PID) und genetische Manipulation, die universalistische und egalitäre Moral sowie bestimmte traditionelle Wertvorstellungen, etwa über die Demut vor der natürlichen Ordnung, herausfordern.

Dabei wurde zwischen zwei Arten von Technologien differenziert, die jeweils unterschiedliche Herausforderungen darstellen. Zum einen wurden Technologien untersucht, die Leben künstlich herstellen, dieses sodann aber zerstören (1). Zum anderen handelt es sich um Technologien, die Leben künstlich herstellen, um es dann mit Blick auf die Hervorbringung einer neuen Person auf bestimmte Qualitätsmerkmale hin zu selektieren oder genetisch zu manipulieren (2). Während Technologien der ersten Kategorie alte Fragen in neuem Lichte erscheinen lassen, führen Technologien der zweiten Sorte zu völlig neuartigen Problemen.

(1) Methoden der künstlichen Befruchtung, der Stammzellforschung und teilweise auch die PID (insofern Embryonen ausselektiert werden), die auf die künstliche Herstellung und Destruktion von Embryonen angewiesen sind, machen es notwendig, den moralischen Status von Embryonen neu zu überdenken. Anders als im Kontext der Abtreibungsdebatte, in dem der moralische Status des Embryos gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frau abgewogen werden musste, geht es in diesen bioethischen Konflikten um eine Reihe von anderen konkurrierenden Interessen, die den moralischen Status des Embryos übertrumpfen sollen: so etwa das Interesse am medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritt, das Interesse am „eigenen“ (also biologisch verwandten) Kind sowie das Interesse, gesunden Nachwuchs zu gebären, aber auch Krankheiten, wie etwa Leukämie oder Alzheimer, bei bereits Geborenen besser heilen zu können. Während man im Abtreibungskonflikt argumentieren kann, dass die Pflicht zur Achtung des moralischen Status des Embryos durch das Selbstbestimmungsrecht der Frau ausnahmsweise überwogen wird, stellt die Implementierung dieser neuen Technologien das Bekenntnis zum Embryonenschutz grundsätzlich in Zweifel.

(2) Technologien wie PID und genetische Manipulation ergeben ganz neuartige Probleme: Nicht nur ist es bereits möglich, in der Petrischale Embryos mit gewissen genetischen Prädispositionen „auszuwählen“, sondern es wird möglicherweise machbar sein, die Natur der nächsten Generation auf fundamentale Weise zu bestimmen. Diese neue Eingriffsmöglichkeit verschärft nochmals die ohnehin existierende Machtasymmetrie zwischen den Generationen, bei denen jetzt Lebende über die Existenz und die Lebensumstände Nachgeborener bestimmen können. Die Frage ist, ob sich diese Macht auch in ein Recht der Eltern zur verbessernden Intervention übersetzen lässt, wie liberale Eugeniker zumeist annehmen (Buchanan et al. in From Chance to Choice, 2000; Dworkin in Playing God, 2000), oder ob diese Macht nicht eher zur Vorsicht mahnt. Dieser zweiten Position zufolge respektiert man die Autonomie und Gleichheit zukünftiger Menschen nur, wenn man sich Eingriffen in ihr Genom so weit wie möglich enthält (Habermas in Die Zukunft der menschlichen Natur, 2001).

In dem Projekt wurden diese Probleme umfassend analysiert und vor dem Hintergrund der Clusterforschungsprogrammatik ein Lösungsansatz entwickelt, der existierende und auch (in einem bestimmten Sinne) künftige Personen als freie und gleiche, autonome Rechtfertigungswesen bzw. Rechtfertigungsautoritäten mit einem „Recht auf Rechtfertigung“ (Forst) ansieht. Aus diesem moralischen Status folgen die Pflichten solchen Personen gegenüber.

In den Rahmen des Forschungsprojekts fand der Workshop „What Do We Owe to Future People?“ (vom 19.-20.02.2010) statt, den Anja Karnein gemeinsam mit Rainer Forst organisierte. Vortragende waren: Rahul Kumar (Ontario), Matthew Hanser (Santa Barbara), Melinda Roberts (New Jersey),Elizabeth Harman (Princeton), John Harris (Manchester), Armin Grunwald (Karlsruhe) und Anja Karnein. Jürgen Habermas, Ludwig Siep (Münster), Michael Quante (Köln) und Rainer Forst nahmen kommentierend teil.

Zu den wichtigsten Veröffentlichungen aus diesem Foschungsprojekt zählen: Karnein, Anja (2012): A Theory of Unborn Life. From Abortion to Genetic Manipulation, Oxford: Oxford University Press; deutsche Übersetzung (von Christian Heilbronn) (2013): Zukünftige Personen. Eine Theorie des ungeborenen Lebens von der künstlichen Befruchtung bis zur genetischen Manipulation, Berlin: Suhrkamp; Karnein, Anja (2012): „Parenthood- Whose Right is It Anyway?”, in: Richards, Martin/ Pennings, Guido/Appleby, John (Hg.): Reproductive Donation, Cambridge: Cambridge University Press, 51-69; und Forst, Rainer (2011): Kritik der Rechtfertigungsverhältnisse. Perspektiven einer kritischen Theorie der Politik, Berlin: Suhrkamp; englische Übersetzung (von Ciaran Cronin) (2013): Justification and Critique, Cambridge: Polity Press; italienische Übersetzung (von Enrico Zoffoli) (2013): Critica dei rapporti di giustificazione, Turin: Trauben; spanische Übersetzung: (von Graciela Calderón) (2015): Justificación y crítica, Buenos Aires: Katz Editores.

Die Normativität des Rechts im Wandel

Projektleitung: Prof. Dr. Klaus Günther und Prof. Dr. Stefan Kadelbach

Das Projekt zielte darauf ab, rechtliche Konzeptionen von Normativität (verstanden als die bindende Kraft von Normen, die ihnen ihren Sollens-Gehalt verleiht) herauszuarbeiten und sie im Hinblick auf sich wandelnde Rahmenbedingungen von global governance, globaler Gerechtigkeit und Legitimität auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.
Der Fokus des Projekts lag dabei auf dem internationalen Recht. Dieser – neutrale – Begriff soll sowohl das Völkerrecht als auch über- bzw. außerstaatliche Rechtssetzung durch nicht-staatliche Akteure umfassen. Im Völkerrecht hat unter dem Einfluss insbesondere der Globalisierung, der Verlagerung von Zuständigkeiten auf internationale Organisationen sowie zunehmender Rechtssetzung durch nicht-staatliche Akteure ein Strukturwandel stattgefunden, welcher sich durch eine Entstaatlichung der Rechtssetzung und eine Überlagerung des Rechts durch neue Normschichten kennzeichnet.

Im Rahmen des Projekts wurde zunächst ein Verständnis des Begriffs der rechtlichen Normativität herausgearbeitet, welcher zum einen für die Charakterisierung einer Norm als Rechtsnorm hinreichend bestimmt ist, zum anderen aber hinreichend offen für eine Anwendung auf zwischen- bzw. überstaatliche Sachverhalte bleibt. Anhand von diesem Normativitätsbegriff wurde dann versucht, Kriterien für die Unterscheidung Recht / Nicht-Recht (was unterscheidet Rechtsnormen von anderen Normen?) zu entwickeln. Geprüft wurde, ob überhaupt von einem einheitlichen Rechts- und somit auch Normativitätsbegriff ausgegangen werden kann. Zudem stellte sich im spezifischen Kontext des Völkerrechts die Frage nach den Auswirkungen eines Wandels des Normativitätsverständnisses auf die Rolle des Rechts im über- bzw. zwischenstaatlichen Raum.

Ziel des Vorhabens war ein Beitrag zur Frage, warum Recht jenseits staatlicher Rechtsordnungen und der zugehörigen Zwangsapparate verbindlich ist. Vor diesem Hintergrund wurden zum einen von Klaus Günther und seinem Mitarbeiter Ralf Seinecke die Theorien des Rechtspluralismus, zum anderen von Alain Germeaux und Stefan Kadelbach die Theorien zum Völkerrecht und zur Normativität in den internationalen Beziehungen gesichtet und kritisch gewürdigt.

Das völkerrechtliche Teilprojekt untersuchte verschiedene Wege, die Verpflichtungskraft von Normen zwischen den Staaten zu erklären. Die diversen Zugriffe eines methodischen Realismus einschließlich der rational choice-Ansätze erwiesen sich als unbefriedigend, letztlich weil sie einseitig auf utilitaristische Kalküle der Befolgung setzen und die intrinsische Kraft normativer Bindung, die soziale Anerkennung von Normen und die Legitimität von Geltungsansprüchen nicht ausreichend veranschlagen. Daher wurde ein Ansatz erarbeitet, der Normgeltung und Normerzeugung über die Durchsetzung stellt, die Aussicht auf Durchsetzung aber zum Bestandteil der Geltung macht.

Die Dissertation von Alain Germeaux beschäftigte sich demgemäß mit Bindungs- und Compliance-Theorien aus der Rechtstheorie, der Völkerrechtswissenschaft und der Theorie Internationaler Beziehungen. Sie griff bis in die 20er Jahre aus und geht Theorien seit Kelsen und Morgenthau thetisch durch. Nach Diskussion diverser Ansätze, von denen viele in den letzten Jahren nach langer wechselseitiger Nichtkenntnisnahme eine Annäherung der politischen und der Völkerrechtswissenschaft versuchen, entscheidet er sich nach der Aufnahme von Elementen der Lehren von Hart und Franck am Schluss für einen an die Eigenheiten des Völkerrechts angepassten kommunikationstheoretischen Ansatz. Germeaux, Alain: Shaping Foreign Policy Through Law: Communicative Action and the International Legal Order, Basingstoke: Palgrave Macmillan (im Erscheinen).

Das rechtstheoretische Teilprojekt widmete sich der aktuellen Diskussion über den globalen Rechtspluralismus. Das breite Spektrum der dazu entwickelten Theorien wurde historisch, systematisch und kritisch untersucht, vor allem in der Dissertation von Ralf Seinecke (s.u.). Daneben ging es auch darum, diese Theorien nicht nur als Beschreibungen eines Faktums zu verstehen, sondern auch als normative Positionen, die den globalen Rechtspluralismus gegenüber einem monistischen oder staatszentrierten Rechtsbegriff vorziehen. Ein normativer Rechtspluralismus muss sich dann allerdings mit dem notorischen Problem der Kollision pluraler Rechte auseinandersetzen. Für ein entsprechendes Pluralitäts- oder Hybriditätsmanagement zwischen verschiedenen Rechtsordnungen und nicht-rechtlichen Ordnungen sind einige Vorschläge gemacht worden (z.B. Schiff Berman; oder Teubner, siehe Projektbericht FF4-2. Zivilverfassungen in der Weltgesellschaft). Eine kritische Analyse dieser Vorschläge lässt erkennen, dass sie nicht ohne die kontra-faktische Unterstellung eines gemeinsamen symbolischen Raumes und gemeinsamer Diskursregeln sowie Techniken der Verallgemeinerung von Interessen auskommen. Diskurstheoretische Überlegungen sollen dazu beitragen, eine solche Position eines „Dritten“ nicht essentialistisch oder etatistisch, sondern prozedural zu rekonstruieren und zu begründen.

Die Dissertation von Ralf Seinecke analysierte verschiedene Begriffe des Rechtspluralismus aus der Rechtsanthropologie, der Rechtssoziologie, der Rechtsgeschichte, der Politikwissenschaft und dem (öffentlichen wie privaten) Internationalen Recht. Diese Konzeptionen wurden ‚werkbiographisch‘, also mit Blick auf die Protagonisten der Diskussionen und ihre biographischen Hintergründe, untersucht und systematisch geordnet. Daneben leistete die Arbeit eine Rekonstruktion des Begriffs des Rechtspluralismus selbst sowie seiner erkenntnisstrukturierenden (epistemischen) Dimensionen, seiner Begriffsgeschichte und seinem Anwendungsfeld in der Rechtsgeschichte, der Rechtsanthropologie und im Völkerrecht. Im bewussten Kontrast zu den (mehr oder weniger) ‚postmodernen‘ Autoren des Rechtspluralismus werden in der Arbeit zudem die ‚klassisch modernen‘ Gegenspieler der Rechtspluralisten daraufhin untersucht, inwieweit diese – wie die Rechtspluralisten der Postmoderne gerne behaupten – etatistisch oder monistisch verfasst sind. Ein zusammenfassendes Kapitel zu den Phänomenen, dem Rechts- und Wissenschaftsbegriff sowie der Legitimität und der Dogmatik des Rechtspluralismus beschließt die Arbeit.

Begleitend organisierten die Projektleiter im Wintersemester 2009/10 die Ringvorlesung „Recht ohne Staat?“ mit Beiträgen von Gunther Teubner, Klaus Dieter Wolf, Rainer Hofmann, Thomas Duve, Franz von Benda-Beckmann und Susanne Schröter, die sie, erweitert um eine 40seitige Einleitung, in Buchform herausgegeben haben: Stefan Kadelbach/ Klaus Günther (Hg.): Recht ohne Staat? Zur Normativität nichtstaatlicher Rechtssetzung. Frankfurt/New York: Campus, 2011. Eine Kritik des normativen Rechtspluralismus findet sich bei: Klaus Günther, Normativer Rechtspluralismus – eine Kritik, in: H. Diefenbacher/Th. Moos/M. Schlette (Hg.), Das Recht im Blick der Anderen, Festschrift für Eberhard Schmidt-Aßmann, Tübingen (Mohr/Siebeck), 2014 (= Normative Orders Working Paper 03/2014). Zu den wichtigsten Publikationen des Projekts zählt außerdem: Seinecke, Ralf: Das Recht des Rechtspluralismus, Tübingen (Mohr Siebeck), 2015.

Zu den wichtigsten Veranstaltungen im Forschungsprojekt zählte neben der genannten Ringvorlesung die Internationale Jahreskonferenz des Exzellenzclusters 2011 zum Thema „Legal Cultures, Legal Transfer, and Legal Pluralism“.

Der diskurstheoretische Ansatz wird im Projekt FF3-6 „Legitimation durch Völkerrecht und Legitimation des Völkerrechts" in der zweiten Förderperiode fortgeführt. Die Auseinandersetzung mit dem Rechtspluralismus und die diskurstheoretische Rekonstruktion der Position eines Dritten werden in der zweiten Förderperiode fortgesetzt in dem Projekt FF1-2 „Multinormativität“.

Gleichheitsanspruch und Geschlechterdifferenzen in Eltern-Kind-Beziehungen: die Praxis normativer Ordnungen

Projektleitung: Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Axel Honneth und Prof. Dr. Kai-Olaf Maiwald

Familienbeziehungen stellen herausgehobene Orte des Aufeinandertreffens von Normen unterschiedlicher Art dar. Schon der Typus der bürgerlichen Familie, der im Verlauf des 19. Jahrhunderts entstand und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts allgemeine Geltung beanspruchen konnte, lässt sich als zeitgebundene „Klammer“ für heterogene Normvorgaben verstehen: Normen der politischen Ordnung (Herrschaft, Recht), die eine grundlegende Hierarchie zwischen Männern und Frauen begründen; Normen einer kulturellen „Tiefenschicht“ der Geschlechtersymbolik, die Männern und Frauen komplementäre Eigenschaften und Tätigkeitsfelder zuweisen; Normen, die auf zentrale Eigenschaften von Familienbeziehungen verweisen (Intimität, Emotionalität) und die Mitglieder auf Reziprozität, Fürsorge und die Betonung der Individualität verpflichten.

Das bürgerliche Familienmodell hat jedoch in den letzten Jahrzehnten seinen Geltungsanspruch in vielerlei Hinsicht eingebüßt. Das gilt besonders für Geschlechterdifferenzierungen in der öffentlichen wie in der privaten Sphäre. Grundlagen der Rechtfertigung der komplementären Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern – in Gestalt von Traditionalismen, Biologismen und spezifischen Geschichtsdeutungen – wurden einer weitgehenden Kritik unterzogen. Auch konnte vor dem Hintergrund der zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen bis hin zu der weitgehenden Institutionalisierung der Norm weiblicher Erwerbstätigkeit ein Rekurs auf die faktischen Geschlechterverhältnisse nicht mehr in der Weise als Begründung fungieren. Diese Entwicklung wurde begleitet von einem Prozess der „Demokratisierung“ der Familienbeziehungen, der in einer zunehmenden Bedeutung von Ideen der Gleichheit und Verteilungsgerechtigkeit als normativen Bezugspunkten des Handelns zum Ausdruck kam. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Paarbeziehungen, sondern auch das Verhältnis von Eltern und Kindern. Der Interaktionsstil wird nicht nur zunehmend egalitärer im Sinne eines Abbaus der innerfamilialen Hierarchie, die Eltern orientieren sich auch mehr an einer Gleichbehandlung von Jungen und Mädchen sowie an der Berücksichtigung und Förderung der je besonderen Persönlichkeit des Kindes.

Trotz dieser Entwicklungen kann man davon ausgehen, dass weiterhin – zumindest innerhalb bestimmter Bereiche der allgemeinen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit – ein Differenzdiskurs von Bedeutung ist, in dem eine Ungleichheit der Geschlechter betont und als naturgegeben verstanden wird. Vor allem aber lässt sich, wie auch bei der ehelichen Arbeitsteilung, eine Diskrepanz zwischen den normativen Vorgaben und der faktischen Praxis feststellen. So weisen auch Kinder von explizit egalitär orientierten Eltern häufig Persönlichkeitseigenschaften auf, die den alten Geschlechterstereotypen entsprechen.

Das Projekt untersuchte, wie Geschlechternormen von Eltern konzeptualisiert und im Erziehungsalltag mit dem Kind etabliert werden. Angenommen wurde, dass elterliches Handeln gegenwärtig durch drei normative Ordnungen gekennzeichnet ist: a) die Orientierung an der Gleichheit der Geschlechter, b) die Unterstellung ihrer Verschiedenheit, c) die Orientierung an der Individualität des Kindes.

Für die empirische Auswertung wurden nicht Geschlechter (Stereo-)typen analysiert, vielmehr lag der Fokus auf differenzierenden Konzepten und Interaktionen. So wurden die Grenzsetzungen in den Blick genommen und nicht so sehr die (historisch immer wieder wechselnden) Inhalte von Geschlechterbildern. Die Analyse hatte eine exemplarische, modellbildende Ausrichtung. Datengrundlage waren eine Videoaufzeichnung einer angeleiteten Spielgruppe von Kindern im Alter von 3-4 Jahren und ihren Müttern sowie teilstrukturierte Interviews mit fünf dieser Mütter.

Zur Interviewauswertung: Alle drei Muster lassen sich in den Äußerungen der Mütter mit fallspezifischen Unterschieden nachweisen und erscheinen so als nicht hintergehbar. Auch bei den Müttern, die über eine ausgeprägte Orientierung an der Gleichheits- oder Individualitätsidee verfügen, können deutliche unterschwellige geschlechterdifferenzierende Muster ausgemacht werden. Bemerkenswert ist die Gleichzeitigkeit der inhaltlich ja konkurrierenden Orientierungen, die bei den Akteuren auch kaum zu Deutungsproblemen Anlass gab. Nur teilweise ließen sich die normativen Muster in eine Hierarchie der Art „manifeste (und damit wenig handlungswirksame) Orientierungen“ vs. „latente (und damit stärker handlungsrelevante) Orientierungen“ bringen. Das wirft die Folgefrage auf, wie sich die konkurrierenden Orientierungen in der alltäglichen elterlichen Praxis vermitteln.
Zur Videografieauswertung: Im frühkindlichen Alter scheinen andere Normen (als die Geschlechternormen) im Vordergrund zu stehen. In den Mutter-Kind-Interaktionen sind zwar uneindeutige geschlechterdifferenzierende Gesten zu erkennen, die bis zu einem gewissen Maße durch die begleitende Sprache vereindeutigt werden, aber mütterlicherseits wird bei Verstoß gegen (typische) Geschlechternormen nicht, bei anderen Normenverstößen (v. a. Gerechtigkeits- und Höflichkeitsnormen) aber deutlich sanktioniert. Darüber hinaus bleibt es nicht auflösbar, ob tatsächlich in einigen Interaktionen die Geschlechternorm oder zum Beispiel die Individualitätsnorm thematisch war. Erst der Akt des Kommentierens durch Dritte vereindeutigt die mehrdeutig gebliebene Praxis in Bezug darauf, dass nun die Geschlechternorm dominant wird. Die vorher latente Geschlechternorm erhält durch die intersubjektiv vollzogenen Reinterpretationen manifeste Geltung.

Zu den wichtigsten Forschungspublikationen des Projektes zählen: Maiwald, Kai-Olaf (2010): „Vom Schwinden der Väterlichkeit und ihrer bleibenden Bedeutung. Familiensoziologische Überlegungen“. In: Thomä, Dieter (Hg.), Vaterlosigkeit. Geschichte und Gegenwart einer fixen Idee. Berlin: Suhrkamp, 251-268; Maiwald, Kai-Olaf (2012): Solidarität in Paarbeziehungen. Eine Fallrekonstruktion, in: Dorothea Christa Krüger, Holger Herma und Anja Schierbaum (Hg.): Familie(n) heute – Entwicklungen, Kontroversen, Prognosen, Weinheim und München: Juventa, 324-342 und Honneth, Axel (2011): Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit. Berlin: Suhrkamp.

Die Schule von Salamanca

Projektleitung: Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann

Den Forschungshintergrund des Teilprojekts „Die Schule von Salamanca“ bildete die Frage, wie sich das internationale Recht mit heterogenen Rechtspraktiken verträgt. Dazu konzentrierte sich die Arbeit des Teilprojekts „Die Schule von Salamanca“ auf die Anfänge und Grundlagen einer globalen normativen Ordnung und untersuchte die Entwicklung der Theorie der internationalen Rechtsordnung im Anschluss an Francisco de Vitoria (1483-1546). Dessen von Reformation, Humanismus, Entdeckung und Eroberung der „Neuen Welt“ angespornte Überlegungen kreisen um die Konzeption einer neuen globalen normativen Ordnung, die die Pluralität politischer Vergemeinschaftungsformen berücksichtigt. Ein differenziertes Verständnis des rechtlichen Charakters jener Ordnung bringt sie dabei in eine Spannung zwischen positivem Recht und Naturrecht: Einerseits wird die inhaltliche Begründung sowie die Etablierung der Bindungskraft des ius gentium vernunftrechtlich formuliert und jedes menschliche Subjekt als zur Einsicht in diese Normen befähigt und zu ihrer Einhaltung verpflichtet beschrieben. Andererseits werden ein Begriff positiven Rechts und eine große Sensibilität für die Spezifizität der Rechtsform (weiter-)entwickelt, die von einer genauen Kenntnis faktischer Rechtsverhältnisse und -prozesse zeugen. In der systematischen Diskussion deutete sich allerdings an, dass die Annahme einer vernunftrechtlichen Geltung der Grundnormen des internationalen Rechts mit dem Faktum der kulturellen Differenz und der Heterogenität der Rechtspraktiken der Menschheit kollidiert. Auch die Vorstellung einer Positivierung des allgemeinen Vernunftrechts erwies sich als prekär, da im Raum des internationalen Rechts wesentliche Institutionen des positiven Rechts fehlen. Vor diesem Hintergrund erschien deshalb neben der theoriegeschichtlichen Rekonstruktion der wirkmächtigen, aber bislang noch unzulänglich gewürdigten Theorie des Vitoria insbesondere auch die systematische Auseinandersetzung mit ihm als besonders wichtig. Neben den grundsätzlichen Fragen nach Infrastruktur, Geltungsbedingungen und -charakter dieser normativen Ordnung ergab sich eine Reihe speziellerer Fragen wie die nach den Konzeptionen von Staatlichkeit und Rechtssubjektivität, nach der Autorität des Rechts und diverser Institutionen sowie nach dem Begriff und der Rolle der Menschenrechte.

Im Verlauf des Projekts „Die Schule von Salamanca“ kristallisierten sich zwei Schwerpunkte heraus: Einerseits die Rechtsphilosophie des Francisco de Vitoria, in der auf singuläre Weise die Traditionen der Theologie, des Humanismus, der politischen Philosophie und der Rechtslehre zusammenfinden. Aufnahmen säkularer und proto-positivistischer Motive werden bei Vitoria mit einer normativ gehaltvollen Einbettung in den Kontext einer Sorge um die Unvollkommenheit des Menschen und um die notwendigen normativen Strukturen von Rechtssystemen überhaupt verwoben. Vor diesem Hintergrund wurde herausgearbeitet, wie Vitoria den Regelungsgegenstand des Rechts, seine Regelungsadressaten und die institutionellen Aspekte der Rechtspflege und der Rechtsgenerierung beschreibt sowie übergreifend die Geltungsdimension des Rechts als solche. Den zweiten Schwerpunkt bildete das Verhältnis zwischen der Konzeptualisierung von Rechtsgemeinschaft und dem Geltungscharakter sowie der Bindungskraft des in dieser Gemeinschaft geltenden Rechts und dies wurde in Beziehung gesetzt zum Völkerrecht und zu den Geltungsbedingungen in den internationalen Beziehungen. In mehreren Artikeln wurde dieser Zusammenhang für verschiedene Autoren dargestellt: Bei Francisco de Vitoria handelt es sich um ein republikanisches Konzept, dem zufolge die Normen des Völkerrechts in der Regel als positive Beschlüsse einer weltweiten Versammlung angenommen werden müssen. Um mit der Diskrepanz zwischen dieser Geltungsstruktur und dem faktischen Fehlen eines globalen Gesetzgebers umzugehen, schlägt Vitoria eine Unterscheidung zwischen auctoritas und potestas vor, wobei Letztere eine bestimmte, auch limitierte und legitimierte Amtsgewalt bezeichnet, Erstere hingegen auf ein Verhältnis zwischen Gemeinwohl, kollektiver praktischer Rationalität und Rechtsordnung abstellt. Für Domingo de Soto ergeben sich politisch-rechtliche Kompetenzen vor allem aus der quasi-organischen Verfasstheit eines Kollektiv-Körpers – ein solcher ist für das Völkerrecht nicht vorstellbar, weshalb es allein auf der je individuellen Grundlage einer Verpflichtung aller vernunftbegabten Wesen auch die Staatsführer binden kann. Bei Alberico Gentili schließlich wird diese naturalistische Perspektive durch die Bodinsche Souveränitätstheorie abgelöst; auch für ihn ist der Gipfel der rechtlichen Kompetenz bereits auf dem Niveau der einzelnen Gemeinwesen erreicht. Die globale Gemeinschaft, die auch er rechtfertigend anführt, spielt eher die Rolle einer moralischen Idee, die globale Implikationen hat, welche aber nicht rechtsförmig durchgesetzt werden können. In beiden Schwerpunkten konnten aufschlussreiche Linien des Zusammenhangs von rechtlichen Normen, auch im modernen Sinne, mit der kollektiven Verfasstheit sozialer Praxis und mit Normativität überhaupt nachgezeichnet werden. Über Einsichten in die normative Binnenstruktur der Systeme rechtlicher Ordnung hinaus ließen sich dabei auch Rückschlüsse auf die Eigenlogik der rechtlichen im Vergleich zu anderen normativen Ordnungen und deren Diskursen – wie etwa der Theologie oder der Politik – ziehen.
Das Teilprojekt hat einen engen systematischen Zusammenhang zwischen der rechtlichen und institutionellen Verfasstheit einer (globalen) Rechtsgemeinschaft und dem Geltungscharakter der in ihr geltenden Rechtsnormen nachgewiesen, und es hat nachgewiesen, dass dieser Zusammenhang bereits in der Frühen Neuzeit wahrgenommen und diskutiert wurde. Die Differenziertheit der damaligen Ansätze macht allerdings deutlich, dass die frühneuzeitlichen Positionen keineswegs so eindeutig miteinander oder mit einer einfachen Unterscheidung von „noch mittelalterlich” und „schon modern” identifiziert werden können. In ideengeschichtlicher Hinsicht ist das Desiderat einer vertiefenden Betrachtung der verschiedenen Strömungen frühneuzeitlicher Rechtsphilosophie, ihrer Binnenstruktur und ihres jeweiligen Verhältnisses zu anderen kulturellen, wissenschaftlichen, ökonomischen Entwicklungen deutlich zutage getreten und von der scientific community bestätigt worden. In systematischer Hinsicht konnten neben der in aktuellen Diskussionen zentralen moralischen These einer globalen Wertgemeinschaft alternative Varianten der Konstruktion einer globalen Rechtsgemeinschaft angerissen werden, die nicht schon mit der Übertragung eines dem Einzelstaat abgeschauten Souveränitätsmodells auf den Weltmaßstab operieren; an die Rolle von Rechtsfiktionen wäre hier ebenso zu denken wie an diejenige intermittierender Institutionen. Während wir gewiss in der Frühen Neuzeit keine auf die heutigen Konstellationen hin voll entfalteten und heutigen Ansprüchen genügend begründeten Entwicklungen dieser Ideen behaupten können, so wurden sie doch mehr als nur angedeutet und mit einer ganzen Reihe theoretischer wie praktischer Probleme in Verbindung gebracht und diskutiert. In diesem Sinne verleiht die ideengeschichtliche Forschung auch den systematischen Bemühungen Rückhalt und Nachdruck, in diesen Bereichen weiter zu denken.

Die angesprochenen Anschlüsse an die ideengeschichtlichen wie systematischen Überlegungen bedürfen jedoch einer weiteren und tieferen Erforschung, bevor sich über ihren Eintrag in aktuelle Anwendungsfelder Aussagen treffen lassen. Zu einem nicht unwesentlichen Anteil geht das langfristig angelegte Editions- und Wörterbuch-Projekt „Die Schule von Salamanca. Eine digitale Quellenedition und ein Wörterbuch ihrer juristisch-politischen Sprache” der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz aus dem in ideengeschichtlicher Hinsicht genannten Desiderat hervor. Ähnliche Unternehmen für andere Diskurstraditionen (z.B. das protestantische Naturrecht oder die Diskurse der Staatsräson) sowie die Vernetzung solcher Projekte sind unbedingt wünschenswert. In systematischer Hinsicht legt das Projekt die Erforschung der konstruktiven Leistungen des globalen Rechtsdiskurses (als eines solchen) ebenso nahe wie diejenige der Rückbindung von intermittierenden, partikularen und unvollkommen legitimierten Institutionen an Konstitutions- und Legitimationsstrukturen umfassender Gemeinschaften. Es böte sich an, diese Fragen mit den aktuellen Diskussionen um schwache Staatlichkeit, Compliance und Konstitutionalisierung zu verbinden.

Im Verlauf der Forschungen des Teilprojekts entwickelte sich ein intensiver Dialog mit internationalen Forscherinnen und Forschern auf dem Spezialgebiet der „Schule von Salamanca“. Um eine vertiefte Zusammenarbeit zu ermöglichen, wurden verschiedene Konferenzen und Workshops durchgeführt. So fanden die Arbeiten am Schwerpunktthema des Teilprojekts ihren Niederschlag nicht nur in den konkreten Forschungsergebnissen der beteiligten Wissenschaftler, sondern auch in mehreren Publikationen, die auf einzelne Konferenzen zum Thema zurückgingen. Auf die Konferenz „Francisco de Vitoria und die Normativität des Rechts“ vom Dezember 2008 in Frankfurt am Main folgte der Band: Bunge/Spindler/Wagner (eds.), Die Normativität des Rechts bei Francisco de Vitoria, Stuttgart-Bad Cannstatt 2011. Auf die Konferenz „Die Normativität des Rechts in der spanischen Spätscholastik“ vom Dezember 2009 in Bad Homburg folgte die Publikation Bunge/Schweighöfer/Spindler/Wagner (eds.), Kontroversen um das Recht, Stuttgart-Bad Cannstatt 2013.
Dank einer engen Zusammenarbeit mit dem Interdisciplinary Research Cluster on „Human Interactions and Normative Innovation“ an der University of Washington und dem Teilprojekt fanden mehrere Workshops und Arbeitstreffen in Frankfurt und Seattle statt. Aus dieser Zusammenarbeit ist der Band: Matthias Lutz-Bachmann/Amos Nascimento (eds.) „Human Rights, Human Dignity, and Cosmopolitan Ideals. Essays on Critical Theory and Human Rights“, Ashgate 2014 entstanden.

Für die jungen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler waren der Dialog und die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Nachwuchsgruppen für die Weiterentwicklung ihrer Forschungsvorhaben von großer Bedeutung. Durch die Bildung eines Forschernetzwerks rund um die Fragen der Anfänge und die Grundlagen einer globalen normativen Ordnung konnte ein reger Austausch in Form von Workshops und Treffen initiiert werden. Die Arbeitsgruppe setzte sich zusammen aus jungen Forscherinnen und Forschern des „Interdiziplinären Zentrums zur Erforschung der Europäischen Aufklärung“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg und dem Institut für Theologie und Frieden in Hamburg. Es bildete sich eine dauerhafte Zusammenarbeit, aus der die Konferenz „Der Gesetzesbegriff zwischen Metaphysik, Theologie und Politischen Philosophie“ vom 10. bis 13.09.2013 in Bamberg hervorgegangen ist.

Die Bildung dieser verschiedenen Forschungsnetzwerke hat nicht zu einer Abweichung von der Ausgangsfrage geführt, sondern vielmehr zu einer deutlichen Erweiterung des Forschungshorizontes der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Teilprojekts und zu einer inhaltlichen Bereicherung des ursprünglichen Konzeptes.
Kooperationspartner während der Projektlaufzeit waren: Prof. James Bohman, Professor für Philosophie an der Saint Louis University, USA, Aufenthalt von Herrn Bohman als Fellow des Exzellenzclusters am Forschungskolleg Humanwissenschaften von Juni-Juli 2010, Thema der Zusammenarbeit: „Normative Probleme komplexer politischer Systeme“; Prof. Bill Talbott, Professor für Philosophie der University of Washington in Seattle, USA, Aufenthalt von Herrn Talbott als Fellow des Exzellenzclusters am Forschungskolleg Humanwissenschaften von April-Mai 2011, Thema der Zusammenarbeit: „Der normative Grund der Geltung der Menschenrechte“; Prof. Merio Scattola, Universita degli Studi di Padova, Bogota, Kolumbien, Fellow des Exzellenzclusters von Oktober-Dezember 2010, Thema der Zusammenarbeit: „Eine Modellgeschichte des Naturrechts in der Frühen Neuzeit“ und Prof. Amos Nascimento, University of Washington, Tacoma, USA, Thema der Zusammenarbeit: „Der normative Grund der Geltung der Menschenrechte”

Die im Verlauf der Projekte erreichten Qualifikationen sind die Promotion von Herrn Andreas Wagner im Jahr 2008 zum Thema „Recht, Macht, Öffentlichkeit. Demokratietheorie zwischen Institutionen und Kommunikation“ (erschienen 2010 als Recht - Macht – Öffentlichkeit. Elemente demokratischer Staatlichkeit bei Jürgen Habermas und Claude Lefort, Reihe: „Staatsdiskurse“, Band 8, Stuttgart: Franz Steiner Verlag) und die Promotion von Frau Kirstin Bunge im Jahr 2013 zum Thema: „Rechte zwischen Gleichmaß und Gleichheit. Zur Rechtsphilosophie von Francisco de Vitoria“ (erschienen 2017 als Gleichheit und Gleichmaß. Equality and Equitability. Zur Rechtsphilosophie von Francisco de Vitoria, in der Reihe: „Politische Philosophie und Rechtstheorie des Mittelalters und der Neuzeit“, Reihe II, Band 7, Stuttgart: frommann-holzboog.).

Weitere zentrale Veröffentlichungen des Projekts waren: M. Lutz-Bachmann, „Das Recht der Autorität – die Autorität des Rechts. Rechtsphilosophische Überlegungen im Anschluss an Francisco Suárez“, in: Gideon Stiening, „Auctoritas omnium legum“ Francisco Suárez’ ‚De Legibus’ zwischen Theologie, Philosophie und Jurisprudenz’, Stuttgart Bad Cannstatt 2012, 139-156; A. Wagner, „Zum Verhältnis von Völkerrecht und Rechtsbegriff bei Francisco de Vitoria“, in: Bunge/Spindler/Wagner (Hrsg.), Die Normativität des Rechts bei Francisco de Vitoria, frommann-holzboog, 2011, 255-286; A. Wagner, „Die Theologie, die Politik und das internationale Recht. Vitorias Sprecher- und Akteursrollen“, in: N. Brieskorn/G. Stiening (Hrsg.), Francisco de Vitorias De Indis in interdisziplinärer Perspektive. Stuttgart: frommann-holzboog, 2011, 153-170; A. Wagner, „Francisco de Vitoria and Alberico Gentili on the Legal Character of the Global Commonwealth“, in: Oxford Journal of Legal Studies 2011/3; K. Bunge, „Das Verhältnis von universaler Rechtsgemeinschaft und partikularen politischen Gemeinwesen: Zum Verständnis des totus orbis bei Francisco de Vitoria“, in: Bunge/Spindler/Wagner (Hrsg.), Die Normativität des Rechts bei Francisco de Vitoria, frommann-holzboog 2011, 201-227

Politische Normativität

Projektleitung: Prof. Dr. Peter Niesen

Eine besondere Schwierigkeit politischer Normativitätskonzeptionen (in einem traditionellen Verständnis von „politisch“ als „kollektiv verbindliche Entscheidungen betreffend“) liegt in ihrem Janusgesicht als einerseits Legitimität, also Folgeerwartung beanspruchend, als andererseits gewaltsam durchsetzbar. Ihre doppelte Verbindlichkeit entlastet die handelnden Subjekte von der Notwendigkeit permanenter Vernunftsteuerung, hält zugleich aber die Unterstellung aufrecht, dass eine vernunftgemäße Rechtfertigung für normenkonformes Handeln zur Verfügung steht.

Die Grundlagen politischer Normativität sind in der praktischen Philosophie heute mehr denn je umstritten. Dies betrifft ihren Skopus: richtet sich politische Normativität auf territorial eingehegte Bevölkerungen oder auf gesellschaftliche Sektoren von Betroffenen? Kontrovers sind weiterhin ihre definierenden Eigenschaften: kann etwa in Kontexten jenseits des Staates, für die geeignete Zwangsmittel nicht zur Verfügung stehen, dennoch von genuin politischer Normativität die Rede sein? Schließlich ist kontrovers, vor allem im Blick auf weltanschaulich pluralistische Gesellschaften, was die Geltungsgrundlagen politischer Normativität sind. Hier ist eine vorrangige Frage, ob solche Grundlagen im Singular oder im Plural vorgestellt werden sollen. Von zentraler Bedeutung ist für die Analyse der Geltungsgründe politischer Normativität daher das Konzept „öffentlicher Rechtfertigung“, das eingeführt wurde, um Praktiken politischer Normsetzung auf schmale, aber tragfähige gemeinsame Grundlagen zu stellen, ohne die kulturelle und ethische Pluralität politischer Akteure zu dementieren.

Das Projekt war in der normativen politischen Theorie angesiedelt. Die grundlegende Frage des Projekts war, wie man sich ein analytisch und normativ überzeugendes, aktuelles Verständnis politischer Normativität in systematischen Grundzügen vorstellen soll. Da es keine Geschichte des Begriffs ‚politische Normativität‘, keine klassischen Texte, keine Standardprobleme und -lösungen gibt, erschien es zunächst wichtig, das Begriffsfeld politischer Normativität von den Feldern verwandter Grundbegriffe wie politische Autorität, Legitimität, Gerechtigkeit und Souveränität abzugrenzen. Eine Parallele findet dies in jüngeren Entwicklungen in der Gerechtigkeitstheorie, etwa bei G.A. Cohen, wo Gerechtigkeit als moralischer Grundbegriff von Normen der optimal polity abgegrenzt wird. Politischer Normativität geht es ausschließlich um optimal polity. Bei einem einwöchigen explorativen Workshop innerhalb der Joint Sessions des European Consortium for Political Research haben Rainer Forst und Peter Niesen das Thema und den Grundbegriff mit einer Reihe hochkarätiger internationaler KollegInnen erörtert. („Politische Normativität“, ECPR Joint Sessions, Lissabon, 14.-19.4.2009).
Zu den wichtigsten Veranstaltungen im Forschungsprojekt zählten außerdem: „Transnational Political Participation“, Tagung mit David Owen und Rainer Bauböck, Bad Homburg 13.6.2009, die Section "Kantian Approaches to Political Normativity", ECPR General Conference Reykjavik, 25.-27.8.2011 mit Vilhjalmur Arnason, Arthur Ripstein, Caterina Deligiorgi und anderen; und „Respect and Public Justification“. Workshop mit Gerald Gaus, Rainer Forst und Steffen Ganghof, Darmstadt 2.12.2011.

Das Projekt identifizierte politische Normen nicht über einen genuin „politischen“ Geltungsanspruch oder ein Sachgebiet oder Wesen des Politischen, sondern über ihre Funktion, die mit Max Weber als Erzeugung kollektiver Verbindlichkeit gefasst wurde. Im Unterschied zu Weber werden auch solche Normen, die kollektive Verbindlichkeit nur beanspruchen, als politisch normativ verstanden (beispielsweise Menschenrechte oder bestimmte Forderungen der Gerechtigkeit). Das Verhältnis zwischen kollektiver Verbindlichkeit und Erzwingbarkeit ist noch weitgehend offen und unerforscht. Ist z.B. vertragliches Völkerrecht politisch normativ, wenn es, wie beispielsweise von Kant, als nicht-zwingend aufgefasst wird? Oliver Eberl und Peter Niesen haben in ihrem Kant-Kommentar (Niesen, Peter: Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden/Auszüge aus der Rechtslehre. Kommentar von Oliver Eberl und Peter Niesen. Suhrkamp Studienbibliothek, Berlin 2011, 430 S.) die folgende Antwort herausgearbeitet: die (möglicherweise aus unabhängigen Gründen verworfene) Möglichkeit der Erzwingung ist entscheidend für eine genuin politische Normativität von Normen, nicht ihre faktische Erzwingung: solche Normen sind für Kant „Gesetze, für die eine äußere Gesetzgebung möglich ist“.

Aus der Perspektive einer internationalen politischen Theorie ist eine wichtige Frage, ob es politische Normativität überhaupt jenseits eines politischen Systems geben kann. Für die Vorgängerdisziplin der internationalen politischen Theorie, das Völkernaturrecht, war das selbstverständlich. Nicht alle kosmopolitischen Konzeptionen in der gegenwärtigen Gerechtigkeitstheorie nehmen die daraus resultierende naturrechtliche Erblast ernst genug, indem sie zwischen institutioneller Gebotenheit und gerechtfertigter Erzwingbarkeit nicht unterscheiden, im Gegenteil: in den Bereichen globaler distributiver Gerechtigkeit und, vor allem, in neuen Entwicklungen der Theorie des Gerechten Krieges werden moralische, naturrechtliche und politische Gesichtspunkt in einem undifferenzierten Verständnis gerechter Erzwingung zusammengeführt (Niesen, Peter (2010) Internationale Politische Theorie - Eine disziplinengeschichtliche Einordnung, Zeitschrift für Internationale Beziehungen 17, 2, 267-277). Im Gegensatz dazu zeigt das Werk der amerikanischen Philosophin Iris Marion Young (Niesen, Peter (2013) (Hg.). Zwischen Gerechtigkeit und Demokratie. Iris Marion Youngs Theorie politischer Normativität. Baden-Baden: Nomos), wie auch jenseits der Grenzen politischer Systeme Gerechtigkeitsforderungen entstehen, die keinen unmittelbar erzwingbaren Charakter aufweisen, aber als Pflichten zur Institutionalisierung genuin politische Normativität entfalten. Politische Normativität kann also auch Regeln und Prinzipien anhaften, deren Erzwingbarkeit allererst historisch instituiert werden muss.

Wenn die Möglichkeit ihrer zwangsweisen Verbindlichkeit die politische Normativität von Normen konstituiert, stellt sich schließlich die Frage nach der Zumutbarkeit von Zwang. Im Rahmen des Projekts haben wir diese Frage in Ansätzen zu einer Theorie öffentlichen Vernunftgebrauchs erörtert: Öffentliche Rechtfertigung, und damit auch das Bestehen einer Sphäre politischer Öffentlichkeit, fassen Enrico Zoffoli und ich inzwischen als notwendige (wenn auch nicht als hinreichende) Bedingung für die Einlösung politischer Normativität (Niesen, Peter (2011), Legitimacy without Morality. Habermas and Maus on the Relationship between Law and Morality, in C. Ungureanu/C. Joerges/K. Günther (Hg.), Jürgen Habermas. Avebury: Ashgate, Vol. I, 123-146). Wir haben versucht, das an Theorien der Publizität von Kant über Bentham bis Habermas zu zeigen. Die Dissertation von Enrico Zoffoli beschäftigt sich mit Konzeptionen des öffentlichen Vernunftgebrauchs in der Habermasianischen (vgl. auch Zoffoli, Enrico (2010): La soluzione habermasiana al particolarismo dei valori, Trauben, Turin, 126 S) und der analytischen Tradition. Zoffoli kombiniert eine an Klaus Günther anschließende Unterscheidung zwischen Begründungs- und Anwendungsdiskursen, die er auf die Prinzipien des öffentlichen Vernunftgebrauchs bezieht, mit epistemologischen und metaethischen Argumenten aus der Rechtfertigungstheorie, um eine an Gerald Gaus, John Rawls, Ronald Dworkin und Rainer Forst anknüpfende konstruktive Position zum demokratischen Vernunftgebrauch zu erarbeiten (Zoffoli, Enrico (2012) The Place of Comprehensive Doctrines in Political Liberalism. On Some Common Misgivings about the Subject and Function of the Overlapping Consensus. Res Publica 18, 4, 351-66). Die daraus hervorgegangene Monografie ist erschienen als: Zoffoli, Enrico (2013): Beyond Consensus. Public Reason and the Role of Convergence. Baden-Baden: Nomos.

Religiöse Überzeugungen in normativen Ordnungen

Projektleitung: Prof. Dr. Thomas M. Schmidt

Moderne Prinzipien der Normativität fordern das Selbstverständnis religiöser Gemeinschaften heraus. Es sind nicht nur liberale und demokratische Prinzipien der Rechtstaatlichkeit, sondern auch die rationalen Standards und fallibilistischen Kriterien der empirischen Wissenschaften, welche die herkömmlichen Selbstdeutungen der Religionen genauso stark tangieren, wie die Erfahrung einer intensivierten Begegnung unterschiedlicher religiöser Traditionen unter den Bedingungen gleichberechtigter Koexistenz in einer pluralistischen Gesellschaft.

Inhaltlich betrachtet bewegen sich Religionen im Spannungsfeld zwischen Ritualen und einer spezifischen Reflexivität, die in Form von doktrinalen Lehrgehalten und ihrer dogmatischen Kodifizierung und institutionalisierten Weitergabe besteht. Religiöse Überzeugungen besitzen eine narrative Basis, affektiven und volitionalen Charakter, erheben aber zugleich kognitive Geltungsansprüche. Daher ist die Spannung zwischen lebensweltlich situierter Partikularität und geltungstheoretischer Universalität in die Struktur religiöser Überzeugungen eingebaut. Diese spezifische normative Verbindlichkeit religiöser Überzeugungen gilt nicht nur in epistemologischer Hinsicht, sondern gerade im Blick auf die Grundbegriffe politischer und rechtlicher Normativität. Die Janusgestalt religiöser Überzeugungen wird methodisch reflektiert durch die unterschiedlichen Wissenschaften von der Religion. Während die Religionswissenschaften dabei häufig aus einer vergleichend empirisch-kulturwissenschaftlichen Perspektive operieren, reflektiert die universitäre Theologie jenes Spannungsverhältnis von Partikularität und Universalität, von Narrativität und Rechtfertigung mit Mitteln wissenschaftlicher Argumentation, aber aus der Binnenperspektive einer bestimmten religiösen Tradition. Eine besondere Aufgabe kam in diesem Verbund der Religionsphilosophie zu, welche als Epistemologie religiöser Überzeugungen die Geltungsdimension, das Verhältnis von Rechtfertigung und Narrativität, ausdrücklich thematisiert.

Ein wichtiger methodischer Schritt bestand in der Rekonstruktion sowohl der Dramatik der interreligiösen Begegnung als auch der Konfrontation religiöser Vorstellungen mit säkularen Standards in Begriffen unterschiedlicher normativer Strukturen mit je eigenen Geltungsansprüchen. Besonders relevante Aspekte der Begegnung ließen sich so entlang eines Spektrums benennen, das von der Frage nach den Möglichkeiten angemessener wechselseitiger Kenntnisnahme ausgeht und über solche nach den Möglichkeiten kritischer Stellungnahme bis zu einer Bestimmung der Bedingungen kulturübergreifender Rechtfertigungsmöglichkeiten fragt. Als primäre theoretische Bezugspunkte haben sich hierbei die Ansätze von Robert Brandom und John Rawls bewährt.
Dieser Zusammenhang ergab sich aus den Kernüberlegungen, wonach jeder bedeutungsvolle Ausdruck eine normative Dimension dadurch hat, dass er eine Festlegung beinhaltet und mit Verpflichtungen zu inferentiell weitergehenden Festlegungen verbunden ist. Jede Bedeutung ist konstituiert durch eine soziale Praxis des Gebens und Einforderns von Gründen. Bedeutung ist verbunden mit Rechtfertigung.

Auf der Basis der von Brandom entwickelten inferentiellen Semantik und normativen Pragmatik lassen sich die zentralen kommunikativen Elemente auch im interreligiösen Kontakt bestimmen und darstellen, d.h. die Geltungsansprüche auf kontexttranszendierende Geltung, Wahrheit und Objektivität der Aussagen kann rein innerperspektivisch-strukturell sinnvoll beschrieben werden, ohne eine übergeordnete Perspektive und damit verbundene ethnozentrische Reduktionismen zu fördern. In Ergänzung hierzu lassen sich dann im Anschluss an Rawls verfahrensbezogene Strukturelemente einer kulturübergreifenden Rechtfertigungspraxis nach wünschenswerten fairen und demokratischen Maßstäben ermitteln. Hinzu kommt hier die politische Dimension der Institutionalisierung interkultureller Begegnung und mit ihr die Frage nach den Grenzen des öffentlichen Vernunftgebrauchs. Eine als argumentativer Bezugspunkt in der Applikation der Konzepte von Brandom und Rawls für den Problemhorizont interkultureller Begegnung hilfreiche Hintergrundkonzeption benennt auf diesem Weg Differenzierung sprachlicher Strukturen in Hinblick auf ihre normative Reichweite – Differenzierungen, mit deren Hilfe sich die für die interkulturelle Begegnung als zentral erachtete Fragen nach den Möglichkeiten wechselseitiger Kenntnis- und Stellungnahme sowie Rechtfertigung detaillierter darstellen und verorten lassen.

Zu den wichtigsten Publikationen des Forschungsprojektes zählen: Schmidt, Thomas M., Discorso Religioso e Religione Discorsiva nella Societá Postsecolare (trad. e cura di Leonardo Ceppa), Torino: Trauben 2009; Schmidt, Thomas M./Wenzel, Knut (Hrsg.), Moderne Religion? Theologische und religionsphilosophische Reaktionen auf Jürgen Habermas (hrsg. mit Knut Wenzel), Freiburg-Basel-Wein: Herder 2009; und Schmidt, Karsten, Buddhismus als Religion und Philosophie. Probleme und Perspektiven interkulturellen Verstehens, Stuttgart: W. Kohlhammer 2010.
Zu den wichtigsten Veranstaltungen des Forschungsprojektes gehören das Symposion: „Religiöse Geltungsansprüche in der Verantwortung öffentlicher Vernunft“, Gästehaus der Goethe-Universität, 4.-6. Dezember 2008, der Workshop: „De-Legitimierung von Staatlichkeit: Menschenrechtsaktivismus als Religionsersatz?“, Forschungskolleg Humanwissenschaften Bad Homburg, 26.-27. Februar 2010 und der Workshop: „Ausbreitung von Religionen und Neutralisierung von gesellschaftlichen Räumen“, Forschungskolleg Humanwissenschaften Bad Homburg, 25.-27. Juni 2010.

Weiterführende Fragestellungen: Die Rolle religiös gefärbter Rechtfertigungen bei der Herausbildung normativer Ordnungen in historischen und zeitgenössischen Gesellschaften innerhalb und außerhalb Europas hat sich als ein fruchtbares Thema im Anschluss an die Forschungen in diesem Teilprojekt erwiesen. Eine zentrales Problem sind dabei das Anwachsen und die Minderung der Bedeutung religiös begründeter Geltungsansprüche.
Unter den dabei gebräuchlichen Begriffen hat der des Postsäkularismus eine besondere Bedeutung. Dieser Terminus bringt die von manchen Theoretikern vertretene Auffassung zum Ausdruck, dass angesichts der neuen Vitalität religiöser Bewegungen und Lebensformen in vielen Teilen der Welt nicht mehr einfachhin von den modernen Gesellschaften als notwendigerweise säkularisierten Gesellschaften gesprochen werden kann; auch von Desäkularisierung ist bisweilen die Rede. Diese These sollte geprüft und weiter verfolgt werden, etwa unter der Frage, inwieweit es Verbindungen zwischen „Postsäkularismus“ und „Postkolonialismus“, der den Begriff der Religion auf seine europäische Prägung hin untersucht, gibt oder inwieweit die Geschlechterverhältnisse davon berührt sind. Reflektiert werden muss dabei auch der ältere, weiter gebräuchliche Begriff der Säkularisierung, der sowohl historisch-analytisch als auch normativ, sowohl epochenbezogen als auch als allgemeinhistorische Kategorie verwendet wird, der aber auch schon vor dem Aufkommen von Vorstellungen des Postsäkularismus in der Kritik stand. Ferner verdient der Begriff der Neutralisierung, der in deutschen Gegenwartsdebatten prominent ist, Beachtung, da er auch die zeitweilige Entfernung religiöser Symbole in einer Welt meint, in der Religion weiterhin bedeutsam ist. Vor diesem Hintergrund sollte historisch und räumlich vergleichend danach gefragt werden, wie normative Ordnungen entstehen (und vergehen), in denen sich die Bedeutung der Religion für die normative Ordnung erheblich wandelt, in denen vielleicht auch das Schweigen über religiöse Differenzen zur Norm wird. Die Untersuchung diese Fragen wurde in der zweiten Laufzeit im Projekt „Genese und Geltung des Konzepts des Säkularen“ fortgeführt.

Normtypen und Stufen normativer Praktiken

Projektleitung: Prof. Dr. Thomas M. Schmidt und Prof. Dr. Marcus Willaschek

Dieses Projekt untersuchte den Begriff der Normativität und insbesondere die Frage, worin genau der Unterschied zwischen verschiedenen Normtypen (wie Standards, Idealnormen, instrumentellen oder konstitutiven Normen, moralischen vs. juridischen Normen) besteht. Geprüft werden sollte, ob der Begriff der Normativität letztlich in mehrere, kaum miteinander verbundene Begriffe zerfällt, oder ob sich trotz verschiedener Verwendungsweisen doch eine Art Kernbedeutung finden lässt, an die sich ein theoretisch aufschlussreiches Kontinuum von Verwendungsweisen anschließen lässt. Ausgangspunkt der Untersuchung stellten die einflussreichen Normtypologien Henrik v. Wrights und Herbert Schnädelbachs dar, deren Tauglichkeit für den aktuellen Diskurs über Normativität kritisch geprüft wurde. Die systematische Kernthese des Projekts besagt, dass eine detaillierte Beschreibung von Praktiken, in denen wir einander kritisieren, entscheidende Aufschlüsse über die Art von Normativität diverser Normen gibt – und dadurch auch über zu unterscheidende Typen von Normen.
Die Ergebnisse dieses Projekts sind in zwei Manuskripten zusammengefasst. Beide Texte wurden als Cluster-Working-Paper zugänglich gemacht. Im ersten Text (O. Schütze: „Normativität. Eine begriffliche Untersuchung“) werden verschiedene Normtypologien kritisch diskutiert und deren Defizite aufgezeigt. Im Anschluss daran wird die Bedeutung des Begriffs der Normativität im Kontext sowohl der theoretischen als auch der praktischen Philosophie dargestellt und dessen genaue Funktion in beiden Bereichen analysiert. Dieser Text kann zugleich als synoptische Einführung in die aktuelle philosophische Diskussion über den Begriff der Normativität gelten. Die spezifische methodologische Herausforderung bestand dabei darin, einen Begriff zu analysieren, bei dem es sich auf der einen Seite um ein theoretisches Konzept handelt, das keine alltagssprachlich festgelegte Bedeutung hat, das aber auf der anderen Seite gegenwärtig in vielen, mitunter nur lose verknüpften Debatten eine prominente Rolle spielt und dort in der Regel nicht Gegenstand definitorischer oder explikatorischer Bemühungen ist. Bei der Bestimmung des Normativitätsbegriffs mussten dementsprechend verschiedenste Verwendungsweisen in philosophischen Kontexten herausgearbeitet und unterschieden werden.

Anfangspunkt der Untersuchung bildete dabei eine Typologie von Normen: sie soll einen Eindruck über die Bandbreite möglicher Charakteristika von Normativität liefern und bereits wichtige Unterscheidungen einführen. Im nächsten Schritt wurden die Verwendungsweisen des Normativitätsbegriffs im Kontext theoretischer Philosophie expliziert. Es stellte sich heraus, dass zwei unterschiedlich voraussetzungsreiche Konzeptionen im Spiel sind. Einer ersten Auffassung zu Folge bedeutet die Zuschreibung von Normativität an x, dass x Standards der Korrektheit voraussetzt, die bestimmen, unter welchen Umständen etwas als korrekt oder inkorrekt gilt. Der zweiten Konzeption zu Folge besagt die Zuschreibung von Normativität an x, dass x Standards der Korrektheit voraussetzt, die bestimmen, unter welchen Umständen etwas als korrekt oder inkorrekt gilt und dass an diese Unterscheidung ein handlungsleitender Anspruch geknüpft ist, d.h. dass das Korrekte als das bestimmt wird, was getan werden soll. Letztere Konzeption konnte dann unter Rückgriff auf die bereits herausgearbeitete Unterscheidung zwischen instrumentellen und kategorischen Normen weiter differenziert werden, so dass das Sollen sich einmal im Sinn einer instrumentellen Norm und einmal im Sinn einer kategorischen verstehen lässt.

Im Bereich der praktischen Philosophie konnte mit Blick auf den Normativitätsbegriff zunächst eine breite Einigkeit dahingehend festgestellt werden, dass der Begriff des Grundes zu dessen engsten Erläuterungszirkel gehört. Dieser Hinweis kann jedoch nicht zufriedenstellen, da sich das Bedürfnis nach begrifflicher Klärung durch die Frage reaktualisiert, was wir unter der Normativität von Gründen verstehen sollen. Christine Korsgaards einflussreichem Vorschlag in „The Sources of Normativity“ zufolge besteht sie in der Art, wie uns Gründe leiten. Diese Metapher buchstabiert Korsgaard dann auf eine Weise aus, die es ermöglicht unser Nachdenken über Normativität etwas anschaulicher zu gestalten: Indem sie den Begriff der Normativität an die Fähigkeit bindet, praktische Probleme zu lösen, die sich aus der Binnenperspektive Handelnder stellen, konkretisiert sich der Gegenstand ihrer Untersuchung in der Bestimmung der Natur dieser Probleme und ihrer Lösung. Die Strategie für die weitere Untersuchung bestand darin, an dieser Kernidee festzuhalten, aber sich zugleich mit Hilfe anderer Autoren kritisch mit Korsgaards konkreter Ausführung auseinanderzusetzen. Dies geschah in der systematischen Absicht aufzuzeigen, an welchen Punkten ihre Darstellung nicht ohne plausible Alternativen ist, um die Stellschrauben ausfindig zu machen, mit denen wir uns auf unterschiedliche Bedeutungen oder Konzeptionen von Normativität einstellen können. Damit konnte genauer spezifiziert werden, wie sich die sehr umfangreiche Debatte um praktische Gründe auf die Frage nach dem Verständnis von Normativität beziehen lässt. Im weiteren Verlauf des Projekts wurden diese Bezüge detaillierter herausgearbeitet.
Das Dissertationsprojekt wurde im Anschluss an die Clusterlaufzeit fortgesetzt und erfolgreich beendet. Die daraus hervorgehende Monografie „Perspektive und Lebensform. Zur Natur von Normativität, Sprache und Geist“ wird bei Suhrkamp erscheinen.

Der zweite Text (G. Reuter,„Konstitutive Regeln - normativ oder nicht? Ein Blick auf ihre Rolle in Praktiken“, 2011“) geht der Frage nach, ob und inwiefern konstitutive Regeln (wie zum Beispiel Spielregeln) normativ sind. Dabei werden verschiedene Typen konstitutiver Regeln unterschieden, von denen einige auch als normative Phänomene charakterisierbar sind. Das wird ersichtlich, wenn man die Rolle dieser Regeln in den durch sie konstituierten Praktiken betrachtet – insbesondere die Art und Weise, wie sich Akteure unter Berufung auf diese Regeln kritisieren, ohne sich dabei bereits als verpflichtet behandeln, diese Regeln zu befolgen.

Ebenfalls diesem Projekt zuzurechnen sind die drei Teilprojekte von Marcus Willaschek zum Begriff der Normativität. Erstens hat er in Anknüpfung an eigene frühere Arbeiten anhand von Kants These vom analytischen Zusammenhang zwischen Recht und Zwang die spezifische Normativität rechtlicher im Unterschied zu moralischen Regeln herausgearbeitet. Zweitens hat er, ebenfalls ausgehend von Kant, für die These der „normativen Autonomie“ argumentiert, wonach für ein Handlungssubjekt nur solche Regeln normativ bindend sind, die es rationalerweise als gültig akzeptieren kann. Und drittens schließlich hat er eine pragmatistische Konzeption rationaler Rechtfertigung entwickelt und in philosophischen Kontexten fruchtbar gemacht. (Pragmatistisch in weitesten Sinn, weil sich auch Kants These vom Primat der praktischen Vernunft dieser Auffassung zurechnen lässt.) Die Kernthese dieses Ansatzes lautet, dass es häufig der unproblematische normative Ausgangszustand einer Handlung oder einer Einstellung ist, derentwegen sie als vernünftig, begründet oder gerechtfertigt gilt. Explizite Rechtfertigungen oder Begründungen sind nur dort erforderlich (und überhaupt nur sinnvoll), wo spezifische Zweifel oder Einwände erhoben werden („Default-and-Challenge“). Wenn man mit Joseph Raz normative Erwägungen darüber definiert, dass sie uns Gründe für oder gegen etwas geben, dann wird deutlich, dass die Default-and-Challenge-Konzeption von rationaler Rechtfertigung ein wesentlicher Bestandteil einer Theorie der Normativität ist. Diese Konzeption hat Willaschek zum einen im Ausgang von Kants Kritik an einer „absolutistischen“ Konzeption von Vernunft und Kants These vom Primat der praktischen Vernunft her zu motivieren versucht, zum anderen im Bereich der Erkenntnistheorie und der Handlungstheorie („Willensfreiheit“) zur Anwendung gebracht.
Die Beiträge der oben beschriebenen Projekte bestehen im Wesentlichen darin, die grundlegenden Begriffe zu klären (hier vor allem den Begriff der Normativität), mit deren Hilfe normative Phänomene möglichst differenziert und umfassend beschrieben werden können. Insofern liefert die hier geleistete Arbeit einen Beitrag zum konzeptionellen Fundament für die Diskussion der im Cluster verwendeten Begriffe.

Im Teilprojekt „Normativität und Rationalität“, dem zweiten Schwerpunkt des Projekts „Normtypen und Stufen normativer Praktiken“, wurde an die begrifflichen Unterscheidungen zwischen verschiedenen Normtypen angeknüpft; sie wurden in einem nächsten Schritt zentral auf den Begriff der Rationalität bezogen. Hierbei war die Intuition leitend, dass der Bezug auf die in der analytischen Philosophie erörterten Probleme einer Epistemologie religiöser Überzeugungen einen instruktiven und paradigmatischen Fall für das Gesamtprojekt bietet, weil hier normative und epistemische Dimensionen der Rationalität intern miteinander verknüpft sind.
Im Rahmen dieses Teilprojekts hat Fedja Koob eine Dissertation verfasst, die sich mit den gängigen Begründungsstrategien für religiöse Überzeugungen auseinandersetzt („Religion und Vernunft. Die Rationalität religiöser Überzeugungen vor dem Hintergrund des Naturalismus“, Hamburg, 2015). Der Fokus der Arbeit lag im konstruktiven Bereich auf der Aufarbeitung eines Rationalitätsbegriffs, der sich durch den Begriff der Begründung erläutern lässt. Religionsphilosophie, als Versuch eines vernünftigen Begreifens der Religion, hat in den letzten Jahren zunehmend den Charakter einer Epistemologie religiöser Überzeugungen angenommen. Diese Perspektive versteht und behandelt die Frage nach der Rationalität dieser Überzeugungen als Frage nach den Kriterien und Bedingungen ihrer Rechtfertigung. Auf diese Weise sind epistemologische Fragen intern mit Fragen der normativen Geltung von Handlungen, Aussagen und Einstellungen verbunden.

Die Untersuchung ging von der Einschätzung aus, dass der wachsende Einfluss naturalistischer Strömungen in der gegenwärtigen Philosophie, namentlich in der Philosophie des Geistes, aber eben auch auf dem Feld der Rationalitäts- und Erkenntnistheorie eine fundamentale Herausforderung für das Projekt einer epistemischen Rechtfertigung von Überzeugungen darstellt. Der Hauptteil dieser Arbeit begann mit einer Übersicht zu den begründungstheoretischen Grundtypen, mit denen in der Religionsphilosophie in den letzten Jahrzehnten der Forderung einer rationalen Rechtfertigung religiöser Überzeugungen begegnet wurde. Dabei standen zunächst Strategien einer non-kognitivistischen Deutung religiösen Glaubens im Vordergrund. Dies bot die kontrastierende Gelegenheit, in einem nächsten Schritt die wichtigsten kognitivistischen Strategien der Gegenwart vorzustellen. Diese wurden gemäß einer inzwischen standardmäßigen Klassifizierung in Varianten eines epistemologischen Fundamentalismus und eines Kohärentismus unterschieden. Die Darstellung der fundamentalistischen und kohärentistischen Positionen wurden dann durch eigenständige wissenschaftstheoretische Reflexionen vertieft; die Position eines gemäßigten epistemologischen Fundamentalismus wurde als vermittelnde Instanz eingeführt und begründet.

Der zweite Teil der Studie konzentrierte sich auf die durch den Naturalismus provozierte Frage, wie weit diese philosophische Auffassung eine Herausforderung für das bislang erörterte Projekt einer epistemischen Rechtfertigung religiöser Überzeugungen darstellt. In einem ersten Schritt wurden mit Bezug auf die Arbeiten von Koppelberg und Kornblith Varianten eines methodologischen Naturalismus vorgestellt und diskutiert. Die noch stärkere Herausforderung eines ontologischen Naturalismus wurde dann im Folgenden mit einer ausführlichen Diskussion der Position von Jaegwon Kim thematisiert.

Im Anschluss wurde dann ein eigenständiger systematischer Lösungsvorschlag des Problems artikuliert, der den holistischen und integrativen Charakter religiöser Überzeugungen ins Zentrum rückt. Daraus ergab sich, dass die Rationalität solch umfassender Weltanschauungen nicht in der gleichen Weise gerechtfertigt werden kann wie einzelne Überzeugungen, die sich in Form diskreter assertorischer Sätze verstehen lassen. Mit diesem Hinweis auf die orientierende, ganzheitliche und lebensweltliche Funktion religiöser Überzeugungen wurde der argumentative Boden bereitet für eine Position, die Prinzipien epistemischer Normativität mit jenen Grundbegriffen praktischer Vernunft verknüpft wie sie eher aus moralphilosophischen Kontexten bekannt sind. Daher bietet sich der Rückgriff auf die Tugenderkenntnistheorie an, wie sie namentlich von Linda Zagzebski vertreten wird. Die Stärke dieser Position wird darin gesehen, dass sie den Prinzipien der Universalität, Kontextsensitivität und der Kohärenzanforderung Rechnung tragen kann. Auf diese Weise wurde überzeugend dargelegt, wie die Tugenderkenntnistheorie auch angesichts der naturalistischen Herausforderung eine begründete und normativ verstandene Theorie epistemischer Rechtfertigung bietet, die auch auf den Gegenstand religiöser Überzeugungen angemessen bezogen werden kann.
Religiöse Überzeugungen dienten im Kontext dieses Teilprojekts als paradigmatischer Fall für Kriterien der Normativität, die epistemische und praktische Rationalität vermitteln können. Religiöse Überzeugungen zeichnen sich nämlich in rationalitätstheoretischer Hinsicht durch einen ambivalenten Charakter aus, da sie einerseits prinzipiell universale Geltungsansprüche erheben, dies aber aus der Perspektive einer partikularen, narrativ reproduzierten Überlieferungsgemeinschaft tun. Aus dieser epistemologischen Debatte konnten auch für andere Kontexte, in denen das Verhältnis von theoretischer und praktischer Rationalität, von lebensweltlicher Gewissheit und allgemeiner Normgeltung im Fokus stehen, weiterführende Einsichten gewonnen werden.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählten Oliver Schütze: „Naturalismus und Normativität“. In: Alexander Becker/ Wolfgang Detel (Hg.): „Natürlicher Geist. Beiträge zu einer undogmatischen Anthropologie.“ Berlin: Akademie Verlag 2009, 165-188; Thomas M. Schmidt/ Tobias Müller (Hg.): „Ich denke also bin ich Ich? Das Selbst zwischen Neurobiologie, Philosophie und Religion“. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011; Marcus Willaschek, „Contextualism about Knowledge and Justification by Default“, in Grazer Philosophische Studien 74 (2007), 251-272; ders. „Inkompatibilismus und die absolutistische Konzeption von Vernunft“, in Philosophisches Jahrbuch der Görres-Gesellschaft 115 (2008), 397-417; ders. “Right and Coercion. Can Kant’s Conception of Right be Derived from his Moral Theory?”, in International Journal of Philosophical Studies 17 (2008), 49-70; ders., “The Primacy of Pure Practical Reason and the Very Idea of a Postulate“, in Kant’s Critique of Practical Reason. A Critical Guide, hg. von A. Reath und J. Timmermann, Cambridge 2010, 168-196; ders. “Autonomy, Experience, and Reflection. On a Neglected Aspect of Personal Autonomy” (mit Claudia Blöser und Aron Schöpf), in Ethical Theory and Moral Practice 13 (2010), 239-253, ders. “Non-Relativist Contextualism about Free Will“, in European Journal of Philosophy 18 (2010), 567-587.

Die wichtigsten Veranstaltungen im Forschungsprojekt waren die Workshops „Probleme des Reduktionismus“, Bad Homburg, 10.11.12.2010, „Responsibility and the Narrative Structure of Life“, Vortrag und Workshop mit J. M. Fischer (UC Riverside), 27.6.2009 und „Legislation as the Form of Practical Knowledge“, Vortrag und Workshop mit S. Engstrom, 30.6.2010.

Quellen moralischer Normativität

Projektleitung: Prof. Dr. Martin Seel

Innerhalb der Moraltheorie besteht eine Kontroverse darüber, ob der Orientierung am moralisch Richtigen oder Gerechten ein Primat gegenüber der Orientierung am ethisch Guten zukommt. Die Kontroverse über die Frage, welche Beziehung zwischen Moral und Ethik im Sinne der Theorie des guten Lebens existiert, geht auf die Gegenüberstellung eudaimonistischer und deontologischer Ethiktypen und konträre Formen der Moralbegründung in der aristotelischen und kantischen Tradition zurück. Während einige Autoren die Auffassung vertreten, dass die Moral von der Ethik im Sinne der Theorie des guten Lebens unabhängig ist, argumentieren andere Autoren für eine Kontinuität von Ethik und Moral. Auf der einen Seite verweisen Theorien über den Vorrang des moralisch Richtigen darauf, dass ethische und moralische Forderungen in ihrer Sollgeltung differieren; auf der anderen Seite behaupten Theoretiker des ethisch Guten, dass ohne den Einbezug ethischer Überzeugungen der Inhalt der Moral und die Quelle moralischer Motivation rätselhaft sind.

Gemäß einer Theorie des Guten bilden die für das menschliche Wohlergehen unerlässlichen Güter den Inhalt moralischer Bewertungen; die moralische Unparteilichkeit lässt sich dann als Unparteilichkeit in Bezug auf den Zugang zum guten Leben verstehen. Außerdem hört die moralische Motivation auf, rätselhaft zu sein, wenn sich der Moral eine positive Funktion für das auf das Glück oder Wohlergehen gerichtete Wollen zusprechen lässt. Insofern die Moral eine notwendige Voraussetzung für das Glück darstellt, lässt sich auch eine Antwort auf die Frage geben, warum es vernünftig ist, moralisch zu sein. Allerdings müssen Theorien des Guten nachweisen, dass das Wohl anderer einen Bestandteil der Glückskonzeption bildet. Zusätzlich wird gegen Theorien des Guten der Einwand vorgebracht, dass eine Grundlegung der Moraltheorie in einer Theorie des guten Lebens moralische Normen auf Werte zurückzuführen droht, die in konkreten Gemeinschaften Anerkennung genießen. Theoretiker des Guten können sich jedoch auf minimale Annahmen beschränken und diejenigen universalen Güter auszeichnen, die zum Erwerb der Fähigkeit, ein gutes Leben zu verfolgen, ohne Auszeichnung bestimmter Ziele notwendig sind.

Das Projekt diskutierte die Vorzüge und Defizite von Theorien, die entweder von einer Kontinuität von Ethik und Moral oder von einer Autonomie der Moral gegenüber der Ethik ausgehen. Darüber hinaus wurden Optionen erörtert, teleologische Ansätze, für die der Begriff des Guten zentral ist, mit deontologischen Ansätzen systematisch zusammenzuführen, für die ein Primat des moralisch Richtigen besteht.

Neben Beiträgen für Bücher und Zeitschriften sind aus dem Projekt eine Monographie (Seel, Martin (2011): 111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue, Frankfurt/M.) und ein Sammelband (Vesper, Achim (2013): Moral und Sanktion. Eine Kontroverse über die Autorität moralischer Normen, Frankfurt/New York (hg. mit Eva Buddeberg), darin: „Beruht Moral auf Sanktion? Eine Problemübersicht“" (mit Eva Buddeberg), 9-31) hervorgegangen.

Außerdem wurden im Rahmen des Projektes verschiedene Veranstaltungen durchgeführt, dazu zählen: „Moralische Normen und Sanktionen“, Panel auf der 1. Nachwuchskonferenz des Exzellenzclusters Normative Orders „Normative Ordnungen: Rechtfertigung und Sanktion“, Goethe-Universität Frankfurt, 24.-25.10.2009; „Die Normativität der Moral: Gibt es einen Vorrang des „Richtigen“ vor dem „Guten“?“, Tagung, Exzellenzcluster Normative Orders, Forschungskolleg Humanwissenschaften Bad Homburg, 08.-09.07.2010.

Genese von Normen in der ökonomischen Wissenschaft

Projektleitung: Prof. Dr. Volker Caspari, Prof. Dr. Rainer Klump und Prof. Dr. Bertram Schefold

Im Mittelpunkt des Forschungsverbunds standen drei Teilprojekte, die sich mit unterschiedlichen volkswirtschaftlichen und wirtschaftsethischen Fragestellungen beschäftigten.
Erstens wurde die Geschichtlichkeit (ökonomischer) Effizienz- und Gerechtigkeitskonzepte aufgezeigt. Im Lauf der ökonomischen Theoriegeschichte hat sich ein Schwerpunktwandel weg von Fragen der Gerechtigkeit hin zu Effizienzüberlegungen vollzogen. Ziel war es, diesen Prozess nachzuzeichnen und Bestimmungsgründe offen zu legen. Aus diesem Teilprojekt ist die Dissertation Matthias Lennigs entstanden (“From Justice to Efficiency: On a shift in the Normative Focus of Economics”, 2012).

Das zweite Teilprojekt beschäftigte sich mit Normen und Werturteilen in der sozioökonomischen Diskussion Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts. Den Mittelpunkt bildet dabei der Werturteilsstreit in der Nationalökonomie, der sich am normativen Gehalt des Produktivitätsbegriffs entzündete. Diese Auseinandersetzung um die Möglichkeit einer normativ-ethischen Ökonomik wird als Ausdruck einer intellektuellen Krise der deutschen Nationalökonomie gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewertet. Aus diesem Teilprojekt ist die Dissertation Johannes Glaesers „Der Werturteilsstreit in der Nationalökonomie. Max Weber, Werner Sombart und die Ideale der Sozialpolitik“ entstanden, die 2014 in der Buchreihe „Beiträge zur Geschichte der deutschsprachigen Ökonomik“ (hrsg. von Birger P. Priddat u. Heinz Rieter) erschienen ist.

Drittens wurden normative und wirtschaftsethische Grundlagen des Ordoliberalismus, einer deutschen Spielart des Neoliberalismus, diskutiert. Dabei wurden in einem ersten Schritt ethischer Gehalt und normative Komponenten des Ordoliberalismus aufgedeckt. In einem zweiten Schritt wurde eine (schärfere) inhaltliche und terminologische Abgrenzung innerhalb des Neoliberalismus angestrebt.

Zu den wichtigsten Publikationen des Forschungsprojektes zählen: Klump, Rainer/Wörsdörfer, Manuel (2011): On the Affiliation of Phenomenology and Ordoliberalism: Links between Edmund Husserl, Rudolf and Walter Eucken; European Journal of the History of Economic Thought Vol. 18(4), 551-578, Caspari, Volker/Schefold, Bertram (2011): Wohin steuert die ökonomische Wissenschaft? Ein Methodenstreit in der Volkswirtschaftslehre; Frankfurt, Campus Verlag und Klump, Rainer/Wörsdörfer, Manuel (2010): An Ordoliberal Interpretation of Adam Smith; The Ordo Yearbook of Economic and Social Order Vol. 61, 29-51. Die wichtigsten Veranstaltungen im Projekt waren: Michel Foucault und der Ordoliberalismus (Conference of the Cluster of Excellence ‚The Formation of Normative Orders‘, Frankfurt am Main/Germany, June 10-11, 2010; Klump/Wörsdörfer in Kooperation mit Thomas Biebricher), Normen in der VWL – Normung des volkswirtschaftlichen Curriculums (Conference of the Cluster of Excellence ‚The Formation of Normative Orders‘, Frankfurt am Main/Germany, February 18-19, 2010) und Völkerrecht und Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert. Die Internationalisierung der Ökonomie aus völkerrechts- und wirtschafts(theorie-)geschichtlicher Perspektive (Conference of the Cluster of Excellence ‚The Formation of Normative Orders‘, Frankfurt am Main/Germany, September 3-4, 2009 in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte (Miloš Vec).

Die Diktatur der Gerechtigkeit

Projektleitung: Prof. Dr. Rainer Maria Kiesow

Das Projekt richtete sein zentrales Erkenntnisinteresse auf die Ambivalenz und paradoxale Gestalt des Gerechtigkeitsbegriffs in der Moderne, trat – abseits des wissenschaftlichen und politischen Mainstreams zum Thema – der vermeintlichen Unfehlbarkeit von Gerechtigkeit als supernormativer Ordnung kritisch entgegen und rückte stattdessen ganz explizit ihre „dunkle Seite“, ihre „Abgründe“ und die Prekarität des Herausbildungsprozesses ins Zentrum. Geleitet von der Grundskepsis, dass ein globaler „superprogrammatischer“ Gerechtigkeitsdiskurs, ein allseeligmachendes Konstrukt normativer Hyperordnung, diktatoriale Züge entfalten könne, wurden die normative Substanz, eigentlichen Motive und praktischen Konsequenzen von Gerechtigkeit als Rechtfertigungsgröße misstrauisch ausgelotet.

Der Vorbehalt gegen Gerechtigkeit als Universalrechtfertigung wurde im Wesentlichen durch zwei augenfällig widersprüchliche Gleichzeitigkeiten und Unvereinbarkeiten getragen: (I) Zum einen erlebt Gerechtigkeit im Zuge der aktuellen Entwicklung rund um Letztbegründungen und -verfügungen eine Renaissance; kaum ein Bereich – gerade kein politischer –, der nicht in irgendeiner Form den Anspruch auf gerechte Verhältnisse erheben würde. Zugleich aber hat die Gerechtigkeit in der Moderne ihren originären Stellenwert verloren: sie wurde dekonstruiert, destruiert und entmystifiziert, so dass in der modernen Soziologie, Politikwissenschaft und Rechtstheorie Einigkeit darüber besteht, dass das positive Recht, also die jederzeitige, formale Änderungsmöglichkeit des Rechts einer Gesellschaft, der Gerechtigkeit keinen Ort mehr zuweist, sondern die Formel „Gerechtigkeit“ allenfalls als Symbol oder regulative Idee zitiert. Folglich rekurriert der politische Diskurs auf eine Substanz, deren „Nichtsubstanz“ wissenschaftlicher Allgemeinplatz ist.

Zudem offenbart sich (II) ein Nebeneinander von Universalismusanspruch und Fragmentierung von Gerechtigkeit: einerseits gilt sie als Ziel, das weltweit verwirklicht werden soll, so dass die alte Frage des römischen Rechts nach dem Gerechten und Billigen, der Gleichheit und der Zuteilung – das „Suum cuique!“, Jedem das seine! – mit großen Schritten wieder in unsere bürokratischen Diskussionen einbricht und mit dem Anspruch auf Richtigkeit, Angemessenheit und Verhältnismäßigkeit der sozialen Ordnung einen Generalmaßstab für die Kernfrage der Normativität – dem, was man machen kann und soll – anlegt. Andererseits existieren parallel zum Anspruch der monopolisierten Universalantwort individuelle Gerechtigkeitsvorstellungen, nach denen jeder Einzelne darüber entscheidet was als (un-)gerecht gilt, und die den Gerechtigkeitsdiskurs zwangsläufig fragmentarisch, lokal und zersplittert werden lassen. Gerechtigkeit avanciert so zum partikularen Rechtfertigungsnarrativ, das für alle Ansätze gleichzeitig und in gleichem Maße einen Universalismusanspruch erhebt. Dass dieser Anspruch angesichts der Vielzahl und Verschiedenheit der Gerechtigkeitsvorstellungen nicht erfüllt werden kann, liegt auf der Hand. Entsprechend präsentiert sich Gerechtigkeit als „normative Black Box“, in die alles und nichts hineingelegt und -gelesen werden kann, ohne dass eine gemeinsame Basis bestünde.

Vor dieser Folie galt es zu hinterfragen, inwiefern Politik von der Unbestimmtheit der Gerechtigkeit Gebrauch macht und sie zur Rechtfertigung politischer Partikularziele instrumentalisiert – Gerechtigkeit selbst zu einer rhetorischen Waffe hat werden lassen. Und auch das Postulat, Gerechtigkeit fungiere als ein Hauptziel bei der Herausbildung normativer Ordnungen, wurde, ebenso wie mögliche Erklärungsansätze für die gegenwärtige Konjunktur der Gerechtigkeit, neu bewertet und diskutiert.
Ausgehend von der methodischen Grundentscheidung, Gerechtigkeit nicht abstrakt, sondern über ihre Erscheinungsformen zu bestimmen, wurden Gerechtigkeitsnarrative unter der Fragestellung analysiert, von wem sie wann, wo und vor allem wie und mit welchen Implikationen platziert werden. Beide Teilprojekte „Das Bild der Gerechtigkeit in Literatur und Recht“ (Rainer Maria Kiesow) und „Die normative Balance des Rechtsstaatsprinzips“ (Ulrike Meyer) hatten sich zum Ziel gesetzt, diese Fragen auf breiter Basis zu behandeln und durch die Verbindung von rechtshistorischen, rechtstheoretischen, rechtsphilosophischen und staatstheoretischen Elementen einen möglichst differenzierten Blick auf die Ausbildung normativer Ordnungen zu liefern.

Das erste der beiden Teilprojekte führte zu Publikationen von Rainer Maria Kiesow über „Die andere Seite der Gerechtigkeit“. Reflektiert wurden schwarze Gerechtigkeitsbilder der Juristen Balzac, Melville, Kafka, Georg Heym und anderer. Die Analyse literarischer Zeugnisse zur dunklen Seite der Gerechtigkeit, also etwa Honoré de Balzac, „L’Auberge rouge“ („Die rote Herberge“), Louis Aragon, „Le droit romain n’est plus“ („Das römische Recht ist nicht mehr“), Heinrich von Kleist, „Der Zweikampf“, Franz Kafka und Jean Genet, ist in eine Monographien eingegangen : Rainer Maria Kiesow, L’unité du droit, Paris, Cas de figure, Editions de l’Ecole des hautes études en sciences sociales, 2014 und Rainer Maria Kiesow, La Justicia y otros cuentos, Granada, Editorial Comares (i.E.).
Außerdem erschien eine größere Arbeit über die 150-jährige Geschichte des Deutschen Juristentages (Rainer Maria Kiesow „Die Tage der Juristen. Ein Charakterbild 1860-2010.“ München: Beck 2010), in der die Frage der Gerechtigkeit, der juristischen Einrichtung einer gerechten Gesellschaft, im Zentrum stand.

Das zweite Teilprojekt über Gerechtigkeit im Rechtsstaat wurde von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Ulrike Meyer im Rahmen ihrer Dissertation „Die normative Balance der Rechtsstaatlichkeit. Aktualität und Aktualisierung eines politischen Ordnungsideals“ durchgeführt.
Ausgehend von dem empirischen Befund, dass die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs mit hohem politischen und finanziellen Aufwand vorangetriebenen Bemühungen, Rechtsstaatlichkeit global zu etablieren, wenig erfolgreich waren, liefert Meyer einerseits einen Erklärungsansatz für diesen Misserfolg und schlägt andererseits eine theoretische Neuorientierung bei der Definition von Rechtsstaatlichkeit vor. Dass der bislang eingeschlagene Weg des Norm- und Institutionenexports keine globale Vereinheitlichung der normativen Standards angestoßen hat und stattdessen bei der überwiegenden Mehrzahl der rechtsstaatlichen Transformationsstaaten dysfunktionale Entwicklungen oder roll-back-Effekte zu beobachten sind, resultiert – so die zentrale These der Arbeit – aus der Unzulänglichkeit der etablierten theoretischen Kategorisierung von Rechtsstaatlichkeit in formelle und materielle Anforderungen. Anstelle der abstrakt-rechtswissenschaftlichen Kategorien „formell“ und „materiell“ schlägt das Projekt eine Re-Politisierung rechtsstaatlicher Kriterien vor und orientiert sich hierfür am deutschen Rechtsstaat als einem der beiden politischen Ur-Modelle neben der englischen Rule of Law.
Zu ihren Publikationen im Forschungsprojekt zählen: Meyer, Ulrike (2012): Idealität, Interessen, Ignoranz. Zur schwierigen Gemengelage der internationalen Rechtsstaatsförderung, in: Der Staat, 51 (2012), 1, 35-55 und Draganova, Viktoria/ Kroll, Stefan/ Landerer, Helmut/ Meyer, Ulrike (Hg.) (2011): Inszenierung des Rechts - Law on Stage, Jahrbuch Junge Rechtsgeschichte; Bd. 6, München: Meidenbauer.

Die wichtigsten Veranstaltungen im Forschungsprojekt waren die Workshop-Reihe „Rechtsnorm und Rechtskritik“, „Die Inszenierung des Rechts – Law on Stage“; 16th European Forum of Young Legal Historians, Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt am Main 25.-27.03.2010 und die Leitung des Panels „Die Reichweite von Gerechtigkeitsprinzipien/ The Scope of Principles of Justice“, 1. Nachwuchskonferenz des Exzellenzclusters „Formation of Normative Orders“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main zum Thema „Normative Ordnungen: Rechtfertigung und Sanktion“; Frankfurt am Main 23.-25.10.2009.

Geltungsbedingungen partikular produzierter Normen mit universalistischem Anspruch unter den Bedingungen kultureller Heterogenität

Projektleitung: Prof. Dr. Harald Müller

Das Projekt hinterfragte westliche Universalitätsansprüche. Anstelle der klassischen Kommunitarismus-Universalismus-Kontroverse der politischen Theorie wurden empirische Studien in Anschlag gebracht. Die Forschung wurde in zwei Richtungen vorangetrieben. Zum einen wurde die Problematik der normbegründeten westlichen Kriegführung und deren Verwicklung in Widersprüchlichkeiten vor Ort an Hand der Entwicklung der Rechtfertigungsnarrative für den deutschen Afghanistan-Einsatz untersucht. Zum anderen wurden konkurrierende Vorstellungen von Gerechtigkeit und deren Wirkung in der internationalen Diplomatie untersucht. Die Heterogenität der von internationalen Akteuren vertretenen Normen wurde an Fallbeispielen erhoben – den Debatten im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zur „humanitären Intervention“ am Beispiel des Sudan-Konflikts sowie zur "Responsibility to Protect". Die Ergebnisse weisen auf gravierende Divergenzen in der normativen Prioritätensetzung zugunsten von Individuen und Kollektiven und einer unterschiedlichen Wertigkeit von „Schutzverpflichtung“ und „Souveränität“ hin. Zum anderen wurde durch eine Kombination von literaturwissenschaftlicher topischer Analyse mit Barthes' Konzept des Mythos ein neuer Zugang zur Selbstabschließung westlicher normativer Vorstellungen für die internationalen Beziehungen entwickelt. Wenn in der westlichen Politik erhobene Universalisierungsansprüche zugunsten eigener Werte in internationalen Verhandlungen auf Widerstand stoßen und sich zeigt, dass verschiedene Begründungsstränge nahezu unterschiedslos in derselben historisch-kulturell produzierten Mythenstruktur wurzeln, dann bietet dieses Ideengefüge keine Grundlage für Universalisierbarkeit. Universalismus, der in der realen Welt Geltung erlangt, ist stattdessen ein empirisches Phänomen, das aus globalen interkulturellen Verhandlungen entspringt.

Zu den wichtigsten Publikationen im Projekt zählen: Müller, Harald (2012): Die Schutzverantwortung (Responsibility to Protect): Universale Norm oder Schall und Rauch? In: Thomas Nielebock/Simon Meisch/Volker Harms (Hrsg.), Zivilklauseln für Forschung, Lehre und Studium. Hochschulen zum Frieden verpflichtet, Baden-Baden, Nomos, 129-149; Müller, Harald/Wolff, Jonas (2011): Demokratischer Krieg am Hindukusch? Eine kritische Analyse der Bundestagsdebatten zur deutschen Afghanistanpolitik 2011-2011, in: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik, Nr. 4, 197-211; Müller, Harald (2011): „Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden: Die guten Dinge gehen nicht immer zusammen“, in: (Hrsg.): Auf dem Weg zu Just Peace Governance. Beiträge zum Auftakt des neuen Forschungsprogramms der HSFK, Baden-Baden: Nomos, 2011, 277-309 und Harald Müller (2010): „Liberale Demokratien und Krieg. Warum manche kämpfen und andere nicht. Ergebnisse einer vergleichenden Inhaltsanalyse von Parlamentsdebatten“ (mit A. Geis und N. Schörnig), Zeitschrift für Internationale Beziehungen 17, 171-202. Im Rahmen des Projekts wurde u.a. auf der ECPR General Conference, 23.8.-28.8.2011 in Reykjavik, das Panel „How Do We Know Justice When We See it?“ angeboten.

Normativität und Freiheit

Projektleitung: Prof. Dr. Christoph Menke

Das Projekt hat das Verhältnis von Normativität und Freiheit untersucht, das im Zentrum des Verständnisses der Herausbildung normativer Ordnungen in der modernen Philosophie steht: Die Hervorbringung einer normativen Ordnung, sei sie moralischer, rechtlicher oder politischer Natur, muss im modernen Verständnis, wenn es sich um eine legitime Ordnung handeln soll, eine freie sein. Gesetz und Freiheit stehen für die moderne Philosophie mithin nicht (wie noch für die politische Philosophie der Neuzeit) im Gegensatz, sondern erläutern sich wechselseitig. Dieses neue Freiheitsverständnis wird durch die Einführung des Begriffs der „Autonomie“ besiegelt. Das Projekt hat in sechs Teilprojekten verschiedene Formen, Bedingungen und Auswirkungen dieses inneren Bedingungsverhältnisses von Freiheit und Gesetz untersucht. Die Grundthese, die in den Teilprojekten in verschiedenen Gestalten ausgeführt wurde, besagt, dass Freiheit und Gesetz sich nur dadurch wechselseitig zu bestimmen vermögen, dass sie zugleich dialektisch auseinandertreten.

Um dieses dialektische Verhältnis zu entfalten, ist das Projekt von der zentralen Einsicht ausgegangen, dass Autonomie an soziale Mitgliedschaft oder Teilhabe gebunden ist. Soziale Mitgliedschaft, die Teilnahme an sozialer Praxis, ist dieser Einsicht zufolge zugleich die Quelle der Normativität und der Ort der Freiheit. Damit wird für das Verständnis und Verhältnis von Normativität und Freiheit die Frage zentral, wie eine soziale Praxis hervorgebracht wird und gegeben ist. Indem man dieser Frage in kritischer Auseinandersetzung mit etablierten Erläuterungen sozialer Praxis genauer nachgeht, lässt sich das Verhältnis von Normativität und Freiheit neu bestimmen:
(1) Die kritische Neubestimmung der Struktur sozialer Teilhabe bzw. Mitgliedschaft erfolgt in Reflexion auf ihre Genese. In einer solchen genealogischen Perspektive wird der Prozess des Teil- oder Mitgliedwerdens, der Sozialisierung-als-Subjektivierung, untersucht und dieser Prozess kritisch von dem teleologischen Konzept der „Bildung“ abgesetzt: Das Werden zum kompetenten Teilnehmer sozialer Praktiken ist genealogisch verstanden ein Prozess der Überformung einer vorgängigen („natürlichen“) Ausstattung, die darin nicht restlos umgeformt wird (wie es der teleologische Begriff der Bildung versteht), sondern in seiner Differenz zur Logik sozialer oder kultureller Fähigkeiten erhalten bleibt. Deshalb ist soziale Teilhabe bzw. Mitgliedschaft aus genealogischer Sicht auch strukturell in sich gebrochen: Der Einzelne ist nie ganz soziales Mitglied, das „Individuum“ nicht ganz „Subjekt“, der „Mensch“ nicht dasselbe wie die „Person“. Die Koppelung zwischen dem (a-sozialen) Individuum und dem (sozialen) Subjekt enthält ein Moment irreduzibler Kontingenz oder Fremdheit.
(2) Von dieser genealogischen Problematisierung des Sozialen her müssen auch die Begriffe „Normativität“ und „Freiheit“ in ihrem Verhältnis neu konzipiert werden. Das lässt sich in einer ersten, abstrakten Näherung so bestimmen, dass Normativität und Freiheit zugleich nur durcheinander bestimmt werden können wie sie einander gegenüber different und selbständig sind: Normativität und Freiheit stehen in einem (negativ-) dialektischen Verhältnis. Normative Orientierungen gehen nicht darin auf, in freier Setzung hervorgebracht worden zu sein, sondern behalten – um ihrer normativen Kraft willen – ein irreduzibles Moment der Fremdheit oder Selbständigkeit. Ein freies Selbstverhältnis geht auf der anderen Seite nicht in der Hervorbringung (oder Herausbildung) normativer Orientierungen auf, sondern behält – um im emphatischen Sinn „Freiheit“ genannt werden zu können – ein irreduzibles Moment von Distanz und Spiel gegenüber allen normativen Orientierungen. Nur so lassen sich Transformationen und Innovationen normativer Ordnungen erklären: Freiheit geht nicht in Selbstverpflichtung auf, sondern immer noch oder wieder über sie hinaus.

Das Projekt hat das Bedingungsverhältnis von Freiheit und Gesetz in einer ersten Phase (2009-2010) von seiner freiheitstheoretischen Seite her beleuchtet, um im zweiten Zuge die Konstellation von der Seite des Gesetzes (2011-12) zu befragen. Ein wichtiges Ergebnis der freiheitstheoretisch orientierten Forschung in der Anfangsphase des Projekts bestand in der Einsicht, dass Freiheit in der Hervorbringung bzw. Aneignung von sozialen Normen nicht nur auf Autonomie, sondern ebenso auf ein Moment der Willkür angewiesen ist, durch das vornormative oder naturhafte Impulse zur Geltung kommen. Das Gesetz der Freiheit ist in diesem Sinne ohne eine Freiheit vom Gesetz nicht zu denken. Kontingenz erweist sich so als ein irreduzibler Bestandteil einer jeden autonomen Ordnung, durch den sie innerlich in Frage gestellt und zugleich dynamisiert wird. Dieser Gedanke wurde mit Blick auf die individuelle und soziale Herausbildung normativer Ordnungen und ihre Abhängigkeit von naturhaften Impulsen und politischen Prozessen näher untersucht: Wenn Autonomie in der Bewegung ihrer individuellen Verwirklichung auf ein natürliches Leben angewiesen ist, in dem sie sich realisiert, so bleibt sie darin den eigengesetzlichen Impulsen dieses Lebens ausgesetzt, das die in ihm verkörperte Ordnung immer wieder herausfordert. Im Zuge ihrer sozialen Verwirklichung ist Autonomie dabei zugleich auf eine Praxis kollektiver politischer Teilnahme besonderer Art angewiesen. Die Freiheit demokratischer Politik wird in ihrer Genese und ihrem Vollzug nur nachvollziehbar, wenn sich in ihr kollektive Selbstbestimmung und idiosynkratische Impulse – spannungsreich – verbinden.

Die zweite Phase des Projekts hat das Verhältnis von Freiheit und Gesetz von seiner gesetzestheoretischen Seite aus befragt. Das geschah wesentlich in zwei Hinsichten: zum einen durch die Untersuchung des allgemeinen Gesetzesbegriffs, der für die neuzeitliche Philosophie in theoretischer wie praktischer Hinsicht entscheidend ist, zum anderen durch die Befragung der juridischen Gesetzesform in der Moderne. Mit Blick auf den allgemeinen Gesetzesbegriff hat das Projekt den scheinbar paradoxen Umstand untersucht, dass der Begriff des Gesetzes im modernen Verständnis mit der Idee der Freiheit dadurch verknüpft werden soll, dass man seine Ansprüche radikalisiert. Nicht etwa durch Ermäßigung der Geltungsansprüche allgemeiner Normen, sondern gerade durch die Einforderung einer unbedingten Geltung, die nur noch dem abstraktesten Gesetz – dem Gesetz der Gesetzmäßigkeit – zukommt, soll es gelingen, das Gesetz so zu verstehen, dass es selbst Medium und Ausdruck der Freiheit werden kann. Hinsichtlich des juridischen Gesetzesbegriffs hat sich das Projekt mit einem entscheidenden Umbau im modernen Rechtsbewusstsein befasst, durch den das Recht wesentlich im Ausgang von der Idee subjektiver Rechte gedacht wird. Wenn die Sphäre juridischer Gesetze nicht primär im Ausgang von Verpflichtungen verstanden wird, denen sekundär Berechtigungen entsprechen, sondern umgekehrt im Ausgang von subjektiven Rechten, dann erscheint das Gesetz wesentlich als eines, das ermächtigt und befreit. Es tut dies aber in einer doppelten Weise: indem es zum einen zur Teilhabe an der gesellschaftlichen Praxis der Freiheit befähigt und indem es zum anderen das Subjekt freisetzt und die Teilhabe ins Belieben des Subjekts stellt. Zwischen diesen beiden Aspekten einer durch das Recht ermöglichten Freiheit tun sich Spannungen auf, die das Projekt ebenso untersucht hat, wie die neuen Formen des Zwangs, die von dieser Form der Ermächtigung ausgehen können.

Das gemeinsame Forschungsprojekt Normativität und Freiheit hat die Dialektik von Freiheit und Gesetz im Rahmen von sechs Teilprojekten untersucht, von denen drei die Konstellation von der Seite der Freiheit (1), drei von der Seite des Gesetzes (2) untersucht haben: (1) Akte der Freiheit (Dirk Setton), Paradoxien der Autonomie (Thomas Khurana), Die Kunst der Freiheit (Juliane Rebentisch); (2) Das Subjekt der Rechte (Christoph Menke), Nach der Souveränität (Francesca Raimondi), Die Gabe der Anerkennung (Dirk Quadflieg). Die gemeinsame Arbeit der verschiedenen Projektteilnehmer_innen und -teile wurde durch zwei Arbeitsformen organisiert, die durch die gesamte Laufzeit praktiziert wurden: zum einen durch einen internen Arbeitskreis, in dem für alle Projekte relevante Querschnittsthemen gemeinsam untersucht wurden, zum anderen durch eine Reihe von Arbeitstagungen, auf denen die jeweiligen Zwischenergebnisse der Arbeit präsentiert und diskutiert wurden. Entsprechend den zwei Phasen des Projektes, haben sich die ersten vier Workshops („Willkür“, „Paradoxien der Autonomie“, „Freiheit und Kontingenz“ und „Leben und Autonomie“, 2009-2010) dem freiheitstheoretischen Zugang gewidmet, während die letzten beiden Workshops („Vor dem Gesetz“ und „Das politische Imaginäre“, 2011-2012) das Bedingungsverhältnis von der Seite des Gesetzes aus untersucht haben. Die Ergebnisse dieser gemeinsamen Arbeitstagungen sind in Form einer Buchreihe im August Verlag Berlin zum Thema „Freiheit und Gesetz“ publiziert worden (Thomas Khurana und Christoph Menke (Hg.), Paradoxien der Autonomie, 2011, 2.Aufl. 2019; Juliane Rebentisch und Dirk Setton (Hg.), Willkür“, 2011; Thomas Khurana (Hg.), The Freedom of Life. Hegelian Perspectives, 2013; Felix Trautmann (Hg.), Das politische Imaginäre, 2017).

In der Schlussphase des Projektes sind die freiheits- und gesetzestheoretischen Überlegungen der vorangegangenen Untersuchungen integriert worden. Die Ergebnisse dieser Integration wurden in einem Schwerpunkt der Zeitschrift Symposium (17/2013), die dem Projekt gewidmet war, international publiziert. Überdies wurden wesentliche Ergebnisse des Projektes auf einem Humboldt-Kolleg an der University of Illinois at Chicago im Frühjahr 2013 international präsentiert.

Zu den wichtigsten Publikationen, die aus der in dem Projekt durchgeführten Forschung hervorgegangen sind, zählen neben der oben genannten Buchreihe:
Khurana, Thomas, Das Leben der Freiheit: Form und Wirklichkeit der Autonomie, Berlin: Suhrkamp, 2017; Rebentisch, Juliane, Die Kunst der Freiheit, Berlin: Suhrkamp, 2012 (2. Aufl. 2014; Engl. Übersetzung: The Art of Freedom: On the Dialectics of Democratic Existence, Cambridge: Polity Press, 2016); Raimondi, Francesca, Die Zeit der Demokratie. Politische Freiheit nach Carl Schmitt und Hannah Arendt, Wallstein, Konstanz: University Press, 2014; Christoph Menke, Recht und Gewalt, Berlin: August Verlag, 2011 (2. Aufl. 2012); Quadflieg, Dirk, Vom Geist der Sache. Zur Kritik der Verdinglichung. Frankfurt a. M./New York, Campus Verlag (i. E.).

Religiöse Ideen und soziales Handeln: Christliche Rechtfertigungsnarrative zwischen Gesellschaftskritik und Legitimitätsglauben

Projektleitung: Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty und Prof. Dr. Axel Honneth

In dem empirisch angelegten Forschungsprojekt wurden religiöse Ideen in sechs christlichen Gemeinschaften rekonstruiert und in ihrem Wechselspiel mit säkularen Ordnungen untersucht. Im Zentrum stand die Frage, ob sich solche Ideen, wie sie ursprünglich von Max Weber beschrieben wurden, in zeitgenössischen christlichen Gemeinschaften noch nachweisen lassen. Daran anschließend wurde untersucht, welche welterschließenden Gehalte diese religiösen Ideen haben und ob ihren normativen Implikationen eine handlungspraktische Relevanz zukommt – in einer ihrem Selbstverständnis nach säkularen Gesellschaft.

Vier der sechs untersuchten Gemeinschaften lassen sich mit Weber als Gemeinschaften „religiöser Virtuosen“ beschreiben. In diesen „Virtuosengemeinschaften“ ließen sich stark ausgeprägte religiöse Ideen nachzeichnen. Waren die Gemeinschaften der sozialchristlichen Tradition zuzuordnen, so gingen diese Ideen stets aus einer gemeinschaftseigenen Christologie hervor. Es zeigte sich also eine je spezifische Jesusdeutung, die als handlungsorientierendes Vorbild fungierte. Jesus wurde etwa als „guter Hirte“ oder als Widerstandskämpfer gedeutet und damit zu einer Art Messlatte für das individuelle Handeln der Gläubigen. Die untersuchten Gemeinschaften aus dem fundamentalistischen Spektrum hingegen lebten in der Überzeugung, die Welt sei dem Wirken des Teufels anheimgefallen und nur ihre je spezifische Glaubensausprägung verheiße Errettung aus diesem Zustand. Ihre gesamte andersgläubige Umwelt wurde im Rahmen solcher religiösen Ideen zu einem die geglaubte Wahrheit bedrohenden Feindbild stilisiert.

Hinsichtlich des sozialen Handelns außerhalb des rein religiös-kultischen Bereichs fanden sich ebenfalls erhebliche Unterschiede zwischen den sozialchristlichen und den fundamentalistischen Gruppierungen. Erstere verzichteten in säkularen Handlungskontexten gezielt auf religiöse Referenzen, um jegliche Irritation von vorneherein auszuschließen. Dabei war das Handeln aber stets hintergründig am Vorbild der gemeinschaftsspezifischen Christologie orientiert. In den fundamentalistischen Gemeinschaften ließ sich grundsätzlich eine abweisende Haltung gegenüber ihrer Umwelt feststellen, die unmittelbar auf das Feindbild-Motiv zurückging. Je nach biographischer Vorgeschichte der Gläubigen ergab sich hier dann ein Rückzugs- oder Konfrontationsverhalten in säkularen Kontexten.

In den zwei als Vergleichsstudien zu den Virtuosengemeinschaften untersuchten Ortsgemeinden stieß das Forschungsprojekt schließlich auf eine diffusere Situation ohne klar hervortretende religiöse Ideen. Vielmehr bestätigten die Untersuchungen hier ein Bild, das aus der gängigen Literatur bereits bekannt ist. So fand sich eine traditions- und milieubezogene Religion, die aber kaum je spezifische inhaltliche Bezüge zum breiten Repertoire der christlichen Überlieferung herstellt, geschweige denn einen welterschließenden Anspruch hätte. Bildlich könnte man auch sagen, der Glaube bleibt hier innerhalb der Kirchenmauern.

Klar konturierte religiöse Ideen mit welterschließender Relevanz ließen sich insgesamt nur in sehr kleinen Gemeinschaften religiöser Virtuosen nachweisen. Insgesamt ist zu bedenken, dass die Virtuosengemeinschaften mit einem einstelligen Prozentsatz nur einen sehr kleinen Bevölkerungsanteil repräsentieren, die Ortsgemeinden dagegen zusammengenommen über beide Konfessionen hinweg etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung.

Religiöse Äußerungen erwiesen sich in den untersuchten exemplarischen Fällen als im säkularen Bereich nicht anschlussfähig. Und für den allergrößten Teil der Gläubigen, die Mitglieder der Ortsgemeinden, stellte sich die Frage der Rolle des Glaubens für die alltägliche Lebensführung gar nicht erst. Es scheint daher insgesamt angebracht, die Ergebnisse dieser Studie als Indiz für einen gesamtgesellschaftlichen Zustand der ungefährdeten Säkularität zu deuten. Die Religion hat allem Anschein nach keinen oder kaum einen Einfluss mehr auf eine unangestrengt säkulare Gesellschaftsordnung.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen: Sutterlüty, Ferdinand (Hg.) 2011: Stichwort »Postsäkularismus?« Mit Beiträgen von José Casanova, Hans-Joachim Höhn, Thomas M. Schmidt und Oliver Sturm, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 8. 2, 65–110, darin auch die Einleitung zum Stichwort »Postsäkularismus?«, 65‒67; Sutterlüty, Ferdinand 2014: The Role of Religious Ideas: Christian Interpretations of Social Inequalities, in: Critical Sociology (first published online; print: issue 42, 33-48, 2016) und Kuhn, Thomas 2014: Vorbilder und Feindbilder. Religiöse Ideen in christlichen Gemeinschaften. Gießen: Justus Liebig Universität, Dissertation (Online Open Access).
Neben zahlreichen Vorträgen wurde in dem Projekt gemeinsam mit Aletta Dieffenbach und Thomas Kuhn ein Panel zu „Religion and Critique“ auf der Nachwuchskonferenz des Exzellenzclusters „Praktiken der Kritik“. Frankfurt a. M., 6. Dezember 2013 durchgeführt.

Rechtfertigungsnarrative: Das Beispiel des gegenwärtigen Kinos

Projektleitung: Prof. Dr. Martin Seel

Zu den Grundannahmen des Exzellenzclusters gehört, dass ethisch und politisch wirksame Rechtfertigungsmuster immer bereits in historische und ästhetische Narrationen eingebettet sind und dass rechtfertigenden Gründen, die nicht in narrativer Form dargeboten werden, oft nur in dieser Umgebung ein starkes moralisches oder politisches Gewicht zukommen kann. Diese Verhältnisse untersuchte das Forschungsprojekt aus einem Blickwinkel, der den historischen, politologischen und philosophischen Forschungen des Clusters zusätzlich einen starken kulturwissenschaftlichen Akzent verlieh. Im Interesse der Klärung eines allgemeinen Begriffs der sei es stabilisierenden, sei es transformatorischen Kraft narrativer Rechtfertigungen wurde untersucht, welcher ästhetischen Strategien sich heute eine narrative Vergegenwärtigung und Transformation normativer Standards bedient – und welche besondere normative Qualität diesen Strategien zukommt.

Konkreter Untersuchungsgegenstand war dabei das gegenwärtige Kino. Wir untersuchten, wie in fiktionalen und dokumentarischen Filmen Vorstellungen von Recht und Unrecht tradiert, etabliert und erschüttert werden, und dies gerade aus Anlässen und an Schauplätzen, die zu Wahrzeichen des Prozesses der ökonomischen und politischen Globalisierung geworden sind, denen also emblematischer oder symbolischer Charakter zukommt. Das Projekt verknüpfte daher die theoretische Frage nach der legitimatorischen und/oder delegitimatorischen Kraft von Rechtfertigungserzählungen eng mit exemplarischen Analysen von Filmen, die in ihrer audiovisuellen Gestaltung auf unterschiedliche Weise eine normative Haltung zu zentralen politischen Konflikten der Gegenwart formulieren.

Das Projekt konzentrierte sich dabei auf zwei Gruppen von Filmen, in denen auf unterschiedliche Weise die Erschütterung der politischen Weltordnung in Folge der Anschläge am 11.9.2001 thematisch wird. Die erste Gruppe bildeten – formal und ideologisch heterogene – Filme, die in mehr oder weniger direkter Reaktion auf die Anschläge und die Kontroversen um ihre Deutung entstanden sind. Die zweite Gruppe bildeten – wiederum: formal und ideologisch heterogene – Filme, die seit 2003 die Folgen der alliierten Invasion in den Irak behandeln.

In einem ersten Schritt ging es uns um eine Klärung des Begriffs der Narration ganz allgemein. In einem gemeinsam mit Stefan Deines angebotenen Hauptseminar zur Philosophie der Narration haben wir eine Durchsicht durch philosophische Theorien des Erzählens verschiedenster Ausrichtung erarbeitet. Anspruchsvolle philosophische Theorien des Erzählens weisen auf dessen grundsätzliche Bedeutung für die menschliche Praxis hin. So sieht etwa Arthur Danto die Fähigkeit des Erzählens als notwendig für ein geschichtliches Selbstverhältnis des Menschen an. Peter Goldie betont die Rolle des Erzählens für Erinnerungen an Handlungen und insbesondere für in die Zukunft gerichtete Handlungsplanung und -antizipation. Erzählungen bringen einzelne Ereignisse in eine Ordnung, ohne die Entwicklungen und Ziele gar nicht verständlich wären. Gerade in künstlerischen Erzählungen, so der Befund, kommt die Spannung zwischen den erzählten Ereignissen und deren formaler Anordnung besonders in den Blick, die jeder Erzählung inhärent ist. Für den Film, der seine Erzählungen in die Form einer audiovisuellen Präsentation bringt, ergibt sich hier ein spezifischer Modus der Präsentation, in dem eine story durch die Art und Weise, wie sie nicht nur erzählt, sondern erzählend gezeigt wird, vielfältig verstärkt oder gebrochen werden kann. Prominente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche haben dieses Verhältnis in der Ringvorlesung zum Thema „Narration und Rechtfertigung im Kino“, die wir im Wintersemester 2011/12 organisiert haben, im Detail ausgelotet. Im Fokus standen dort die spezifisch filmischen Verfahren des Erzählens und ihr Verhältnis zu rechtfertigenden Gründen. Die internationalen Vortragsgäste arbeiteten das jeweils an einem konkreten Filmbeispiel aus; zu diesen zählten unter anderem Robert Pippin, George Wilson, Gertrud Koch, Josef Früchtl oder Juliane Rebentisch. Dabei wurde vor allem deutlich, dass im Bereich des Films Verfremdungseffekte zum Tragen kommen, die ganz eigene, affektiv geladene oder neutralisierte Haltungen zu den erzählten Ereignissen, und den Personen, die an ihnen teilnehmen, konstituieren.

Im Anschluss an diese ausführlichen Bestimmungen der Grundbegriffe des Projekts haben wir in einer Reihe von Publikationen und Präsentationen im Kontext des Projekts demonstriert, dass die spezifisch filmische Gestaltung und die mit ihr verbundenen Formen der narrativen Stellungnahme insbesondere hinsichtlich der Aufarbeitung von Terror und Krieg im gegenwärtigen Kino einen Unterschied machen.

Zu den wichtigsten Publikationen zählen:
Martin Seel: „Narration und (De-)Legitimation: Der zweite Irak-Krieg im Kino“. In: E. Rudolph, T. Steinfeld (Hg.): Machtwechsel der Bilder. Zürich 2012, 213-227 und Martin Seel: „Kino-Demonstrationen“. In: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ (Hg.): Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Frankfurt a.M. 2012, 187-208. Im Rahmen des Projekts wurde die bereits erwähnte Vorlesungsreihe im WS 2011/2012 „Narration und Rechtfertigung im Kino“ durchgeführt.

Die einschlägigen Filme (und Fernsehserien), mit denen wir uns in diesem Zusammenhang intensiv auseinandergesetzt haben, sind: Southland Tales, United 93, Generation Kill, Home of the Brave, In the Valley of Elah, The Hurt Locker, Zero Dark Thirty. Sie sind Beispiele für eine Reihe von ungefähr 100 Spiel- und Dokumentarfilmen sowie Fernsehserien, die wir im Rahmen des Forschungsprojekts gesichtet haben. In den meisten Fällen brechen die Filme über die Anschläge vom 11. September 2001 und den darauf folgenden Krieg im Irak die Ereignisse auf die Erlebens- und Handlungskontexte einzelner Figuren oder einer Gruppe von realen, fiktionalen oder fiktionalisierten Personen herunter, die dann die historischen Situationen in ihrer eigenen Involviertheit spiegeln. Im Blick auf diese Ausschnitte aber konstruieren wiederum die meisten Filme eine Haltung, die die präsentierten Ereignisse und ihre Rechtfertigungen durchaus problematisieren – gerade indem sie die medial geläufigen Bilder dieser Ereignisse mit alternativen Bildern konfrontieren und so alternative Erinnerungen generieren.

Auf der einen Seite setzt gerade das gegenwärtige Kriegskino häufig eine explizite Thematisierung oder gar Kritik am Wahrheitsanspruch der Bilder vom Krieg ein, indem es ihre mediale Bedingtheit ausstellt. Hier werden beispielsweise Bilder von Handy- oder privaten Videokameras in den Film einmontiert und damit Authentizitätseffekte konstruiert und gleichzeitig in Frage gestellt (wie etwa in In the Valley of Elah, Redacted oder Generation Kill). Oder es werden Aufnahmen von Überwachungskameras oder Youtube-Clips eingespielt, die wiederum auf die Ubiquität zirkulierender Bilder von Krieg oder Terror verweisen (etwa in Southland Tales oder wiederum Redacted). Gerade die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center sind in massenhafter Form mit privaten Aufnahmegeräten dokumentiert und so in die Erinnerung eingegangen. Diese Erinnerung nehmen Filme auf und variieren sie: in Alejandro Gonzáles Iñárritus Kurzfilm Mexiko etwa oder in Zero Dark Thirty wird der Zuschauer mit diesen Bildern in seiner Erinnerung konfrontiert, indem sie im Film gerade nicht erscheinen, sondern ausgeblendet oder geschwärzt sind.
Strategien dieser Art lassen sich mit einem in den Kulturwissenschaften einschlägigen Begriff beschreiben: filmische Narrative dienen als Remediation kollektiver Traumata und Krisen, dergestalt dass sich die Umbrüche in den normativen Ordnungen mit ihrer Hilfe immer wieder aufs Neue betrachten und bewerten lassen. Damit greifen sie in den öffentlichen Austausch von Gründen und Gegengründen ein, die wiederum in expliziten moralischen oder politischen Debatten eine Rolle spielen. Gegenläufig reflektieren sie die zugrundeliegenden Haltungen, auf deren Grundlage Entscheidungen getroffen werden.

Zum Abschluss des Projekts wurden die Ergebnisse in Form einer konkreten Auseinandersetzung mit dem Material festgeschrieben. Zu diesem Zweck war eine interdisziplinäre Gruppe von 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eingeladen – unter ihnen Thomas Elsaesser, Elisabeth Bronfen, Hans Jürgen Wulff und eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen aus Frankfurt –, mit der in einem Workshop im März 2014 zum Projektthema eine Auswahl der einschlägigen Filme extensiv diskutiert wurde. Die erarbeiteten Ergebnisse wurden zusammen mit einer systematischen Darstellung des Zusammenhangs von Narration und Rechtfertigung im Film in einem Sammelband „Erzählungen und Gegenerzählungen. Terror und Krieg im Kino des 21. Jahrhunderts“ (Band 16 der Reihe des Exzellenzcluster , Frankfurt/New York, Campus, 2016) publiziert und bilden damit zugleich die öffentliche Dokumentation der Arbeit im Forschungsprojekt.

Menschenrechte, Gerechtigkeit und Toleranz: Die Herausbildung normativer Ordnungen im Verhältnis des Westens zum Islam

Projektleitung: Prof. Dr. Rainer Forst

Das Forschungsprojekt "Menschenrechte, Gerechtigkeit und Toleranz" hat die Zielsetzung verfolgt, im doppelten Dialog mit der islamischen Tradition und der zeitgenössischen Menschenrechtsphilosophie eine eigenständige Konzeption der Menschenrechte zu erarbeiten. Leitend war dabei die Frage nach den Ressourcen für eine übergreifende Rechtfertigungsordnung, die Menschenrechte als fundamentale Normen der Gerechtigkeit enthält und sich nicht dem Schema einer Gegenüberstellung von "westlich" und "islamisch" fügt.

Hierzu wurde zunächst die innerislamische Menschenrechtsdiskussion analysiert und mit Menschenrechtsdiskursen verglichen, deren Geltung und Genese als "westlich" angesehen wird. In kontextueller Hinsicht ließ sich dabei feststellen, dass ein wesentliches Motiv der islamischen Diskussion darin besteht, zu beweisen, dass der Islam keine fremden moralischen „Belehrungen“ benötige, da dieser, je nach Auffassung, entweder selbst bereits moralisch vollkommen sei und somit keiner fremden menschenrechtlichen Ideen bedürfe oder alternativ gar selbst der ursprüngliche Erfinder der Menschenrechte sei. In systematischer Hinsicht wurde der Versuch unternommen, die Bandbreite des islamischen Menschenrechtsdiskurses zu erfassen und diesen nach einem Kriterium zu ordnen, das die inhaltlichen und methodischen Differenzen in der Beantwortung der Frage nach der Vereinbarkeit von Islam und Menschenrechten verständlich werden lässt. Vier muslimische Argumentationshaltungen wurden dabei von einander differenziert und auf ihre inhaltliche Argumentation hin analysiert.

Die Rekonstruktion der innerislamischen Menschenrechtsdiskussion hat ergeben, dass es unter Muslimen ein sehr breites Meinungsspektrum gibt, wenn es um die Frage der Vereinbarkeit von Islam und Menschenrechten geht. Von einer oft suggerierten einheitlichen islamischen Menschenrechtsposition kann keine Rede sein. Auffällig war im Hinblick auf den Diskurs jedoch die Tatsache, dass es ihm in erster Linie darum geht, das Stigma des menschenrechtlichen Problemkinds loszuwerden. Aufgrund dieser reaktiven Dynamik ist der Diskurs bisher nicht dazu in der Lage gewesen, einen eigenständigen Beitrag zur Förderung des allgemeinen Menschenrechtsverständnisses beizusteuern. Dies wurde vor allem dann deutlich, wenn es um die Frage der Begründung der Menschenrechte geht. Die zentrale und auch von anderen Religionen geteilte Annahme, dass Menschenrechte von Gott gegeben sind oder ein göttliches Fundament besitzen, führt zur problematischen Schlussfolgerung, dass es sich hier um Rechte handelt, die dem Menschen nicht als solchem zukommen, sondern lediglich deswegen, weil er ein Geschöpf Gottes ist. Die Achtung der Menschenrechte wird somit also primär zu einer rituellen Pflicht gegenüber Gott, während die moralische Pflicht gegenüber dem Menschen nur sekundär bleibt und sich quasi erst aus der religiösen Primärpflicht ergibt. Dies führt unweigerlich zu einem weiteren Problem. Wenn die Achtung der Menschenrechte nämlich allein deswegen erfolgen soll, weil der Glaube dies zur Pflicht macht, dann hätten jene Menschen, die einen anderen oder gar keinen Glauben haben überhaupt keinen verpflichtenden Grund, die Menschenrechte zu achten.

Auf begründungstheoretischer Ebene ergibt sich daher also die Notwendigkeit, Menschenrechte unabhängig vom islamischen Glauben zu begründen, um die universale Gültigkeit der Menschenrechte zu garantieren. Die Problematik, die sich aus dieser Forderung jedoch aus muslimischer Perspektive ergibt, ist die, dass die muslimische Akzeptanz der Menschenrechte unmittelbar damit zusammenhängt, einen islamischen Bezug zu ihnen herstellen zu können, d.h. Menschenrechte aus dem islamischen Rechts- und Gedankengebäude heraus zu legitimieren. Das hängt zum einen damit zusammen, dass Menschenrechte normative Ansprüche darstellen, die dem Menschen einerseits einen bestimmten Handlungsraum gewähren, ihm andererseits aber auch ein bestimmtes Handeln vorschreiben und somit in ein moralisches Terrain eindringen, das gleichzeitig von der Religion beansprucht wird. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Idee der Menschenrechte Teil eines Identitätsdiskurses ist, in dem sie nicht selten als „abendländisch-christliche Werte“ portraitiert werden, an die sich andere Kulturen anzupassen haben. Um die Annahme der Menschenrechte also nicht als bloße Übernahme von vermeintlich „westlichen“ Ideen erscheinen zu lassen, müssen sich Menschenrechte demnach aus der islamischen Tradition ableiten und begründen lassen. Der Herausbildungsprozess des muslimischen Menschenrechtsverständnisses befindet sich zusammengefasst also in einem Spannungsfeld von zwei unterschiedlichen Normativitätsansprüchen: dem Anspruch der Universalität einerseits und dem der islamischen Legitimität andererseits. In dem Projekt wurden zwei Ansätze entwickelt, auf diese Problematik zu antworten.

Eine Möglichkeit, diese beiden Ansprüche gleichzeitig zu erfüllen, ergibt sich den Forschungsergebnissen zufolge, wenn man Menschenrechte, anlehnend an die Theorie der islamischen Rechtszwecke (maqāsid al‐šarīʿa), als Institutionen zum Schutze grundlegender menschlicher Bedürfnisse konzipiert. Islamisch legitimiert ist die Grundlage der menschlichen Bedürfnisse deswegen, weil ihr Schutz den Zweck des islamischen Rechts symbolisiert. Universal konsensfähig ist sie deswegen, weil menschliche Bedürfnisse einstellungsunabhängig existieren und somit ethisch neutral und intersubjektiv rechtfertigbar sind. Es handelt sich hier also um eine Grundlage der Rechtsfindung, die nicht wesensmäßig, jedoch auch religiös ist. Die Erarbeitung dieser Konzeption erfolgte zunächst ideengeschichtlich anhand einer Rekonstruktion der klassischen islamischen Theorie der Rechtszwecke. Anschließend wurde durch Rekurs auf die interdisziplinäre Bedürfnisforschung der Frage nachgegangen, was Bedürfnisse sind und welche Bedürfnisse der Mensch hat. Dies ist die Position, die Mahmoud Bassiouni in seiner 2014 bei Suhrkamp erschienenen Dissertation entwickelt.

Eine andere Möglichkeit, die interne (aus der Binnensicht einer Kultur bzw. Religion) und externe (universalistische) Legitimität einer Menschenrechtskonzeption zu begründen, liegt in einer reflexiven Wendung auf das grundlegende "Recht auf Rechtfertigung" von Personen, keinen normativen Ordnungen unterworfen zu werden, die ihnen gegenüber nicht als Freien und Gleichen gerechtfertigt werden kann. Dies ist ein ebenso interner wie externer Rechtfertigungsanspruch, also einer, der innerhalb normativer Ordnungen gelten muss, sofern sie ihren Mitgliedern gegenüber allgemeine Geltung beanspruchen, wie auch einer, der von außen an normative Ordnungen herangetragen werden kann, die den Anspruch auf Geltung erheben. Die Menschenrechte, die auf der Basis des Rechts auf Rechtfertigung gerechtfertigt werden können, und zwar durch die Betroffenen selbst als normativen Autoritäten, sind entsprechend immanent und kontextübergreifend begründbar, in unterschiedlichen Graden der Konkretion. Dies ist die These, die Rainer Forst in seinen Arbeiten zu Menschenrechten, Gerechtigkeit und Toleranz begründet.

Im Rahmen des Forschungsprojekts wurde eine internationale Konferenz organisiert, mit dem Titel „Human Rights Today: Foundations and Politics“ (Frankfurt, 17.-18.6.2010). Vortragende waren unter anderem Abdullahi Ahmes An-Na’im, Susanne Baer, Étienne Balibar, Charles Beitz, Seyla Benhabib, Costas Douzinas, Jürgen Habermas, Hans Joas und John Tasioulas. Die Beiträge dieser Konferenz bildeten die Grundlage für einen Schwerpunkt „Human Rights“ in Constellations 20:1, 2013, der von Rainer Forst gemeinsam mit Christoph Menke und Stefan Gosepath herausgegeben wurde.

Zu den wichtigsten Publikationen des Foschungsprojekts zählen: Bassiouni, Mahmoud (2014): Menschenrechte zwischen Universalität und islamischer Legititmität, Berlin: Suhrkamp; Forst, Rainer (2014) Justice, Democracy and the Right to Justification, London: Bloomsbury, 2014 (Band mit einem Aufsatz (Two Pictures of Justice), sechs kritischen Beiträgen von A. Sangiovanni, A. Allen, K. Olson, A. S. Laden, E. Erman, S. Caney und einer ausführlichen Replik (Justifying Justification: Reply to My Critics) und Forst, Rainer (2014) The Power of Tolerance, zusammen mit Wendy Brown, New York: Columbia University Press.

 

Professur des Exzellenzclusters – Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie

Prof. Dr. Christoph Menke

Neben den freiheits-, rechts- und demokratietheoretischen Forschungsaktivitäten (siehe den Projektbericht  “Normativität und Freiheit“) standen solche zu ästhetischen Fragen. Dabei wird der Begriff der Ästhetik nicht nur in dem engen Sinn verstanden, daß er die spezifisch moderne Weise des Denkens der Kunst bezeichnet, sondern der Natur und des Geistes (und des agonalen Zusammenhangs beider) des Menschen. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Neubestimmung des Lebensbegriffs seit 1800 von zentralem Interesse, die mit der Herausbildung der philosophischen Ästhetik eng zusammenhängt. Leben und Kunst werden durch Formen einer „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ charakterisiert, in denen sich eine innere Dialektik von Natur und Freiheit, Kraft und Vermögen austrägt. Ästhetische Erfahrung erweist sich vor diesem Hintergrund als praktische Reflexion auf und Rückgang in die Dialektik von Geist und Leben. An dieser Stelle verbinden sich die ästhetischen Fragen mit den freiheitstheoretischen des Clusterprojekts. Spezifische Untersuchungen galten (1.) dem Problem des ästhetischen Urteilens und damit der spezifischen Gestalt (und Rolle) der Normativität im Ästhetischen sowie (2.) der Kategorie der Ästhetisierung und ihrer Verwendung in gesellschafts- und kulturkritischen Diagnosen. Beide Untersuchungen kommen zusammen in der Frage nach einem Begriff des ästhetischen Denkens.

Zu den wichtigsten Publikationen der Professur außerhalb des Forschungsprojekts zählen:
Christoph Menke (2008): Kraft. Ein Grundbegriff ästhetischer Anthropologie, Frankfurt am Main: Suhrkamp (englische Übersetzung: New York: Fordham University Press, 2012)
Christoph Menke (2010): „The Aesthetic Critique of Judgment“, in: Daniel Birnbaum/Isabelle Graw (Hg.), The Power of Judgment. A Debate on Aesthetic Critique, Berlin: Sternberg, 8-29
Christoph Menke (2010): „Neither Rawls Nor Adorno: Raymond Geuss’ Programme For a ‚Realist’ Political Philosophy“ (Rez. Raymond Geuss, Outside Ethics und Philosophy and Real Politics), in: European Journal of Philosophy, 18(1), 139-147 (deutsche Übersetzung in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Bd. 58 (3), 2010, 445-456.
Thomas Khurana (2011): „Philosophies of Life“, Schwerpunkt in: Constellations 18, 6–73 (Gastherausgabe zusammen mit Christoph Menke; mit Beiträgen von Jay Bernstein, Rüdiger Campe, Alexander García Düttmann, Paul Patton, Paola Marrati) *.

Neben zahlreichen internen Arbeitsgruppen Treffen des FF1, sowie Klausurtagungen mit weiteren PIs und der Organisation von Einzelvorträgen, wurde eine große „Derrida-Konferenz. Frankfurt 2012“ organisiert (Goethe-Universität Frankfurt/M., 14.-16.03. 2012), mit insgesamt 90 Vortragenden, darunter: Martin Hägglund (Harvard), Alexander García Düttmann (Goldsmiths), Paola Marrati (Johns Hopkins), Dirk Setton (Frankfurt/M.), Bruno Clément (Paris), Martine Meskel-Cresta (Cergy-Pontoise) and Martin Saar (Frankfurt/M.). Zudem herauszuheben ist ein Workshop mit dem Titel „Anerkennung und Alterität“, der vom 30.04.-01.05.2010 in Frankfurt/M. stattfand und dessen Beiträge die Grundlage für eine gleichnamige Publikation darstellten (Nomos, 2011). Christoph Menke war zudem an der Mitorganisation der Vortrags- und Seminarreihe „Was ist Denken?“ (mit Chus Martinez), in der 13. Documenta (Juni-September 2012) beteiligt, sowie an der Vortragsreihe „Dialektik des Fortschritts“ (mit Sibylle Baschung und Anja Lemke), September 2012-Februar 2013.

Biblische Rechtfertigungsnarrative in spätantiker Umwelt– die Rolle der kaiserlichen Frauen

Projektleiter: Prof. Dr. Hartmut Leppin

Zu den erstaunlichsten Phänomenen der spätantiken Geschichte gehört, wie rasch ein christliches Rechtfertigungsnarrativ dazu beitrug, die schon Jahrhunderte andauernde Herrschaft römischer Kaiser neu zu legitimieren. In diesem Projekt sollte untersucht werden, wie das an der Peripherie des Römischen Reiches entstandene, dann weiterentwickelte christliche Rechtfertigungsnarrativ von Herrschaft mit seinen universalen Ansprüchen auf die römische Herrschaftsordnung traf und sich erstaunlich schnell mit ihr verband, so dass in der politischen Sprache die Unterschiede dem Schein nach verschwanden.

Im Zentrum standen dabei jene Ansprüche, die an den Kaiser gestellt wurden, der in der spätantiken Gesellschaft sowohl an dem Rechtfertigungsnarrativ des paganen Kaisertums als auch an jenen des Alten Testaments als auch an dem Konzept des Heiligen Mannes gemessen werden konnte (Francis Dvornik, Peter Brown). Dies führte zu einer Änderung des kaiserlichen Verhaltens, aber auch des Machtgefüges, da nunmehr Vertreter des Christentums wie Mönche oder Bischöfe aufgrund ihrer spirituellen Autorität als kompetent galten (Claudia Rapp), das kaiserliche Verhalten zu beurteilen. Nicht hinreichend berücksichtig war bislang das Verhältnis dieser personal gebundenen Autoritäten zur Autorität von Texten, in denen Normen überliefert waren; so wurden in der Spätantike, z.B. bei Ambrosius und Johannes Chrysostomos, Normen oft aus dem Alten Testament gewonnen und zum Teil unmittelbar auf die eigene Zeit übertragen. Da die Entwicklungen im Osten und im Westen des Römischen Reiches unterschiedlich verliefen, ließ sich vergleichend die Entwicklung des christlichen Rechtfertigungsnarrativs unter verschiedenen sozialen Verhältnissen beobachten. Dabei wurde insbesondere die Rolle der kaiserlichen Frauen gewürdigt, in einem engen Austausch mit einem parallelen Projekt im Internationalen Graduiertenkolleg „Politische Kommunikation von der Antike bis zur Gegenwart“.

Das Leitthema des Projektes wurde unter sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Der Projektleiter Hartmut Leppin befasste sich vor allem mit der Frage, inwieweit das spätantike christliche Kaisertum, das er als eine überraschende Erscheinung, als ein Paradox der Europäischen Geschichte bewertete, biblische Rechtfertigungsnarrative aufgriff. Dabei wurde deutlich, dass sowohl christozentrische als auch alttestamentliche, gewissermaßen davidische Interpretationen aus der Bibel abgeleitet wurden, dass daneben aber eine Tendenz bestand, ein hierokratisches Kaisertum zu entwickeln. So zeigten sich mit der beträchtlichen Wirkung der biblischen Rechtfertigungsnarrative auch ihre Grenzen.

Beide in dem Projekt begonnenen Promotionen wurden zu einem erfolgreichen Abschluss geführt:
Jan-Markus Kötter beschäftigte sich mit dem sog. „Akakianischen Schisma“, der ersten grundsätzlichen Kirchenspaltung zwischen den Kirchen von Rom und Konstantinopel in den Jahren 484 bis 519. Hier ging es ihm darum, zu untersuchen, wie die verschiedenen Akteure Argumente biblisch-apostolischer Provenienz zur Durchsetzung ihrer dogmatischen und hierarchischen Ansprüche (mithin: ihrer Idee von einer adäquaten kirchlichen Ordnung) nutzten. Durch die dichte Analyse der Konflikte und ihre breite Einbettung in historische Kontexte konnte ein neuer Blick sowohl auf die Herausbildung der spätantik-kirchlichen Ordnung als auch auf die ständigen Konflikte um die Weiterentwicklung dieser Ordnung gewonnen werden.
Michaela Dirschlmayer untersuchte die machtpolitische Stellung der kaiserlichen Frauen im spätantiken christlichen Kaisertum vom 4. bis zum 6. Jahrhundert. Nach kritischer Analyse antiker Texte konnte sie feststellen, dass der Einfluss kaiserlicher Frauen in dieser Zeit vor allem in religionspolitischen Belangen deutlich zu fassen ist. In engem Zusammenhang damit stehen Kirchenstiftungen kaiserlicher Frauen, denn diese können als sichtbarer Ausdruck ihres Einflusses und im Sinne einer Kommunikation zwischen dem kaiserlichen Hof und den Akzeptanzgruppen, die diesen stützten, interpretiert werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchung liefern einen bedeutenden Beitrag, den Handlungsspielraum einer kaiserlichen Frau, der rechtlich nicht zu definieren ist, besser fassen zu können. Zudem legen sie nahe, bisherige Thesen der Forschung zu spätantiken/frühbyzantinischen Kaiserinnen neu zu bedenken.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen: Hartmut Leppin (2011): Justinian – Das christliche Experiment, Stuttgart: Klett-Cotta; Hartmut Leppin (2010): Das Erbe der Antike (C.H. Beck Geschichte Europas), München: Beck; und Jan-Markus Kötter (2013): Zwischen Kaisern und Aposteln. Das Akianische Schisma (484-519) als kirchlicher Ordnungskonflikt in der Spätantike, Stuttgart: Steiner; Michaela Dirschlmayer (2015): Kirchenstiftungen römischer Kaiserinnen vom 4. bis zum 6. Jahrhundert – die Erschließung neuer Handlungsspielräume, (JbAC Ergänzungsband Kleine Reihe 13) Münster: Aschendorff.

Die wichtigsten Veranstaltungen im Projekt waren ein internationaler Workshop zur „Ausbreitung von Religionen und Neutralisierung von gesellschaftlichen Räumen“ (25.-27.6.2010), ein Vortrag und Seminar von Hans Beck zum Thema „Zwischenstaatliche Beziehungen im klassischen Griechenland. Soziozentrismus und die Grenze normativer Ordnung“ (21.-2.6.2010) sowie „Normative Aspekte in Form und Funktion der griechischen Hagiographie in der Spätantike“, Vortrag und Seminar mit Prof. Claudia Rapp (UCLA, 27.3.-8.4.2009).

Menschenwürde in der Frühen Neuzeit

Projektleiter: Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann und Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte

Beim Teilprojekt „Menschenwürde/Menschenrechte in der Frühen Neuzeit“ bildeten sowohl der Begriff der Menschenwürde als auch der der Menschenrechte zentrale Bezugspunkte normativer Legitimation, auf die aus (rechts-) philosophischer, ethischer, juristischer, (ideen-) geschichtlicher und politischer Perspektive Bezug genommen wurde. Zumeist knüpfen heutige Lesarten an das von Kant in spezifischer Zusammenführung stoischer, christlicher, humanistischer und aufklärerischer Traditionen entwickelte Konzept der Menschenwürde an. Die teilweise in der Forschungslandschaft zu beobachtende Stilisierung der „Moderne“ als Epochenbruch verklärt dabei nicht nur die sich bei Kant konzentrierende Aufklärung, sondern leugnet auch die Geschichtlichkeit, d.h. die räumliche und zeitliche Situiertheit der Herausbildung normativer Konzepte.

Das in Kooperation von Geschichtswissenschaft und Philosophie betriebene Projekt verfolgte das Ziel, die ideengeschichtlichen Vorläufer, besonders im Umfeld der auf die Kolonialerfahrung des 16. und 17. Jahrhunderts reagierenden spanischen Spätscholastik, zu untersuchen und auf ihren systematischen Beitrag zu Menschenrechts-Debatten hin zu überprüfen.

Die Schule von Salamanca sticht dadurch hervor, dass sie mit einem universalen weltumspannenden Herrschaftssystem konfrontiert war. Die spanisch-habsburgische Monarchie stieß gleichermaßen an ihren Rändern und im Innern an die Grenzen ihres Herrschaftsanspruchs. Das Verhältnis von nationalen Monarchien und Kirche wurde in Frage gestellt. Die Rechte des Einzelnen innerhalb und außerhalb dieser Gemeinschaften waren gleichfalls bedroht. Die Theoretiker der spanischen Spätscholastik betrachteten diese Fragen in ihrer Verzahnung.

Über die religiös-konfessionellen Fragmentierungen hinweg treten vergleichbare Argumentationsmuster in den europäischen Ständedebatten auf, die sich auf Rechtfertigungsmuster des Rechts der Not- und Gegenwehr (Naturrecht, römisches Recht, altes Herkommen), aber auch auf das Gewissen als einen politisch-theologisch umstrittenen Begriff beziehen. Die Religion kann nicht gewaltsam aufgezwungen werden, das war im 16./17. Jahrhundert Konfliktpunkt und ein einschlägiges Argument innerhalb aller europäischen Herrschaftssysteme, aber auch gegenüber den Kolonialvölkern. Es stellt das Ferment der neuzeitlichen Konzeption der Menschenrechte dar. Zur wichtigsten Veranstaltung in diesem Projekt zählte: „Human Rights, Human Dignity and Cosmopolitan Ideals“, Gästehaus der Goethe-Universität in Frankfurt am Main vom 6.-7. Mai 2011.

Rechtfertigungsnarrative in der Frühen Neuzeit: Debatten um politische Normen in europäischen Ständeversammlungen des 16./17. Jahrhunderts

Projektleiterin: Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte

In dem Forschungsprojekt, das unter der Leitung von Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte stand, wurden Archivarbeiten durchgeführt, die einen Vergleich der Debatten um politische Normen in ausgewählten europäischen Regionen (u.a. Hessen-Kassel, Polen und eine französische Region) im 16. und 17. Jahrhundert zulassen. Bei diesen Untersuchungen war eine zentrale Frage, ob es ein vergleichbares politisches Vokabular in den Debatten der Ständeversammlungen gegeben hat, die sich u.a. an den Konflikten um das naturrechtlich begründete Recht der Not- und Gegenwehr entzündeten.
Die Untersuchungen zielten darauf, die Verzahnung der Debatten um politische Gruppenrechte mit denjenigen der zeitgenössischen Theoriedebatten um Individualrechte zu analysieren. Mit letzteren befassten sich sowohl spanisch-katholische Spätscholastiker (vor allem die Schule von Salamanca) als auch lutherische und reformierte juristisch-theologische Debatten. Es war deshalb zu klären, ob es jenseits der sich im 16. Jahrhundert ausbildenden konfessionellen Gegensätze eine gemeinsame politische Sprache der Zeitgenossen gegeben hat.

In der Untersuchung des Wandels des politischen Vokabulars konnte der Wandel politischer Normen greifbar werden. Methodisch rückte die Analyse der Grammatik politischer/politisch-theologischer Sprachen in der Frühneuzeit in den Mittelpunkt; mit deren Hilfe können sowohl die Pluralität normativer Ordnungen als auch deren Konvergenzen untersucht wurden. Als Rechtfertigungsnarrative gelten Begründungsmuster, mit deren Hilfe politische Positionen oder die Gültigkeit von Wertmustern legitimiert werden sollen. Die Untersuchung von Debatten zur Legitimation politischer Herrschaft anhand von Regentenspiegeln und Landtagsprotokollen erwies sich als ein geeigneter Forschungszugang.
Der Gegensatz zwischen Partikularität und Universalität, der sich im Gegensatz zwischen universalem Herrschaftsanspruch der Monarchien und den regionalen ständischen Identitäten artikulierte, war Ausgangspunkt für die Formulierung veränderter Rechtfertigungsnarrative, die an traditionale Teilhaberechte anknüpften.

Das Teilprojekt wurde vom 1.1.2009 bis zum 31.12.2011 bearbeitet; die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Therese Schwager bearbeitete den Teil zum Alten Reich (Ständeversammlungen in der Landgrafschaft Hessen-Kassel), Dr. Maciej Ptaczynski, Stipendiat aus Warschau, den Teil zu den polnischen Ständeversammlungen (16./17. Jh.).
Beide Mitarbeiter haben dabei eine weitgehend unbekannte Überlieferung aufgearbeitet. Dr. Therese Schwager hat die intensive Debatte um den Konfessionswechsel des Landgrafen Moritz (1607) analysiert; dazu gab es erste Vorarbeiten durch die Projektleiterin. Frau Schwager hat diese Materialien durch weitere Recherchen in anderen Archiven abrunden können. Wesentlich für die Fragestellung im Projekt (Normwandel auf Ständetagen Europas in der Frühen Neuzeit) war die Untersuchung der Konfessionsgegensätze im Territorium (Luthertum gegen Reformiertentum), anhand derer die konfessionsverschiedenen Zugänge zu den dominanten Normen dieser Jahrzehnte analysiert werden sollten: Gewissen als individuelle Kategorie, das Recht auf Gegen- und Notwehr. Der Konfessionswechsel stieß beim ständischen Adel und bei den neuen lutherischen Pfarrern auf erheblichen Widerstand; die mit einigen Adligen und Pfarrern durchgeführten Verhöre wurden protokolliert. Frau Schwager hat alle identifizieren können und dieses Material als Grundlage für ihre Untersuchungen zum Normwandel verwendet. Das Ergebnis ist für die Forschung weiterführend; die Protokolle sind als Anhang für die Publikation aufbereitet und kommentiert worden.
Dr. Maciej Ptaczynski hat die lateinisch/polnische Überlieferung aus den Sitzungen des Sejm (polnischer Reichstag) unter der Fragestellung des Projektes aufgearbeitet und damit für die noch junge polnische Ständeforschung Neuland betreten. Der interessante Befund ist, dass es trotz der auch in Polen wichtigen Konfessionsfrage des 16./17. Jahrhunderts kaum Debatten um die Normfragen gab, die mit theologiepolitischen Argumenten geführt worden wären. Vielmehr stand in Polen die Argumentation mit Hilfe der regionalen Tradition (patria-Begriff) und unter Verweis auf das römische Recht im Vordergrund. Im Zentrum stand stets die Frage nach dem Verhältnis von ständischem Adel und Wahlkönigtum, das mit Hilfe eines Vertragswerkes institutionalisiert werden musste. In diesem Zusammenhang tauchten die Begriffe Gewissen, Notwehr, Gegenwehr auch in der polnischen Debatte auf, die Argumentationsstrukturen aber waren anders angelegt als dies für das hessische Territorium der Fall gewesen war.

Der durch Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte formulierte Vergleich der Ergebnisse beider Regionalstudien konnte herausstellen, dass die frühneuzeitlichen Normdebatten stets von regionalen und römischrechtlichen Traditionen geprägt waren, dass aber im Alten Reich die konfessionellen Spannungen neue Argumente hinzugefügt haben, die in der polnischen Debatte nicht aufgetreten sind. Den Gründen wird in der Publikation ausführlich nachgegangen.

Auf der im Herbst 2009 in Greifswald (Krupp Forschungskolleg) durchgeführten Arbeitstagung waren die Kernfragen nach der Struktur der Normen und deren Vergleichbarkeit innerhalb von Europa bereits ausführlich erörtert worden. Dabei wurde deutlich, dass die in der Forschung lange Zeit als dominant anerkannte Charakterisierung dieser Ordnungsmuster als Republikanismus nicht länger aufrechterhalten werden kann.

Innerhalb der Clusterfelder wurde eine enge Kooperation mit den Forschungen von Prof. Andreas Fahrmeir (Geschichte), Prof. Matthias Lutz-Bachmann (Philosophie) und Prof. Rainer Forst (Philosophie) praktiziert.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen: Schorn-Schütte, Luise (2013): Was ist Wandel normativer Ordnungen im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts?, in: Fahrmeir, Andreas/Imhausen, Annette (Hg.), Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive, (Reihe: Normative Orders Bd. 8), Frankfurt am Main: Campus, 109-126; Schorn-Schütte, Luise (2012): „Die Rolle von Rechtfertigungsnarrativen in politisch-theologischen Debatten des 16. und 17. Jahrhunderts“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, 20.1.-25.3.2012), Nürnberg, 339-345; Ptaszynski, Maciej (2012): „Orthodoxie aus der Provinz und Buchgelehrsamkeit. Theologisches Selbstverständnis der evangelischen Kirche in Pommern (16./17. Jahrhundert)“ , in: Schorn-Schütte, Luise (Hg.): Gelehrte Geistlichkeit - geistliche Gelehrte: Beiträge zur Geschichte des Bürgertums in der Frühneuzeit, Berlin, 53-74 und Schorn-Schütte, Luise (2009): „Vorstellungen von Herrschaft im 16. Jahrhundert. Grundzüge europäischer politischer Kommunikation“, in: Helmut Neuhaus (Hg.), Die Frühe Neuzeit als Epoche (=Beihefte zur HZ, Bd. 49), München 2009, 347-376.

Die Wissenschaftskultur der Aufklärung und die Rechtfertigung normativer Ordnungen

Projektleiter: Prof. Dr. Moritz Epple

Die zentrale Fragestellung des Projektes bestand darin zu ermitteln, inwieweit die enzyklopädische Wissensordnung in der französischen Aufklärung vom Denk- zum Handlungsrahmen der philosophes wurde, und inwieweit der Auftritt der modernen Wissenschaften dadurch einen spezifischen Beitrag zur Entwicklung der sozialen und politischen Moderne geleistet hat. Die Fragestellung wurde vor allem ausgehend von Jean Le Rond d'Alemberts „Essai sur les Elements de Philosophie“ behandelt. Der Essai wurde von d'Alembert 1759 nach seiner Aufgabe der Mitherausgeberschaft der Encyclopédie verfasst und später vom Autor durch umfangreiche „Eclaircissements“ ergänzt, und er ist einer der wenigen systematischen Texte des Encyclopédismus. Ziel des Projektes ist die Erarbeitung einer kommentierten Übersetzung und Edition dieses Schlüsselwerkes der Aufklärung.

Die Gründe der marginalen Rezeption des Essai im deutschsprachigen Raum – es gibt nur eine nahezu vergessene zeitgenössische Übersetzung von Joseph Maria Weissegger (Wien 1787) – stellen eine weitere Forschungsfrage des Projektes dar. Während die Neuübersetzung und Kommentierung des Essai weitgehend abgeschlossen sind, wird die übergeordnete Forschungsfrage nach dem Zusammenhang von epistemischer und politischer Revolution in der französischen Aufklärung auch im Anschlussprojekt behandelt und in verschiedenen Richtungen („Die politische Philosophie der Encyclopédie“ und „Der Zusammenhang von exakten Wissenschaften und der Entwicklung der Norm der Gleichheit“) weiter verfolgt.

In den Jahren 2008-2012 wurden unter anderen folgende Publikationen veröffentlicht: Comtesse, Dagmar (2012): Wissensordnung als Kritik. Die Ordnung der menschlichen Kenntnisse nach Jean d'Alembert (Normative Orders Working Paper 01/2012); Comtesse, Dagmar/Epple, Moritz (2013): „Auf dem Weg zu einer Revolution des Geistes? Jean d'Alembert als Testfall“, in: Andreas Fahrmeir/Annette Imhausen (Hg.), Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive (Reihe: Normative Orders Bd. 8), Frankfurt/M.: Campus, 21-47 und Epple, Moritz (2010): “Links and Their Traces: Cultural Strategies, Resources, and Conjunctures of Experimental and Mathematical Practices”, in: Moritz Epple/Claus Zittel (Hg.), “Science as Cultural Practice. Vol. 1: Cultures and Politics of Research from the Early Modern Period to the Age of Extremes”, Berlin: Akademie Verlag, 221-245.

In den Jahren 2008-2012 wurden folgende Veranstaltungen durchgeführt: Kooperation mit der Groupe d'Alembert (französisches Forschungsnetzwerk zur Neuedition der Œuvres complètes von Jean d’Alembert des CNRS): Workshops in Lyon (Juni/ 2009) und Montpellier (Januar/ 2010); Vortrag Moritz Epple auf der PI-Tagung des Clusters 2009: Geometry and Equality. Some Remarks on the Relation between Enlightenment Science, Politics, and Norms, ca. 1757; 1. Nachwuchskonferenz des Clusters (Oktober 2009): Organisation und Leitung des Panels „Sanktionierte Rechtfertigungen: Zensur und Hegemonie“; 1. Nachwuchsworkshop des Clusters (Juli 2010): Organisation und Vorträge der beiden Mitarbeiterinnen (Dagmar Comtesse/ Marianne Schepers) und PI-Vortragsreihe des Clusters, Vortrag Moritz Epple (Juni 2012): Die Moral der Gleichheit.

Partikulare Umsetzung normativer Wirtschaftsordnungen im 19. Jahrhundert

Projektleiter: Prof. Dr. Andreas Fahrmeir

Mit der Freihandelsordnung etablierte sich im langen 19. Jahrhundert ein globales Wirtschafts- und Handelssystem mit hohem normativem Anspruch, das durch Technologien des Regierens auf eine umfassende Lebenssteuerung hinwirkte. Freihandel als Ordnungsbehauptung rang alsbald um Legitimation und Rechtfertigung seiner Regelungsansprüche: Widerstände und Paradoxa normativer Geltungsgründe wurden auf globaler wie lokaler Ebene zur Regel. Zugleich verschoben sich die Grenzen zwischen Lokalem, Nationalem und Globalem, Zentrum und Peripherie.

Angesichts der Vielzahl der Erfahrungen individueller Akteure mit Freihandelsordnungen und ihren Repräsentationen kann daher nur ein multidimensionaler Zugang dieser Interaktion zwischen politischer Organisation, Ideen und wirtschaftlichen Aktivitäten, ihrer gleichzeitigen Ausdifferenzierung und Verflechtung gerecht werden. Das Projekt zielte auf eine Beziehungsgeschichte zwischen globalen und lokalen Räumen guter Gründe und interessierte sich insbesondere für Rechtfertigungsnarrative und ihre wechselseitigen Einflüsse, Kommunikations- und Austauschbeziehungen. Die Forschungsinitiativen, die unter dem Dach dieses Projektes versammelt waren, gingen diesen Wirkungszusammenhängen aus makro- und mikrohistorischer Perspektive nach:
Die Ambivalenzen vermeintlich ‚guten Regierens’ und Paradoxa der Freihandelsordnung traten im Fall des britischen Empire deutlich hervor. Als Teil der britischen globalen Zivilisierungsmission und Säulen der kolonialen Herrschaftsarchitektur traten Free Trade und Rule of Law in der multi-ethnischen und multi-religiösen Musterkolonie Indien in ein Spannungsverhältnis zueinander. Dieses stand im Mittelpunkt des ersten Projektes. Geltungsgründe konfligierten, und zwar sowohl in spezifischen Arenen des Rechts wie z.B. vor Gericht als auch in der britischen Öffentlichkeit selbst.
Nicht selten rivalisierten ‚ökonomische’ und ‚moralische’ Argumente so miteinander, wie bei der Abschaffung des Sklavenhandels. Die Freihandelsordnungen beruhten auch auf der Privatisierung von Besitzrechten und der Regelung von Arbeitsverhältnissen, die sich auf Vertragsfreiheit und die Vorstellung von Marktbeziehungen zwischen freien und gleichen Individuen gegründet verstanden. Dies jedoch schloss nicht aus, dass sich neue Formen der nun als ‚frei’ deklarierten Zwangsarbeit entwickelten: Inwieweit resultierten demnach Erfolg oder Scheitern der Freihandelsordnung(en) aus Problemen der normativen Ordnung selbst oder aus einer nach ihren eigenen Normen ungerechten oder ineffektiven Umsetzung? Diese Frage war Gegenstand einer zweitätigen Konferenz.
Zeitgenössische Politiker, Verwaltungsexperten, private und staatliche (Handels)Gesellschaften, Kaufleute, Intellektuelle und die öffentliche Meinung beschäftigten sich intensiv mit Gewinnen und Verlusten der Freihandelsordnungen und ihrer Herrschaftstechniken, mit Wettbewerb auf internationalen Märkten, Industrialisierung und sozialem Fortschritt. Diese Diskussionen waren zugleich dicht verwoben mit Debatten über die Nation und deren Neubewertung: Die Nation blieb zum einen stetiger Referenzpunkt im Kontext globaler Dynamiken, veränderte sich zum anderen zugleich in eben jenen Modernisierungsprozessen. Für das britische wie auch das französische Kolonialreich des 19. Jahrhunderts galt, dass die koloniale Expansion Einfluss auf die Produktion von historischem Wissen über die Nation nahm und auf das Empire-building und den Prozess der Globalisierung zurückwirkte. Europa lässt sich also nicht aus sich selbst heraus verstehen.

Um zu zeigen, wie sehr die Analyseebenen des Globalen, Nationalen und Lokalen miteinander verwoben sind, blieb also neben der Makro- gerade die Mikroperspektive unabdingbar. Diese half, alle intermediären Erfahrungsebenen zu erfassen, die die individuelle, alltägliche Begegnung mit dem Freihandel formten: Die Implementierung der liberalisierten Wirtschaftsordnung verdrängte auch die bis dahin auf kollektiven Besitzrechten und auf der Verbindung von ökonomischer Abhängigkeit und Herrschaft beruhenden Wirtschaftspraktiken: Wie dies Gerechtigkeitspraktiken und deren Rechtfertigungsnarrative veränderte, zeigte eine zweite Studie am Beispiel der Bauernbefreiung und Agrarreformen in Nassau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus lokal- bzw. regionalgeschichtlicher Perspektive – ein Ansatz, der wie die anderen Projekte auch auf die Rückbindung zwischen universaler Freihandelsordnung und partikularer Praxis zielte.

In dem Projekt wurde die Umsetzung der ‚liberalen‘ Wirtschaftsordnungen des 19. Jahrhunderts vor Ort untersucht. Diese zielten auf die Herstellung klar beschreibbarer Eigentumsverhältnisse, die ein neues, bisher vermeintlich durch den gemeinschaftlichen Besitz und die kollektive Verwertung von Nutzungsrechten zurückgehaltenes Potential für wirtschaftliches Wachstum freisetzen sollten und wurden in zwei Kontexten untersucht: In einem kleineren deutschen Staat (Nassau; Heidi Quoika) und in einer außereuropäischen Kolonie (Indien; Dr. Verena Steller). Das Projekt sollte dazu beitragen, die normativen Grundlagen der „Freihandelsordnung“ in doppelter Weise zu kalibrieren. Auf der einen Seite galt es, die Frage zu beantworten, welche Elemente der ‚europäischen‘ normativen Ordnung die Abkehr von über Jahrhunderte bewährten kollektiven Nutzungsrechten erleichterten oder erst ermöglichten, aber auch zu klären, welche Widerstände die rechtlichen und administrativen Veränderungen hervorriefen, die ‚moderne‘ Eigentumsverhältnisse zu schaffen suchten. Auf der anderen Seite galt es, zu klären, ob andere normative Grundlagen die Attraktivität der Freisetzung kommerzieller Energien außerhalb Europas wirklich sehr viel stärker behinderten und somit stärkerer Zwänge bedürften. In beiden Fällen hat sich die Hypothese einer komplexen Gemengelage von Interessen, Zustimmungen und Widerständigkeiten wie erwartet bestätigt.

Das Dissertationsprojekt von Heidi Quoika hat zur Entdeckung umfangreicher, bislang kaum bearbeiteter Aktenbestände der standesherrlichen Familie Waldbott von Bassenheim geführt, anhand derer sich die ‚Modernisierung‘ der Administration und damit auch der Eigentums- und Besitzverhältnisse aus der intermediären Perspektive einer vorher reichsunmittelbaren, nach 1803 dem Herzogtum Nassau unterworfenen, aber immer noch mit Rechten gegenüber den ehemaligen Untertanen ausgestatteten Familie detailliert verfolgen lässt – wobei in diesem Fall die Entwicklung von einem relativ harmonischen Patriarchalismus über heftige Konflikte im Jahr 1848 zu einer Forderung nach ‚modernisierenden‘ staatlichen Reformen auch von unten verlief.

Das von Verena Steller durchgeführte Projekt zu Indien hat sich in Richtung eines Habilitationsprojekts entwickelt, das die "Rule of Law" allgemein in den Blick rückt, vor allem anhand ‚politischer‘ Prozesse, wobei der bislang wenig beachteten Gruppe der indischen im britischen System ausgebildeten barrister besondere Aufmerksamkeit gilt. Nach dem Abschluss der Finanzierung durch das Cluster wurde das Projekt durch ein Stipendium der Gerda Henkel Stiftung gefördert und nun im Rahmen einer „eigenen Stelle“ der DFG finanziert.

Zu den wichtigsten Publikationen im Projekt zählen: Andreas Fahrmeir/Verena Steller (2013): „Wirtschaftstheorie, Normsetzung und Herrschaft: Freihandel, „Rule of Law“ und das Recht des Kanonenboots“, in: Andreas Fahrmeir/Annette Imhausen (Hg.), Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive (Reihe: Normative Orders, Band 8.), Frankfurt/Main, Campus, 165-195; Andreas Fahrmeir (2012): Europa zwischen Restauration, Reform und Revolution 1815-1850 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 41), München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag; Andreas Fahrmeir (2011): „Civil rioters? Citizens’ restrained violence in Britain around 1800”, in: European Review of History / Revue européenne d’histoire 18, 359-371 und Verena Steller (2014): “The „Rule of Law“ in British India, or a Rule of Lawyers? Indian Barristers vs the Colonial State“, in: comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung (hg. v. Christina Brauner, Antje Flüchter: „The Dimensions of Transcultural Statehood“), 24(5), 78-98.

Im Rahmen des Projekts wurden u.a. folgende Veranstaltungen durchgeführt: „From Bondage to Freedom. The Abolition of Slavery, Serfdom and Unfree Labour“, Internationale Konferenz, 9.-10.7.2010 und „The Production of Colonial Historiographies“. Workshop 4.-5.10.2010. 

Normentransfer, Aneignung von Normen und Camouflage normativer Ordnungen

Projektleiter: Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl

Im Verlauf der Arbeiten an diesem Teilprojekt kam es zu zwei thematischen Schwerpunktsetzungen. Die Untersuchungen des Projektleiters konzentrierten sich auf die Frage, welche Rolle die Ethnologie bei der im Zuge des wechselseitigen Kulturtransfers vor sich gehenden Rekonstruktion traditioneller Ordnungen spielte, während die Mitarbeiterin des Teilprojekts, Katja Rieck, die Transformation indischer ökonomischer Gegendiskurse im frühen 20. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Entstehung der Unabhängigkeitsbewegung untersuchte. Die beiden Themen hängen insofern eng zusammen, als es sich im einen wie im anderen Fall um eine spezifische Form der „Wiederaneignung“ von Traditionen handelt: Bilder der eigenen Kultur werden ins Positive gewendet und zur Legitimation sowohl von anti-kolonialen Widerstandsbewegungen als auch von postkolonialen Ordnungen herangezogen.

Der Projektleiter ging dieser Fragestellung am Beispiel der Indigenitätsbewegungen in den ehemaligen britischen Siedlerkolonien nach. Dabei legte er einen Schwerpunkt seiner Untersuchungen auf die seit den späten 1980er Jahren zu beobachtenden transnationalen Kooperationen zwischen nicht-staatlichen Indigenenorganisationen, die auf globaler Ebene zur Formulierung neuer Rechtsnormen führte, deren Durchsetzung wiederum die Akzeptanz der Positionen zur Voraussetzung hatte, die sich im Zuge der jüngsten Diskussionen um Postkolonialismus und Subalternität herausgebildet hatten. Die Ratifizierung dieser neuen Rechtsnormen erfolgte nach einer sich über fast zwei Jahrzehnte hinziehenden Debatte schließlich mit der im September 2007 von den Vereinten Nationen verabschiedeten „Declaration on the Rights of Indigenous Peoples“. Allerdings ist die Umsetzung der Grundsätze der „Declaration“ in nationale Gesetzgebungen bisher nur zögernd vor sich gegangen und auf zahlreiche Widerstände gestoßen. Hier eröffnen sich zahlreiche neue Forschungsfelder. Ihrer Untersuchung wird gegenwärtig in der zweiten Laufzeitphase des Clusters an ausgewählten Beispielen nachgegangen.

Ausgangspunkt des Forschungsvorhabens der Projektmitarbeiterin bildete die Beobachtung, dass ökonomische Diskurse weltweit als ein, wenn nicht als das zentrale Rechtfertigungsnarrativ moderner Gesellschaften fungieren. Dem stehen wiederum, besonders in postkolonialen Gesellschaften, ökonomische Gegendiskurse entgegen, die das normative Selbstverständnis der westlichen Moderne und der mit ihm assoziierten Praktiken angreifen. Die gesellschaftlichen Bedingungen für die Herausbildung eines solchen Gegenmodells wurden am Beispiel Indiens untersucht, wo die Befreiung von der Kolonialherrschaft durch die Verwirklichung einer soziopolitischen Gesellschaftsordnung erreicht werden sollte, die auf Prinzipien der hinduistischen bzw. der islamischen Ökonomie basierte. Dabei ging es vor allem um folgende Fragen: Weshalb formulierte die gebildete Elite Indiens ihre Kritik an der britischen Kolonialregierung, und am Westen im Allgemeinen in wirtschaftlichen Begriffen? Wie entstanden postkoloniale Vorstellungen von Staat und Gesellschaft, die sich zugleich kritisch mit den Normen einer postaufklärerischen westlichen „Modernität“ auseinandersetzten? Welche Rolle spielten dabei indische (Re)Visionen indigener „Tradition(en)”? Weshalb wurden diese postkolonialen Gegendiskurse zunehmend religiös verankert – sowohl im Hinduismus als auch im Islam? Während der hinduistisch-geprägte ökonomische Gegenentwurf mit der Ermordung Mahatma Gandhis an politischer Relevanz verlor, fand die von Abu A‘la Maududi entwickelte islamische Alternative in den folgenden Jahrzehnten weit über Indien hinaus Zuspruch. Seit dem Fall des Kommunismus erscheint sie als einer der wichtigsten normativen Gegenentwürfe zum Kapitalismus, wird dabei allerdings nur zögerlich in entsprechende Praxen umgesetzt.

Der Projektleiter hat die Resultate seiner Forschungen in Form von Aufsätzen veröffentlicht. Dazu zählen: Kohl, Karl-Heinz (2009): „Die Ethnologie und die Rekonstruktion traditioneller Ordnungen“, in: Fried, Johannes/Stolleis, Michael (Hg.), Wissenskulturen. Über die Erzeugung und Weitergabe von Wissen, Frankfurt am Main/New York: Campus, 159-180 und Kohl, Karl-Heinz (2010): „The End of Anthropology – an Endless Debate”, in: Paideuma 56, 87-98; Kohl, Karl-Heinz/Carstensen, Christian/Jauernig, Susanne/Kammler, Henry (Hg.) (2011): Transfer und Wiederaneignung von Wissen, Altenstadt: ZKF Publishers. Das Teilprojekt der Mitarbeiterin ist zum Mai 2011 ausgelaufen. Ihre Ergebnisse sind in ihre Dissertation eingegangen und finden sich in den Aufsätzen: Rieck, Katja (2014): „Religionsästhetik, Imagination und die Politisierung des Fortschritts in Indien, 1870-1920”, in: Lucia Traut/ Annette Wilke (Hg.): Religion – Imagination – Ästhetik. Vorstellungs- und Sinneswelten in Religion und Kultur. Critical Studies in Religion/Religionswissenschaft (CSSRW), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht und Rieck, Katja (2015): „The Colonial Order of Things and its AlterNatives: Contesting Power/Knowledge in Late Colonial India”, in: Sophia Ebert/Johannes Glaeser (Hg.): Ökonomische Utopien, Berlin: Neofelis Verlag, 125-150.

Westliche Normen und lokale Medien in Afrika

Projektleiter: Prof. Dr. Mamadou Diawara

Afrika ist weltweit bekannt für seine vielfältige immaterielle Kultur, seine einzigartige Musik, orale Überlieferungen, künstlerische Performances, Textilkunst, aber auch seine Literatur und sein lokales Wissen über Pflanzen, die Umwelt, oder die Konstruktion von Lehmarchitektur. Mit der zunehmenden Kenntnis über dieses afrikanische Kulturerbe vergrößerte sich auch die Ungewissheit, wie mit diesen kulturellen und künstlerischen Ausdrucksformen in rechtlicher Hinsicht im globalen Kontext umzugehen sei, insbesondere im Hinblick auf kommerzielle Interessen, Technologien der Vervielfältigung, die Anwendung rechtlicher Regelungen und die globale Ausstrahlung durch die Medien.

Das Projekt hatte zum Ziel, das Aufeinandertreffen westlicher und afrikanischer Normen zu untersuchen. Dabei spielte insbesondere der koloniale Transfer eine große Rolle, der vielschichtige Umdeutungsprozesse lokaler Praktiken und bereits existierender Normen in Gang gebracht hat. Es sollte vor Ort in Afrika untersucht werden, wie genau lokale Akteure in verschiedenen afrikanischen Gesellschaften mit neuen und alten Normen umgehen und sie interpretieren, dabei bereits etablierte Praktiken und Werte transformieren und umformen. Die Forschungen wurden in Mali und Kamerun durchgeführt.

Konkret widmete sich das Projekt den Veränderungen anhand zweier mit einander verknüpfter Themenbereiche: dem Umgang mit Urheber- und Autorenrechten in Bezug auf Musik und Performance sowie den Veränderungen von Medien, Werbung und Konsumnormen. Dabei stand die Untersuchung des Spannungsverhältnisses der Anliegen verschiedener Akteure und Interessengruppen, von gesellschaftlichen Erwartungen und konkurrierenden Rechtsformen im Vordergrund. Das Projekt verfolgte insbesondere die Entwicklungen der beiden letzten Jahrzehnte unter folgenden Fragestellungen: Wie hat sich die Medienpraxis durch das Hinzukommen der elektronischen Medien in Afrika verändert? Wie verstehen lokale Akteure das in einer bestimmten historischen Situation in Europa entwickelte Konzept des Erfinders und Autors (als neue Kategorien eines kulturellen Akteurs) und den damit verbundenen Schutz ihrer Erfindungen und Werke? Wie gehen Verkäufer, Konsumenten, Patrone, Produzenten oder Medienstationen mit den einhergehenden rechtlichen Maßnahmen um? In wessen Interesse werden Normen durchgesetzt und begründet, und wer sind die Akteure und die involvierten Interessengruppen?

Die Forschungsergebnisse des Projekts zeigen, dass Urheber- und Autorenrechte in Bezug auf Musik und Performance in Afrika seit den vergangenen beiden Jahrzehnten eine immer größere Rolle spielen. Kulturelle Ausdrucksformen unterliegen in zunehmendem Maße Prozessen der Verrechtlichung. Im Umgang mit der Frage der Regelungen wie mit immateriellem Kulturgut umzugehen sei, zeichnen sich zwei Tendenzen ab. Zum einen eignen sich einzelne lokale Akteure kulturelle Ausdrucksformen ihrer eigenen Gruppe an, formen sie um und erklären das Ergebnis als ihre eigene Schöpfung, die sie unter ihrem Namen als ihr geistiges Eigentum vermarkten. Zum anderen beanspruchen ethnische Gruppen immer öfter bestimmte kulturelle Ausdrucksformen und lokales Wissen als ihr kulturelles Erbe, das nur ihnen allein gehöre, und ihr ureigenes Ahnenerbe sei. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die mit der Verrechtlichung, der Kommerzialisierung und Mediatisierung einhergehenden Veränderungen nicht in direkter Weise durch die Einführung westlicher rechtlicher Regelungen oder neuer Technologien wie der Druckerpresse oder der elektronischen Medien bedingt sind, sondern dass die Vorgänge komplexer sind. Bevor der Einfluss der westlichen Neuerungen beurteilt werden kann, müssen zuerst die bereits existierenden lokalen Regelungen des Umgangs mit immateriellen Kulturgütern verstanden werden. Dies zeigt, dass die neuen Regelungen und technischen Neuerungen erst dann im lokalen Kontext Relevanz erhalten und einflussreiche Faktoren für Wandel werden, wenn sie für die Akteure in einer bestimmten historischen Situation Bedeutung erlangen. Die Frage ist deshalb weniger, ob die Normen des geistigen Eigentums zu Afrika passen oder nicht, oder ob die elektronischen Medien einen westlichen Stil aufoktroyieren, sondern vielmehr, was die lokalen Akteure mit den neuen Regelungen anfangen, wie sie diese aneignen, nutzen und umformen (Diawara, Mamadou/Röschenthaler, Ute (2011): „Immaterielles Kulturgut und konkurrierende Normen: Lokale Strategien des Umgangs mit globalen Regelungen zum Kulturgüterschutz“, Sociologus 61 (1): 1-17; Röschenthaler, Ute/Diawara, Mamadou (Hg.) (2016): Copyright Africa. How Intellectual Property, Media, and Markets Transform Immaterial Cultural Goods. Canon Pyon: Sean Kingston Publishing.)

Ähnliche Ergebnisse zeigte die Untersuchung der Veränderung der Rolle von Medien im subsaharischen Afrika (Mali und Kamerun) (Diawara, Mamadou/Röschenthaler, Ute (2013): „Mediationen: Normenwandel und die Macht der Medien im subsaharischen Afrika“, in: Andreas Fahrmeir/Annette Imhausen (Hg.), Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive (Reihe:  Normative Orders Bd. 8), Frankfurt/M.: Campus, 129-164.). Medien übersetzen Erfahrung in eine andere neue Form, durch die Menschen ihre Umwelt besser verstehen können. Sie spielen eine wichtige Rolle für die soziale Integration und die Reflektion von Gesellschaften über sich selbst. Vorstellungen von Gesellschaft, Nation oder Kultur basieren alle auf Mediation. Auch hier spielten Kontinuitäten in den vorkolonialen und den neuen elektronischen Medien eine große Rolle, im Hinblick auf die Herausbildung von Normen und der Akzeptanz neuer Medien.
Es zeigte sich, dass diese Untersuchung einen umfassenden Begriff von Medien erfordert, der historische und gesellschaftliche Kontexte einbezieht. Bereits aus vorkolonialer Zeit, d.h. vor der Berliner Konferenz im Jahre 1885 ist die Nutzung von Medien in vielfältiger Form überliefert. Die Kolonialzeit, der nationalstaatliche Umgang mit Medien seit der Unabhängigkeit und die zunehmende Verstädterung im 20. Jahrhundert brachten tiefgreifende Veränderungen mit sich. Mit den Demokratisierungsbestrebungen und der Liberalisierung der Märkte in Afrika seit dem Ende der 1980er Jahre entstand eine erneute Dynamik, die sich unter anderem in der Multiplikation elektronischer Medien und neuer Konsumprodukte äußert. Sie geht von den Städten aus mit ihren beschleunigten Bewegungen, der Verdichtung und Heterogenisierung von Menschen und Gütern und bildet ein ideales Umfeld für das Entstehen neuer Medienpraktiken.

In verschiedenen Regionen Afrikas haben sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Instanzen herausgebildet, die die Rolle des Mediums als Vermittler authentifizierter Botschaften und der sozialen Integration übernommen haben. Beispiele sind die Preissänger oder Griots in der Mandewelt im westlichen Afrika und die Männer- und Frauenbünde in den Wald- und Savannenregionen West- und Zentralafrikas. Das menschliche Medium erscheint zunächst als normenbestärkend, bei genauerem Hinsehen, also der Beobachtung über längere Zeit, jedoch wird deutlich, dass Bünde als Medien, ebenso wie die elektronischen Medien auch, immer wieder zur Austragung von Konflikten zwischen Generationen, Männern und Frauen, und anderen Interessengruppen zur Aushandlung von Normen genutzt werden.

Das Projekt organisierte Konferenzen und Workshops in Bamako (2009) zum Aufeinandertreffen normativer Ordnungen und deren Umsetzung im Bereich der Entwicklung im Rahmen des Programms Point Sud u.a. mit Mitgliedern und Doktoranden des Clusters; zwei internationale Tagungen in Bad Homburg (2010 und 2011) zur Transformation von Kulturgütern im Kontext der Veränderung von Rechtsnormen, Mediatisierung und Kommerzialisierung.

Die Ergebnisse des Projekts machen die Handlungspraxen lokaler Akteure sichtbar und geben ein differenziertes Bild sozialer und kultureller Veränderungsprozesse. Sie bereichern die oft aus der Theorie generierten Argumente und setzen ihnen dichte Beschreibungen des Umgangs mit Normen entgegen. Die Geschichte des geistigen Eigentums in Afrika in seinen vielfältigen bereits vor der Kolonialzeit bestehenden Formen wie auch der mit dem jeweiligen Verständnis solcher Rechte zusammenhängende Umgang mit den staatlichen und internationalen Regelungen zum Urheber- und Markenrecht ist hierbei noch weitgehend unterbelichtet und bedarf weiterer Forschungen. Die Erkenntnisse können Hinweise darauf geben, wie die weitverbreitete Problematik der Piraterie in Afrika besser verstanden werden kann und wie die Akteure (Künstler, Händler, Unternehmer) selbst mit dieser Problematik umgehen.

Neue Diskurse zu Staat und Gesellschaft in der islamischen Welt

Doktorandengruppe, Leiterin: Prof. Dr. Susanne Schröter

Islamismus und islamischer Fundamentalismus sind Phänomene, die in den postkolonialen Staaten der islamischen Welt und in den muslimischen Diaspora-Gemeinschaften Europas zunehmend an Bedeutung gewinnen. Vor allem in Staaten mit laizistischen oder pluralistischen politischen Traditionen (z. B. Türkei, Südostasien) zieht es Jugendliche massenhaft in die islamistischen Organisationen, erfreut sich ein islamischer Lebensstil großer Popularität, werden islamische Utopien in sozialen Gemeinschaften erprobt. Diese Entwicklung birgt erheblichen sozialen und politischen Sprengstoff. Fundamentalismen oder Re-Islamisierungen bedrohen das fragile Gleichgewicht multikultureller Staaten genauso wie Islamisierungen ethno-nationalistischer Befreiungsbewegungen. Bedenklich ist vor allem die Legitimierung von Gewalt im Namen des Islam, die lokale Konflikte diskursiv aufheizt und Gewaltspiralen in Gang setzt. In dezidiert islamischen Staaten (Staaten des Nahen und Mittleren Ostens) ist eine umgekehrte Entwicklung zu verzeichnen. Der Staatsislam wird nicht explizit abgelehnt, aber alltagspraktisch unterlaufen und subversiv unterhöhlt. Statt neuer Gemeinschaftsbildung ist hier Individualisierung, Fragmentierung und eventuell sogar ein Prozess der Säkularisierung zu verzeichnen.

Die Doktoranden und Doktorandinnen der Gruppe untersuchten diese Prozesse unter besonderer Berücksichtigung von Akteursperspektiven. Die Forschungsgruppe widmete sich der Aufgabe, in islamistischen Gemeinschaften und Organisationen sowie in anderen relevanten Gruppen innerhalb der islamischen Welt mit Hilfe eines ethnologischen Methodenrepertoires Erkenntnisse über die Ideen und Träume, die Handlungsstrategien und Netzwerke der Akteure und Akteurinnen zu erlangen. Dabei sollten Lebensstile und Alltagspraxen genauso untersucht werden wie politische Rituale und die Bedeutung von Bildern und Symbolen. Ziel der Gruppe war die komparative Erfassung aktueller Entwicklungen in der islamischen Welt, sowohl in Bezug auf die Konzipierung neuer normativer Ordnungen als auch hinsichtlich ihrer Umsetzung in Politik und Gesellschaft.

Aus der ethnologischen Forschungsarbeit der Doktoranden gingen folgende Publikationen hervor: Brecht-Drouart, Birte (2011): Between Re-Traditionalization and Islamic Resurgence. The Influence of the National Question and the Revival of Tradition on Gender Issues among Maranaos in the Southern Philippines. Frankfurt [Elektronische Ressource]; Hassanzadeh Shahkhali, Alireza (2014): Rituality and Normativity: An Anthropological Study of Public Space, Collective Rituals and Normative Orders in Iran 1848-2011 (AUP Dissertation Series), Amsterdam: Amsterdam University Press; Karimi, Somayeh (2013): Ethnicity and Normativity: An Anthropological Study of Normativity in Everyday Life of Gilak People in North of Iran (AUP Dissertation Series), Amsterdam: Amsterdam University Press; Müller, Dominik M. (2014): Islam, Politics and Youth in Malaysia: The Pop-Islamist Reinvention of PAS (Contemporary Southeast Asia Series), London/New York: Routledge  und Sharifzadeh, Natalie (2013): 200 gesicherte Helden auf Grenzgang: Polizeiaufbau in Afghanistan, Marburg: Tectum Verlag; Großmann, Kristina (2013): Gender, Islam, Aktivismus: Handlungsräume muslimischer Aktivistinnen nach dem Tsunami in Aceh, Berlin: Regiospectra Verlag; Seto, Ario (2017): Netizenship, Activism and Online Community Transformation in Indonesia, Palgrave Macmillan;  Suratno, Transformation of Jihad: De-Radicalization and Dis-Engagement of extremist Muslims in contemporary Indonesia (Dissertation abgeschlossen).

Die einzelnen Forschungsarbeiten lieferten ethnographisch reichhaltige Dokumentationen der häufig konfliktiv verlaufenden Aushandlung und Veränderung normativer Ordnungen in der gegenwärtigen „islamischen Welt“, insbesondere im Nahen Osten und Südostasien. Zwei dieser Studien basierten auf langfristiger Datenerhebung in islamistischen Bewegungen und Parteien, andere Arbeiten untersuchten die Transformation ethnischer Identitäten und (neo-) traditionalistischer Bewegungen im Zusammenhang islamisch definierter Staatspolitik. Während islamistisch geprägte Positionen zunehmend Diskurshoheit in sehr unterschiedlichen lokalen Kontexten erreichen, sind dezidiert anti-säkulare und anti-pluralistische Auslegungen des Islam in der Mitte vieler Gesellschaften angekommen und untergraben die Rechtfertigungshegemonie konkurrierender Normativitäten. Annahmen einer „post-islamistischen Wende“ halten der Überprüfung nicht stand, stattdessen finden in vielen Bereichen weitgreifende „Islamisierungen“ von Staat, Recht und populärer Kultur statt, auch wenn dem entgegenstehende säkulare Akteure darum bemüht sind, dieser Tendenz durch alternative Rechtfertigungsnarrative zur Rolle von Islam in Staat und Gesellschaft entgegenzuwirken. Kulturelle Transformationen stehen in engem Zusammenhang mit politischer bzw. rechtlicher Islamisierung, obgleich diese Bereiche im gegenwärtigen Forschungstand zumeist als voneinander weitgehend unabhängig gedeutet werden. Auch innerhalb des politischen Islamismus finden zunehmend Fragmentierungen und normative Diversifizierung statt, deren Ausgestaltung durch Akteure auf der Mikro-Ebene mit gängigen akademischen und medialen Darstellungen des „politischen Islam“ oft nur wenig gemeinsam haben.

Die ethnographischen Ergebnisse der Forschergruppe bieten vielversprechende Ansätze zur Anschlussforschung. Nachdem durch die Verbindung von regionalen und nationalen mit transnationalen und globalen Perspektiven im gegenwärtigen Forschungsstand vorherrschende Erklärungsmodelle empirisch hinterfragt und analytisch problematisiert wurden, kann dies nun als Ausgangsbasis für eine größer angelegte Theoriebildung dienen, die neue Zugänge zum Verständnis gegenwärtig ausgetragener normativer Konflikte um „gerechte Ordnungen“ in der islamischen Welt ermöglicht. Einzelne Teilprojekte sowie die Ergebnisse der komparativen Gruppenarbeit des Projekts bieten hierzu konkrete Ansätze, auf deren Grundlage nun weitere sozialwissenschaftliche Forschungen aufbauen können.

Außer der clusterinternen Doktorand/innengruppe arbeiteten 9 weitere Doktorand/innen zum Thema „Staat und Gesellschaft in der islamischen Welt“. In dieser extern finanzierten Gruppe lag der Forschungsschwerpunkt vor allem auf südostasiatischen Ländern.  Das größte zusammenhängende Einzelprojekt war ein dreijähriges von der DFG finanziertes Vorhaben zum Thema „Kulturelle und politische Transformationen in Aceh, Indonesien, nach dem Tsunami“, in dem drei Mitarbeiter beschäftigt wurden. Die Provinz Aceh in Nordwestindonesien war immer ein Zentrum des politischen Islam in Indonesien und nach der Unabhängigkeit des postkolonialen Staates sogar für mehrere Jahre Teil eines islamistischen Aufstandsgebietes (Darul Islam Indonesia), in dem sich eine eigene „Islamische Armee Indonesiens“ Gefechte mit der nationalen Armee lieferte. Nach der Niederlage im Jahr 1961 kehrte dennoch kein Frieden ein und eine eigene Guerillaarmee, die „Bewegung Freies Aceh“ kämpfte mehr als dreißig Jahre für die Unabhängigkeit von Indonesien und die Implementierung eines islamischen Staates. Nach dem verheerenden Tsunami im Jahr 2004 erfolgte ein Friedensabkommen zwischen der Unabhängigkeitsbewegung und der indonesischen Regierung, infolge dessen der Provinz zugestanden wurde, das islamische Recht auf allen Ebenen der Gesellschaft einzuführen. Im Projekt wurde diese Transformation unter mehreren Aspekten (Staats- und Nationsbildung, Friedenssicherung, Partizipation von Frauen) untersucht. Andere Projekte der Doktorand/innen befassten sich mit neuen Medien (Seto), Deradikalisierungsprogrammen (Suratno), salafistischen Frauenorganisationen (Marddent), Marginalisierung (Roy), Migration (Delalic) und Entwicklungszusammenarbeit (Barkabessy).

Innerhalb des Projekts konnten sieben Dissertationen fertiggestellt werden (s.o.). Darüber hinaus gingen aus dem Projekt u.a. folgende Publikationen hervor:
Susanne Schröter (2009):  „Acehnese culture(s)“, in: Graf, Arndt/Susanne Schröter/Edwin Wieringa, (Hg.): Aceh. Culture, history, politics, Singapur: ISEAS; Kristina Großmann (2013): Gender, Islam, Aktivismus: Handlungsräume muslimischer Aktivistinnen nach dem Tsunami in Aceh, Berlin: Regiospectra Verlag; Kristina Großmann/Gunnar Stange/Roman Patock (2012): Aceh nach Konflikt und Tsunami, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 62. Jahrgang, 11-12/2012, 12. März 2012; Müller, Dominik (2010):  “An Internationalist National Islamic Struggle? Narratives of ‘brothers abroad’ in the discursive practices of the Islamic Party of Malaysia (PAS)”, South East Asia Research, 18 (4), 757-791. (Special Issue: Islamic Civil Society in South East Asia: Localization and Transnationalism in the Ummah); Müller, Dominik (2010): “Review: Joseph C. Liow (2009): ‘Piety and Politics: Islamism in Contemporary Malaysia’, New York: Oxford University Press”, South East Asia Research, 18 (3), 616-620.

Die gemeinsame Arbeit und der Austausch innerhalb der Gruppe wurden durch ein wöchentliches Kolloquium, regelmäßige theoretische und methodische Workshops sowie eine einwöchige Summer School organisiert. Zu den wichtigsten gemeinsamen Veranstaltungen zählen die internationalen Konferenzen: “Formation of Normative Orders in the Islamic World”, 7.-9. Mai 2010, International Conference of Aceh and Indian Ocean Studies zum Thema “New Beginnings – Transformations in Post-Disaster and Post-Conflict Region” vom 25.-26.5.2011 in Banda Aceh, zusammen mit dem International Centre for Aceh and Indian Ocean Studies, und “The spreading of religions and the neutralisation of social space”, 25. - 26.6.2010 in Bad Homburg (zusammen mit Hartmut Leppin und Thomas Schmidt), die internationalen Workshops “New approaches to gender and Islam. Translocal and local feminist networking in South and Southeast Asia”, vom 29.-30.4.2011 an der Humboldt-Universität Berlin (zusammen Nadja-Christina Schneider, Asien-Afrika-Institut, HU, und Gudrun Krämer, Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies) und “Following the Path of the Prophet. Islamic Piety, Social Movements and Political Organizations”, am Forschungskolleg Humanwissenschaften, Bad-Homburg, 07.07.2012 sowie die Doktoranden-Summer School: “Discourses on State and Society in the Islamic World” in Fignano, Italien, 25-31.07.2011, und wöchentliche Forschungskolloquien: „Neue Diskurse zu Staat und Gesellschaft in der islamischen Welt – State and Society in the Islamic World“ je Semester (2009-2012) mit nationalen und internationalen Gastvorträgen, im Exzellenzcluster, Frankfurt/M.

Religiöse und lokale Ordnungen auf Java. Islam, Wieder-Erstarken von Tradition und Alltagsleben auf Java, Indonesien

Projektleiterin: Prof. Dr. Susanne Schröter

Das Forschungsprojekt fokussierte auf so genannte traditionelle Muslime im indonesischen Sultanat Yogyakarta und ihren Versuchen lokale Traditionen gegen einen zunehmend an Popularität gewinnenden kulturellen und politischen Islamismus in Stellung zu bringen. Indonesien ist das Land mit der numerisch stärksten muslimischen Bevölkerung, deren politische Führung es aber seit der Unabhängigkeit trotz erheblicher Schwierigkeiten immer wieder verstanden hat sich gegen Forderungen nach Implementierung eines islamischen Staates durchzusetzen und den postkolonialen Staat als multikulturell und multireligiös zu behaupten. Wie in anderen muslimischen Ländern wurde dieses Ziel durch eine autoritäre zentralistische Elite und über 32 Jahre lang durch einen autokratischen Herrscher ermöglicht. Seit dem Sturz des Diktators Suharto im Jahr 1998 und der anschließenden Demokratisierung und Dezentralisierung ist das Land wiederholt Schauplatz religiös aufgeladener Gewalttätigkeiten zwischen Christen und Muslimen geworden. So konstituierten sich salafistische und jihadistische Organisationen und führten Angriffe gegen Christen und auf ausländische Einrichtungen durch. Der verheerendste Anschlag war der auf zwei Diskotheken auf der Insel Bali, bei der im Jahr 2002 meist australische Touristen starben. Obwohl der staatliche Sicherheitsapparat nach einer harschen Kritik des Auslands gegen islamistische Terroristen vorging, blieben islamistische Milizen unbehelligt und es kommt immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen auf religiöse Minderheiten oder auf traditionelle Muslime, die sich der allgemeinen Purifizierung und Fundamentalisierung des Islam verweigern.

So genannte traditionelle Muslime sehen sich daher genötigt ihren eigenen Standpunkt explizit zu formulieren und mit öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten zu untermauern. Mittlerweile kann man von einer Revitalisierung des traditionellen mystisch orientierten Islam sprechen. Vor allem auf der Insel Java, einem der mystischen Zentren des Inselstaates, lässt sich dies gut beobachten. Das Forschungsprojekt befasste sich mit Aktivitäten, Diskursen und Rahmenbedingungen dieser Revitalisierungsbewegung im javanischen Sultanat Yogyakarta. In Yogyakarta fungiert der lokale Sultan als Hüter eines synkretistischen Islam und hat es bislang verstanden unterschiedliche Teile der Bevölkerung Yogyakartas zu integrieren. Auf ihn beziehen sich die Traditionalisten in ihren Handlungen und deren Rechtfertigung. Da sie ihn als Garanten des traditionellen Islam und als Bollwerk gegen die islamistische Modernisierung verstehen, suchen sie seine Autorität mithilfe spezieller Zeremonien zu untermauern und zu stärken.

Die Mitarbeiterin Dr. Susanne Rodemeier nahm im Rahmen ihrer ethnologischen Feldforschung Kontakt zu Traditionalisten auf, sprach mit ihnen über ihre politischen und spirituellen Vorstellungen und partizipierte an verschiedenen Zeremonien, wie dem jährlich zu Neujahr stattfindenden Mubeng Beteng, bei dem der Palast um Mitternacht barfuß und stumm in einem etwa einstündigen Marsch umrundet wird. Islamisten hatten das Ritual als Gotteslästerung denunziert und potentielle Teilnehmer bedroht. Dennoch, so konnte Frau Dr. Rodemeier feststellen, war das Ritual lebendiger denn je und wurde von einem Teil der Bevölkerung als willkommener Anlass gefeiert, ihrer Opposition gegen den purifizierten Islamismus Ausdruck zu verleihen.

Grundsätzlich war unübersehbar, so das Ergebnis der Forschungen, dass eine heftige Kontroverse über die tradierte normative Ordnung im gesamten Sultanat entbrannt war. Das Zentrum dieser Ordnung war der Palast (kraton) von Yogyakarta und das Oberhaupt des Palastes – in Personalunion Raja, Sultan und Gouverneur, also mystisches, religiöses und politisches Oberhaupt. Seine Autorität wurde seit der Demokratisierung von zusehend an Einfluss gewinnenden Islamisten in Frage gestellt. Sie wandten sich gegen jeglichen Mystizismus und damit auch gegen den mystischen Islam in javanischer Ausprägung, der in ihren Augen Häresie darstellte.

Interessanterweise verwendeten Islamisten und Traditionalisten zur Untermauerung ihrer Argumentation ähnliche Denkfiguren, bezogen sie sich auf die gleichen Ereignisse, die jedoch unterschiedlich gedeutet wurden. Eines davon war ein Ausbruch des Vulkans Merapi im Oktober 2010. Traditionalisten sahen in der Naturkatastrophe den Beleg für die verheerenden Folgen der Vernachlässigung lokaler spiritueller Traditionen, die den Vulkan erzürnt hatten und forderten die Stärkung der mystischen Kräfte des Palastes. Die anderen sahen im gleichen Ereignis einen Hinweis Allahs, die abtrünnigen Gläubigen wieder auf den rechten Weg zurückzuführen. Damit geriet die Person des Sultans in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Nur über seine politische Verantwortung als Gouverneur bestand Einigkeit, und es sollte just eine Intervention der Regierung in Jakarta sein, die beide Fraktionen wieder zusammenführte. Aus der Hauptstadt wurde nämlich der Vorschlag unterbreitet auch in Yogyakarta demokratische Gouverneurswahlen durchzuführen. Dieses Ansinnen stieß auf ungeteilte Ablehnung und alle Gruppierungen stellten sich hinter den Sultan und das autokratisch-spirituelle System. Das wurde nicht zuletzt in dem erwähnten Neujahrsritual zum Ausdruck gebracht, zu dem die Bevölkerung unterschiedlicher muslimischer Lager mobilisiert wurde. Das Ritual gewann dadurch seine Kraft als integratives Staatsgründungsritual zurück.

Zu den Publikationen in diesem Projekt zählen: Rodemeier, Susanne (2009): „Zartes Signal einer Wende: Aktueller arabischer Einfluss auf Java“, Südostasien 4: 52-55; Rodemeier, Susanne (2010): „In der Spannung zwischen Partikularität und Universalität. Nachwuchswissenschaftler profitieren von der Interdisziplinarität des Exzellenzclusters: „Die Herausbildung normativer Ordnungen‘“, Forschung Aktuell; und Rodemeier, Susanne (2014): „Mubeng Beteng: A contested ritual of circumambulation in Yogyakarta”, in: Gottowik, Volker (Hg.): Dynamics of Religion in Southeast Asia: The Magic of Modernity, Amsterdam: Amsterdam University Press, 133-153.

Feministische Diskurse in der islamischen Welt

Projektleiterin: Prof. Dr. Susanne Schröter

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind die Geschlechterordnungen weltweit in Bewegung geraten, haben sich national und transnational Bewegungen herausgebildet, die die Gleichheit zwischen Männern und Frauen anstreben, aber auch Gegenbewegungen, die Geschlechterdifferenz als Ausdruck einer natürlichen oder göttlichen Ordnung verteidigen und Frauen primär auf die Rolle von Müttern und Ehefrauen beschränken möchten. Während die Idee der Geschlechtergleichheit mittlerweile von den Vereinten Nationen festgeschrieben wurde und eine Konvention gegen die Eliminierung jeglicher Art von Diskriminierung gegen Frauen von fast allen Staaten unterzeichnet wurde, haben vor allem in islamischen Gesellschaften Stimmen an Einfluss gewonnen, die die Geschlechtergleichheit als unislamisch ablehnen. Mehr noch, sie glauben, der Westen nutze den Gleichheitsdiskurs als Waffe gegen die islamischen Gesellschaften, zerstöre ihre Kultur und rekolonisiere sie gewissermaßen.

Historisch entwickelten sich im „Orient“ und „Okzident“ Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jh. zeitgleich und teilweise unter Bezugnahme aufeinander Diskussionen über die Emanzipation der Frauen, die Ordnung der Geschlechter und die Modernisierung der Gesellschaften. Dafür stehen Namen wie Huda Sharawi und Qasim Amin in Ägypten oder Mirza Fath Ali Akhundzadeh und Sedighe Doulatabadi im Iran. Im Verlauf des 20. Jh. übernahmen autoritäre Herrscher in etlichen postkolonialen muslimisch geprägten Staaten die Ideen feministischer Denker/innen und entwickelten einen rigiden Staatsfeminismus, der auf die Opposition religiöser Akteure und der von ihnen geprägten ärmeren Bevölkerungsschichten stieß. Seit der Islamischen Revolution im Iran hat diese Opposition an Einfluss gewonnen. Progressive Genderordnungen stehen erneut grundsätzlich zur Diskussion. Dies ist vor allem dem Aufschwung islamistischer Organisationen und Parteien zu verdanken, in denen auch Frauen als Aktivistinnen für die Durchsetzung einer islamischen Genderordnung und die Implementierung islamischen Rechts kämpfen. Parallel zu dieser Entwicklung, die in einigen Ländern zu einer Rücknahme bereits gewährter Rechte für Frauen führte, lässt sich aber auch das Gegenteil, nämlich die schrittweise Durchsetzung von Reformen beobachten, die durch zivilgesellschaftliche Akteurinnen auf den Weg gebracht wurden. Die Verabschiedung eines neuen Personenstandsrechts in Marokko, das heute zu einem der progressivsten in der islamischen Welt gehört, ist ein von den Medien viel beachtetes Beispiel für solche Veränderungen.

Im Forschungsprojekt wurden Diskurse von feministischen Akteurinnen über Transformationen der Genderordnungen in Marokko, Tunesien, Indonesien, Palästina und Syrien untersucht. Ein besonderes Gewicht lag auf Auseinandersetzungen zwischen so genannten säkularen Feministinnen und religiösen, oft islamistischen Akteur/innen sowie auf den Potentialen des Islamischen Feminismus, der sich als dritter Weg zwischen den antagonistischen Polen versteht. Die Forscherinnen untersuchten aktuelle Prozesse mit Hilfe ethnographischer Methoden. Im Projekt wurde auf Grundlage dieser Daten der Versuch unternommen, eine prototypische Entwicklung modellhaft nachzuzeichnen.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen: Schröter, Susanne (2013): „Gender and Islam in Southeast Asia. An overview“, in: Schröter, Susanne (Hg.): Gender and Islam in Southeast Asia. Negotiating women’s rights, Islamic piety and sexual orders, Leiden: Brill, 7-54; Schröter, Susanne (2013): Tunesien. „Vom Staatsfeminismus zum revolutionären Islamismus“, in: Schröter, Susanne (Hg.): Geschlechtergerechtigkeit durch Demokratisierung? Transformationen und Restaurationen von Genderverhältnissen in der islamischen Welt, Bielefeld: Transcript, 17-44 (zusammen mit Sonia Zayed) und Schröter, Susanne (2013): „Herausbildungen moderner Geschlechterordnungen in der islamischen Welt“, in: Andreas Fahrmeir/Annette Warner (Hg.): Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive, Frankfurt/M.: Campus, 275-306.

Im Forschungsprojekt wurden folgende Veranstaltungen durchgeführt: International Conference on „New mobilities and evolving identities. Islam, youth and gender in South and Southeast Asia“, vom 20.-21.4.2012 an der Humboldt Universität, Berlin (zusammen Nadja-Christina Schneider, Asien-Afrika-Institut, HU, und Gudrun Krämer, Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies); Konferenz zu „Islam, Gender, gesellschaftliche Transformationen. Geschlechtergerechtigkeit durch Demokratisierungen?“, vom 2.-3.12.2011 im Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg und das Panel von Susanne Schröter zu „Sexuality, morality and power. Normative gender orders and their dislocations“ auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde in Frankfurt, 30.9.-3.10.2009.

Mathematik und die Etablierung normativer Ordnungen in antiken Kulturen: Ägypten und Mesopotamien im Vergleich

Projektleiterin: Prof. Dr. Annette Warner (Imhausen)

In der Etablierung der normativen Ordnungen von Herrschaftssystemen in Ägypten und Mesopotamien spielte die Mathematik eine entscheidende Rolle. Mit der Errichtung der Herrschaftssysteme ging sowohl in Mesopotamien als auch in Ägypten die Entwicklung von Schrift und Zahlensystemen, sowie die Entwicklung meteorologischer Systeme einher. Im Folgenden sind für Ägypten und Mesopotamien zum Teil parallele Entwicklungen in der Verzahnung von Herrschaft und Entwicklung mathematischer Techniken zu beobachten, zum Teil aber auch kulturspezifische Unterschiede.

Zur Kontrolle der vorhandenen Ressourcen (Material und Personen) wurden mathematische Größen definiert, welche die Grundlagen der Administration in beiden Kulturen schufen. Zur Verwaltung der Arbeitsleistungen von Personen wurde z.B. eine Menge des jeweiligen Arbeitsproduktes festgesetzt, die in einem bestimmten Zeitrahmen (täglich oder wöchentlich) zu erbringen war. Mathematische Aufgabentexte aus Ägypten und aus Mesopotamien, sowie Koeffizientenlisten aus Mesopotamien beschreiben die mathematischen Techniken mit denen herrschaftlich vorgegebene Arbeitsnormen mathematisch kontrollierbar gemacht wurden. Diese mathematische Kontrolle der vorgegebenen Normen ist auch aus entsprechenden administrativen Quellen zu belegen. Anhand der Untersuchung des Bezugs zwischen der Theorie (d.h. den aus den Schultexten vermittelten Prozeduren) und der Praxis dieser Umsetzung von Arbeitsnormen sollte ein Einblick in die Wechselwirkungen mathematischer Praktiken und herrschaftlicher normativer Ordnungen gewonnen werden.

Ein weiterer Aspekt dieses Projektes war der interkulturelle Vergleich zwischen Ägypten und Mesopotamien. Die vergleichende Betrachtung der Mathematiken dieser beiden Kulturen ist besonders interessant, da in ihnen zum Teil ähnliche Aufgaben bewältigt wurden und so vergleichbare Quellen vorliegen. Das umfangreichste Korpus mathematischer Texte stammt in Ägypten aus der Zeit des Mittleren Reiches (2000-1800 v. Chr., ca. ein halbes Dutzend Quellen), in Mesopotamien aus der altbabylonischen Zeit (1800-1600 v. Chr., tausende von Quellen). Die beiden Kulturen unterscheiden sich aber nicht nur signifikant in der durch die Wahl des Schriftträgers bedingten Zahl der Quellen, sondern auch in grundlegenden Strukturen ihrer mathematischen Systeme, wie z.B. dem Zahlensystem und der darauf aufbauenden Arithmetik.

Während mit der Monographie „Mathematics in Ancient Iraq. A social history“ von Eleanor Robson eine umfassende Analyse der Rolle der Mathematik in Mesopotamien vorliegt, fehlte eine solche Untersuchung für Ägypten bisher. Diese wurde im Rahmen des Projektes erarbeitet und ist 2016 bei Princeton University Press erschienen als „Mathematics in Ancient Egypt. A contextual history“. Das Buch der Projektleiterin beschreibt die Entwicklung der Mathematik im pharaonischen Ägypten von der Erfindung der Schrift und des Zahlensystems zu Beginn der Reichseinigung um 3000 v. Chr. bis zum Ende der indigenen ägyptischen mathematischen Tradition in griechisch-römischer Zeit. Dabei liegt die Schwierigkeit, die in einer solchen Übersicht zu überwinden ist (im Gegensatz zu Mesopotamien!) in der Quellenlage. Aufgrund der Wahl des Schriftträgers und der geographischen Bedingungen liegen aus Ägypten nämlich primär Quellen aus dem funerären und religiösen Bereich vor. Mathematische Texte haben sich nur in Ausnahmefällen erhalten – allerdings sind die beiden erhaltenen Gruppen von Texten vielleicht nicht zufällig auf zwei spezifische Perioden der ägyptischen Geschichte konzentriert (hier liegt in der Quellenkonzentration zu bestimmten Zeiten in Mesopotamien ein ähnliches Phänomen vor). Folglich wurden in der Arbeit auch textliche Quellen aus administrativem und literarischem Kontext benutzt, um eine Entwicklung über die gesamte Zeit der pharaonischen Geschichte nachzeichnen zu können.
Mit diesen Publikationen ist dann die Grundlage für einen umfassenden Vergleich der beiden Kulturen über deren mehrtausendjähriges Bestehen gelegt.

Die Mathematik spielte sowohl in Ägypten als auch in Mesopotamien eine entscheidende Rolle in der Umsetzung herrschaftlicher Vorgaben, indem sie (zum Teil implizit und unangefochten) ihre „Rechtmäßigkeit“ und/oder „Gerechtigkeit“ sicherstellte. Dabei ist wiederum eine grundlegend unterschiedliche Einstellung in Ägypten und Mesopotamien zu beobachten. Während der mesopotamische Herrscher explizit die Gerechtigkeit seiner Herrschaft durch mathematische Symbole nach außen repräsentiert, dient die Mathematik in Ägypten in erster Linie der Machtausübung durch Kontrolle, eine Rechtfertigung ist nicht vorgesehen. Hieraus hat sich, in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern des Clusters, die Fragestellung für ein weiteres Projekt ergeben, in dem die Verbindung zwischen Mathematik und rechtlichen Ordnungen in antiken Kulturen untersucht werden soll.

Bearbeitet wurde im Rahmen der ersten Clusterlaufzeit fokussiert auch die Mathematisierung von Arbeitsleistungen in Ägypten. Dazu liegen drei Aufgaben in den ägyptischen mathematischen Texten vor, sowie eine Vielzahl von Quellen aus den administrativen Texten aus Lahun und vor allem aus Deir el-Medina. Die Auswertung des ägyptischen Materials für diesen Bereich ist  abgeschlossen. Die Ergebnisse wurden im Sammelband des Forschungsfeldes publiziert.
Ein weiterer Aspekt des Projektes ist die Art und Weise, in der mathematisches, aber auch wissenschaftliches Wissen bewahrt, weiterentwickelt und zwischen Kulturen ausgetauscht wurde.

Folgende Publikationen gingen aus diesem Forschungsprojekt hervor:
Warner (Imhausen), Annette (2016): Mathematics in Ancient Egypt. A contextual history, Princeton: University Press
Warner (Imhausen), Annette (2015): “Traditions/Norms in the structure of ancient Egyptian mathematical texts”, in: Daliah Bawanypeck/Annette Warner (Imhausen) (Hg.), Traditions of Written Knowledge in Ancient Egypt and Mesopotamia (Alter Orient und Altes Testamen 403) Münster: Ugarit Verlag
Warner (Imhausen), Annette (2013): “Experten und die Umsetzung normativer Ordnungen im Alten Ägypten: Theorie und historisch fassbare Praxis”, in: Andreas Fahrmeir/Annette Imhausen (Hg.): Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive (Reihe: Normative Orders Bd. 8). Frankfurt/M.: Campus, 49-77
Annette Warner (Imhausen) und Tanja Pommerening (Hg.) (2010): Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Rome, and Greece, (Beiträge zur Altertumskunde; 286), Berlin/New York: De Gruyter; darin: Annette Warner (Imhausen) und Tanja Pommerening: “Introduction: Translating ancient scientific texts.” 1-10; und Annette  Warner (Imhausen): “From the cave into reality: Mathematics and cultures”, 333-347
Annette Warner (Imhausen) (2009): “Traditions and myths in the historiography of Egyptian mathematics”, in: Eleanor Robson/ Jacqueline Stedall (Hg.), The Oxford Handbook of the History of Mathematics, Oxford: Oxford University Press.

Zu den wichtigsten Veranstaltungen des Projektes zählten zwei Workshops zur Erstellung des Sammelbandes „Die Vielfalt normativer Ordnungen“ (29.-30. April 2011, und 9. September 2011, Bockenheim).

Zur Funktion der Kanonisierung bei der Wissensüberlieferung in Mesopotamien

Projektleiterin: Prof. Dr. Annette Warner (Imhausen)

Im Fokus der Untersuchung stehen die altorientalischen Wissenskulturen. Mit der Erfindung der Keilschrift gegen Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. begann in Mesopotamien die systematische Erfassung und Weitergabe verschrifteten Wissens. Die Vermittlung der Keilschrift und der damit verbundenen Wissensgebiete (z.B. Divination, Medizin, Mathematik, Astrologie und Astronomie, Ritual- und Beschwörungskunst) oblag umfassend ausgebildeten Schreibern, die über Spezialkenntnisse verfügten und den gesellschaftlichen Eliten angehörten. Im Laufe von 3000 Jahren entstand ein umfangreiches Textkorpus von Schul- und Gelehrtentexten, das Einblick in die Berufs- und Ausbildungspraxis der mesopotamischen Experten gewährt. Diese Wissenssammlungen wurden überwiegend im Kontext von Palast- und Tempelbibliotheken und Expertenhäusern gefunden, was darauf hinweist, dass sowohl die Ausbildung der Experten als auch die Ausübung ihrer Tätigkeit in institutionellem Rahmen (Königshof, Tempel, Privathäuser von Gelehrten) erfolgte.

Das Projekt, das auf der Auswertung von bereits publizierten Wissenstexten basiert, beschäftigt sich mit den Voraussetzungen unter denen sich die mesopotamischen Wissenskulturen bildeten und fragt nach ihren Trägern und den Besonderheiten der Wissensvermittlung. Von zentraler Bedeutung sind die formalen Ordnungen, die bei der Entstehung, Sammlung, Pflege und Weitergabe des verschrifteten Wissens eine Rolle spielten. Geprüft wird, ob die Texte Normierungen enthalten, um welche Arten von Normierungen es sich handelt und welchem Zweck sie dienten. Hier geht es a) um den Aufbau von lexikalischen Listen nach graphischen, phonologischen, lexikalisch-semantischen und inhaltlichen Kriterien sowie um das Auftreten listenartiger Anordnungen in anderen Textgattungen, die von den Experten benutzt wurden; b) um den kasuistischen Aufbau der Textsammlungen aus den Disziplinen Recht, Medizin und Divination; c) um die Kanonizität der Keilschrifttexte (festgelegte Sequenz der Tontafeln innerhalb einer Serie, besondere Textmerkmale und sonstige Standardisierungen, die diese Tafeln auszeichnen) und d) die Kanonisierung der Wissensbestände, also die Übernahme autoritativer Schriften in die Curricula. Hier stellt sich die Frage, ob die Zugehörigkeit zum Kanon von den Institutionen Palast bzw. Tempel und ihren Interessen bestimmt wurde. In diesen Fällen könnten örtliche und zeitliche Unterschiede der Curricula machtpolitische und religiöse Verhältnisse sowie deren Veränderungen widerspiegeln.

Zunächst wurde im Projekt ein Überblick über die chronologische Entwicklung der Wissenstexte geschaffen (Um was für Texte handelt es sich? Wie sind sie aufgebaut? Welchen wissenschaftlichen Disziplinen gehören sie an?). Ausgangspunkt war der Zeitpunkt der Erfindung der Keilschrift (gegen 3200 v. Chr.). Neben Wirtschaftstexten entstanden bereits in dieser frühen Phase (lexikalische) Listen von Begriffs- und Themenfeldern, die entweder nach der Form oder Lautstruktur einzelner Zeichen oder nach sachlich-inhaltlichen Kriterien sortiert sind und die frühesten Hinweise auf bewusste Organisation und Überlieferung von Gelehrtenwissen bieten. Mit der chronologischen Entwicklung der Wissenstexte eng verbunden ist die Frage nach den Orten, an denen das Wissen weitergegeben wurde und den handelnden Experten.

Da der Gebrauch lexikalischer Listen während des gesamten Bestehens der mesopotamischen Keilschriftkultur für die Wissensüberlieferung von erheblicher Bedeutung war, bilden diese einen weiteren Forschungsschwerpunkt. In diesem Zusammenhang sind die sumerisch-akkadische Bilingualität der Schreiberausbildung und die Funktionsweise der Keilschrift als kombinierte Wort-/Silbenschrift zu berücksichtigen, die das Denken der Gelehrten geprägt und zu einer besonderen Hermeneutik geführt haben.

Die Beschäftigung mit paradigmatischen Fallsammlungen aus den Disziplinen Recht, Medizin und Divination (gemäß Jim Ritter „rational practice texts“) begann im Rahmen des Workshops „Prozedurentexte in Ägypten und Mesopotamien“ (2-4 Juli 2010 im Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg), der im Rahmen des Forschungsprojekts 3 „Prozedurentexte in der Entwicklung, Bewahrung und Vermittlung von Expertenwissen“ stattfand.

Mesopotamische Wissenstexte aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends sind in Mesopotamien selbst bislang in eher geringer Zahl gefunden worden. Aus den syrisch-anatolischen Nachbargebieten stammt eine beträchtliche Zahl von Texten in akkadischer und sumerischer Sprache, die Licht auf den Entwicklungsprozess des wissenschaftlichen Schrifttums werfen können. Solche Texte standen bei zwei Konferenzen im Fokus. Die Konferenz „Luwian Identities: Culture, Language and Religion Between Anatolia and the Aegean” (9.-10. Juni 2011, Reading University, Veranstalter: Alice Mouton und Ian Rutherford) bot den Anlass für die Beschäftigung mit der Organisation luwischer Texte in den Archiven der hethitischen Hauptstadt Hattusa. Da dort auch viele mesopotamische Wissenstexte aufbewahrt wurden, lassen sich Vergleiche hinsichtlich des unterschiedlichen Umgangs hethitischer Schreiber mit ausländischen Niederschriften ziehen. Diese lassen Rückschlüsse auf die Gründe der Bewahrung und Sammlung mesopotamischen Wissens zu. Der auf dem Konferenzvortrag basierende Artikel „'Luwian' Religious Texts in the Archives of Hattusa” erschien 2013 in: Alice Mouton/Ian Rutherford/Ilya Yakubovich (Hg.), Luwian Identities: Culture, Language and Religion Between Anatolia and the Aegean, Leiden/Boston: Brill, 159-176. Im Rahmen der Konferenz „Traditions of Written Knowledge in Ancient Egypt and Mesopotamia” (2.-4. Dezember 2011; Folgeworkshop 18. Mai 2012; Clustervilla Georg-Voigt-Straße 4, 60325 Frankfurt) wurden bestimmte Gruppen von Wissenstexten aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in Ägypten und Mesopotamien über einen längeren Zeitraum betrachtet und hinsichtlich ihrer Eigenheiten und Traditionen untersucht. Der Vortrag von Daliah Bawanypeck „Normative structures in Mesopotamian rituals: A comparison of hand-lifting rituals in the second and first millennium BC” knüpfte inhaltlich an den Beitrag zur Reading-Konferenz an, da die älteren mesopotamischen Handerhebungsrituale im syrisch-anatolischen Bereich gefunden wurden. Der Tagungsband erschien 2015: Daliah Bawanypeck/Annette Imhausen (Hg.): Traditions of Written Knowledge in Ancient Egypt and Mesopotamia (Alter Orient und Altes Testamen 403) Münster: Ugarit Verlag; darin erschien auch der Aufsatz von Daliah Bawanypeck, (2015): „Normative structures in Mesopotamian rituals: A comparison of hand-lifting rituals in the second and first millennium BC”.

In der Untersuchung werden verschiedene Themenbereiche aufgegriffen, die in jüngerer Zeit im Fokus der Forschungen zum Alten Orient und seinen Nachbarregionen stehen (z.B. knowledge transfer, canon and canonization, scribal education, hermeneutics). Aus wissenschaftshistorischer Sicht ist die Einbeziehung des mesopotamischen Weltbilds bedeutsam, das nicht zwischen wissenschaftlicher und metaphysischer Ebene trennt. Dadurch entsprechen die Wissenskategorien nicht dem modernen westlichen Wissenschaftsbegriff, sondern auch Fachgebiete wie die Divination (z.B. Eingeweideschau, terrestrische und astrologische Omina), die mit der Magie verbundene Medizin sowie die Himmelskunde inklusive ihrer astrologischen Aspekte stellen wissenschaftliche Disziplinen dar.

Das Projekt wurde während der zweiten Clusterphase weitergeführt.

Transnationale Genealogien

Doktorandengruppe, Leiterin: PD Dr. Stefanie Michels

Die Nachwuchsgruppe „Transnationale Genealogien“ untersuchte die Mobilität von Akteuren, Objekten und Ideen zwischen Afrika, Europa und den Amerikas unter der Frage, wie normative Ordnungen durch transnationale Bewegungen verändert werden, und wie sich diese aus unterschiedlichen Perspektiven darstellen. Die beteiligten Nachwuchswissenschaftler/innen setzten dabei die Aktionen und Reaktionen auf normative Ordnungen ins Zentrum. Dadurch wurden nicht nur die konfliktreichen Spannungen, Gegengeschichten und subversiven Nutzungen von normativen Ordnungen aufgezeigt, sondern auch die Pluralität verschiedener Rechtfertigungsnarrative und deren Interdependenz. Durch die genealogische Perspektive wird zudem der dynamische, aber dennoch historisch verbundene Charakter dieser Prozesse deutlich. Hierbei wurden außereuropäische Akteur/innen betrachtet und so nach den Spannungen zwischen aufeinandertreffenden normativen Ordnungen (wie beispielsweise Kolonialismus und afrikanische Ordnungssysteme) gefragt. Die Themen der Arbeiten wurden vor dem Hintergrund der kolonialen Verflechtungen Europas und Afrikas untersucht: Translokale und transgenerationale Familiengeschichten; Re/produktionsprozesse von transnationalen genealogischen Gemeinschaften (Benin, Haiti, Deutschland) durch Vodún-Praktiken; Die Krisenhaftigkeit des Rassismus in seinen kolonialen deutschen Konjunkturen und Debatten um geraubtes Kulturgut (Ikone des Pan-Afrikanismus im britischen Museum).

Ordnungsvorstellungen befinden sich in einem relationalen Verhältnis zu ihren Gegenbewegungen und reagieren auf diese. Im Anschluss an die Fragestellung der Forschungsgruppe zeigt sich, dass mobile Akteure durch ihre translokalen Erfahrungen mit unterschiedlichen normativen Ordnungen hegemoniale Normen oftmals herausfordern. Die Protagonist/innen dieser Bewegungen analysierten und diskutierten die vorgefundenen Ordnungen vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen und Vorstellungen von Ordnung, meist auch in interdependenten Perspektiven, die Rassismus, ökonomische Verhältnisse und Geschlechterverhältnisse gleichermaßen kritisierten. Diese Perspektiven bieten neben ihrer kritischen Analyse auch Vorstellungen alternativer Ordnungen z.B. von demokratischen Verhältnissen, denen Rassismus feindlich ist. Die in den einzelnen Projekten untersuchten Bereiche normativer Ordnungen sind das internationale Recht (Metzger), koloniale Ordnungsvorstellungen (Hamann), soziale Ordnungen in der Diaspora (Bokohonsi) und geneaologische Verflechtungen (Michels).

Ulrike Hamann hat in ihrer politik-theoretischen Arbeit Perspektiven ins Zentrum ihrer Untersuchung gestellt, die in einer kolonialen Ordnung des Rassismus marginalisiert waren. Die Texte dieser Akteur/innen wurden in Archiven und Nachlässen als Quellen erhoben. Über die Widersprüche und Interventionen von rassistisch hergestellten Subjekten wurden Schauplätze sichtbar, auf denen das Einschreiben einer Ordnung des Rassismus in die deutsche und in die kolonialisierten Gesellschaften umkämpft war. In der Dissertation wird sichtbar, dass sowohl in den kolonialisierten Gesellschaften, als auch im deutschen Kaiserreich selbst von Akteurinnen und Akteuren mit afrikanischer oder afro-amerikanischer Geschichte an einer Ordnung, die auf Rassismus beruhte, Widerspruch und Kritik geübt wurden. Die Strategien reichten von direkter Kritik an Begriffen und Stereotypen, politischen demokratischen Mitteln wie Petitionen, über diskursive Verschiebungen und Aneignungen hegemonialer Konzepte wie dem des Fortschritts. Außerdem zeigte sich an den jeweiligen Schauplätzen im Kaiserreich, Kamerun und dem heutigen Namibia, dass der moderne Antisemitismus den kolonialen Rassismus inspirierte und seine Entwicklung zur Regierungstechnologie beschleunigte. In Ha¬manns Arbeit lässt sich damit nachvollziehen, wie die koloniale Ordnung zunehmend biopolitisch durchgesetzt wurde. Sie sah sich jedoch Ordnungsvorstellungen gegenüber, die von Gleichheit ausgingen und eine Hierarchie der vermeintlichen ‚Rassen’ ablehnten. Die Dissertation ist erschienen als: Ulrike Hamann (2015): Prekäre Koloniale Ordnung. Rassistische Konjunkturen im Widerspruch. Deutsches Kolonialregime 1884-1914, Bielefeld: Transcript.

Auch Vodún verwies auf eine Ordnung außerhalb des jeweiligen Staates. In dem soziologisch und ethnologisch arbeitenden Projekt Parfait Bokohonsis zeigte sich, dass verschiedene Akteursgruppen, die sich durch Vodún in der Diaspora treffen, klare normative Vorstellungen davon haben, was Vodún ist, ohne dass daraus unbedingt eine gemeinsame Ordnung entsteht. Bokohonsi betrachtet Akteursstrategien, Wissensformen und Typen der Sozialorganisation. Legitimität durch Normen ist zentral in der Organisation von Vodún. Gleichzeitig ist das Feld höchst flexibel. Auf der einen Seite zeigte sich die historische Dynamik der Vodún-Ordnung durch die Bewegung verschiedener Akteure, zunächst im Kontext der Sklaverei in die Amerikas. Die haitianische Form des Voodoo ist – besonders im Kontext der haitianischen Revolution ab 1791 – weltweit bekannt geworden. Mobile Akteure treffen heute sowohl in Benin als auch in Europa auf veränderte und ko-existierende Normen im Vodún-Feld. So entsteht eine neue, wie Bokohonsi sagt, transnationale Dynamik des Normwandels. Die transnationale Aktivität der Akteure betrachtet Bokohonsi dabei als Ressource für sowohl die Gemeinschaftsbildung als auch für den jeweiligen sozialen Status in der Diaspora. Die Ergebnisse wurden publiziert als: Bokohonsi, Sênami Parfait (2012): „Vodún zwischen Religion und Politik. Zur Bedeutung der vorkolonialen politischen Strukturen in Benin“, in: Holger Zapf (Hg.): Nichtwestliches politisches Denken. Zwischen kultureller Differenz und Hybridisierung, Springer: Wiesbaden.

In der Arbeit von Ronja Metzger wurde das Feld der Akteure und Akteurinnen rund um aktuelle Auseinandersetzungen über einstiges koloniales Raubgut untersucht. Ihre ethnografische Forschung in Nigeria und Großbritannien brachte zutage, wie unterschiedlich Vorstellungen von Recht und Unrecht insbesondere vor dem Hintergrund des Kolonialismus auch heute noch sind. Insbesondere da die normative Ordnung, auf deren Grundlage diese Fragen heute verhandelt werden können, das internationale Recht, ebenso in einem Kontext kolonialer Macht entstanden ist. Metzgers Analysen zeigen allerdings deutlich, dass die Positionen sich nicht nur entlang der einstigen Trennungslinie von Kolonialmacht und Kolonisierten befinden, sondern dass sie sich durchaus vervielfältigt und veruneindeutigt haben.

Zu den wichtigsten Publikationen zählen außerdem:
Michels, Stefanie (2013): „Schutzherrschaft revisited - Kolonialismus aus afrikanischer Perspektive“, in: Andreas Fahrmeir/Annette Warner (Hg.): Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive. Frankfurt/M.: Campus, 243-274
Michels, Stefanie; Félix-Eyoum, Jean-Pierre; Zeller, Joachim (Hg.) (2011): Duala und Deutschland – verflochtene Geschichte: Die Familie Manga Bell und koloniale Beutekunst: Der Tangue der Bele Bele, Köln: Schmidt von Schwind Verlag, 33-41
Michels, Stefanie; Hamann, Ulrike (2011): "From Disagreement to Dissension. African Perspectives on Germany", in: Wulf D. Hund/Christian Koller/Moshe Zimmermann (Hg.), Racisms made in Germany (Yearbook Racism Analysis 2), 145-164
Bokohonsi, Parfait, Ulrike Hamann, Stefanie Michels, Ronja Metzger (2011): "’Plenty trouble!’" Was macht der Tangué aus Kamerun im Münchner Völkerkundemuseum?", Köln: Schmidt von Schwind Verlag, 38-40
Bokohonsi, Parfait, Ulrike Hamann, Ronja Metzger, Stefanie Michels „Koloniale Beutekunst und das andauernde Verstecken hinter rechtlichen Konzepten“, in: Forum Recht 3/2011: „Import/Export – Koloniales Recht und postkoloniale Perspektiven"
Hamann, Ulrike (2014): "A Historical Claim for Justice: Re-Configuring the Enlightenment for and from the Margins," in: Nikita Dhawan (Hg.), Decolonizing Enlightenment, Opladen: Barabara Budrich, 139-151
Metzger, Ronja (2011): „Kultur in der Debatte. Summer School der Ethnologen zu Gast an der Goethe-Universität“, (gemeinsam mit Kathrin Knodel), in: UniReport der Goethe-Universität (Frankfurt am Main) 5, 14

Die wichtigsten Veranstaltungen waren das Panel: „Mobile Akteure“ auf der Tagung der Vereinigung der Afrikawissenschaften in Deutschland (Universität Köln), Juni 2012; das Panel: „Mobile Akteure“ auf der Nachwuchskonferenz des EXC Normative Orders, November 2011; die Internationale Konferenz zum „(Post-)Kolonialismus zwischen Kamerun und Deutschland“ in Frankfurt/Main (in Kooperation mit der Universität Yaoundé, Kamerun) (eingeworbene Drittmittel: 14.000 EUR), September 2011; der Workshop „Entangled Histories“, Goethe-Universität, Januar 2010 und die Mitwirkung Ulrike Hamann an der FRCPS-Konferenz „Colonial Legacies, Postcolonial Contestations. International Graduate Conference“ 2011, Organisation und Moderation eines Panels.

Die Forschungsergebnisse der einzelnen Projekte sind – auch dank ihrer inhärenten Transdisziplinarität – in mehreren Forschungsfeldern anschlussfähig.
Für die Migrations- und Rassismusforschung ist die historisch hergeleitete Machtanalyse des Rassismus von Hamann ebenso von Interesse wie für die postkoloniale Theoriebildung und die Antisemitismusforschung. Aber auch die historische Forschung kann in Hamanns Arbeit sowohl zu Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland als auch zu deutscher Kolonialgeschichte eine fundierte Quellenaufarbeitung (u.a. zur kolonialen Stadtplanung in Kamerun) finden. Eine vertiefende Forschung zu schwarzen Perspektiven auf den deutschen Kontext zeitlich vor und nach der kolonialen staatlichen Ordnung wäre denkbar und wünschenswert.

Bokohonsis Arbeit hat vor allem wegen ihrer soziologischen Perspektive auf Religionspraktiken einen innovativen Impuls für sowohl die Diaspora-Forschung als auch die Religionssoziologie. Durch die ethnologische Methode der Feldforschung in Benin, Deutschland und Frankreich gewonnene empirische Daten bilden einen eigenen Beitrag zur Forschung in diesen Bereichen.
Die Forschungsarbeit Metzgers fächerte das Feld der Diskussion um koloniales Raubgut in seiner ganzen Breite auf. Sie bereicherte es durch umfangreiches Datenmaterial aus eigener Feldforschung und bietet damit einen Beitrag für alle Akteure und Akteurinnen, die sich mit ethnologischen Sammlungen, Museumspolitiken und postkolonialen Rückforderungen beschäftigen.
Stefanie Michels brachte die Ergebnisse ihrer Forschungen zur kosmopolitischen Familiengeschichte in internationalen Kontexten ein und trägt hier besonders zur begrifflichen Schärfung im Bereich der Globalgeschichte bei („Kosmopolitismus“, IEG Mainz; „Familie“, GHI London). Die Arbeit mit fotografischen Dokumenten der Familie Bell führte zu einer Erweiterung der Forschung in Richtung einer Globalgeschichte der Fotografie. Hierzu enstanden im Anschluss an das Projekt weitere Publikations- und Forschungsprojekte.

Wissen und Information über Afrika

Nachwuchsgruppe, Leiter: Dr. Benjamin Steiner

Die Nachwuchsgruppe „Wissen und Information über Afrika“ untersuchte vor dem Hintergrund der gemeinsamen Fragestellung des Clusters, wie Unternehmungen der Entdeckung, Erforschung und anschließenden Kolonialisierung der Welt seit dem 15. Jahrhundert versucht haben, mittels Informations- und Wissensbeschaffung die Gegensätzlichkeit zwischen den unterschiedlichen Lebenskulturen und -umwelten zu überwinden. In der Gruppe wurde die Wissensgeschichte Afrikas aus Sicht verschiedener historischer Akteure und Institutionen erforscht und es wurde nach den spezifischen Wissens- und Informationssystemen gefragt, aus denen die Rechtfertigungsnarrative für die jeweiligen Herrschaftsansprüche über andere Kulturen, Menschen, Norm- und Wertesysteme und damit für Ordnungen der Ungleichheit konstruiert werden konnten.

Das Projekt des Leiters der Gruppe (Benjamin Steiner) beschäftigte sich mit der Implementierung eines Informations- und Wissenssystem über Afrika im Frankreich der Frühen Neuzeit. Am Beispiel der Erforschung und Informationsbeschaffung durch französische Händler, Entdecker und Forscher steht die Erfassung des Kontinents durch Berichte, Beschreibungen, Kartographierungen und proto-statistische Datenerhebungen im Zentrum des Interesses. Dabei sollte explizit nachverfolgt werden, wie das normative Gebilde der Informationserfassung, -archivierung und -distribution in den Institutionen der Wissensverarbeitung (Akademien, Ministerien, Handelskompanien) in der Praxis funktionierte. Wissen und Information erweisen sich in ihrer archivierten Form so als Zeugnisse eines langandauernden Prozesses, der die Herausbildung eines ganz bestimmten Diskurses sowie einer spezifischen Ordnungsvorstellung über das Verhältnis zwischen Europa und Afrika dokumentiert.

Die Projekte der Doktoranden und Doktorandinnen der Nachwuchsgruppe stellten dieser Fragestellung drei kontrastreiche Forschungsansätze in unterschiedlichen Raum- und Zeitrahmen zur Seite. Das erste Dissertationsvorhaben (Esther Ries) widmete sich Afrikanern und Afrikanerinnen im Europa des 18. Jahrhunderts. Dabei wurden interessanterweise auch die Berichte von solchen Menschen aus Afrika untersucht, die aus freien Stücken nach Europa, insbesondere nach Großbritannien kamen, um dort die Sprache zu lernen, zu studieren, oder, beispielsweise als Übersetzer bei Handelsgesellschaften, beruflich tätig zu sein. So wurden die dominanten Narrative einer Unterdrückungsgeschichte der Afrikaner durch Europäer gebrochen und u.a. nach dem Einfluss gefragt, den diese positiven Beispiele des gespiegelten Kulturkontakts auf das Afrikabild in Europa hatten.

Eine weitere Variation des gemeinsamen Themas brachte das zweite Projektvorhaben über Erinnerungskulturen in Guinea-Bissau und Portugal im 20. Jahrhundert ein (Tina Kramer). Hier wurde aus historiographisch-ethnologischer Perspektive nach einer eigenen afrikanischen Erinnerungs- und Geschichtskultur gefragt, die sich mit der kolonialen Vergangenheit beschäftigt. Auch stand hier die Mobilität der Akteure im Spannungsfeld zwischen Kolonie und Kolonialmacht im Zentrum des Interesses. Gefragt wurde danach, wie Studenten, Reisende, Händler oder Politiker das Gefälle zwischen den jeweiligen normativen Ordnungen der oral vermittelten Erinnerungskultur in Guinea-Bissau und der offiziellen Geschichtsschreibung in Portugal erlebten und noch heute erleben.

Schließlich beschäftigte sich ein drittes Promotionsvorhaben (Felix Schürmann) mit einer transkulturellen Gemeinschaft, die sich beinahe als Vorform einer globalen Subkultur beschreiben ließe. Es handelt sich hierbei um die Niederlassungen von Walfängern an der afrikanischen Küste im 18. und 19. Jahrhundert, deren soziale Zusammensetzung und globaler Aktionsraum ein Gegenbild zu den europäischen Seefahrern darstellen. Hier dienten als Hauptquelle private Logbücher von Besatzungsmitgliedern, die von ihren Erfahrungen an den Küsten mit dem fremden Kontinent und seinen Bewohnern berichten, und das nicht nur nach der Augenzeugenschaft des Europäers, sondern auch aus der Perspektive schwarzer Offiziere und Harpuniere, die entweder als frühere Sklaven aus Nordamerika oder der Karibik stammten oder als afrikanische Arbeiter von den Walfängerschiffen unterwegs angeheuert wurden.

Die Nachwuchsgruppe konnte in der drei Jahre dauernden Laufzeit viele der gesteckten Ziele erreichen. Alle Forschungsprojekte konnten ihre jeweiligen Archiv-, Bibliotheks- und Feldforschungsaufenthalte erfolgreich durchführen und Ergebnisse zu Tage fördern, die die Erwartungen meist erfüllten, manchmal sogar übertrafen. Insgesamt darf die Arbeit der Gruppe als erfolgreich gewertet werden, da nicht nur einzelne Forschungsarbeiten durchgeführt werden konnten, sondern auch der wissenschaftliche Nachwuchs im Feld der auf Afrika bezogenen Wissenschaften nachhaltig gefördert wurde. Der Wissenschaftsstandort Frankfurt mit seinen Sammlungs- und Forschungsschwerpunkt auf Afrika diente so nicht nur der Arbeit der Gruppe, auch umgekehrt konnte die Vernetzung der Wissenschaftler untereinander weiter intensiviert und verdichtet werden.

Zunächst hat das Projekt des Leiters der Nachwuchsgruppe zur Fertigstellung einer Monographie mit dem Titel Colberts Afrika. Eine Wissens- und Begegnungsgeschichte in Afrika im Zeitalter Ludwigs XIV. geführt, die 2014 beim de Gruyter-Oldenbourg Verlag erschienen ist. Die Arbeit diente dem Autor darüber hinaus auch als Qualifikationsschrift zum Habilitationsverfahren an der Goethe-Universität, das im Mai 2013 abgeschlossen wurde. Die Studie widmet sich dem Problem der Staatenbildung im Kontext der europäischen Expansion am Beispiel der französischen Präsenz in Westafrika, Madagaskar und den Maskarenen von ihren Anfängen bis in das erste Drittel des 18. Jahrhunderts. Galt bislang die Herausbildung von Staaten und Formen der auf Wissen fundierten Herrschaft als auf Europa beschränktes Phänomen, wird dieser Befund anhand der Einbindung der europäischen Geschichte in das Geschehen der atlantischen Welt hinterfragt. Um die Genese Frankreichs als Modellstaat des 17. Jahrhunderts zu erklären, wird hier argumentiert, dass gerade die modern anmutenden Verwaltungsstrukturen ohne die Herausforderung der Distanzherrschaft nicht denkbar sind. Dabei galt Afrika den Zeitgenossen noch nicht als prinzipiell ‚anders‘, vielmehr erkannte man Ähnlichkeiten und Möglichkeiten der Einbindung in ein entstehendes Staatensystem, das eine Begegnung auf Augenhöhe erlaubte.

Die Projekte der Doktoranden und Doktorandinnen der Nachwuchsgruppe sind ebenfalls erfolgreich im Rahmen der Laufzeit durchgeführt worden.
Insgesamt darf die Arbeit der Nachwuchsgruppe nicht nur als wertvoll in Hinsicht auf Publikationen und erfolgreiche akademische Qualifikationen gewertet werden, sondern auch was die Vernetzung der Nachwuchswissenschaftler untereinander und die Öffentlichkeitsarbeit der afrikabezogenen Forschungen im Exzellenzcluster angeht. Hier darf die Kooperation mit dem Frobenius-Institut und dem Institut für Ethnologie in Frankfurt hervorgehoben werden. Schließlich darf besonders hervorgehoben werden, dass dieser Erfolg auch der Zusammenarbeit mit der Nachwuchsgruppe von Stefanie Michels im Cluster zu verdanken ist. Hier haben sich außerordentlich fruchtbare Diskussionszusammenhänge ergeben, die in Workshops, Konferenzen und gemeinsamen Publikationen ihren Ausdruck gefunden haben.

Wichtigste Publikationen:
Schürmann, Felix (2017): Der graue Unterstrom: Walfänger und Küstengesellschaften an den tiefen Stränden Afrikas, 1770–1920. (=Globalgeschichte, Bd. 25.) Frankfurt/New York: Campus, 2017 (ausgezeichnet mit dem Preis der Zeitschrift für Weltgeschichte für die beste Erstmonographie zur Welt-/Globalgeschichte der letzten drei Jahre, 2018)
Schürmann, Felix: “Ships and Beaches as Arenas of Entanglements from Below: Whalemen in Coastal Africa, c. 1760–1900”, in: InterDisciplines. Journal of History and Sociology 3/1, 2012, 25-47
Steiner, Benjamin (2014): Colberts Afrika. Eine Wissens- und Begegnungsgeschichte in Afrika im Zeitalter Ludwigs XIV., München: de Gruyter
Steiner, Benjamin (2013): „Normative Ordnungen im Konflikt. Die Genese von Staatlichkeit und Administration in Frankreich und Begegnungen in Afrika während der Frühen Neuzeit“,  in: Andreas Fahrmeir/Annette Warner (Hg.): Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive, Frankfurt/New York: Campus, 309-341

Zu den wichtigsten Veranstaltungen zählen: Steiner, Benjamin, zusammen mit Susanne Rau: Grenzmissverständnisse in der Globalgeschichtsschreibung. Sektionsveranstaltung im Rahmen des 48. Historikertags in Berlin vom 28. September bis 1. Oktober 2010; Steiner, Benjamin, zusammen mit Stefanie Michels: Kolloquium der afrikabezogenen Nachwuchsgruppen „Wissen und Information über Afrika“ und „Transnationale Genealogien“, Veranstaltung vom Wintersemester 2009/10 bis Wintersemester 2011/12, u.a. mit Gästen Susanne Friedrich, Arndt Brendecke (beide München), Silke Stickrodt (London), Joseph Agbakoba (University of Nigeria), Marco Platania, Nikita Dhawan (beide Frankfurt) und Steiner, Benjamin, zusammen mit Felix Schürmann: Bewegte See. Filmische Narrativen maritimer Geschichte der Frühen Neuzeit, Veranstaltung im Sommersemester 2012.

Nationale Bildgedächtnisse Europas

Projektleiter: Prof. Dr. Bernhard Jussen

Das Projekt hat die Bedingungen geschaffen, um Formierung, Stabilisierung und Transformation kollektiver politischer Bildgedächtnisse im Europa der Moderne zu untersuchen. Zu diesem, für das Verständnis der aktuellen politischen Kulturen sehr wichtigen Feld, gibt es derzeit praktisch keine Diskussion. Das Projekt geht von der Annahme aus, dass kollektive politische Bildgedächtnisse in der Moderne (19. Jh. bis heute) weitgehend im nationalstaatlichen Rahmen formiert werden und dass die wesentlichen Instanzen der Kanonisierung kollektiven Bildwissens nach wie vor national sind. Dies betrifft die wesentlichen Institutionen der Vermittlung (Schule, Museen, Universitäten, TV) ebenso wie die wesentlichen Produktions- wie Konsumkulturen der Kanonisierung von Bildwissen (Bildagenturen, Buchmarkt, Verlagswesen und -archive, Werbemarkt usw.).

Das Projekt ging von einer kaum zu übersehenden Beobachtung aus: Bilder/Illustrationen mit historischen Themen werden zwar im gesamten Betrieb der Produktion historischen Wissens intensiv eingesetzt, dieser Bildgebrauch wird aber – anders als der Textgebrauch – kaum erkenntnistheoretisch und methodisch ‚überwacht‘. Die Bebilderung von Schulbüchern für den Geschichtsunterricht, von Lehr- und Handbüchern für die Universität wie von populären Geschichtsbüchern ist kaum von Autoren, stattdessen von ökonomischen, rechtlichen oder infrastrukturellen Aspekten (Copyright, Verlagsarchive, Bildagenturen usw.) gesteuert.

Um diese Art der Wissenskanonisierung und -stabilisierung zu untersuchen, hat das Projekt große Sammlungen angelegt, für Deutschland erschöpfend (Handbücher, Reklamebilder, partiell auch Schulbücher) für andere Länder in ausreichender exemplarischer Auswahl. Deren bebilderte Seiten werden, sobald sie annotiert sind, webbasiert zugänglich gemacht.

Als wesentliches wissenschaftspolitisches Problem hat sich herausgestellt, dass die Erforschung der Kanonisierung von Bildwissen zumeist reflexhaft mit dem Stichwort „Erinnerungsorte“ oder „-kultur“ verbunden ist, also mit einem Forschungsfeld, das inzwischen einen schweren Stand hat. Die Geschichtswissenschaft hat die internationale Entwicklung der Memory Studies nicht mitgemacht, so zunächst einmal ein wissenschaftlicher Kontext für diese Forschung vermittelt werden muss. Weitgehend übersehen ist bislang auch, dass der akademische Umgang mit Bildern („Was erzählt ein Historiker durch seinen Text, was durch seine Bebilderung?“) Teil der Theorie historischer Erkenntnis ist und als solcher ein fester Bestandteil im Nachdenken der Historiker sein sollte – aber lange nicht ist.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen:
Bernhard Jussen (2011): „Roland“, in: Johannes Fried und Olaf Rader (Hg.), Die Welt des Mittelalters. Erinnerungsorte eines Jahrtausends, München, 396-408
Bernhard Jussen (2009): „Liebig’s Sammelbilder. Weltwissen und Geschichtsvorstellung im Reklamesammelbild“, in: Gerhard Paul (Hg.), Bilderatlas des 20. Jahrhunderts, Göttingen, 132-139
Jussen, Bernhard (2009) (Hg.) Atlas des Historischen Bildwissens 1: Liebig’s Sammelbilder. Vollständige Edition aller 1138 Serien, (3. Auflage) Berlin: Digitale Bibliothek
Jussen, Bernhard (2009) (Hg.), Atlas des Historischen Bildwissens 2: Reklamesammelbilder. Bilder der Jahre 1870 bis 1970 mit historischen Themen, Berlin: Digitale Bibliothek

Zu den Veranstaltungen des Projekts zählen der Workshop „Massen von Bildern. Visuelle Kultur in populären Medien“, Veranstaltung des Forschungsprojekts „Nationale Bildgedächtnisse Europas“, FF2, Frankfurt am Main, Goethe Universität, 18.-19. Februar 2010 sowie die Tagungen „Normative Ordnungen in der Spannung zwischen Partikularität und Universalität“, Veranstaltung des FF2, Frankfurt am Main, Goethe Universität, 19.-20. Juli 2010 und „Fixiert - Sammlung auf Papier“, Veranstaltung des Forschungsprojekts „Nationale Bildgedächtnisse Europas“, FF2, Oktober 2011, Frankfurt am Main, Goethe Universität. 

Konstituierung und Formwandel von Außenpolitik (Kooperation der Forschungsfelder 2, 3 und 4)

Projektleiter: Prof. Dr. Andreas Fahrmeir, Prof. Dr. Gunther Hellmann und Dr. Miloš Vec

Das Projekt ging von einem konzeptionellen Problem aus. Die Entwicklung des Verständnisses von „internationaler Politik“ ist eng mit der Etablierung dessen verbunden, was in den Internationalen Beziehungen (IB) gemeinhin als „Westfälisches Staatensystem“ bezeichnet wird. Wenn aber die historische Betrachtung von „Außenpolitik” auf die Eigenarten des Westfälischen Systems bezogen wird, verkürzt sich die Geschichte der Außenpolitik auf die „frühe” und „späte” Neuzeit - also auf die Epoche, in der sich „Staaten” ohne große Mühe identifizieren lassen, und in der das moderne Vokabular der Beschreibung von Außenpolitik in Gebrauch kommt – eine Perspektive, die sowohl „präsentistisch” als auch „eurozentrisch” ist.

Das Projekt ging dagegen von der Hypothese aus, dass sich ein Vokabular für die Beschreibung von Außenpolitik entwickeln lässt, das sich auf die Konstruktion einer bestimmten Form von Grenzziehungen konzentriert, die sich in allen Epochen beobachten lassen und die – unabhängig von dem Vokabular, mit dem sie beschrieben werden – als funktionale Äquivalente von Außenpolitik im modernen Sinn behandelt werden können. Ein solches Vokabular zu entwickeln, war das eine Ziel des in der Kooperation zwischen IB, Geschichte und Rechtsgeschichte betriebenen Projekts, das zu diesem Zweck zwei internationale Konferenzen (in Bologna 2011 und in Frankfurt 2012) organisierte.
Parallel dazu wurden in drei Projekten zum 18., 19. und 20. Jahrhundert Kontinuitäten und Zäsuren zwischen unterschiedlichen Formen der Konzeptionalisierung und Gestaltung von „Außenpolitik” genauer bestimmt, die sich auf multiple Grenzziehungen zwischen „innen” und „außen” konzentrierten: auf das „alte” Reich, auf das „europäische Konzert” und auf das Mandatssystem nach dem Ersten Weltkrieg.

Die Ergebnisse wurden in einem von den PIs herausgegebener Konferenzband veröffentlicht (Hellmann, Gunther/Fahrmeir, Andreas/Vec, Miloš (2016): The Transformation of Foreign Policy, Oxford University Press) und sind in einen weiteren Sammelband eingegangen (Hellmann, Gunther; Jacobi, Daniel; Stark Urrestarazu, Ursula (Hg.) (2015): „Früher, entschiedener und substantieller“? Die neue Debatte über Deutschlands Außenpolitik, Wiesbaden: Springer-VS).

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen außerdem:
Hellmann, Gunther (2017): „Linking Foreign Policy and Systemic Transformation in Global Politics: Methodized Inquiry in a Deweyan Tradition“, in: Foreign Policy Analysis, Vol. 13, Issue 3.
Hellmann, Gunther/Stark Urrestarazu, Ursula (2013): „Theories of Foreign Policy”, in: David Armstrong (Hg.), Oxford Bibliographies in International Relations. New York: Oxford University Press.
Stark Urrestarazu, Ursula (2010): Us and Them. Kultur, Identität und Außenpolitik (Forschungsberichte international Politik, Bd. 41), Münster: LIT-Verlag.
Vec, Miloš (2010): „Intervention/ Nichtintervention. Verrechtlichung der Politik und Politisierung des Völkerrechts im 19. Jahrhundert“, in: Ullrich Lappenküper, Rainer Marcowicz (Hg.): Macht und Recht. Völkerrecht in den internationalen Beziehungen, Paderborn: Schöningh, 135-160.

Im Projekt wurden ein Workshop „The Emergence and Transformation of Foreign Policy” mit Iver Neumann und Johannes Paulmann, 16. Dezember 2010, Goethe Universität Frankfurt und zwei internationale Konferenzen zu „The Emergence and Transformation of Foreign Policy” in Bologna, 10.–12. Juni 2011, Johns Hopkins University SAIS Bologna Center und 25.-27. Mai 2012 am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt am Main durchgeführt.

Muslimisches Leben in Wiesbaden

Projektleiterin: Prof. Dr. Susanne Schröter

Bei dem Forschungsprojekt handelte es sich um eine ethnographische Studie über Muslime, denen Gott, wie es in einem Koranvers heißt, näher ist als ihre eigene Halsschlagader. Es sind Menschen, die sich in besonderem Maß ihrer Religion widmen, ihre Freizeit in Moscheegemeinschaften und sufistischen Orden verbringen und die versuchen die Gebote Gottes im deutschen Alltag einzuhalten. Über dieses konservativ-fromme Segment des deutschen Islams, das in quantitativen Erhebungen als fundamentalistisch, teilweise auch als demokratiefern problematisiert wird,  existiert nahezu kein verlässliches Wissen.
Das Projekt untersuchte sowohl die Normen und Werte als auch alltägliches Handeln und die Vielfältigkeit von Lebensstilen frommer Muslime Im Fokus standen soziale Dynamiken und konfliktive Prozesse innerhalb der muslimischen Gemeinschaften, aber auch Interaktionen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Ziel der Studie war die Generierung von Wissen jenseits statistischer Zahlenwerke, um muslimische Kulturen sichtbar und nachvollziehbar zu machen.

Zu diesem Zweck wurden seit Oktober 2011 ethnographische Forschungen in 15 Gemeinden und Organisationen durchgeführt. Das Projekt stützte sich auf teilnehmende Untersuchungen der Forschungsleiterin an Festen, Diskussionsveranstaltungen und Aktivitäten im Rahmen des Freitagsgebetes, sowie leitfragengestützte Interviews, Fokusgruppendiskussionen und informelle Gespräche mit 131 Personen aus muslimischen Gemeinschaften, mit Angehörigen kommunaler Einrichtungen, der Polizei und des Verfassungsschutzes, mit Schulleiter/innen und Lehrer/innen, Pfarrern und Pfarrerinnen und der Leiterin der JVA.

Die durchgeführte Studie arbeitete dabei teils bekannte Problembereiche auf, thematisierte aber auch darüber hinaus auch Felder, die bislang nicht im Zentrum der wissenschaftlichen und öffentlichen Aufmerksamkeit standen. So konnte das Projekt insgesamt zu einem komplexen Gesamtbild beitragen.

Zu den Publikationen des Forschungsprojektes zählen: Schröter, Susanne (2016): Gott näher sein als seiner eigenen Halsschlagader. Muslime in Wiesbaden, Frankfurt/New York: Campus und Schröter, Susanne (2016): „Debating salafism, traditionalism and liberalism. Muslims and the state in Germany”, in: Ennaji, Moha, (Hg.): New horizons of Muslim diaspora, Basingstoke, Hampshire: Palgrave MacMillan, 203–228.

Im Forschungsprojekt wurde eine Veranstaltungsreihe „Ehre und Islam“ zusammen mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und dem Verein für Integration, Kultur, Gender- und Generationenforschung in der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung, Wiesbaden geplant und durchgeführt, darunter die drei Einzelveranstaltungen: „Viel Feind, viel Ehr. Männer, Islam, Ehre“ am 5.10.2011; „Die Ehre der Frau heißt Unschuld. Frauen, Islam, Ehre“, am 1.11.2011; „Ehre, wem Ehre gebührt. Interkulturelle Dimensionen von Ehre“, am 1.12.2011. Außerdem fanden statt: „Dem Vorbild des Propheten folgen. Genderdiskurse muslimischer Frauen in Deutschland“, Vortrag von Susanne Schröter am 5.11.2012 im Rahmen der Ringvorlesung „Gendergraphien. Perspektiven der Geschlechterforschung auf Körper - Wissen - Praxis“ an der LMU und „Moralische Verunsicherungen. Diskussionen mit jungen muslimischen Männern über Sexualität und Ehre“, Vortrag von Susanne Schröter am 5.5.2012 auf der Tagung „Religion und Migration. Welche Werte braucht die Gesellschaft?“ in der Evangelischen Stadtakademie Frankfurt am Main.

Prozedurentexte in der Entwicklung, Bewahrung und Vermittlung von Expertenwissen

Projektleiterin: Prof. Dr. Annette Warner (Imhausen)

Formale normative Ordnungen von Wissen lassen sich bereits in den frühesten schriftlichen Wissenssammlungen nachweisen. Dabei spielen Prozedurentexte eine herausragende Rolle. Prozedurentexte gibt es zu verschiedensten Zeiten in verschiedenen Kulturen (u.a. in Ägypten und Mesopotamien, aber ebenso auch in der klassischen Antike) für verschiedene (natur-) wissenschaftliche Bereiche aber auch andere Wissensgebiete. Das Ziel unseres Vorhabens war es, Prozedurentexte verschiedener inhaltlicher Bereiche vormoderner Kulturen vergleichend zu untersuchen.

In einem ersten Workshop (Workshop: Prozedurentexte aus Mesopotamien und Ägypten; 2. – 4. Juli 2010, Forschungskolleg Humanwissenschaften, Bad Homburg v.d.H.) wurden Prozedurentexte Ägyptens und Mesopotamiens analysiert und diskutiert. Eingeladen wurden Vertreter aus den Forschungsgebieten Recht (Birgit Jordan, Sandra Lippert, Guido Pfeifer), Mathematik (Christine Proust, Jim Ritter, Annette Warner (Imhausen)), Medizin (Mark Geller), Ritual (Andreas Pries) und Divination (Daliah Bawanypeck). Einleitend wurde jeweils eine Übersicht über ägyptische (Annette Warner (Imhausen)) und mesopotamische (Jim Ritter) Prozedurentexte gegeben.

Zwischen den einzelnen Prozedurentexten waren eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten festzustellen – dies war zum Teil in ähnlicher Form erwartet worden und bildete den Ausgangspunkt unseres Vorhabens. Zu den Gemeinsamkeiten gehören spezifische formale Strukturen, die sich in der Verwendung bestimmter grammatikalischer Formen als auch bestimmter Fachtermini ausdrücken.
Die parallele Verwendung der normativen Verbalform in Ritualtexten und mathematischen Texten stützt die Zusammengehörigkeit der „naturwissenschaftlichen“ Texte zu anderen Bereichen in der emischen Kategorisierung ägyptischen Wissens, die bisher getrennt voneinander untersucht wurden.

Ein weiterer Bereich, der in mehreren Quellen auffällig war, ist das implizite Wissen, das in den Prozeduren zum Teil nachgewiesen werden kann. Dies kann einem modernen Betrachter erhebliche Schwierigkeiten bereiten, ist jedoch andererseits ein interessanter Aspekt, den es näher zu untersuchen gilt: Was wird in den Prozedurentexten explizit vorgeschrieben, was wird implizit erwartet?

Der Workshop hat außerdem das Problem der abstrakten Charakterisierung von Prozedurentexten aufgeworfen. Während viele Beispiele offensichtlich Prozedurentexte im naiven Verständnis der Wortes waren, gab es auch Beispiele von Texten, die zwar eine Prozedur widerspiegelten, aber streng genommen nicht selbst Prozedurentexte waren; genauso gab es Textkorpora, z.B. divinatorische Texte, in denen nur ein Teil der Quellen wirkliche eigenständige Prozeduren darstellten.

Auf Grundlage der gewonnen Erkenntnisse und sich daraus ergebenden Fragen, wurde das Projekt in der zweiten Laufzeit fortgesetzt mit dem Projekt „Die Normativität formaler Ordnungen und Prozeduren in der Antike – Mathematische und rechtliche Regelsysteme im Vergleich“.

Professur des Exzellenzclusters – Ethnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen

Prof. Dr. Susanne Schröter

An der Clusterprofessur wurden von Prof. Schröter und ihren Mitarbeiter_innen folgende Forschungsprojekte durchgeführt: „Neue Diskurse zu Staat und Gesellschaft in der islamischen Welt“ (Doktorandengruppe); „Religiöse und lokale Ordnungen auf Java. Islam, Wieder-Erstarken von Tradition und Alltagsleben auf Java, Indonesien“, „Feministische Diskurse in der islamischen Welt“; sowie: „Muslimisches Leben in Wiesbaden“.

Die an der Clusterprofessur durchgeführte Arbeit stellte die Grundlage dar zur 2014 erfolgten Gründung des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam am Exzellenzcluster Normative Orders.

Professur des Exzellenzclusters – Wissenschaftsgeschichte der vormodernen Welt

Prof. Dr. Annette Warner (Imhausen)

Die Professur der Wissenschaftsgeschichte der vormodernen Welt beschäftigt sich mit der Geschichte der vorgriechischen Wissenschaften (besonders der Mathematik in Ägypten und Mesopotamien), der Historiographie vorgriechischer Mathematik sowie der Transmission von Wissen in hellenistischer Zeit.

Ein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Untersuchung der Etablierung von normativen Ordnungen und Expertenwissen im pharaonischen Ägypten und in Mesopotamien. In beiden Hochkulturen wurden normative Ordnungen durch den Herrscher geschaffen, der seinerseits die göttliche Weltordnung zu erfüllen suchte. Die tatsächliche Umsetzung der Vorgaben in die Praxis erfolgte in beiden Kulturen durch die Gruppe der Schreiber – Angehörige der jeweiligen Administrationen, die sich durch entsprechendes Spezialwissen auszeichneten. Grundlegend für dieses Wissen waren literacy und numeracy, d.h. die Fähigkeiten zu lesen und schreiben und mit Zahlenwerten umgehen zu können. Gerade die Mathematik spielte bei der praktischen Umsetzung von normativen Ordnungen eine herausragende Rolle, denn durch die Zuweisung von numerischen Werten für bestimmte Vorgänge wurde das Erreichen oder Verfehlen der Erfüllung von bestimmten Vorgaben erst überprüfbar gemacht (siehe das von Annette Warner durchgeführte Forschungsprojekt „Mathematik und die Etablierung normativer Ordnungen in antiken Kulturen: Ägypten und Mesopotamien im Vergleich“). Aber auch die Verschriftlichung von Wissen folgte in beiden Kulturen bestimmten Vorgaben, zu denen u.a. die äußere Form von Texten und die bewusste Verwendung bestimmter grammatikalischer Strukturen gehörten (Normative Ordnungen von Wissenstexten; siehe z.B. das Forschungsprojekt, das schwerpunktmäßig von Daliah Bawanypeck durchgeführt wurde „Zur Funktion der Kanonisierung bei der Wissensüberlieferung in Mesopotamien). Eine Textform, die sich in beiden Kulturen (und auch vielen anderen) findet ist die Prozedur. Prozedurentexte finden sich immer dann eingesetzt, wenn es um die Vermittlung von vorgegebenen Handlungsabläufen geht. Prozedurentexte gibt es in vielen verschiedenen Wissensbereichen wie z.B. Astronomie, Mathematik, Divination, Medizin (siehe das von Annette Warner und Daliah Bawanypeck gemeinsam durchgeführte Forschungsprojekt: „Prozedurentexte in der Entwicklung, Bewahrung und Vermittlung von Expertenwissen“).

Bei einem weiteren Forschungsprojekt der Professur mit dem Titel “Demotische Mathematik: Tradition, Fortschritt, Wechselwirkungen” handelt es sich um ein Teilprojekt des Projektes ALGO : Structures déductives algorithmiques dans les mathématiques pré-algébriques (Leitung: Fabio ACERBI und Bernard VITRAC, CNRS Paris).
Ausgangspunkt des Projekts ist die gängige Auffassung, nach der altägyptische Mathematik traditionell so beschrieben wird, als ob sie ihren Höhepunkt im Mittleren Reich erreicht hätte, und danach praktisch unverändert fortbesteht. Diese Einschätzung beruht auf einer kleinen Zahl von hieratischen Quellen, die nur ca. 200 Jahre umfassen. Um diesem Vorurteil zu begegnen, ist eine grundlegende Neubearbeitung des Quellenmaterials notwendig. Aufbauend auf meinen bisherigen Arbeiten zu den hieratischen mathematischen Aufgabentexten, soll in diesem Projekt der Rahmen bis zu den demotischen mathematischen Texten erweitert werden.

Die demotischen mathematischen Texte, die noch nicht vollständig publiziert wurden, datieren über 1000 Jahre später als ihre hieratischen Vorgänger. Wie diese sind sie in Form von Prozeduren formuliert, d.h. der Ankündigung eines Problems gefolgt von einer Reihe von Anweisungen, die zur Lösung des gestellten Problems führen. Eine genaue Analyse der Quellen, von denen die meisten heute im British Museum in London sind, dient der Feststellung der verwendeten Prozeduren. Diese sollen dann mit den Prozeduren der hieratischen Texte verglichen werden.

In einer Monographie aus dem Jahr 1972 stellte Richard Parker einen mesopotamischen Einfluss in einigen demotischen Problemen fest (Richard A. Parker (1972): Demotic Mathematical Papyri, Providence, RI: Brown University Press and London: Lund Humphries, 6.). Diese Feststellung beruht auf dem Vorkommen von einzelnen identischen Aufgaben in den mesopotamischen und demotischen Texten. Im Rahmen dieses Projektes wurde dieser Feststellung erstmals in größerem Rahmen nachgegangen. Der Vergleich der Prozeduren, die zur Lösung der gestellten Probleme verwendet werden, ermöglichte so einen detaillierten Vergleich der verwendeten Techniken und Strategien.

Die Einhegung der Gewaltinstrumente: Transformation der Rüstungskontrolle

Projektleiter: Prof. Dr. Harald Müller

Seit sich die moderne Rüstungskontrolle in den 1950er Jahren herausbildete, haben sich einige ihrer Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Das bipolare System des Kalten Krieges existiert nicht mehr; die einzig verbliebene Supermacht USA hat sich von der früheren Unterstützung multilateraler, universaler Sicherheitsinstitutionen abgewandt und verfolgt – vorübergehend? – einen selektiven Multilateralismus und teilweise aggressiven Unilateralismus; aufstrebende Mächte wie Indien und China könnten das internationale System in ein multipolares System verwandeln. Gleichzeitig trat mit dem Ende der Blockkonfrontation nach und nach der Gegensatz zwischen sich entwickelnder und entwickelter Welt auch in der Sicherheitspolitik immer deutlicher zu Tage. Diese Veränderungen schlugen sich auch in den Regimen zur Kontrolle nuklearer, biologischer und chemischer Waffen nieder. Die grundlegenden Funktionen der Rüstungskontrolle – die Stabilisierung zwischenstaatlicher Beziehungen, die Verminderung des Sicherheitsdilemmas und die Verhütung von unkontrollierten Rüstungswettläufen und Kriegen – haben jedoch nichts von ihrer Aktualität und Dringlichkeit verloren. Im Gegenteil, angesichts möglicher Machtübergänge, neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen und aktueller technologischer Entwicklungen sind die kooperative Einhegung der Gewaltinstrumente und Regulierung zwischenstaatlicher Beziehungen nach wie vor elementar wichtig, um ein stabiles System globaler Governance zu erreichen.
Weder konkrete Fragen nach der Legitimität und Legalität bestimmter Waffengattungen oder nach der Erfüllung und Auslegung eingegangener Verpflichtungen, noch allgemeinere Fragen nach der Machtverteilung im internationalen System oder der Nord-Süd-Kooperation und Entwicklung lassen sich allein mit neo-realistischen, institutionalistischen oder liberalen Denkschemata vollständig oder auch nur hinreichend erfassen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass in allen vier Bereichen Vorstellungen über Angemessenheit, Richtigkeit und Gerechtigkeit eine Rolle spielen, die in Theorie und Praxis der Rüstungskontrolle bisher unterbelichtet bleibt. Der Erforschung ihrer Bedeutung für eine funktionierende normative Ordnung zur Kontrolle nuklearer, biologischer und chemischer Waffen widmete sich dieses Projekt.

In zwei Teilprojekten wurde untersucht, A) wo die normativen Positionen von ausgewählten Akteuren innerhalb der drei genannten Regime divergieren oder konvergieren und wie exogene Ereignisse auf die Politik dieser Akteure einwirken; welche Gerechtigkeitsdiskurse und Normenkollisionen es innerhalb der Regime gibt und inwieweit ethische Belange in die Regime selbst eingelassen sind; und B) wie sich die normativen Gefüge internationaler Rüstungskontrollregime durch die Aktivitäten von „Normunternehmern“, durch Normkonflikte, durch die Interaktion von Normen und technologischem Wandel und durch den Einfluss äußerer Ereignisse positiv oder negativ weiterentwickeln.
Die Ergebnisse dieser Teilprojekte geben Aufschluss darüber, welche Rolle Gerechtigkeitsvorstellungen für die Ausgestaltung von multilateralen Sicherheitsinstitutionen spielen und welche Faktoren normativen Wandel beeinflussen. Auf ihrer Grundlage wurden außerdem praxeologische Konzepte dafür entwickelt, wie die Regime erhalten und nachhaltig gestärkt werden können. Schließlich wurden die Ergebnisse der Teilprojekte zusammengeführt und die übergeordnete Forschungsfrage beantwortet, wie und unter welchen Bedingungen eine normative Ordnung zur Kontrolle von nuklearen, biologischen und chemischen Waffen im 21. Jahrhundert möglich ist.
Das Forschungsprojekt war sowohl im Exzellenzcluster der Universität Frankfurt „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ als auch im Forschungsprogramm der HSFK „Just Peace Governance“ verortet.

Die ersten Jahre der Projektförderung beschäftigten sich vor allem mit der Erarbeitung des konzeptionellen Rahmens und der Planung des Vorgehens. Im Anschluss an die Normenforschung wurden vier Variablen als mögliche „Treiber“ von Normenevolution identifiziert: Konflikte über die Auslegung und Gewichtung von Normen und besonders auch Gerechtigkeitskonflikte gelten als mögliche Regime-inhärente Faktoren. Externe Faktoren umfassen technologische Veränderungen und gravierenden Wandel in der internationalen Umwelt wie das Ende des Ost-West-Konflikts, Umwälzungen im internationalen Machtgefüge und Schockereignisse wie der 11. September 2001. Unserer Ausgangsannahme zufolge, die sich letztlich bestätigt hat, führen diese drei Faktoren allerdings nicht zwangsläufig zu Normenwandel. Es bedarf vielmehr intentional handelnder Akteure, Normunternehmer, die durch interne und externe strukturelle Ereignisse entstehende Gelegenheitsfenster nutzen um Normevolution voranzutreiben und die normative Struktur zu verändern.
Ob, und wenn ja, welchen, Einfluss die genannten Variablen auf die Schaffung bzw. Veränderung von internationalen Rüstungskontrollnormen ausüben, wurde in einzelnen Fallstudien mit inhalts- und prozessanalytischen Verfahren überprüft.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen:
Müller, Harald (2010): „The Little-Known Story of Deprofileration: Why States Give Up Nuclear Weapons Activities“ (mit A. Schmidt), In: W.C. Potter, G. Mukhathhanova (Hg.): Forecasting Nuclear Proliferation in the 21st Century. Vol I: The Role of Theory, Stanford: Stanford University Press, 124-158.
Müller, Harald (2011): "A Nuclear Nonproliferation Test: Obama' Nuclear Policy and the 2010 NPT Review Conference", in: The Nonproliferation Review, 18 (1), 219-236.
Müller, Harald (2011): "Security Cooperation", in: Bertrand Badie, Dirk Berg-Schlosser, Leonardo Morlino (Hg.): International Encyclopedia of Political Science, SAGE Publications.
Müller, Harald und Carmen Wunderlich (Hg.) (2013): Norm Dynamics in Multilateral Arms Control: Interests, Conflicts, and Justice (Reihe: Studies in Security and International Affairs), University of Georgia Press. 

Secur(itiz)ing the West. The Transformation of Western Order

Projektleiter: Prof. Dr. Gunther Hellmann

Im Rahmen des Projekts wurden die sicherheitspolitischen Dimensionen der Herausbildung und Transformation der westlichen Ordnung untersucht. Als Ordnungsbegriff wird "der Westen" sowohl in politischen als auch in akademischen Diskussionszusammenhängen ubiquitär gebraucht. Die routinemäßigen Verwendungsweisen verstellen jedoch allzu leicht den Blick auf die konstitutive Unschärfe und Umstrittenheit "des Westens". Seine integrative Kraft scheint "der Westen" aber gerade dadurch entfalten zu können, dass ganz unterschiedliche Positionen und Projekte "im Namen des Westens" begründet werden können. Exemplarisch zeigte sich das an den Kontroversen um angemessene Formen der Terrorismusbekämpfung, in denen nahezu jede in Europa oder den USA artikulierte Position sich selbst in Übereinstimmung mit den normativen Grundprinzipien des Westens sieht, während Gegenpositionen die Abweichung von solchen Grundprinzipien vorgeworfen wird. Vor diesem Hintergrund wird es sozialwissenschaftlich interessant, die unterschiedlichen Bezugnahmen auf den Westen und ihre institutionellen Konsequenzen in den Blick zu nehmen.

Zu diesem Zweck wurde ein methodologisch innovativer, offener Forschungszugriff entwickelt, der die performativen Bezüge in drei unterschiedlichen sicherheitspolitischen Feldern in hermeneutischen Detailanalysen rekonstruierte. Im ersten Forschungsfeld stand die traditionelle Dimension der Großmachtrivalität im Mittelpunkt. In sicherheitspolitischen Kreisen wird das Aufkommen neuer Mächte, insbesondere Chinas, aber auch die offene Entwicklung Russlands unter dem Aspekt möglicher Polaritätsverschiebungen beobachtet. Wie auf solche möglichen Verschiebungen zu reagieren sei, ist innerhalb des Westens umstritten und daher ein geeigneter Ausgangspunkt für die Rekonstruktion performativer Bezüge auf den Westen. Dabei ließen sich in politisch diametral entgegengesetzten Positionen deutliche Gemeinsamkeiten in der Art und Weise identifizieren, in der auf den Westen Bezug genommen wurde. So erschien der Westen beispielsweise sowohl den Befürwortern einer Kooperationsstrategie gegenüber China als auch den Befürworten einer konfrontativeren Haltung als bedrohter, aber unbedingt zu schützender Raum. Die Einschätzung, dass die materiellen Grundlagen der Vormachtstellung des Westens bedroht sind, ging typischerweise einher mit der Reartikulation der Vorstellung einer normativ-moralischen Überlegenheit des Westens und seiner Vorbildfunktion für aufstrebende Staaten. Gerade weil der Westen sich selbst als moralisch überlegen beobachtet, kann aber das Szenario des geopolitisch bedrohten Westens an Plausibilität gewinnen.

Ein zweites Forschungsfeld konzentrierte sich auf die NATO als die sicherheitspolitisch zentrale institutionelle Verkörperung des Westens. Als Verteidigungsbündnis entsteht die NATO in der strategischen Konstellation des Ost-West-Konflikts, in ihren Selbstbeschreibungen ist sie jedoch immer mehr als eine bloß strategisch begründete Allianz. Als institutioneller Ausdruck der "westlichen Wertegemeinschaft" begreift sie sich zunächst als Verteidigungslinie gegen den Sowjetkommunismus. Nach dem Ost-West-Konflikt und damit dem Wegfall von Blockkonfrontation und Systemkonkurrenz wird der Fortbestand der NATO daher begründungsbedürftig. In einer hermeneutischen Detailanalyse der einschlägigen strategischen Dokumente ließ sich nachweisen, dass die NATO hierzu Gebrauch von rhetorischen Strategien der Selbstermächtigung machte, die sich in jeweils der strategischen Konstellation angepassten Variationen bis zu den Anfängen der Allianz zurückverfolgen lassen. Der Topos eines bedrohten, aber unbedingt zu schützenden Westens verstärkt diese Tendenz zur Selbstermächtigung und begründet zugleich eine spezifisch westliche Konfliktstruktur in den transatlantischen Beziehungen. Politische Meinungsverschiedenheiten zwischen Europa und den USA werden nicht als gewöhnliche Differenzen von Position und Opposition beschrieben, sondern vielmehr als unterschiedliche Auslegungen eines geteilten westlichen Wertefundaments. Dass die Gegenpartei immer als abtrünnige beobachtet wird, die dieses gemeinsame Fundament verlässt, erklärt die spezifische Eskalationsdynamik, aber auch die Integrationswirkung transatlantischer Konflikte.

Das dritte Forschungsfeld befasste sich schließlich mit den innenpolitischen Dimensionen des "Kriegs gegen den Terrorismus" insbesondere am Beispiel der Relegitimierung von Folter und den Tendenzen rechtsstaatliche Schutzvorschriften außer Kraft zu setzen. Dass die normativ-institutionellen Errungenschaften des demokratischen Rechtsstaats im Zuge der Terrorbekämpfung tendenziell unter Druck geraten, ist hinreichend bekannt und belegt. In einer hermeneutischen Detailanalyse der einschlägigen Folter-Memos, massenmedialer Verarbeitungen der Folterthematik und der europäischen Kontroverse um extraordinary renditions stand vielmehr die Frage nach der Begründung und Rechtfertigung derartiger Einschränkungen im Mittelpunkt. Auch hier autorisierte zunächst der Topos des "bedrohten Westens" außeralltägliche Verteidigungsmaßnahmen, unter denen die schleichende Relegitimierung von Folter nur das herausragende Beispiel darstellt. Analytisch von Interesse war dann allerdings die Frage, wie solche Einschränkungen auf Dauer gestellt werden konnten. Dabei ließ sich eine diskursive Verschiebung rekonstruieren, die weg vom ursprünglich autorisierend wirksamen Topos der situativen Ausnahme zum Zweck der Verteidigung und hin zu einer bürokratisch-technokratischen Risikosemantik führte. Nicht das Wissen um eine Bedrohung, sondern das Nichtwissen um ihr zeitliches Ende wurde damit zur zentralen Rechtfertigungsfigur. Die auf diese Art und Weise gestiftete Unverbindlichkeitskommunikation ermöglichte es insbesondere auch der europäischen Seite, ihre Duldung von und Beteiligung an der Überstellung von Verdächtigen an Black Sites der CIA vor öffentlicher Kritik zu immunisieren.
In allen drei Forschungsfeldern ließ sich also eine grundlegende, zugleich aber immer auch umstrittene Tendenz zur Versicherheitlichung des Westens beobachten. Als Versicherheitlichung bezeichnet man in der kritischen Sicherheitstheorie der Kopenhagener Schule den diskursiven Prozess, durch den ein Referenzobjekt in einer solchen Weise als existentiell bedroht beschrieben wird, dass zu Verteidigungszwecken außeralltägliche Maßnahmen als gerechtfertigt erscheinen. Als Referenzobjekte dienen in der Literatur zumeist der Staat, gelegentlich auch Gesellschaft oder Umwelt. Den Westen als Referenzobjekt einzuführen und zu analysieren leistet damit auch einen innovativen Beitrag zur aktuellen sicherheitstheoretischen Diskussion. Die Versicherheitlichung des Westens stellt im Ergebnis nicht eine notwendige oder unumkehrbare Entwicklung dar, sie ist vielmehr zu begreifen als praktische Folge der Reaktionen insbesondere auf terroristische Bedrohungen. Dem Bild eines versicherheitlichten Westens, der im Namen der Selbstverteidigung seine normativen Grundlagen preiszugeben droht, steht daher immer das Bild einer genuin westlichen Kultur des rechtsstaatlich-demokratischen Formalismus entgegen. Als gleichermaßen durchgängig virulente Topoi im sicherheitspolitischen Diskurs stehen diese konträren Selbstbeschreibungen des Westens in einem polaren Spannungsverhältnis zueinander. Jede Versicherheitlichung bleibt mit rechtsstaatlichen Argumenten kritisierbar, ebenso wie jede Errungenschaft des demokratischen Rechtsstaats durch Dynamiken der Versicherheitlichung bedroht bleibt. Innerhalb dieses Spannungsfeldes ließ sich jedoch insbesondere seit den Anschlägen des 11. September 2001 eine diskursive Verschiebung in Richtung einer zunehmenden Versicherheitlichung des Westens beobachten.

Neben den gegenstandsbezogenen Forschungsergebnissen aus den einzelnen Feldern und dem sich daraus ergebenden Gesamtbild der Transformation der westlichen Ordnung leistet das Projekt auch in theoretischer und methodologischer Hinsicht einen grundbegrifflichen Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Analyse der Herausbildung normativer Ordnungen. Indem normative Ordnungen konsequent unter dem Aspekt ihrer Herausbildung beobachtet werden, wird es möglich, statische Ordnungsbegriffe zu überwinden und die Prozessdimension der Ordnungsbildung in den Blick zu nehmen. Ordnungsbildung lässt sich dann begreifen als praktische Folge der performativen Bezugnahme auf Ordnungsbegriffe. Deren rekonstruktive Analyse wird durch das im Projekt entwickelte grundbegriffliche Instrumentarium ermöglicht.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen:
Hellmann, Gunther/Herborth, Benjamin (2008): „Fishing in the Mild West. Democratic Peace and Militarized Interstate Disputes in the Transatlantic Community”, in: Review of International Studies, 34(3), 481-506.
Hellmann, Gunther/Herborth, Benjamin (Hg.) (2016): Uses of the West. Security and the Politics of Order, Cambridge University Press.
Hellmann, Gunther/Herborth, Benjamin/ Schlag, Gabi/Weber, Christian (2017): “The West: A Securitizing Community”, in: Journal of International Relations and Development, 20(2), 301-330.
Hellmann, Gunther/Herborth, Benjamin/ Schlag, Gabi/Weber, Christian: Securitizing the West? The Politics of Security and the Transformation of Western Order (gemeinsame Monographie, im Erscheinen).

Im Projekt wurden u.a der Workshop "Securitization Theory and the Formation of Normative Orders, Theoretical Problems and Methodological Challenges", 6–8 September 2008, Goethe Universität Frankfurt und die Internationalen Konferenzen "Secur(itiz)ing the West – The Transformation of Western Order" 21-23 November 2008, SAIS Bologna Center, Johns Hopkins University sowie “Uses of the West: Security - Democracy – Order” 8-10 October 2009, Forschungskolleg Humanwissenschaften, Bad Homburg, durchgeführt.

Aushandlungen von Normativität: Feministische-Postkoloniale Interventionen (Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies - FRCPS)

Projektleiterin: Prof. Dr. Nikita Dhawan

Ziel des Forschungsprojektes war es, die Bedeutung von Normen, die unter den Bedingungen des Kolonialismus geformt wurden, für die gegenwärtige Verfasstheit einer Weltpolitik zu untersuchen, die ihrerseits nachhaltig mit dem Erbe des Kolonialismus konfrontiert ist. Die miteinander verflochtenen Teilprojekte beleuchteten sowohl den historischen Entstehungskontext von Normen als auch ihre gegenwärtigen Aushandlungen in einer postkolonialen Welt. Der Fokus lag auf der ambivalenten Funktion von Normen: Obwohl Normen als Leitprinzipien für die subjektive Lebensgestaltung und als Orientierung für die Transformation der sozialen Welt unentbehrlich sind, üben sie – zuweilen auch gewaltvolle – Zwänge auf Individuen aus. Obwohl Normen notwendig sind, muss ihnen folglich auch Widerstand entgegengesetzt werden.

Die Analyse von Normativität aus transnationaler Perspektive trug dazu bei, das Wesen und die Praxis feministisch-postkolonialer Theorie und Politik neu zu denken. Die gegenwärtige Weltordnung wurde nicht nur in geopolitischer und strategischer Hinsicht betrachtet, sondern ebenso mithilfe normativer Konzepte wie Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden. Dabei wurde die Legitimität umfassender normativer Systeme mit globaler Reichweite und Geltung untersucht.

Normativität übt verschiedene Funktionen aus. Als Strategien der Normalisierung, die soziale Praxen und Interaktionen regeln, definieren Normen implizite (soziale und kulturelle), als auch explizite (kodifizierte) Verhaltensregeln. Als Prinzipien der Valorisierung honorieren sie Folgsamkeit und sanktionieren Devianz. Der Fokus liegt hierbei auf ‚normativer Gewalt‘, womit die Gewalt spezifischer Normen gemeint ist, die definieren, wer sich als politisches Subjekt qualifiziert. Neben der Gewalt von Normen kann ihre Macht jedoch ebenso in einem produktiven Sinne verstanden werden: Normen bringen gewisse legitime Subjekte hervor, indem sie andere delegitimieren. Die Entstehung politischer Handlungsfähigkeit wird durch Normen also zugleich ermöglicht und behindert. Obwohl Subjekte von normativen Ordnungen abhängig sind und aus ihnen hervorgehen, sind sie nicht vollständig durch sie determiniert. Hierin liegt die Möglichkeit, Widerstand gegen Normen zu entwickeln.

Da Normen keine von menschlichen Praxen losgelöste, objektive und ahistorische Gegebenheit sind, ist Normativität stets verhandelbar. Ein kritisches Verhältnis zu Normen zu entwickeln, setzt jedoch die Fähigkeit voraus, den Horizont des Gegenwärtigen zu überschreiten und die Möglichkeit anderer normativer Ordnungen zu erwägen. Insbesondere die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, stellt den Ausgangspunkt für Kämpfe um alternative Artikulationen von Normen dar und eröffnet somit den Raum für kreative Handlungsfähigkeit.

Feministisch-postkoloniale Praxen, die häufig an den Rändern der Macht verortet sind, verfolgen die Transformation von etablierten Normen und/oder die Einführung alternativer Normen mit dem Ziel, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse von verletzlichen und marginalisierten Gruppen zu verbessern. Anstelle einer bloßen Übernahme von vermeintlich universell gültigen normativen Ordnungen erfordert dies eine Hinterfragung derselben. In Abgrenzung zu kulturrelativistischen Ansätzen verwirft eine feministisch-postkoloniale Perspektive jedoch nicht schlicht spezifische Normen und Ideen, deren Genese in einem westlichen Androzentrismus verortet wird. Vielmehr wird eine Offenlegung und (Neu-)Verhandlung ihrer grundlegenden Prämissen angestrebt, die mit der Geschichte des Kolonialismus eng verwoben sind. Folglich schlug das Forschungsprojekt eine zweifache Herangehensweise ein: Über die kritische Hinterfragung der Trennung von ‚lokal‘ und ‚global‘ wurden in synchroner Perspektive die historischen Bedingungen und die gegenwärtigen vergeschlechtlichten Machtverhältnissen zwischen globalem Süden und Norden als Entstehungs- und Geltungskontext von Normen betrachtet. Darüber hinaus wurden im Rahmen des Projektes die Wirkungsweisen erforscht, über die Normen Formen von Subjektivität und Intersubjektivität regulieren. Vergeschlechtlichte koloniale und postkoloniale Ordnungen wurden dabei sowohl als Machtverhältnisse, als auch als normative Ordnungen verstanden. Die dem Projekt zugrunde liegende Annahme war, dass alternative Konzeptionen von Normativität in eben jenem Moment entstehen, in dem eurozentrische und heteronormative Ordnungen und Normen herausgefordert werden. Daher wurde neben der Frage, wie Normen entstehen, überdies untersucht, wie Normen in Kämpfen um Inklusion, Gerechtigkeit und Gleichheit gedacht und angeeignet werden, um historische Gewalt zu überwinden.

Unter Berücksichtigung historisch gewachsener vergeschlechtlichter Machtverhältnisse lag der Fokus der fünf Teilprojekte darauf, die Spannungen zwischen verschiedenen Formen von Normen, aber auch die Möglichkeiten ihrer Verhandelbarkeit und ihre Legitimität zu untersuchen. Dabei lag die Aufmerksamkeit darauf, wie verschiedene politische Akteure zum einen die ungleichen Verhältnisse zwischen dem globalem Norden und dem globalen Süden, sowie zum anderen innerhalb des Nordens und Südens unter den Bedingungen des Postkolonialismus verhandeln.

Teilprojekt 1: Dekolonisierung und Demokratisierung (Nikita Dhawan)
Ausgangspunkt des Projekts bildete die Frage, inwiefern gegenwärtige Diskurse zu Demokratie, Transnationaler Gerechtigkeit und Menschenrechten durch das koloniale Erbe geprägt sind. Im ersten Schritt wurde der Fokus auf die Ambivalenz von Normen gelegt, wobei insbesondere untersucht wurde, inwiefern Normen zeitgleich eine befähigende und gewaltvolle Funktion ausüben. Die Ergebnisse werden in einem Sammelband veröffentlicht, der im Jahr 2011 beim Ashgate-Verlag erschien. Darauf aufbauend setzte sich der zweite Teil des Projekts mit Fragen der transnationalen Gerechtigkeit aus einer postkolonialen-feministischen Perspektive auseinander. Über eine kritische Analyse von Beiträgen feministischer Denkerinnen wie Nancy Fraser, Seyla Benhabib, Iris Marion Young, Judith Butler und Gayatri Chakravorty Spivak, beschäftigte sich dieser Teil des Forschungsprojektes mit der Herausforderung der Dekolonisierung und mit der Frage: Wie kann die Subalterne von einem Objekt der Gutmütigkeit hin zu einer demokratischen Akteurin transformiert werden? Wichtig für die Recherche waren unter anderem die Forschungsaufenthalte in Mumbai/Indien (März 2010) und Südafrika (September 2010). Diese haben insbesondere drei Ziele verfolgt: Erstens dienten sie notwendigen Literaturrecherchen in verschiedenen spezialisierten Bibliotheken. Vor allem ging es darum, neustes Material postkolonialer Theorie und feministischer Theoriebildung zu sichten. Zweitens ermöglichten sie es Experten und Expertinnen aus dem Bereich der feministisch-politischen Philosophie und postkolonialen Theorie in Indien zu treffen und drittens einen Einblick in die aktuellen Trends innerhalb der Forschung zu Dekolonisierung im indischen Kontext zu erhalten. Teile des Forschungsprojekts wurden an der Mumbai Universität und der Witswatersrand Universität präsentiert und mit Wissenschaftler/innen vor Ort diskutiert. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse auf mehreren (internationalen) Konferenzen vorgestellt und im Rahmen eines Sammelbands und mehrerer Buchbeiträge veröffentlicht.

Teilprojekt 2: Geschlechterverhältnisse neu verhandeln - Die Geschlechternormen der Vereinten Nationen in post-Genozid-Ruanda (Rirhandu Mageza-Barthel):
Das Teilprojekt von Rirhandu Mageza-Barthel schließt an die Forschung prominenter feministische Theoretikerinnen an, die liberale Annahmen über die Qualität von Demokratien und demokratischen Prozesse kritisieren, in denen Fragen der In- und Exklusion weder thematisiert noch problematisiert werden. Für den postkolonialen Staat Ruanda, der nach dem Genozid einen Wiederaufbau und eine Neuverhandlung seiner politischen und sozialen Ordnung bedurfte, ist eine kritische Hinterfragung der Grundüberlegungen zu politischer Partizipation und Repräsentation von besonderer Bedeutung. Das Projekt untersuchte den Zusammenhang zwischen nationalen und internationalen Normen nach dem Genozid in einem postkolonialen, Kontext. Hierzu wurden feministische Ansätze zur Domestizierung von internationalen Geschlechternormen sowohl im Allgemeinen wie spezifisch mit Bezug auf post-Konflikt-Länder und Länder des Globalen Südens untersucht, was zu einer Weiterentwicklung feministischer Ansätze der Normdomestizierung beitrug. Der Geschlechteranalyse des ruandischen Genozids lag die Annahme zugrunde, dass die geschlechtsspezifischen Politik- und Konflikterfahrungen seit der Unabhängigkeit Ruandas die geschlechterpolitischen Interessen von Frauen in post-Genozid-Ruanda prägen. In diesem Zusammenhang fand ein Forschungsaufenthalt in Südafrika zur Literaturrecherche und zum Expertenaustausch statt. Die Ergebnisse des Projekts sind in mehreren internationalen und begutachteten Buchbeiträgen veröffentlicht worden.

Teilprojekt 3: Verantwortung für den ‚Anderen‘ in einer postkolonialen Welt. Zur Dekonstruktion und Dekolonisierung kosmopolitischer Normen (Jeanette Ehrmann)
Das Teilprojekt von Jeanette Ehrmann rekonstruierte aus ideengeschichtlicher und systematischer Perspektive Konzeptionen kosmopolitischer Normen seit Beginn des modernen Kolonialismus durch die Eroberung Amerikas. Das Projekt verfolgte die Fragestellung, wie die Beziehung zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten, allgemein zwischen Europa und seinem (konstruierten) ‚Anderen‘ in normativen Begriffen wie denen der Gerechtigkeit und Verantwortung und damit korrespondierenden Rechten und Pflichten konzipiert wurde. Die Schwerpunkte lagen dabei auf den Schriften Francisco de Vitorias und Bartholomé de las Casas‘ sowie auf den Diskursen um Gleichheit bzw. Ungleichheit in Zusammenhang mit der Haitianischen Revolution und der Abschaffung der Sklaverei. Die Rekonstruktion zielte auf kritische Einsichten für Konzeptionen transnationaler Gerechtigkeit und Verantwortung unter den Bedingungen des Postkolonialismus mit dem Fokus auf ausgewählte Stationen der politischen Ideengeschichte wie der Schule von Salamanca und auf die Haitianische Revolution. Darüber hinaus wurde ein epistemologischer Zugang entwickelt, der postkoloniale Perspektiven für Fragestellungen der politischen Theorie fruchtbar machen soll, insbesondere eine Dekolonisierung von Theorie im Anschluss an Walter Mignolo sowie eine dekonstruktive Lektüre der Klassiker der abendländischen Philosophie, die sich an Gayatri Chakravorty Spivak orientiert. Damit fand eine systematische Analyse kosmopolitischer Normen aus postkolonialer Perspektive statt.

Teilprojekt 4: Feministische Konzeptionen von Normativität und transnationale Literalität (Elisabeth Fink)
Das Teilprojekt von Elisabeth Fink behandelte den Prozess der Transnationalisierung von Gewerkschaften sowie die Frage nach einer adäquaten Thematisierung der Feminisierung von Arbeit und der ‚neuen‘ internationalen Arbeitsteilung aus postkolonial-feministischer Perspektive. Im Zentrum stehen hierbei Ansätze der (internationalen) Regulierung von Arbeit, die am Fallbeispiel der bangladeschischen Bekleidungsindustrie auf ihre Potentiale und Grenzen hin untersucht werden. Zu diesem Zweck wurde Expertenwissen von Gewerkschaftsvertreterinnen aus Bangladesch erhoben und im August 2010 eine explorative Feldforschung durchgeführt. Während des Forschungsaufenthalts wurden eine Topografie der relevanten Akteure und die Strukturierung des Forschungsfeldes anhand von Expertenwissen vorgenommen. Zum Jahreswechsel 2011/2012 fand die Haupterhebungsphase ebenfalls in Dhaka statt, während der über 30 qualitative Interviews geführt wurden.

Teilprojekt 5: Dekolonialisierung transnationaler Allianzbildung. Die Verhandlung von Differenz in der Bewegung für Globale Gerechtigkeit (Johanna Leinius)
In ihrem Teilprojekt untersuchte Johanna Leinius seit Mitte 2011 wie in der Bewegung für Globale Gerechtigkeit Differenz verhandelt wird, indem sie das Format und die Durchführung von interkulturellen und inter-epistemischen Workshops zwischen sozialen Bewegungen in Hinblick auf ihre Machtdynamiken analysierte. Ausgehend von den Einsichten der postkolonial-feministischen Theorie diskutierte sie das Potential der Bewegung für Globale Gerechtigkeit, eine transversale Politik der Allianzenbildung zu initiieren. Hierzu wurde der Forschungsstand aufbereitet und eine explorative Feldforschung in Lima/Peru vorbereitet.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen:
Dhawan, Nikita/Fink, Elisabeth/ Leinius, Johanna/Rirhandu Mageza-Barthel (Hg.) (2016): Negotiating Normativity: Postcolonial Appropriations, Contestations and Transformation, New York: Springer.
Dhawan, Nikita/Castro Varela, María do Mar (2011): Soziale (Un)Gerechtigkeit: Kritische Perspektive auf Diversität, Intersektionalität und Anti-Diskriminierung, Münster: LIT.
*Dhawan, Nikita/Castro Varela, María do Mar, Engel, Antke (Hg.) (2011): Hegemony und Heteronormativity. Hampshire: Ashgate.
Dhawan, Nikita (2012): “Transnational Justice, Counterpublic Spheres and Alter-Globalization”, Localities 2, 79-116.
Ehrmann, Jeanette (2020, i.E.): Tropen der Freiheit. Die Haitianische Revolution und die Dekolonisierung des Politischen, Berlin: Suhrkamp.
Ehrmann, Jeanette (2012): „Politiken der Übersetzung. Die Haitianische Revolution als Paradigma einer Dekolonisierung des Politischen“, in: Holger Zapf (Hg.) Nichtwestliches politisches Denken: Zwischen kultureller Differenz und Hybridisierung, Wiesbaden: Springer VS, 109–125.
Fink, Elisabeth (2018): Transnationaler Aktivismus und Frauenarbeit. Social Movement Unionism in Bangladesh, Frankfurt/New York: Campus.
Leinius, Johanna (2016): „Pluriversalität als Modernekritik: Die Praktiken der Kritik der Sozialökologischen Bewegung in Cajamarca“, in: Katia Backhaus und David Roth-Isigkeit (Hg.): Praktiken der Kritik, Frankfurt/New York: Campus.
Mageza-Barthel, Rirhandu (2015): Mobilizing Transnational Gender Politics in Post-Genocide Rwanda, (Gender in a Global/Local World Series), Farnham/Burlington: Ashgate.

Im WiSe 2009/2010 fand im Rahmen des Projekts die internationale Vorlesungsreihe “Gender and the Political in a Postcolonial World: Negotiating Normativity“ in Kooperation mit dem Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse (CGC) statt. Außerdem wurden im Projekt u.a. folgende Veranstaltungen durchgeführt: 23.11.2009 Internationale Tagung anlässlich der Gründung des Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies (FRCPS); 27.-28.11.2010 Internationale Konferenz: “Re-Imagining Gender and Politics: Transnational Feminist Interventions“ in Kooperation mit dem AK Politik und Geschlecht (DVPW) und 21.05.2011 Event: “What is Critique? – Judith Butler and Gayatri Chakravorty Spivak in conversation with Nikita Dhawan & María do Mar Castro Varela”.

Herausbildung der Präferenzen für Demokratie und Marktwirtschaft in Afrika südlich der Sahara

Projektleiterin: Prof. Dr. Nicola Fuchs-Schündeln

Diese Projekt untersuchte die Determinanten von Unterstützung von Demokratie weltweit, mit einem besonderen Fokus auf Afrika. Eine zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Demokratisierung eines Landes ist die Akzeptanz dieses Regierungssystems in der Bevölkerung. Während inhärente Präferenzen für wirtschaftliche Systeme in den Wirtschaftswissenschaften normalerweise als konstant angesehen werden, wurde in jüngeren Forschungsarbeiten nachgewiesen, dass ein gewisser “Gewöhnungseffekt” in dem Sinne besteht, dass die Unterstützung eines wirtschaftlichen Systems in der Bevölkerung tendenziell wächst, je länger dieses besteht. In der politischen Forschung konnte ein solcher Gewöhnungseffekt noch nicht kausal hergeleitet werden. Die Frage der Determinanten der Unterstützung der Demokratie ist besonders wichtig für Afrika, da sich viele afrikanische Staaten noch im Übergang von autoritären zu demokratischen Systemen befinden, wie z.B. die Staaten des "Arabischen Frühlings". Autoritäre Systeme könnten einerseits die Präferenzen der Bevölkerung nachhaltig dahingehend geprägt haben, dass ein solcher Führungsstil bevorzugt wird, oder aber andererseits den Wunsch nach Demokratie und starker Eigenverantwortung im wirtschaftlichen Bereich hervorrufen.

Basierend auf Daten des World Values Survey und des Afrobarometer aus 104 Ländern ist es in diesem Projekt gelungen, endogene politische Präferenzen nachzuweisen. Je länger eine Person unter einem demokratischen Regime gelebt hat, umso stärker ist die Unterstützung des Regimes. Ein kausaler Effekt kann nachgewiesen werden, indem Unterschiede im sogenannten "demokratischen Kapitalstock" auf individueller Ebene ausgenutzt werden. Diese sind getrieben von Unterschieden im individuellen Alter und in der Geschichte der 104 Länder. Dadurch kann in der Analyse für Faktoren auf der Jahres-Länder Ebene kontrolliert werden, die auch die Unterstützung beefinlussen sollten, wie zum Beispiel die Qualität der politischen Institutionen und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.  

Dieses Projekt wurde in Koautorenschaft mit Matthias Schündeln durchgeführt.
Vorträge des Projektes wurden gehalten in Seminaren an den Universitäten Göttingen, Bocconi und Universität zu Köln, sowie auf der Annual Conference der Society of Economic Dynamics.
Die Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden publiziert als: Fuchs-Schündeln, Nicola/Schündeln, Matthias (2015): “On the Endogeneity of Political Preferences: Evidence from Individual Experience with Democracy”, Science 347(6226), 1145-1148.

Zudem wurden die Ergebnisse auch in folgenden Artikeln diskutiert:
"Das passt so", Wissenschaftsteil der Süddeutschen Zeitung vom 6.3.2015
"Demokraten aus Gewohnheit", Tagesspiegel, 6.3.2015
"Demokratie mit der Zeit beliebter", Frankfurter Allgemeine Zeitung (Rhein-Main Zeitung), 17.3.2015
"Demokratie: Gewohnheit macht Unterstützer", Bild der Wissenschaft, 6.3.2015
"Immer mehr Demokratien, dennoch in der Krise", ORF, 9.3.2015

Die Rolle des Kinderbetreuungsangebots für Fertilität und weibliches Arbeitsangebot

Projektleiterin: Prof. Dr. Nicola Fuchs-Schündeln

Viele Länder Süd- und Mitteleuropas kämpfen seit Jahren mit extrem niedrigen Geburtenraten sowie geringer Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen. Eine Erhöhung des öffentlichen Kinderbetreuungsangebotes scheint ein probates Instrument zu sein, beide Probleme anzugehen, und wurde vor kurzem von der deutschen Regierung beschlossen. In der Tat scheinen die skandinavischen Länder mit einer solchen Politik Erfolg zu haben. Kausalität lässt sich jedoch in diesem Zusammenhang nur schwer feststellen: stellen Regierungen Kinderbetreuungsangebote zur Verfügung, wenn Änderungen in den Normen zu einem erhöhten Kinderwunsch sowie zu einer erhöhten gewünschten Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen führen, oder erhöht eine Expansion des öffentlichen Kinderbetreuungsangebotes tatsächlich die Geburtenrate sowie die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen?

In diesem Projekt wurde die Situation in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung analysiert. In der DDR wurde von Müttern erwartet, dass sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehrten, während westdeutsche Normen dem Gegenteil entsprachen. Nach 1990 wurden viele der zahlreichen Kinderbetreuungsstätten im Osten geschlossen, und ich analysiere den Effekt dieser Schließungen auf die lokale Geburtenrate und das weibliche Arbeitsangebot. Die zwei Vorteile dieser Studie liegen darin, dass erstens eine große regionale und zeitliche Variation bei der Schließung der Kinderbetreuungsstätten besteht, und zweitens durch die Benutzung von Instrumentenvariablen aus der Zeit vor der Wiedervereinigung Kausalität hergestellt werden kann.

Dieses Projekt griff auf eine Vielzahl von Datensätzen zurück und wurde deshalb im Forschungsdatenzentrum des Statistischen Bundesamtes durchgeführt.

Krise und normative Ordnung – Variationen des ‚Neoliberalismus‘ und ihre Transformation (Nachwuchsgruppe)

Leiter: Dr. Thomas Biebricher

Die Nachwuchsgruppe 'Krise und normative Ordnung - Variationen des 'Neoliberalismus' und ihre Transformation' hatte es sich zum Ziel gesetzt, mögliche Transformationen des Neoliberalismus vor dem Hintergrund der Finanzkrise von 2008 aus unterschiedlichen (disziplinären) Perspektiven zu untersuchen. Das Projekt unterteilte sich in vier Einzelprojekte. Bei drei dieser Projekte handelte es sich um Qualifizierungsarbeiten (Dissertationen).

Frieder Vogelmann: Im Bann der Verantwortung

Frieder Vogelmanns Dissertationsprojekt ging von folgender Frage aus: Was bedeutet die steile Karriere von Verantwortung (nicht nur) in der Philosophie, und welchen Preis zahlen wir dafür? Dass große Teile der modernen Philosophie ihr verfallen sind, so die zentrale These, bezahlt diese mit Blindheit für die theoretischen wie praktischen Auswirkungen von Verantwortung. Um sie zu analysieren, muss Verantwortung als diskursiven Operator verstanden werden, dessen Einheit im ambivalenten Selbstverhältnis der Verantwortung Tragenden liegt. Seine praktischen Auswirkungen werden exemplarisch in den Praktiken der Arbeit und der Kriminalität studiert, in denen das verantwortliche Selbstverhältnis intensiviert und zugleich von der Voraussetzung substantieller Handlungsmacht entkoppelt wird. So hilft Verantwortung, eine unternehmerische Logik in die Selbstverhältnisse zunehmend entmachteter Lohnarbeiterinnen und »Arbeitsloser« einzuschmelzen sowie die Bürgerinnen aktiv in die präventiv gewendete Kriminalpolitik einer auf öffentliche Sicherheit fixierten Gesellschaft einzubinden.
Die theoretischen Auswirkungen werden anhand der Genealogie von Verantwortung innerhalb der Philosophie analysiert, in der sich Verantwortung vom Instrument in der metaphysischen Debatte um Willensfreiheit zu einem eigenständigen moralischen Problem und schließlich zur Gewissheit wandelt, mit der andere philosophische Fragen erklärt werden. Fixpunkt aller Reflexionen bleibt das ambivalente verantwortliche Selbstverhältnis als aktiver Umgang mit dem Faktum des eigenen Unterwerfens – sowohl dem Unterworfen-sein als auch dem Unterwerfen Anderer. Das zum Faktum erklärte Unterwerfen erlaubt dem Subjekt, sich unabhängig von seiner tatsächlichen Handlungsmacht als souverän zu erleben, und bildet den verborgenen Kern des verantwortlichen Selbstverhältnisses. Weil Verantwortung aber zunehmend gebraucht wird, um die Bindungskraft von Normativität als ureigenes Gebiet der Philosophie zu explizieren, verleitet ihre Attraktivität dazu, diese Selbstobjektivierung zu übersehen oder zu leugnen und den praktischen Gebrauch der philosophischen Legitimierungen von Verantwortung auszublenden. Dagegen setzt diese Arbeit eine diagnostische Kritik, die den Bann der Verantwortung wenn nicht bricht, so doch entlarvt.
Die Dissertation ist erschienen als: Frieder Vogelmann (2014): Im Bann der Verantwortung, (Reihe: Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie), Frankfurt/New York: Campus.

Greta Wagner: Neuroenhancement. Kritik und Praxis pharmakologischer Leistungssteigerung

Greta Wagners Dissertationsprojekt ging von folgender Frage aus: Welche gesellschaftliche Bedeutung kommt Neuroenhancement zu? Als Phänomen bisher vor allem in der Bioethik bearbeitet, wird hier die nichtmedizinische Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten zur kognitiven Leistungssteigerung erstmals soziologisch untersucht. Dabei wird Neuroenhancement als eine Praxis mit Teilnehmern und Beobachtern begriffen, deren Deutungen gleichermaßen in den Blick geraten – einerseits durch die Auswertung von Einzelinterviews mit Konsumenten leistungssteigernder Medikamente und andererseits mittels Gruppendiskussionen mit Studierenden, die zu Neuroenhancement Stellung nehmen, die Praxis deuten und ihre Fantasien, Sorgen und Hoffnungen in Bezug auf pharmakologische Leistungssteigerung miteinander diskutieren. Den normativen Orientierungen jener Beobachter, die den Diskurs über Neuroenhancement prägen, wird mit dem theoretischen Werkzeug einer Soziologie der Kritik ein eigener epistemischer Status zugewiesen. Die Studie ist vergleichend zwischen Frankfurt und New York angelegt, wo die nichtmedizinische Einnahme von Stimulanzien während Prüfungszeiten einen weitgehend normalisierten Teil studentischer Alltagspraxis bildet. In Frankfurt ist Neuroenhancement dagegen weit weniger verbreitet, als die mediale Aufmerksamkeit für das Phänomen der letzten Jahre vermuten ließe. Die Deutungen von Konsumenten wie Nichtkonsumenten, von Frankfurtern wie New Yorkern werden in Bezug gesetzt zu sozialtheoretischen Diagnosen der Gesellschaft der Gegenwart und ihrer Erfolgskultur. Die Konsumenten leistungssteigernder Medikamente versuchen mithilfe von Substanzen wie Ritalin Wachheit, Aufmerksamkeit, Antrieb und Motivation zu steigern – Fähigkeiten, die besonders die Zeitnutzung bei arbeitssouveränen Wissensarbeitern effektivieren. Und auch die diskursive Auseinandersetzung mit dem Thema zeigt, dass Neuroenhancement ein Verdichtungssymbol darstellt, das auf Selbstoptimierung im Neoliberalismus verweist – als Sorge um die eigene Wettbewerbsfähigkeit.
Die Dissertation ist erschienen als: Greta Wagner (2017): Selbstoptimierung. Praxis und Kritik von Neuroenhancement (Reihe: Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie), Frankfurt/New York: Campus.

Michael Walter: Reformvisionen. Zur Bildpolitik wirtschafts- und sozialpolitischer Reforminitiativen der Jahre 2000-2006 in der Bundesrepublik

Die Dissertation von Michael Walter nimmt die Bild- und Kampagnenpolitik der wirtschafts- und sozialpolitischen Reforminitiativen in den Jahren 2000 bis 2006 in der Bundesrepublik in einer hegemonietheoretischen Perspektive in den Blick. Die Arbeit verortet sich im Feld einer poststrukturalistischen Soziologie und zielt programmatisch darauf, poststrukturalistische Theoriebildung und eine interpretative, empirisch ausgerichtete Sozialforschung miteinander zu verbinden. Im theoretischen Abschnitt der Arbeit werden als Rahmen für die empirische Analyse poststrukturalistische Theorieelemente im Anschluss an die Diskurs- und Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe für die Analyse spezifisch visueller Repräsentationsformen fruchtbar gemacht, die bisher hegemonietheoretisch weitgehend ausgeblendet worden sind. Der empirische Abschnitt der Arbeit besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil erfolgt die hegemonietheoretische perspektivierte Rekonstruktion der Reforminitiativen und ihrer Kampagnenpolitik als zeitgeschichtliches Gesamtphänomen. Im darauffolgenden Hauptteil werden im Sinne eines theoretischen Samplings die Bildpolitiken der Reforminitiativen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, BürgerKonvent und der Medienkampagne Du bist Deutschland mit Hilfe des entwickelten Analyserahmens rekonstruiert. Die Analyse zeigt auf, dass sich die Bildpolitiken aller drei Reforminitiativen durch ihren ausgesprochen populären Charakter auszeichnen. Die Kampagnen ›übersetzen‹ jeweils durch die Produktion von populären Bildern die abstrakten Reformthemen der Spezialdiskurse aus etwa Wissenschaft, Politik und Wirtschaft in die alltägliche Lebenswelt der Individuen und machen komplexe komplexe wirtschafts- und sozialpolitische Phänomene auf der Ebene des Alltagsverstandes sichtbar und sinnlich erfahrbar. Diese ›Übersetzungen‹ sind dabei, so eine grundlegendes Ergebnis der Analyse, immer auch mit einem transformierenden Moment verbunden: die Bildpolitiken der Reforminitativen im fokussierten Zeitraum lassen sich als hegemoniale Praxis begreifen, die neue kollektive Leitbilder, ›Reformvisionen‹ und Sichtbarkeitsverhältnisse zu etablieren sucht, um so den Common Sense der Individuen an vermeintlich veränderte sozioökonomische Rahmenbedingungen anzupassen.
Die Dissertation ist erschienen als: Michael Walter (2016): Reformvisionen. Zur Bildpolitik wirtschafts- und sozialpolitischer Reforminitiativen, Konstanz: UVK Verlagsanstalt.

Thomas Biebricher: The Political Theory of Neoliberalism.

Auf der Grundlage einer Definition des Neoliberalismus, die an dessen historischen Entstehungskontext ansetzt, untersucht die Arbeit die Werke der zentralen Denker des Neoliberalismus und befragt die entsprechenden Ansätze insbesondere auf ihre politische Dimension hin. Entgegen der stereotypen Auffassung, nach der Neoliberalismus nichts anderes als Marktfundamentalismus darstellt, arbeitet die Studie heraus, dass im neoliberalen Denken in seinen unterschiedlichen Varianten durchaus Vorstellungen zu Staat, Demokratie und Wissenschaft, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, sowie Macht, Menschen- und Geschichtsbild zu finden sind. Diese werden verglichen und einer kritischen Analyse unterzogen. Im zweiten Teil der Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie die Wirkmächtigkeit bestimmter (neoliberaler) Ideen für konkrete politische Praktiken und Institutionen theoretisiert werden kann. Das zentrale Argument lautet, dass Krisen (wie die von 2008) Momente fundamentaler Unsicherheit darstellen, die Möglichkeitsfenster für neue Ideen/Theorien öffnen oder aber zur Rückbesinnung auf basale und fundamentale Vorstellungen führen, die auch unter Bedingungen fundamentaler Unsicherheit als verlässlich angesehen werden. Letzteres geschieht - so die abschließende zeitdiagnostische These - im Verlauf der Finanz- und Schuldenkrise, in der insbesondere die deutschen polit-ökonomischen Eliten, sich auf ordoliberale Kerneinsichten zurückbesinnen und dementsprechend auf ein Regime von sanktionsbewährten Regelsystemen bei gleichzeitiger Sicherung der Geldwertstabilität hinwirken. Das Resultat ist eine Transformation europäischer Governance-Strukturen gemäß den Vorgaben der politischen Theorie des Ordoliberalismus, deren demokratieskeptische und technokratische Ausrichtung sich am Beispiel des europäischen Krisenmanagements besichtigen lässt.   
Die Ergebnisse dieses Projekts werden u.a. dargestellt in: Thomas Biebricher (2012): Neoliberalismus zur Einführung, Hamburg: Junius-Verlag.

Zu den Veranstaltungen der Nachwuchsgruppe gehören: „Normative Theorie und Gesellschaftskritik.“ Tagung am Exzellenzcluster Normative Orders. Teilnehmende u.a. Hans Jürgen Bieling, Kendra Briken, Rainer Forst, Stefan Gosepath, Jürgen Neyer, Frank Nullmeier, Jens Steffek. Frankfurt, 8./9. Dezember 2011 (mit Florian Rödl); „Kapitalismus – Soziologie – Kritik.“ Workshop am Exzellenzcluster Normative Orders (gemeinsam mit dem Institut für Sozialforschung). Teilnehmende u.a. Hartmut Rosa, Klaus Dörre, Stefan Lessenich, Axel Honneth. Frankfurt, 17./18. Dezember 2010 und „Michel Foucault und der Ordoliberalismus.“ Tagung am Exzellenzcluster Normative Orders. Teilnehmende u.a. Lars Gertenbach, Nils Goldschmidt, Felix Heidenreich. Frankfurt, 10./11. Juni 2010 (mit Rainer Klump/Manuel Wörsdörfer).

Neben den oben genannten Monographien gingen aus der Arbeit der Forschungsgruppe noch folgende Buch- und Zeitschriftenbeiträge hervor:
Biebricher, Thomas (2011): „The Biopolitics of Ordoliberalism“, in: Foucault Studies 12, 171-191.
Biebricher, Thomas (2013): „Europe and the Political Philosophy of Neoliberalism“, in: Contemporary Political Theory 12 (4), 338-375 (Critical Exchange mit Entgegnungen von David Jabko, Josef Hien and Anita Chari).
Biebricher, Thomas und Frieder Vogelmann (2012): „Governmentality and State Theory: Reinventing the Reinvented Wheel?“, in: Theory and Event 15(3), online unter ‹http://muse.jhu.edu/journals/theory_and_event/v015/15.3.biebricher.html › (Zugriff: 5. September 2012).
Vogelmann, Frieder (2011): „Die Falle der Transparenz. Zur Problematik einer fraglosen Norm“, in: Leon Hempel, Susanne Krasmann und Ulrich Bröckling (Hg.): Sichtbarkeitsregime. Überwachung, Sicherheit und Privatheit im 21. Jahrhundert, Wiesbaden: VS Verlag, 71–84.
Vogelmann, Frieder (2012): „Neosocial Market Economy“, in: Foucault Studies 14, 115–137.
Wagner, Greta (2014): „Neuroenhancement in der Kritik. Normative Deutungen bei Studierenden in Frankfurt und New York“, in: Neuroenhancement – Fantasien der Selbstoptimierung. Schwerpunktausgabe von WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 2.2014, Frankfurt/New York: Campus.
Wagner, Greta (2013): „Leveling the Playing Field: Fairness in the Cognitive Enhancement Debate“, in: Elisabeth Hildt und Andreas G. Franke (Hg.): Cognitive Enhancement. An Interdisciplinary Perspective, Dordrecht/Heidelberg/New York/London: Springer, 217-231.
Wagner, Greta (2010): „Leistung aus Leidenschaft. Zum sozialen Umgang mit Cognitive Enhancement,“ in: polar. Politik – Theorie – Alltag, Nr. 8, Frankfurt/New York: Campus; Walter, Michael (2013): „Zur Bildpolitik der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, in: Alice Pechriggl/Anna Schober. (Hg): Hegemonie und die Kraft der Bilder. Klagenfurter Beiträge zur visuellen Kultur (Band 3), Köln: Herbert von Halem.
Walter, Michael (2012): „Das Komische und die Lebenswelt. Eine mundanphänomenologische Analyse komischer Konstruktionen“, in: Jochen Dreher (Hg.), Angewandte Phänomenologie. Zum Spannungsverhältnis von Konstruktion und Konstitution, VS-Verlag, Wiesbaden, 277-310.

Außerdem wurde ein Sammelband herausgegeben:
Neckel, Sighard und Greta Wagner (Hg.) (2013): Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft, Berlin: Suhrkamp, in dem ein weiterer Aufsatz einer Projektmitarbeiterin enthalten ist: Neckel, Sighard und Greta Wagner: „Erschöpfung als „schöpferische Zerstörung“. Burnout und gesellschaftlicher Wandel“, 203-217.

Normativität in einer nicht-idealen Welt

Projektleiter:  Prof. Dr. Stefan Gosepath

Den Rahmen der Forschungsprojekte an der Professur für Internationale Politische Theorie bildete das Problem der Normativität in einer nicht-idealen Welt, auf das sich jedes der einzelnen Teilprojekte aus unterschiedlicher Perspektive bezog.
Der erste und umfangreichste Schwerpunkt lag in der Formulierung von Grundlagen für globale bzw. transnationale Gerechtigkeitsnormen, die unseren Umgang mit den bestehenden nicht-idealen Umständen orientieren und anleiten können. Diese Normen fußen erstens auf einer Doktrin der Menschenrechte als Minimalbedingungen für die Legitimität sozialer Organisationen; zweitens auf einer Konzeption transnationaler politischer Ordnung; drittens auf einer Konzeption transnationaler distributiver Gerechtigkeit sowie viertens einer Konzeption globaler Verantwortung. Einen zweiten Schwerpunkt bildeten grundlegende methodologische Fragen (Wie kann sich normative Theorie überhaupt sinnvoll auf Politik und soziale Ordnungen beziehen? Wie lassen sich normative Theorien auf nicht-ideale Umstände, wie sie insbesondere im globalen Kontext gegeben sind, anwenden?). Die Analyse von Normativität überhaupt bildete einen dritten Schwerpunkt. Dabei stehen zwei Fragen im Vordergrund: Erstens, worin besteht und worauf basiert der eigentümliche Verpflichtungscharakter von moralischen und politischen Normen? Zweitens, worin besteht, wenn überhaupt, die Einheitlichkeit der als „Normativität“ bezeichneten Phänomene im theoretischen wie praktischen Bereich.

Im Rahmen des ersten Schwerpunkts wurden eine Einführung in und Zusammenstellung einiger Schlüsseltexte zur Debatte um globale Gerechtigkeit erstellt (Broszies) (erschienen als: Christoph Broszies und Henning Hahn (Hg.): Globale Gerechtigkeit. Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitismus, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2010),  eine Minimalkonzeption der Verantwortung Bessergestellter gegenüber Menschen in extremer Armut ausgearbeitet (Beck) und konstruktive Vorschläge, wie wir über globale Hilfspflichten und Verantwortung denken sollten, erbracht (Gosepath). Das Projekt umfasste Vorstudien für eine systematische Beantwortung der Frage, ob liberal-egalitäre Gerechtigkeitstheorien auf den globalen Kontext ausgeweitet werden können, und, wenn ja, wie sie sich auf diesen Kontext anwenden lassen (Gosepath). Neben der Verteidigung der Menschenrechte als minimaler, aber globaler Standard der Legitimität (Gosepath) wurden außerdem Vorzüge und Nachteile relationaler und nicht-relationaler Ansätze am Beispiel so genannter „failed states“ (Jugov) erörtert.
Im Rahmen des zweiten Schwerpunkts wurden Vorstudien zu einer umfassenden Rekonstruktion und Verteidigung des Konstruktivismus als Methode der Gerechtigkeitstheorie für die globale Ebene (Broszies) erarbeitet, eine begründungspluralistische Perspektive auf Weltarmutsverantwortung verteidigt (Beck) und Elemente einer Kritik daran ausgearbeitet, politische Philosophie als ideale/nicht-ideale Theorie der Gerechtigkeit zu betreiben (Schaub).
Im Rahmen des dritten Schwerpunkts des Projekts fanden Vorarbeiten zu einer Studie zum Zusammenhang zwischen Genesis und Geltung von Normen, sowie zur Erläuterung der Relevanz dieser Einsicht für eine Begründung des Ideals demokratischer Selbstbestimmung (Celikates) sowie Erläuterungen zum Ursprung der Normativität (Gosepath) statt.

Zu den wichtigsten Publikationen in diesem Projekt zählen:
Stefan Gosepath (2012): „Zur Verteidigung der Verteilungsgerechtigkeit“, in: Regina Kreide/Claudia Landwehr/Katrin Toens (Hg.), Demokratie und Gerechtigkeit in Verteilungskonflikten, Baden-Baden: Nomos, 35–49.
Stefan Gosepath (2009): „Zum Ursprung der Normativität“, in: Rainer Forst, Martin Hartmann, Rahel, Jaeggi, Martin Saar (Hg.): Sozialphilosophie und Kritik. Axel Honneth zum 60. Geburtstag, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 250–268.
Stefan Gosepath: „Poverty and Responsibility”, in: Elke Mack/Michael Schramm/Stephan Klasen/Thomas Pogge (Hg.): Absolute Poverty and Global Justice. Empirical Data – Moral Theories – Initiatives, Farnham & Burlington: Ashgate 2009, 113–121.

Die im Projekt begonnenen Dissertationen wurden nach der Laufzeit des Projekts weitergeführt und sind mittlerweile erschienen als:
Valentin Beck (2016): Eine Theorie der globalen Verantwortung. Was wir Menschen in extremer Armut schulden, Frankfurt am Main Suhrkamp.
Tamara Jugov (2019): Geltungsgründe globaler Gerechtigkeit, Frankfurt/New York: Campus (im Erscheinen).

Im Projekt wurden u.a. folgende Konferenzen und Workshops durchgeführt: „Human Rights Today: Foundations and Politics“, Internationale Konferenz, 17.-18.6.2010, „Global Justice: Problems, Principles and Institutions“, Internationale Konferenz, 31.5.-1.6.2012 und „Dimensions of Normativity“, Internationale Konferenz, 21.-23.6.2012.

Konstituierung und Formwandel von Außenpolitik (in Kooperation mit den Forschungsfeldern 2 und 4)

Projektleiter: Prof. Dr. Andreas Fahrmeir | Profil, Prof. Dr. Gunther Hellmann | Profil und Dr. Miloš Vec | Profil

Das Projekt ging von einem konzeptionellen Problem aus. Die Entwicklung des Verständnisses von „internationaler Politik“ ist eng mit der Etablierung dessen verbunden, was in den Internationalen Beziehungen (IB) gemeinhin als „Westfälisches Staatensystem“ bezeichnet wird. Wenn aber die historische Betrachtung von "Außenpolitik" auf die Eigenarten des Westfälischen Systems bezogen wird, verkürzt sich die Geschichte der Außenpolitik auf die "frühe" und "späte" Neuzeit - also auf die Epoche, in der sich "Staaten" ohne große Mühe identifizieren lassen, und in der das moderne Vokabular der Beschreibung von Außenpolitik in Gebrauch kommt – eine Perspektive, die sowohl "präsentistisch" als auch "eurozentrisch" ist.
Das Projekt ging dagegen von der Hypothese aus, dass sich ein Vokabular für die Beschreibung von Außenpolitik entwickeln lässt, das sich auf die Konstruktion einer bestimmten Form von Grenzziehungen konzentriert, die sich in allen Epochen beobachten lassen und die – unabhängig von dem Vokabular, mit dem sie beschrieben werden – als funktionale Äquivalente von Außenpolitik im modernen Sinn behandelt werden können. Ein solches Vokabular zu entwickeln, war das eine Ziel des in der Kooperation zwischen IB, Geschichte und Rechtsgeschichte betriebenen Projekts, das zu diesem Zweck zwei internationale Konferenzen (in Bologna 2011 und in Frankfurt 2012) organisierte.
Parallel dazu wurden in drei Projekten zum 18., 19. und 20. Jahrhundert Kontinuitäten und Zäsuren zwischen unterschiedlichen Formen der Konzeptionalisierung und Gestaltung von "Außenpolitik" genauer bestimmt, die sich auf multiple Grenzziehungen zwischen "innen" und "außen" konzentrierten: auf das "alte" Reich, auf das "europäische Konzert" und auf das Mandatssystem nach dem Ersten Weltkrieg.
Die Ergebnisse wurden in einem von den PIs herausgegebener Konferenzband veröffentlicht (Hellmann, Gunther/Fahrmeir, Andreas/Vec, Miloš (2016): The Transformation of Foreign Policy, Oxford University Press) und sind in einen weiteren Sammelband eingegangen (Hellmann, Gunther; Jacobi, Daniel; Stark Urrestarazu, Ursula (Hg.) (2015): "Früher, entschiedener und substantieller"? Die neue Debatte über Deutschlands Außenpolitik, Wiesbaden: Springer-VS).

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen außerdem:
Hellmann, Gunther (2017): „Linking Foreign Policy and Systemic Transformation in Global Politics: Methodized Inquiry in a Deweyan Tradition“, in: Foreign Policy Analysis, Vol. 13, Issue 3.
Hellmann, Gunther/Stark Urrestarazu, Ursula (2013): „Theories of Foreign Policy”, in: David Armstrong (Hg.), Oxford Bibliographies in International Relations. New York: Oxford University Press.
Stark Urrestarazu, Ursula (2010): Us and Them. Kultur, Identität und Außenpolitik (Forschungsberichte international Politik, Bd. 41), Münster: LIT-Verlag.
Vec, Miloš (2010): „Intervention/ Nichtintervention. Verrechtlichung der Politik und Politisierung des Völkerrechts im 19. Jahrhundert“, in: Ullrich Lappenküper, Rainer Marcowicz (Hg.): Macht und Recht. Völkerrecht in den internationalen Beziehungen, Paderborn: Schöningh, 135-160.

Im Projekt wurden ein Workshop "The Emergence and Transformation of Foreign Policy" mit Iver Neumann und Johannes Paulmann, 16. Dezember 2010, Goethe Universität Frankfurt und zwei internationale Konferenzen zu "The Emergence and Transformation of Foreign Policy" in Bologna, 10.–12. Juni 2011, Johns Hopkins University SAIS Bologna Center und 25.-27. Mai 2012 am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt am Main durchgeführt.

Das Rechtfertigungsnarrativ des „guten funktionalen Regierens”

Projektleiter: Prof. Dr. Jens Steffek

Ausgangspunkt des Forschungsprojekts war die Beobachtung, dass in der aktuellen Debatte über das demokratische Defizit internationalen Regierens vielfach die Ansicht vertreten wird, internationales Regieren ließe sich auch ohne parlamentarische Verfahren der Regelsetzung, ohne direkte Bürgerbeteiligung oder verstärkte Kontrolle der Exekutive legitimieren. Insbesondere Giandomenico Majone und Andrew Moravcsik reden einer funktionalen Legitimation internationaler Organisationen (IOs) und der Europäischen Union (EU) das Wort. Diese Institutionen werden verstanden als Agenturen, die von den nationalen Exekutiven mit eng begrenzten Mandaten technischer Regelsetzung und -anwendung ausgestattet sind. Ihre Unabhängigkeit vom politischen Alltagsgeschäft und ihr eher technokratischer Charakter werden dabei als Vorteil, nicht als Nachteil angesehen. Eine „Demokratisierung“ oder „Politisierung“ internationaler Organisationen ist in dieser Sichtweise nicht notwendig und geradezu gefährlich, denn sie öffnet IOs für politische Dynamiken und Verteilungskämpfe, die diese nicht erfolgreich bearbeiten können. Internationale Organisationen und die EU sollten sich daher nicht durch demokratische Verfahren legitimieren, sondern durch den gesellschaftlichen Nutzen und die Qualität ihrer Politikergebnisse.
Empirisch gewendet wurde und wird dieses Argument auch von Autoren aufgegriffen, die Majones und Moravcsiks normativen Standpunkt nicht teilen. In der Form eines historischen Vorher-Nachher-Vergleichs wird unterstellt, dass sich IOs in der Zeit vor dem Aufkommen der Rede vom demokratischen Defizit über ihren Regelungs-Output legitimiert und deshalb auch soziale Akzeptanz gefunden haben. Diese These ist plausibel, bisher jedoch kaum empirisch erforscht. Wie genau legitimierte sich internationales Regieren und wie wurde es auf bürgerschaftlicher Ebene wahrgenommen? Der zweite Teil der Frage lässt sich kaum noch beantworten, weil sich Einstellungen von Bürgern nach Jahrzehnten nicht mehr zuverlässig abfragen lassen. Der erste Teil der Frage ist der empirischen Forschung dagegen zugänglich, denn die Legitimationsnarrative, und das heißt, Erzählungen über Grund, Form und Zweck des internationalen Regierens in rechtfertigender Absicht, sind in der einschlägigen Literatur überliefert.

Unser Anfangsverdacht im Hinblick auf dieses Legitimationsnarrativ war, dass es jenseits der reinen Output-Leistung internationaler Organisationen im Sinne von Politikergebnissen weitere Aspekte eines guten funktionalen Regierens geben könnte, die legitimitätsstiftend sein können und sich in aktuellen Arbeiten zur Idee der „good governance“ wiederfinden. Ziel dieses Projektes war es deshalb, das Legitimationsnarrativ des guten funktionalen Regierens in historischer Perspektive zu erkunden, ist doch bisher recht wenig über seine Entstehungsgeschichte und die daran beteiligten Autoren bekannt. Im Projekt untersucht wurden Rechtfertigungsnarrative internationalen Regierens aus der Zeit von 1900 bis etwa 1970. Die Grundlage der Untersuchung bildeten dabei zum einen akademische Publikationen zum internationalen Regieren, zum anderen die Statements von Mitarbeitern internationaler Organisationen in verantwortlicher Position, wie z.B. beim Völkerbund, den Vereinten Nationen oder der Europäischen Gemeinschaft. Herausgearbeitet wurden dabei durch das Projektteam zum einen einige wichtige historische Kontinuitäten. Folgende vier zentralen Argumentationsfiguren finden sich durch das 20. Jahrhundert:
- Historische Notwendigkeit: die durch ökonomische Globalisierung und technologische Innovation hervorgebrachten transnationalen Interdependenzen können nur durch politische Institutionen bearbeitet werden, die auf derselben Aggregationsebene angesiedelt sind.
- Sachorientierung: transnationale Institutionen können eine allein an Sachkriterien orientierte Bearbeitung von Problemlagen sicherstellen, und zwar besser als historisch vorangehende Formen internationaler Diplomatie.
- Rechtsförmigkeit: transnationale Institutionen stellen die rechtsförmige Bearbeitung transnationaler Problemlagen sicher.
- Gemeinwohlorientierung: Transnationale Institutionen orientieren sich nicht an einzelstaatlichen Partikularinteressen, sondern an einem globalen Gemeinwohl.

Im Verlauf der Projektarbeit haben sich auf der Basis dieses Befunds zwei neue Schwerpunkte herausgebildet. Zum ersten wurde deutlich, dass die anvisierte Rolle des internationalen Rechts im Projekt sozialer und politischer Modernisierung noch stärker zu analysieren ist, und zwar so, wie sie von Befürwortern funktionaler internationaler Organisation zwischen 1900 und 1945 vorgetragen wurde. Dabei vertritt der Projektleiter inzwischen die Ansicht, dass diese Autoren die Verwirklichung der 'Weberschen' Moderne auf globaler Ebene anstrebten, nämlich die Transformation internationaler Politik – zu dieser Zeit noch stark geprägt von allerhand Hurrapatriotismus und Aggression – in eine Form rationaler öffentlicher Verwaltung. Die einschlägigen Untersuchungen der Projektmitarbeiter konzentrierten sich dabei auf vier angelsächsische Politikwissenschaftler der Zwischenkriegszeit, die die sogenannte 'funktionalistische' Tradition im Denken über internationale Beziehungen repräsentieren: Paul S. Reinsch, James Arthur Salter, David Mitrany und Pitman B. Potter. Für sie war das Recht dienlich, um die internationalen Beziehungen zu modernisieren, indem es einen technokratischen Modus des Regierens gegen politische Einmischung abschirmte und so die Rationalität getroffener Entscheidungen zu wahren half: Verrechtlichung wurde so zu einem Aspekt der ‚Versachlichung von Gewaltherrschaft’, wie sie Max Weber verstand. In diesem Prozess ging es vordergründig um die Modernisierung internationaler Beziehungen (verstanden als Beziehungen zwischen Staaten), was insbesondere die Ausmerzung des Krieges einschloss. In der Praxis allerdings übte internationale öffentliche Verwaltung auch starken Einfluss auf die Innenpolitik von Staaten aus. Unter den im Projekt betrachteten vier frühen Funktionalisten gestand einzig David Mitrany offen und vollständig ein, dass solche Interventionen eine Folge des angestrebten Projekts sein würden.

Daran anschließend geriet im Forschungsprojekt zunehmend die Modernisierungstheorie in den Fokus des Interesses, insbesondere die rationale Bürokratisierung der Welt, wie sie insbesondere im Werk Max Webers beschrieben und analysiert wird. Rechtlich-rationale Modernisierung, so genannt in Anlehnung an Max Weber, ist ein Prozess in dem soziale und ökonomische Organisation zunehmend auf technischem Wissen und wissenschaftlicher Erkenntnis beruht, auf der Entpersonalisierung von Prozeduren und kapillarer Kontrolle. Für Weber war dies charakteristisch für den westlichen Weg in die Moderne, wie sie sich in Europa und Nordamerika entfaltete; allerdings fand er auch Beispiele für temporäre Erscheinungen von Modernisierung in anderen kulturellen Kontexten. Das Vordringen formalen Rechts in alle gesellschaftlichen Bereiche ist ein Kernelement dieses Modernisierungsprozesses, da es hilft Kontrolle, vorhersagbares Verhalten und stabile Erwartungen zu etablieren. Die charakteristische Organisationsform, die den Prozess rechtlich-rationaler Modernisierung begleitet, ist die Bürokratie, sowohl im privatwirtschaftlichen wie auch im öffentlichen Bereich. Auf der Ebene öffentlichen Regierens (governance) erzeugt rechtlich-rationale Modernisierung ein System der Herrschaft, das die Kontingenzen politischer Willkür minimiert, indem Aufgaben an Beamte, Experten und Juristen übertragen werden.

Anders als viele Völkerrechtler, die die bürokratische Natur von IOs umstandslos anerkennen, haben Politikwissenschaftler deren Aktivitäten häufig als Erscheinungsform intergouvernmentaler Kooperation konzipiert. Erst in den letzten Jahren haben einige konstruktivistische IB-Wissenschaftler Webers Bürokratiestudien systematisch zur Erforschung von IOs herangezogen. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass Sozialwissenschaftler IOs nur selten in den Kontext bürokratischer Modernisierung rücken; dies ist insofern etwas verblüffend, als die Sozialwissenschaften zu einem Zeitpunkt entstanden, an dem öffentliche Verwaltungen auf nationaler Ebene expandierten, sich professionalisierten und in vielen Ländern unabhängiger von politischem Einfluss wurden. In der Theorie der internationalen Beziehungen wird das Konzept der Modernisierung allerdings oft eher mit dem Projekt der Aufklärung im Allgemeinen in Verbindung gebracht als mit Bürokratisierung und Formalisierung als einem spezifischeren sozialen Phänomen. Während die Aufklärung durchaus als ein programmatisches intellektuelles Projekt verstanden wird, werden empirische Transformationen in der Organisationsform internationaler Politik oft als pragmatische und geradezu ›mechanische‹ Reaktionen auf sich wandelnde Kontextbedingungen gedeutet, wie etwa die Globalisierung der Wirtschaft und das immer dichter werdende Netz grenzüberschreitender gesellschaftlicher Beziehungen, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert entstanden.
Die rechtlich-rationale Modernisierung der internationalen Beziehungen war aber mehr als eine unvermeidliche Anpassung an sich wandelnde Gegebenheiten. Sie war ein veritables politisches Projekt. Historisch betrachtet kann man dieses Projekt als technokratische Spielart des vielgestaltigen Phänomens eines programmatischen Internationalismus verstehen. Die Narrative transnationaler oder, mehr noch, globaler Modernisierung, die in diesem Forschungsprojekt analysiert wurden, sind charakteristisch für das frühe 20. Jahrhundert; als Rechtfertigungsstrategie internationalen Regierens allerdings scheinen sie immer noch attraktiv zu sein.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen:
Jens Steffek (2013): „Mandatskonflikte, Liberalismuskritik und die Politisierung von GATT und WTO“, in: Michael Zürn/Matthias Ecker-Ehrhardt (Hg.), Gesellschaftliche Politisierung und internationale Institutionen, Berlin: Suhrkamp, 213-239.
Jens Steffek (2012): „Die Output-Legitimität internationaler Organisationen und die Idee des globalen Gemeinwohls“, in: Leviathan: Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft 40 (Sonderheft 27), 83-99.
Steffek, Jens/Holthaus, Leonie (Hg.) (2014): „Jenseits der Anarchie: Weltordnungsentwürfe im frühen 20. Jahrhundert“ (Reihe: Normative Orders, Band 13), Frankfurt/New York: Campus.
Das im Rahmen dieses Forschungsprojekts begonnene Dissertationsprojekt der Mitarbeiterin ist mittlerweile erschienen als:
Holthaus, Leonie (2018): Pluralist Democracy in International Relations: L.T. Hobhouse, G.D.H. Cole, and David Mitrany. The Palgrave Macmillan History of International Thought. New York: Palgrave Macmillan.

Im Projekt wurde der Workshop „Jenseits der Anarchie. Weltordnungsentwürfe im frühen 20. Jahrhundert“, TU Darmstadt, 12.-13.07.2013 durchgeführt.

Global Crime Governance: Towards a new Normative Order to Combat Transnational Nonstate Violence

Projektleiterin und Projektleiter: PD Dr. Anja Jakobi und Prof. Dr. Klaus Dieter Wolf

Das Projekt analysierte verschiedene Formen internationaler Verbrechensbekämpfung und den Umgang mit Gewaltakteuren. Im Fokus stand dabei welche verschiedenen internationalen Kooperationsmöglichkeiten genutzt werden und wie effektiv sie sind. Insbesondere die Rolle nicht-staatlicher Akteure – wie Wirtschaft und Zivilgesellschaft – wurde untersucht.

In einer vergleichenden Analyse unterschiedlicher Regelungsansätze in verschiedenen Bereichen von grenzüberschreitend organisierter Kriminalität und Gewaltanwendung durch nichtstaatliche Akteure wurde untersucht, wo, inwiefern und unter welchen Bedingungen die Effektivität von Global Crime Governance mit der Einbindung nichtstaatlicher Akteure und dem Praktizieren neuer, weniger prohibitiver und eher ermöglichender Formen der politischen Steuerung tatsächlich zunimmt:
Unter der Annahme, dass den Herausforderungen durch transnationale private Gewaltakteure nicht allein durch Strategien der Versicherheitlichung und Kriminalisierung erfolgreich begegnet werden kann, sondern auch zu berücksichtigen ist, das deren Ursachen in Konflikten über Anerkennungsansprüche und über prozedurale oder distributive Gerechtigkeit liegen können, könnte sich für Global Crime Governance die Notwendigkeit einer normativen Neuorientierung ergeben. Diese betrifft sowohl Inhalte von Regelungen als auch den Status, der privaten Gewaltakteuren zugeschrieben wird – und der von einer kriminellen Organisation bis zu einem „Ko-Produzenten" friedensrelevanter Governance-Leistungen reichen kann.
Auf eine Bestandsaufnahme der existierenden Regelungsansätze, die sich durch unterschiedliche Akteurskonstellationen und Formen der politischen Steuerung unterscheiden, erfolgte eine vergleichende Analyse dieser Ansätze der Kriminalitätsbekämpfung in unterschiedlichen Bereichen (Piraterie, Menschenschmuggel und -handel, Geldwäsche und Korruption, illegaler Waffenhandel und Terrorismus). Auf dieser Grundlage wurden Mechanismen gesucht, unter denen sich bestimmte Formen von Governance gegenüber anderen durchgesetzt haben. Schließlich wurde der Zusammenhang zwischen dem Typ des Regelungsansatzes und seiner Effektivität untersucht, um abschließend Politikempfehlungen für einen angemessenen Umgang mit Gefährdungen durch transnational organisierte nichtstaatliche Gewaltakteure zu generieren.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen:
Herr, Stefanie (2015): Nichtstaatliche Gewaltakteure und das Humanitäre Völkerrecht. SPLM/A und LTTE im Vergleich, (Reihe: Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Bd.29), Baden-Baden: Nomos (als Dissertationsschrift eingereicht 2013).
Jakobi, Anja P. (2013): Common Goods and Evils? The Formation of Global Crime Governance, Oxford: Oxford University Press; Wolf, Klaus Dieter; Jakobi, Anja P. (Hg.) (2013): The Transnational Governance of Violence and Crime. Non-State Actors in Security. Houndmillls: Palgrave Macmillan.
Jakobi, Anja P. (2010): “In Pluribus Unum? The global anti-corruption agenda and its different international regimes”, in: S. Wolf/D. Schmidt-Pfister (Hg.): International Anti-Corruption Regimes in Europe, Baden-Baden: Nomos, 87-100.
Jakobi, Anja P. (2010): “OECD Activities against Money Laundering and Corruption”, in: K. Martens/A.P. Jakobi (Hg.): Mechanisms of OECD Governance. International Incentives for National Policy-Making?, Oxford: Oxford University Press, 139-160.

Die wichtigsten Veranstaltungen im Projekt waren Jakobi, Anja P.: “Changing Coalitions and Practices in a New Security Environment.” Panel. ECPR Standing Group of International Relations (SGIR), Stockholm, September 2010; Wolf, Klaus Dieter/Jakobi, Anja P.: Panel: "Promoting Just Peace or Just Fueling Conflicts? The Ambivalent Role of Private Actors", 28.08.2011 im Rahmen der General Conference des European Consortium for Political Research (ECPR), 25.08.-27.08.2011, European Consortium for Political Research, Reykjavik (Island), 2011 und Wolf, Klaus Dieter (zusammen mit Susanne Schröter): “Cultural Approaches to Crime and Non-State Violence”, Cluster Workshop, Frankfurt, 12. November 2010. 

The Quest for a 'New Deal': Opposition and the Global Political Order

Projektleiterin: Prof. Dr. Nicole Deitelhoff

Das Projekt beschäftigte sich mit der Frage, wie normative Ordnungen mit Kritik umgehen. Konkret ging es um Rolle und Funktion politischer Opposition im System globalen Regierens.
Das Projekt hatte sich zum Ziel gesetzt, die Rolle von Opposition im Regieren jenseits des Staates auszuloten. Welche Möglichkeit haben oppositionelle Akteure, ihre Kritik in die Entscheidungsgremien  hineinzutragen? Wie reagieren diese umgekehrt auf Opposition?
Die Frage von Opposition hat bislang kaum eine Rolle in der Forschung zu Global Governance gespielt. Zum einen galt die Sphäre globalen Regierens als Regieren ohne Regierung, so dass schon begrifflich kaum Raum für eine Opposition im klassischen Sinne verbleibt. Darüber hinaus zehrt die Sphäre globalen Regierens nach wie vor von der Vorstellung einer rein horizontalen Koordination zwischen Nationalstaaten, die auf freiwilliger Zustimmung von Regeln und Institutionen beruht.
Das Projekt versuchte dagegen aufzuzeigen, dass diese Vorstellung obsolet geworden ist und sich das Regieren längst durch Supranationalisierung einerseits und Informalisierung andererseits auszeichnet, die die Vorstellung von freiwilligem Konsens  zunehmend aushöhlen. Unter diesen Voraussetzungen wird damit entscheidend, welche Möglichkeiten der Einflussnahme es für Opposition gibt und wie mit Opposition in einem System umgegangen wird und umgegangen werden kann, das kein einheitliches Entscheidungszentrum oder gar eine Regierung aufweist.

Um diese Fragen empirisch und normativ zu beantworten, wurden mehrere Fallstudien zu unterschiedlichen oppositionellen Akteuren erarbeitet, die sich an internationale Institutionen richten. Dabei ging es zum einen darum, zu ergründen, wie diese oppositionellen Akteure ihre eigene Rolle verstehen und welche Ziele sie haben, zum anderen darum, die Reaktionen von Institutionen auf diese Opposition zu untersuchen. Öffnen sich Institutionen der Kritik oder ignorieren sie diese? Gibt es Unterschiede im Umgang mit unterschiedlichen oppositionellen Akteuren und woran könnte das liegen?
Forschungsleitend war die Vermutung, dass Opposition sich zusehends radikalisiert, je weniger Raum (d.h. Möglichkeit der Beteiligung) sie in den Institutionen erhält. Neben der empirischen Aufarbeitung griff das Projekt darüber hinaus auf republikanische und aversale Demokratietheorien zurück, um den normativen Stellenwert und potenzielle institutionelle Verankerungen von Opposition in nichtklassischen Herrschaftssystemen zu untersuchen.
Die empirischen Fallstudien zur Auseinandersetzung zwischen Afrikanischer Union und dem internationalen Strafgerichtshof (Dr. Theresa Reinold) und der Globalisierungskritischen Bewegung und Weltwirtschaftsinstitutionen (Nicole Deitelhoff) haben die grundlegende Vermutung zunächst bestätigt. In beiden Fällen ließ sich beobachten, dass die oppositionellen Akteure ihre Kritik radikalisierten (sowohl in Zielen als auch in ihren Handlungen), je weniger Raum sie für die Äußerung ihrer Anliegen erhielten. Zugleich haben die beiden Fallstudien aber auch deutlich gemacht, dass erheblich mehr und tiefere empirische Forschung notwendig ist, um die Plausibilität der Hypothese einzuschätzen. Zugleich ist deutlich geworden, dass die grundsätzliche Annahme, dass politische Opposition eine zunehmend größere Rolle im globalen Regieren hat, trägt. So sind im Bearbeitungszeitraum eine Reihe von Kooperationen mit anderen WissenschaftlerInnen entstanden, die zu verwandten Themen arbeiten, darunter am Wissenschaftszentrum Berlin (Prof. Michael Zürn) zur Politisierung internationaler Institutionen oder am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz (Prof. Donatella della Porta) zu Transnationalen Sozialen Bewegungen. Darum ist im Anschluss an das Projekt ein größerer Forschungsverbund entwickelt worden, der den Zusammenhang zwischen Herrschaft und Widerstand über mehrere Teilprojekte hinweg vergleichend untersucht (vgl. Punkt 5.). Inzwischen ist das Projekt in einem größeren Forschungsverbund zu Internationaler Dissidenz aufgegangen, das den Zusammenhang von Herrschaft und Widerstand in transnationalen Räumen über mehrere Teilprojekte hinweg vergleichend untersucht (siehe dazu www.dissidenz.net). Darüber hinaus wurde eine ständige Vortragsreihe im Cluster entwickelt ("Protest - Widerstand - Aufstand. Streit um politische Ordnungen"), in der seit Sommersemester 2012 Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Disziplinen und mit unterschiedlichen Perspektiven auf Herrschaft und Widerstand blicken.

Neben den empirischen Arbeiten bildete die konzeptionell-theoretische Erarbeitung von Funktion und Rolle politischer Opposition den Schwerpunkt der Projektarbeit. Klassische Demokratietheorien haben nur ein sehr limitiertes Verständnis von Opposition, indem sie ihr entweder eine herrschaftskontrollierende Funktion zubilligen oder aber sie als Ideengeber für die öffentliche Beratung betrachten. Beides tendiert aber dazu, institutionell ungebundene und radikalere Formen von Opposition auszuschließen. Das Projekt versucht, dagegen konflikttheoretische Lesarten von Demokratie in Stellung zu bringen, die Opposition als normativen Kern von Demokratie auszeichnen und daraus  eine Kritik an den gegenwärtigen Demokratisierungsbemühungen internationaler Institutionen entwickeln.  Dr. Thorsten Thiel hat hier zentrale Arbeiten zur Entwicklung eines Republikanismus des Dissens vorgelegt und Nicole Deitelhoff und Thorsten Thiel haben Publikationen zu konflikttheoretischen Ausrichtungen postnationaler Demokratie erarbeitet. Dabei ging es ihnen besonders darum, Kritik als normativen Kern demokratischer Systeme herauszuarbeiten.

Zu den wichtigsten Publikationen im Projektzusammenhang zählen:
Deitelhoff, Nicole (2012): „Leere Versprechungen? Deliberation und Opposition im Kontext transnationaler Legitimitätspolitik“, in: Anna Geis/Frank Nullmeier/Christopher Daase: Der Aufstieg der Legitimitätspolitik, Leviathan Sonderband 27, 63-82.
Deitelhoff, Nicole (2010): „Parallele Universen oder Verschmelzung der Horizonte“, in: Zeitschrift für internationale Beziehungen 17(2), 279-292.
Thiel, Thorsten (2012): Republikanismus und die Europäische Union. Eine Neubestimmung des Diskurses um die Legitimität europäischen Regierens, Baden-Baden: Nomos-Verlag. 

Ambivalente Universalisierung der Demokratie

Projektleiter: Prof. Dr. Jens Steffek und Prof. Dr. Peter Niesen

Ziel dieses Projektes war es, den Demokratiebegriff mit Blick auf die postnationale Konstellation politischer Herrschaft systematisch weiterzuentwickeln. Das Projekt fügte sich damit ein in die clusterweite Erforschung globaler Nachfolgepraktiken und -institutionen staatlicher Ordnungsbildung, die hier aus demokratietheoretischer Perspektive beschrieben und bewertet werden sollten. Während sich das Vorgängerprojekt "Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie" den begrifflichen Zusammenhängen und Spannungen zwischen transnationaler Demokratie und Gerechtigkeit gewidmet hat, setzte dieses Vorhaben bei Spannungen und Ambivalenzen innerhalb der fortschreitenden Universalisierung der Demokratie an. Die Universalisierung der Demokratie hat drei Dimensionen: die weltweite Ausbreitung der demokratischen Staatsform (1), die Entwicklung demokratischer Strukturen jenseits des Staates (2), sowie die normative Verallgemeinerung von Demokratie als alternativlosem Standard legitimen Regierens (3). Alle drei Verständnisse von Universalisierung können innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte auf entgegenkommende empirische Tendenzen verweisen. Die wissenschaftliche Fragestellung des Projekts richtete sich auf Spannungen und Wechselwirkungen zwischen den drei Dimensionen der Universalisierung. Sie forderte damit auch die Position von Keohane, Macedo und Moravcsik heraus, derzufolge nationale und internationale Demokratisierung in einem Positivsummenverhältnis stehen.

In unserem Projekt wurden zwei besonders evidente Ambivalenzen einer Universalisierung der Demokratie untersucht: die zunehmende internationale Verbreitung und grenzüberschreitende Einflussnahme auf den Demokratieschutz in Einzelstaaten, sowie die zunehmende Etablierung supranationaler Kontrollmöglichkeiten einzelstaatlicher Entscheidungen. Die erste Forschungsfrage lautete, inwiefern sich nationale und internationale Mechanismen der Demokratiestiftung und -erhaltung auf die demokratische Autonomie der betroffenen Staatsvölker auswirken (Teilprojekt Niesen). Wie im nationalstaatlichen Kontext wirft die Entparadoxierung eines autoritären Demokratieschutzes auch auf internationaler Ebene große Schwierigkeiten auf. In seinen eigenen Arbeiten ist Peter Niesen vor allem auf die Universalisierung vergangenheitspolitischer Argumente beim innerstaatlichen Demokratieschutz vergleichend eingegangen. Das hergebrachte Paradigma der "militant democracy" erwies sich als nicht hinreichend spezifisch zur Diagnose zeitgenössischer Entwicklungen in verschiedenen Weltgegenden. Der Idealtyp eines "Banning the Former Ruling Party", der sich aus den Nachkriegsverfassungen der Bundesrepublik und insbesondere Italiens herauspräparieren ließ, ist dagegen inzwischen in weltweit vielfach analog umgesetzt worden. Allerdings ergab die Erörterung der Fallbeispiele Ruanda, Irak und einiger postkommunistischer Staaten, dass demokratieschützende Maßnahmen häufig innen- wie außenpolitisch funktionalisiert werden (Niesen 2010, 2012). In den Arbeiten von Sabrina Engelmann wurde einerseits eine Unterscheidung zwischen demokratieschützenden und staatsschützenden Mechanismen etabliert, am Beispiel der Terrorismusabwehr (2012). Zum anderen ging Sabrina Engelmann dem Beispiel eines völkerrechtlich bindenden Demokratieschutzes vor dem „Ressourcenfluch“ nach und erörtert die demokratietheoretischen Grundlagen von Demokratieschutz insgesamt. Sie kommt zu einem skeptischen Ergebnis, was die Verträglichkeit von repressivem Demokratieschutz mit dem Prinzip der Volkssouveränität angeht. Die aus der Dissertation hervorgegangene Monographie ist 2018 erschienen (s.u.).

Die zweite Forschungsfrage lautete, inwiefern individuelle Kontestationsrechte bei internationalen Organisationen oder Gerichtshöfen die nationalstaatliche Demokratie untergraben können (Teilprojekt Steffek). Untersucht wurde in diesem Teilprojekt also das bislang wenig analysierte demokratietheoretische Dreiecksverhältnis zwischen Individuen, Staaten und internationalen Organisationen/Gerichtshöfen, das insbesondere dann problematisch wird, wenn internationale Gerichts- oder Schiedsgerichtsinstanzen auf Klage einer Bürgerin hin demokratisch zustande gekommene nationalstaatliche Gesetze verwerfen, bzw. dem Staat eine Gesetzesänderung nahelegen. Die Arbeiten an diesem Teilprojekt gliederten sich in theoretisch-konzeptionelle Arbeiten zur Rolle von Gerichten in einem transnationalen demokratischen Prozess einerseits und eine empirische Studie zur Europäischen Union andererseits. Im theoretischen Teil wurden mit Rückgriff auf die Arbeiten von Philip Pettit transnational agierende Gerichte in der „editorialen“ Dimension des demokratischen Prozesses angesiedelt. Gerichte und vergleichbare Instanzen der Konfliktbeilegung ohne Legitimation durch Wahlen (wie etwa Schiedsgerichte oder Ombudsleute) dienen in dieser Sichtweise der Konfrontation einer getroffenen Entscheidung mit ihren intendierten oder auch nicht-intendierten gesellschaftlichen Folgewirkungen. Diese können, zumindest im Idealfall des demokratietheoretischen Modells, von einem Gericht in einer Art reflexiver Schleife an die gesetzgebenden demokratischen Institutionen zurückgespielt werden, so dass der durch die autoritative politische Entscheidung beendete Prozess der politischen Deliberation wieder geöffnet wird. Auf nationaler Ebene wäre dies etwa der Fall, wenn ein Verfassungsgericht ein Gesetz für verfassungswidrig erklärt und dem Gesetzgeber damit bestimmte Vorgaben für eine Neufassung aufgibt, ohne jedoch den konkreten Inhalt der Neuregelung festlegen zu können.

Dieses gängige Modell des Zusammenwirkens der Institutionen im demokratisch verfassten Rechtsstaat, das hier nur grob skizziert werden kann, stößt auf internationaler Ebene dadurch an seine Grenzen, dass in vielen Fällen ein institutioneller Gegenpart zum nationalen Parlament fehlt und der intergouvernmentale „Gesetzgeber“ meist durch Einstimmigkeitserfordernis und die enorme Komplexität diplomatischer Paketlösungen eingeschränkt ist. Im Mehrebenensystem der Europäischen Union (EU) werden denn auch Konflikte zwischen europäischem und nationalem Recht, die durch Individualklagen evident werden, dadurch aufgelöst, dass nationale Gesetzgeber zur Revision nationaler Regelungen gezwungen werden – nicht aber dadurch, dass dem europäischen Gesetzgeber eine Revision der europäischen Rechtsordnung nahegelegt wird, was ja grundsätzlich auch denkbar wäre. In einer empirisch-analytischen Forschungsarbeit hat sich Andreas Corcaci mit diesem Phänomen in der EU beschäftigt. Seine Arbeit zeigt, dass die Herstellung von „Compliance“ mit Entscheidungen des EuGH ein vielschichtiger Prozess ist, auf den zahlreiche Einflussfaktoren gleichzeitig wirken. Auf der Basis zahlloser empirischer Forschungsarbeiten, die bereits vorliegen, entwickelt Andreas Corcaci im Rahmen einer Metaanalyse ein neues Modell der Herstellung von „Compliance“ im Mehrebenensystem der EU. In normativer Hinsicht verweisen uns seine empirischen Befunde zurück auf die prekäre Rolle des Rechts in der postnationalen Koalition. Widerstand und Protest gegen die wahrgenommenen Zumutungen europäischer Rechtssetzung manifestieren sich nicht in einem ebenso offen zugänglichen wie ergebnisoffenen Prozess der argumentativen Kontestation, sondern entladen sich in Vermeidungsstrategien, bei denen die betroffenen Staaten versuchen, eine buchstabengetreue Implementation des Europarechts nach Möglichkeit zu umgehen, was wiederum zu oftmals langwierigen Prozessen der Compliance-Herstellung durch die europäischen Institutionen führt. Im Ergebnis manifestiert sich in diesem Wechselspiel also gerade keine offene politische Kontestation, in der der europäische Gesetzgeber mit den gesellschaftlichen Folgewirkungen seiner Gesetzgebung konfrontiert würde (und was aus demokratietheoretischer Sicht ein klarer Gewinn wäre), sondern ein schwer überschaubarer, dezentralisierter Aushandlungs- und Durchsetzungsprozess, der zumindest dem nicht direkt betroffenen Bürger weitgehend unzugänglich bleibt.

Die Schlussfolgerung dieses Teilprojekts muss deshalb lauten, dass die EU und einige wenige andere internationale Organisationen dem Bürger zwar direkte Klagemöglichkeiten eingeräumt haben, was grundsätzlich wohl als Zugewinn an Demokratizität des Regierens gedeutet werden kann, aber dass diese Klagerechte vorwiegend zur Sicherstellung nationalstaatlicher Compliance mit dem Recht internationaler Organisationen genutzt werden. Eine Rückbindung des durch Bürgerklagen ausgelösten Prozesses der Kontestation an die internationale Ebene der Gesetzgebung unterbleibt dagegen. Dies erzeugt schwierige Fragen bezüglich der Legitimation weiterer Verrechtlichung auf internationaler Ebene, die in der zweiten Clusterphase Gegenstand eines Folgeprojektes geworden sind („Legitimation durch Völkerrecht und Legitimation des Völkerrechts“, Stefan Kadelbach und Jens Steffek, 2013-2015). Auch das Dissertationsprojekt, das in diesem Teilprojekt begonnen wurde, wurde in der Zwischenzeit zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht.

Zu den wichtigsten Publikationen des Projektes zählen:
Engelmann, Sabrina (2018): Demokratie und Demokratieschutz. Vom Umgang mit einem Dilemma, Frankfurt/New York: Campus.
*Engelmann, Sabrina (2012): „Barking Up the Wrong Tree: Why Counterterrorism Cannot Be a Defense of Democracy“, in: Democracy and Security 8(2), 164-174.
*Niesen, Peter (2012): „Banning the Former Ruling Party“, Constellations: An International Journal of Critical and Democratic Theory, 19(4), 540-561.
Steffek, Jens (2012): „Accountability und politische Öffentlichkeit im Zeitalter des globalen Regierens“, in: P. Niesen (Hg.), Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie, Frankfurt/Main: Campus, 279-310.
*Steffek, Jens (2010): „Public Accountability and the Public Sphere of International Governance“, Ethics & International Affairs, 24(1), 45-67.

Im Projekt wurden u.a. folgende Veranstaltungen durchgeführt: eine internationale Konferenz "Cosmopolitanism and International Relations Theories", TU Darmstadt 2./3.3.2012 (Peter Niesen und Jens Steffek); ein Workshop "Constituent Power and Radical Democracy" mit Andreas Kalyvas, TU Darmstadt  9.5. 2011 (Peter Niesen) und eine internationale Konferenz "Theories of Territory beyond Westphalia", Goethe-Universität Frankfurt, 25.-26. Oktober 2012 (mit Ayelet Banai) (Jens Steffek). Außerdem wurden drei Panels bei der 52. Jahrestagung der International Studies Association in Montréal, 16.-19. März 2011 zu den Themen “Norms and International Governance”, “Democracy and Dictatorships”, and “Democracy and the Evolution of Global Governance” geleitet.

Der „demokratische Frieden“ als Rechtfertigungsnarrativ

Projektleiter: Prof. Dr. Christopher Daase

Unter Verweis auf Immanuel Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) behauptet die zeitgenössische Theorie des Demokratischen Friedens (DF), dass konsolidierte Demokratien gegeneinander keine Kriege führen bzw. sogar quasi von Natur aus friedlicher seien als andere Herrschaftstypen. Diese Theorie zehrt von zahlreichen idealisierenden Rationalitätsunterstellungen über die Institutionen, die politische Kultur und die Handlungsorientierungen von Bürgern und Eliten liberal-demokratischer  Demokratien. Die Verwurzelung dieses Forschungszweigs im zivilisationsoptimistischen Erbe der Aufklärung ist unverkennbar, hat jedoch problematische wissenschaftliche und politische Folgen: Sie führt wissenschaftlich zu fragwürdigen Erklärungsansätzen und Prognosen sowie politisch zur Verfestigung eines allzu positiven Selbstbildes westlicher Staaten. Im Extremfall wird die DF-Forschung zur Rechtfertigung gewaltsamer Demokratisierung herangezogen oder zur Begründung von Forderungen nach einem „Club der Demokratien“. In dieser Hinsicht dient die DF-Theorie der Unterfütterung einer konfliktverschärfenden Identitätspolitik demokratischer Akteure. Insgesamt ist die kaum noch überschaubare Forschung zum Demokratischen Frieden seit Ende des Kalten Krieges zu einem einflussreichen Rechtfertigungsnarrativ für westliche Außenpolitikstrategien und Weltordnungsentwürfe geworden: Weltweite Demokratieförderung gilt langfristig als Schlüssel zur Erreichung größerer Stabilität und Friedlichkeit im Rahmen einer liberal geprägten Weltordnung.

Dieses Projekt setzte sich kritisch mit den (meta-)theoretischen Grundlagen der DF-Theorie auseinander und dekonstruierte deren Rationalitätsannahmen mit Hilfe von Argumentationen und Erkenntnissen aus Staatstheorie, Demokratietheorie und der Soziologie der Moderne. Das Ziel war es aufzuzeigen, dass die mikrotheoretischen Fundamente des DF auf mehr als brüchigem Grund ruhen. So konnte gezeigt werden, dass potenziell gewaltfördernde Exklusionsprozesse und Bedrohungskonstruktionen dazu führen, dass der Frieden innerhalb sowie zwischen Demokratien immer ein prekärer sein wird. Im Ergebnis zeigte das Projekt somit, dass die politischen Behauptungen über die Friedensleistungen von Demokratien daher idealisiert sind.

Im Rahmen des Projektes hat Dr. Geis ihre Habilitationsschrift verfasst und wurde 2012 habilitiert. Seit 2016 ist sie Professorin für Politikwissenschaft an der Helmut Schmidt Universität Hamburg.

Zu den wichtigsten Publikationen des Projektes zählen:
*Geis, Anna (2011): „Of Bright Sides and Dark Sides: Democratic Peace beyond Triumphalism“, in: International Relations, 25(2), 18-25.
*Geis, Anna /Wagner, Wolfgang (2011): „How far is it from Königsberg to Kandahar? Democratic Peace and Democratic Violence in International Relations”, in: Review of International Studies, 37(4), 1555-1577.
*Geis, Anna/Wolff, Jonas (2011): “Demokratie, Frieden und Krieg. Der „Demokratische Frieden“ in der deutschsprachigen Friedens- und Konfliktforschung“, in: Peter Imbusch/ Peter Schlotter/ Simone Wisotzki (Hg.): Friedens- und Konfliktforschung – ein Studienbuch, Baden-Baden: Nomos (Reihe Forschungsstand Politikwissenschaft), 112-138.
Daase, Christopher (2011): „Neue Kriege und neue Kriegführung als Herausfoderungen für die Friedenspolitik“, in: Werkner, Ines-Jacqueline/ Kronfeld-Goharani, Ulrike (Hg.), Der ambivalente Frieden. Die Friedensforschung vor neuen Herausforderungen, Wiesbaden: VS-Verlag, 21- 35.

Hierarchie und Hegemonie in Global Governance

Projektleiter: Prof. Dr. Christopher Daase

Das Projekt ging der Frage nach, wie sich Machtungleichheiten im internationalen System – insbesondere die dominante Position der Vereinigten Staaten – in der institutionellen Ausgestaltung von Global Governance niederschlagen. Dabei ging es in erster Linie um verschiedene Formen der Hierarchisierung von Global-Governance-Institutionen, die in den vergangenen Jahren vielfach beschrieben worden sind. So gibt es einen Trend hin zu informellen, nicht-rechtsverbindlichen Abkommen, zur Kooperation in Gruppen „gleichgesinnter“ Staaten und zur Setzung von Recht im Forum des UN-Sicherheitsrats. Diese Formen internationaler Regelsetzung und informellen Steuerung, die in so unterschiedlichen Politikfeldern wie Handel, Rüstungskontrolle und Terrorismusbekämpfung zu beobachten sind, sind für mächtige Akteure und gerade für die USA als Hegemonialmacht besonders vorteilhaft und werden darum von Völkerrechtlern unter dem Sammelbegriff „hegemoniales Völkerrecht“ diskutiert. Das Projekt untersuchte eine Reihe wichtiger Fragen im Hinblick auf die Ursachen und Folgen dieser Entwicklung, die in der Literatur zum Thema bisher vernachlässigt wurden:

(1) Gibt es einen langfristigen Trend hin zu hierarchischen Formen von Global Governance über alle Politikfelder hinweg, oder lässt sich ein komplexeres Muster feststellen?

(2) Warum entwickeln sich in unterschiedlichen historischen Epochen und in verschiedenen Politikfeldern unterschiedliche Formen hegemonialer Governance-Institutionen? Diese Fragestellung knüpft an neuere Ansätze in der Theorie der internationalen Beziehungen an, die „Hierarchie“ als eine von Staaten bewusst gewählte Form institutioneller Kooperation und somit als abhängige Variable neu konzipieren.

(3) Wie effektiv ist hegemoniale Steuerung? Entgegen einer Annahme, die der gegenwärtigen Diskussion um Hegemonie und Governance implizit zugrunde liegt, können hegemoniale Staaten internationale Institutionen keineswegs nach Belieben gestalten. Tatsächlich hängt die Wirkung von hegemonialer Steuerung erheblich davon ab, wie nicht-hegemoniale Staaten auf die Initiativen eines Hegemons reagieren. Deshalb ist die Frage von zentraler Wichtigkeit, in welchem Grad, warum und in welcher Form die schwächeren Staaten im System hegemoniale Formen von Global Governance unterstützen oder blockieren.

Diese Fragen wurden anhand einer breit angelegten quantitativen Analyse der historischen Entwicklung von hierarchischen Formen von Global Governance in Verbindung mit ausgewählten Einzelfallstudien geklärt. In den Fallstudien ging es beispielsweise um Initiativen wie die von den USA ins Leben gerufene „Proliferation Security Initiative“ oder um die UN-Sicherheitsratsresolution 1540.

Zu den wichtigsten Publikationen des Projektes zählen:
*Daase, Christopher (2009): „Die Informalisierung internationaler Politik - Beobachtungen zum Stand der internationalen Organisation", in: Klaus Dingwerth/ Dieter Kerwer/ Andreas Nölke (Hg), Die Organisierte Welt: Internationale Beziehungen und Organisationsforschung, Baden-Baden: Nomos.
Daase, Christopher (2009): "The ILC and Informalization“, in: Georg Nolte (Hg.), Peace through International Law. The Role of the International Law Commission. A Colloquium at the Occasion of its Sixtieth Anniversary, Heidelberg: Springer.
*Fehl, Caroline (2010): Living with a reluctant hegemon: Explaining European responses to US unilateralism, Oxford: Oxford University Press.
Fehl, Caroline (2010): “Die ESVP aus konstruktivistischer Perspektive”, in: Matthias Dembinski/ Dirk Peters (Hg.), Die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik im Licht konkurrierender Theorien, Baden-Baden: Nomos.

Friedensmissionen und Sicherheitssektorreform

Projektleiter: Prof. Dr. Christopher Daase

Die Stabilisierung von Konflikt- und Postkonfliktregionen ist eine zentrale Herausforderung für die internationale Sicherheitspolitik. Als Antwort auf den Wechsel von interstaatlichem zu innerstaatlichem Krieg haben komplexe Friedensoperationen traditionelles peacekeeping teilweise abgelöst. Ein immer wichtigerer Bestandteil von Friedensoperationen ist die Sicherheitssektorreform (SSR). Das Ziel von SSR ist die Schaffung eines effektiven, effizienten und demokratisch kontrollierten Sicherheitssektors. Durch die Reform von Militär, Polizei, Nachrichtendiensten und anderen Institutionen soll die Sicherheit sowohl des Staates als auch der Bürger geschützt werden. Ein defektiver Sicherheitssektor ist eine Quelle von Unsicherheit vor allem während und nach internen gewalttätigen Konflikten.
Dieses Projekt untersuchte die Probleme von SSR in Friedensoperationen. Die Ergebnisse von SSR sind aufgrund verschiedener Bedingungen ungewiss. So untergraben soziale Spannungen, Armut, organisierte Kriminalität, Korruption und eine schlechte Sicherheitslage auch nach Kriegsende Versuche, Staat und Gesellschaft zu unterstützen und zu reformieren. Auch ergeben sich Kooperations- und Koordinationsprobleme wegen der großen Anzahl externer und innerstaatlicher Akteure, die Stabilisierungsbemühungen beeinflussen. Ein weiteres Problem besteht darin, SSR-Normen mit globalem Geltungsanspruch lokalen Bedingungen anzupassen. Auch haben internationale Akteure Schwierigkeiten, selbst das zu tun, was sie von innerstaatlichen Akteuren erwarten. Das Projekt untersuchte diese Probleme paradigmatisch am Fall militärisch-polizeilicher Grauzonen. So konnte aufgezeigt werden, dass in vielen Fällen unsystematische Strafverfolgung und Lücken in der öffentlichen Sicherheit, die Sicherheit von Bürgern und die Legitimität internationaler Akteure und nationaler Institutionen untergraben. Militär und Polizei müssen daher eng zusammenarbeiten. Eine enge Zusammenarbeit ist aber nicht nur praktisch schwierig. Sie führt oftmals auch zur Verletzung wichtiger SSR-Prinzipien. Diese betreffen etwa die Trennung militärischer und polizeilicher Aufgaben und die Herausbildung ziviler Polizeistrukturen als Voraussetzung für demokratische Kontrolle. Durch den Vergleich von SSR-Normen und sicherheitspolitischem Handeln vor allem in Bosnien-Herzegovina, Kosovo und Afghanistan , konnten Spannungsfelder von SSR aufgedeckt und damit wichtige Beiträge zur Konzeptionalisierung und Theoretisierung von SSR erarbeitet werden.

So konnte ein vertieftes Verständnis zwischen den Ansprüchen und der Wirklichkeit erarbeitet werden: Zwar versuchen internationale Geber durch eine Vielzahl von Initiativen, den Sicherheitssektor von fragilen Staaten zu reformieren und durch die Reformen, einen Sicherheitssektor zu schaffen, der effektiv, effizient und auf demokratische Weise Sicherheit für den Staat und für die Bürger anbietet. Aufgrund von Kooperationsproblemen internationaler Akteure, der Suche nach kurzfristigen Sicherheitsgewinnen, den Nachwirkungen von Krieg und gesellschaftlicher Desintegration in Postkonfliktstaaten und weiteren Hindernissen, werden diese Reformbestrebungen jedoch oftmals untergraben und bergen das Risiko negativer nicht-intendierter Konsequenzen internationaler Intervention. Indem dieses Projekt die Rolle internationaler Akteure auf dem Balkan und in Afghanistan untersuchte, trug es also auch verallgemeinernd zu einem besseren Verständnis der Möglichkeiten und Grenzen von SSR in schwachen Staaten bei.

Die im Rahmen des Projekts begonnene Habilitationsschrift wurde anschließend in Folgeprojekten fortgesetzt. Die daraus hervorgegangene Monographie ist erschienen als: Friesendorf, Cornelius (2018): How Western Soldiers Fight. Organizational Routines in Multinational Missions, Cambridge: Cambridge University Press.

Zu den wichtigsten Publikationen des Projektes zählen außerdem:
*Friesendorf, Cornelius (2011): “Paramilitarization and Security Sector Reform: The Afghan National Police”, International Peacekeeping 18(1) (February 2011), 79-95.
Friesendorf, Cornelius/Krempel, Jörg (2011): “Militarized Versus Civilian Policing: Problems of Reforming the Afghan National Police”, PRIF Report No. 102 (Frankfurt/M.: Peace Research Institute Frankfurt)
*Friesendorf, Cornelius (2011): Problems of Crime-Fighting by ‘Internationals’ in Kosovo, in: James Cockayne and Adam Lupel (Hg.), Peace Operations and Organized Crime: Enemies or Allies?, London: Routledge, 47-67;
*Friesendorf, Cornelius (2010): “The Military and the Fight Against Serious Crime: Lessons from the Balkans”, in: Connections: The Quarterly Journal 9(3) (Summer 2010), 45-61
*Daase, Christopher/Friesendorf, Cornelius (Hg.) (2010): Rethinking Security Governance: The Problem of Unintended Consequences, London/New York: Routledge.

Professur des Exzellenzclusters – Internationale Organisationen

Prof. Dr. Christopher Daase

Forschungsprogramm

Die neu geschaffene Professur für Internationale Organisationen ist der vergleichenden Untersuchung der Normproduktion in Internationalen Organisationen im Spannungsfeld zwischen Politik und Recht gewidmet. Dabei wurden in der Forschungsarbeit sowohl die pazifizierenden als auch die konfliktiven Momente dieser Normbildungsprozesse analysiert. Das Forschungsprogramm der Professur  stand während der ersten Laufzeit unter der generellen Thematik „Legalität und Legitimität in den internationalen Beziehungen“ und wurde in vier Forschungsfelder gegliedert:

A. Informalisierung in der internationalen Politik
B. Weltordnungspolitik liberaler Demokratien
C. Sicherheitskultur und Risikopolitik
D. Friedensmissionen und transitionale Gerechtigkeit

Im Forschungsfeld A wurde die Frage untersucht, ob das heroische Zeitalter der Internationalen Organisationen vorüber ist und der Trend zu informeller Kooperation, die jenseits etablierter Organisationen stattfindet und auf Vereinbarungen zielt, die rechtlich nicht bindend sind, anhält. Anhand von Fallstudien über die G8/G20, die Proliferation Security Initiative und ähnliche informelle Institutionen wurden die Ursachen und Folgen von Informalisierung untersucht und die normative Frage gestellt, ob Informalität nicht nur traditionelle institutionelle Prozesse der Legitimation und Rechenschaftspflicht unterläuft, sondern auch neue Möglichkeiten für politische Deliberation und Partizipation eröffnet.
Das Forschungsfeld B widmete sich der ambivalenten Rolle liberaler Demokratien bei der Gestaltung der gegenwärtigen Weltordnung – als friedens- und kooperationsfördernde Akteure einerseits, als gewaltsam agierende Ordnungskräfte andererseits. Dabei ging es zum einen um die Rechtfertigung liberaler Weltordnungspolitik und die problematische Privilegierung liberaler Demokratien im Zeichen eines „demokratischen Friedens“, zum anderen um die Institutionenpolitik westlicher Demokratien bei der Ausgestaltung globaler Global-Governance-Foren. Im Fokus der Untersuchung standen hier Prozesse der Hierarchisierung im internationalen System, die von Konflikten sowohl zwischen dem westlichen Hegemon USA und anderen liberalen Demokratien als auch von Konflikten zwischen Demokratien und Nicht-Demokratien begleitet werden.
Im Forschungsfeld C wurden die praktischen und normativen Herausforderungen praktiver Sicherheitspolitik untersucht. Angesichts neuer Bedrohungen und Risiken ist die Sicherheitspolitik gefordert, stärker vorbeugend und vorsorgend tätig zu werden. Damit steigt zum einen die Ungewissheit, unter der Entscheidungen getroffen werden und zum anderen die Wahrscheinlichkeit nicht-intendierter Konsequenzen von Risk Governance. Die Projekte dieses Forschungsfeldes untersuchen die Ursachen und Folgen dieses sicherheitspolitischen Paradigmenwechsels.
Im Forschungsfeld D ging es schließlich um die Herstellung von Friedensordnungen nach Gewaltkonflikten im Spektrum von Peacekeeping, Peacebuilding und Transitional Justice. Die Projekte dieses Forschungsfeldes untersuchten, wie Instrumente transitionaler Gerechtigkeit (Tribunale, Wahrheitskommissionen, Entschuldigungen usf.) einerseits, und Reformen des Sicherheits- und Justizwesens andererseits dabei helfen können, die Erfahrungen und Hinterlassenschaften von Krieg und Gewaltherrschaft zu überwinden.

Ergebnisse

Im Forschungsfeld A sind umfangreiche konzeptionelle und empirische Vorarbeiten für eine Theorie der Informalisierung internationaler Politik entstanden. Dabei hat sich gezeigt, dass Informalisierung eine rationale Reformstrategie ist, wenn formale Institutionen und Organisationen reformresistent sind. Am Beispiel der G8 und G20 konnte darüber hinaus gezeigt werden, dass informelle Institutionen dabei helfen können, Machtverschiebungen im internationalen System friedlich zu gestalten. Die normativen Implikationen von Informalisierung sollen im Anschluss an diese Laufzeit verstärkt untersucht werden und könnten auch einen interessanten Fokus in der zweiten Runde des Exzellenzclusters bilden.
Im Forschungsfeld B sind zahlreiche Publikationen zu den Weltordnungskriegen liberaler Demokratien entstanden, die zeigen, dass das Theorem des „demokratischen Friedens“ auch als Rechtfertigungsnarrativ für gewaltsame Demokratisierung diente. Die dabei auftretenden Konflikte zwischen Demokratien (insbesondere zwischen EU und USA) sind Gegenstand einer größeren Untersuchung, die zeigt, dass europäische Entscheidungen für oder gegen nicht-hegemoniale Regime nicht nur von Kosten-Nutzen-Kalkülen bestimmt werden, sondern auch von prozeduralen Fairness-Standards und der Einhaltung von Normen der transatlantischen Sicherheitsgemeinschaft.
Im Forschungsfeld C sind Studien entstanden, die zeigen, dass proaktive Sicherheitspolitik die Tendenz hat, traditionelle Friedens- und Freiheitsstandards zu brechen und dass Risikopolitik erhebliche nicht-intendierte Konsequenzen zeitigt. Die Refokussierung der Sicherheitspolitik auf Human Security spielt dabei eine wichtige Rolle. Die begriffsgeschichtliche Analyse der Erweiterung des Sicherheitsverständnisses zeigt, dass mit der Fokussierung auf Sicherheit der traditionelle Fokus internationaler Politik auf zwischenstaatlichen Frieden einer individualistischen Konzeption menschlicher Sicherheit weicht. Die Implikationen dieses Wandels der Sicherheitskultur ist Gegenstand eines zusätzlich eingeworbenen Drittmittelprojektes.
Im Forschungsfeld D steht neben Analysen zur Sicherheitssektorreform in Friedensmissionen ein Projekt unmittelbar vor dem Abschluss, das sich mit Entschuldigungen in der internationalen Politik beschäftigt. Neben Tribunalen und Wahrheitskommissionen haben in den letzten Jahren öffentliche politische Entschuldigungen an Bedeutung in Versöhnungsprozessen gewonnen. Anhand von 17 Fallstudien werden die sprachlichen Codes und politischen Praktiken zwischenstaatlicher Entschuldigungen rekonstruiert und auf ihre Effektivität hin untersucht. Dabei zeigt sich, dass sich neben und parallel zur Etablierung strafrechtlicher Standards individueller Schuld im internationalen Recht politische Normen im Umgang mit nicht-justiziabler kollektiver Schuld entwickeln. Historische Schuld und Verantwortung werden auf diese Weise neu konzeptualisiert und prägen das kulturelle Gedächtnis ebenso wie die aktuelle Politik.

So stand die Herausbildung und Veränderung normativer Ordnungen im Zentrum aller hier skizzierten Projekte. Die Frage der Legitimität informeller Institutionen knüpfte dabei an Überlegungen zur „neuen Diplomatie“ im Clusterantrag an und problematisierte gleichzeitig den Verlust traditioneller Verfahren der Legitimation. Dass Informalisierung die normative Ordnung internationaler Politik verändert steht außer Frage, wie diese Veränderung normativ einzuschätzen ist, ist einstweilen offen. Problematisch oder zumindest ambivalent zu beurteilen sind vor allem die Tendenzen zur Hierarchisierung und Stratifizierung des internationalen Systems, die sich in der gewaltsamen Demokratisierung und einer militarisierten Menschenrechtspolitik äußern. Diesem Aspekt der "Herrschaft in der globalen Politik" soll in der zweiten Phase des Exzellenzclusters verstärkt nachgegangen werden. Konkret werden diese Veränderungen insbesondere im Bereich der Sicherheitspolitik, im dem in besonderer Weise die Grundnormen der internationalen Beziehungen (Souveränität, Nichtintervention usw.) neu bestimmt und der Übergang von einer internationalen Friedensordnung zu einer globalen Sicherheitsordnung verhandelt wird. In diesem Zusammenhang ist auch die Neukonzeption von internationaler Schuld und Verantwortung zu sehen, wobei individuelle, kollektive und institutionelle Verantwortlichkeiten neu verteilt werden.

Zentrale Ergebnisse der an der Professur durchgeführten Arbeit finden sich in den Berichten zu den Forschungsprojekten „Der demokratische Frieden als Rechtfertigungsnarrativ “, „Hierarchie und Hegemonie in Global Governance “, „Friedensmissionen und Sicherheitssektorreform “.

Publikationen:
*Daase, Christopher/Rauer, Valentin/Offermann, Philipp (Hg.) (2012): Sicherheitskultur. Soziale und politische Praktiken der Gefahrenabwehr, Frankfurt am Main: Campus Verlag.
Daase, Christoher/Meier, Oliver (Hg.) (2012): Arms Control in the 21st Century: Towards a New Paradigm?, London: Routledge;
*Daase, Christopher (2012): „Die Historisierung der Sicherheit. Anmerkungen zur historischen Sicherheitsforschung aus politikwissenschaftlicher Sicht“, in: Geschichte und Gesellschaft 38(3), 387-405
*Daase, Christopher/Nullmeier, Frank/Geis, Anna (2012): „Der Aufstieg der Legitimitätspolitik. Rechtfertigung und Kritik politisch-ökonomischer Ordnungen“, in: Der Aufstieg der Legitimitätspolitik (Leviathan Sonderband Nr. 27), 11-38.
*Daase, Christopher/Junk, Julian (2012): „Strategische Kultur und Sicherheitsstrategien in Deutschland“, in: S+F Sicherheit und Frieden 30(3), 152-157.
Daase, Christopher (2012): „Netzwerke der Gewalt“, in: Welt-Sichten. Magazin für globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit 10, 13-17.
*Daase, Christopher/Junk, Julian (2012): „Netzwerke der Sicherheit. Überlegungen zum Umbau demokratischer Sicherheitspolitik“, in: S+F Sicherheit und Frieden 30(2), 94-100.
*Daase, Christopher 2012: “Coercion and the Informalization of Arms Control”, in: Meier, Oliver/Daase, Christopher (Hg.), Arms Control in the 21st Century. Between Coercion and Cooperation, London: Routledge, 67-78.
*Daase, Christopher (2012): “Introduction”, in: Meier, Oliver/Daase, Christopher (Hg.), Arms Control in the 21st Century. Between Coercion and Cooperation, London: Routledge, 3-11.
*Daase, Christopher (2012): “The Changing Nature of Arms Control and the Role of Coercion”, in: Meier, Oliver/Daase, Christopher (Hg.), Arms Control in the 21st Century. Between Coercion and Cooperation, London: Routledge, 233-241.
Daase, Christopher (2012): „Globalisierung und politische Gewalt. Entwicklungen seit dem Ende des Ost-West-Konflikts“, in: Schoch, Bruno u.a. (Hg.), Friedensgutachten 2012, Münster: Lit, 60-73.
Daase, Christopher (2012): „Sicherheitskultur als interdisziplinäres Forschungsprogramm“, in: Christopher Daase/ Philipp Offermann/ Valentin Rauer (Hg.), Sicherheitskultur. Soziale und politische Praktiken der Gefahrenabwehr, Frankfurt/New York: Campus, 23-44.
Daase, Christopher (2012): „Die Konstruktion normativer Singularität – zu Entstehung und Wandel des nuklearen Tabu“, in: Eisenbart, Constanze (Hg.), Das Ende des Atomzeitalters?, Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.185-206.
Daase, Christopher (2012): „Risiko und die Illusion der Berechenbarkeit“, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft 21(3), 79-85.
Daase, Christopher (2011): Just Peace Governance. The Research Program of the Peace Research Institute Frankfurt, Arbeitspapiere der HSFK, Nr. 1, 2011.
Daase, Christopher (2011): „Sicherheit schlägt Frieden. Zum normativen Wandel in der Weltpolitik“, in: Polar – Politik, Theorie, Alltag, 11, 81-89.
*Daase, Christopher/Junk, Julian (2011): „Problemorientierung und Methodenpluralismus in den IB. Ein Plädoyer für methodischen Nonkonformismus“, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 18(2), 123-136.
*Daase, Christopher (2011): „"Just Peace Governance" - Auf dem Weg zu einem neuen Forschungsprogramm“, in: Baumgart-Ochse, Claudia/Schörnig, Niklas/Wisotzki, Simone/Wolff, Jonas (Hg.): Auf dem Weg zu Just Peace Governance. Beiträge zum Auftakt des neuen Forschungsprogramms der HSFK, Baden-Baden, 17-26.
*Daase, Christopher (2011): „Sicherheitskultur. Ein Konzept zur interdisziplinären Erforschung politischen und sozialen Wandels“, in: S+F Vierteljahresschrift für Sicherheit und Frieden, 29(2), 59-65.
*Daase, Christopher/Offermann, Philipp (2011): „Subkulturen der Sicherheit. Die Münchner Sicherheitskonferenz und die Münchner Friedenskonferenz im Vergleich“, in: S+F Vierteljahresschrift für Sicherheit und Frieden,  29(2), 84-89.
Daase, Christopher 2011: Stichworte „Frieden (Sicherheit)“ und „Terror (Terrorismus)“ in: Hartmann, Martin/ Offe, Claus (Hg.), Politische Theorie und Politische Philosophie. Ein Handbuch, München: C.H. Beck Verlag, 188-192, 317-320.
Daase, Christopher (2011): „Der Wandel der Sicherheitskultur. Ursachen und Folgen des erweiterten Sicherheitsbegriffs“, in: Zoche, Peter/ Kaufmann, Stefan/ Haverkamp, Rita (Hg.), Zivile Sicherheit. Gesellschaftliche Dimensionen gegenwärtiger Sicherheitspolitik, Bielefeld: Transcript Verlag, 139-158.
Daase, Christopher/Spencer, Alexander (2011): „Stand und Perspektiven der politikwissenschaftlichen Terrorismusforschung“, in: Spencer, Alexander/ Kocks, Alexander/ Harbrich, Kai (Hg.), Terrorismusforschung in Deutschland, Wiesbaden: VS-Verlag, 25-47 (Sonderheft 1/2011 der Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik).
Daase, Christopher (2011): „60 Jahre Integration: EU, NATO und OSZE. Zur variablen Geometrie sicherheitspolitischer Kooperation“, in: Kadelbach, Stefan (Hg.), 60 Jahre Integration in Europa: Variable Geometrien und politische Verflechtung jenseits der EU, Baden-Baden: Nomos, 37-52.
Daase, Christopher (2011): „Neue Kriege und neue Kriegführung als Herausfoderungen für die Friedenspolitik“, in: Werkner, Ines-Jacqueline/ Kronfeld-Goharani, Ulrike (Hg.), Der ambivalente Frieden. Die Friedensforschung vor neuen Herausforderungen, Wiesbaden: VS-Verlag, 21-35.
*Benedek, Wolfgang/Daase, Christopher/Dimitrijevic, Vojin/van Duyne, Petrus (Hg.) (2010): Transnational Terrorism, Organized Crime and Peace-Building. The State of the Art in Human Security in the Western Balkans, London: Palgrave Macmillan 2010.
Daase, Christopher (2010): „Die Englische Schule“, in: Schieder, Siegfried/ Spindler, Manuela (Hg.), Theorien der Internationalen Beziehungen, 3. Aufl., Verlag Barbara Budrich UTB, 255-280.
*Daase, Christopher/Friesendorf, Cornelius (Hg.) (2010): Rethinking Security Governance. The Problem of Unintended Consequences, London/ New York: Routledge.
Daase, Christopher (2010): „Wandel der Sicherheitskultur“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 50/2010, 9-16.
*Daase, Christopher (2010): Addressing Painful Memories: Apologies as a New Practice in International Relations, in: Assmann, Aleida/ Conrad, Sebastian (Hg.), Memory in a Global Age. Discourses, Practices and Trajectories, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 19-31.
*Daase, Christopher (2010): “National, Societal, and Human Security: On the Transformation of Political Language”, in: Historical Social Research 35(4), 22-37.
Daase, Christopher (2010): „Theorie der Internationalen Beziehungen“, in: Gerlach, Irene/ Jesse, Eckhard/ Kneuer, Marianne/ Werz, Nicolaus, (Hg.), Politikwissenschaft in Deutschland. Stand und Perspektiven, Baden-Baden: Nomos, 317-338.
*Daase, Christopher (2010): “Organized Crime and Terrorism. One or Two Challenges?”, in: Benedek, Wolfgang/ Daase, Christopher/ Dimitrijevic, Vojin/ van Duyne, Petrus (Hg.), Transnational Terrorism, Organized Crime and Peace-Building. The State of the Art in Human Security in the Western Balkans, London: Palgrave Macmillan, 67-78.
*Daase, Christopher 2010: “Introduction: Security Governance and the Problem of Unintended Consequences”, in: Christopher Daase/ Cornelius Friesendorf (Hg.),  Rethinking Security Governance. The Problem of Unintended Consequences,  London/ New York: Routledge, 1-20.
*Daase, Christopher (2010): “Conclusion: Analyzing and Avoiding Unintended Consequences of Security Governance”, in: Christopher Daase/ Cornelius Friesendorf (Hg.),  Rethinking Security Governance. The Problem of Unintended Consequences,  London/ New York: Routledge, 198-213.
Daase, Christopher (2010): „Terrorismus“, in: Masala, Carlo/ Wilhelm, Peter (Hg.), Handbuch der internationalen Politik, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 383-405 (mit Alexander Spencer).
*Daase, Christopher/Schnidler, Sebastian (2009): „Clausewitz, Guerillakrieg und Terrorismus. Zur Aktualität einer missverstandenen Kriegstheorie“, in: Politische Vierteljahresschrift 50(4), 701-731.
Daase, Christopher (2009): “The ILC and Informalization”, in: Georg Nolte (Hg.), Peace through International Law. The Role of the International Law Commission. A Colloquium at the Occasion of its Sixtieth Anniversary, Heidelberg: Springer, 179-183.
*Daase, Christopher (2009): „Die Informalisierung internationaler Politik –  Beobachtungen zum Stand der internationalen Organisation“, in: Klaus Dingwerth, Dieter Kerwer und Andreas Nölke (Hg.), Die Organisierte Welt: Internationale Beziehungen und Organisationsforschung, Baden-Baden: Nomos, 290-308.
Daase, Christopher (2009): „Demokratie und ethnische Säuberungen? Kritische Anmerkungen zu Michael Mann“, in: Backes, Uwe/Jesse, Ekkart (Hg.), Extremismus und Demokratie, Baden-Baden: Nomos, 302-308.
Daase, Christopher (2009): “Terrorist Groups and Weapons of Mass Destruction: Risk Assessment and Counterstrategies”, in: Franz Eder/Martin Senn (Hg.), Europe and Transnational Terrorism. Assessing Threats and Countermeasures, Baden-Baden: Nomos, 59-74.
Daase, Christopher (2009): „Der erweiterte Sicherheitsbegriff“, in: Mir A. Ferdowsi (Hg.), Internationale Politik als Überlebensstrategie, München: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 137-153.

Professur des Exzellenzclusters – Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnung

Prof. Dr. Nicole Deitelhoff

(Zeitraum der Clusterprofessur 2009-2012)

An der Cluster-Professur "Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungen" fanden eine Reihe von Forschungsprojekten statt, die sich mit Fragen der Ordnungsbildung, dem Wandel globaler (Teil-)Ordnungen sowie den Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Ordnungen (national - global; regional - global) beschäftigten. Im Folgenden werden die einzelnen Projekte jeweils kurz angerissen, ihr Beitrag zur Clusterthematik aufgezeigt und eine Übersicht über die daraus hervorgegangen Publikationen gegeben.
Alle Projekte der Professur befassten sich  mit Fragen der Legitimität (und Legalität) normativer Ordnungen jenseits des Nationalstaats, insbesondere mit Hinblick auf Werte wie Gerechtigkeit, Demokratie, aber auch mit Steuerungsaspekten im engeren Sinne. So fragte das EU Verbundprojekt "Reconstituting Democracy in Europe" danach, wie demokratische Kontrolle und Selbstbestimmung im komplexen Mehrebenensystem der EU gewährleistet bzw. wiederhergestellt werden kann. Dieser zentralen Frage ging der Forschungsverbund RECON in unterschiedlichen Bereichen („work packages“) nach. Nicole Deitelhoff arbeitete  zu den Bereichen "Außen- und Sicherheitspolitik" sowie „Theoretische Grundlagen“ und versuchte aufzuzeigen, dass die GASP gerade durch den Einsatz weicherer Steuerungsmechanismen zu einer Vergemeinschaftung beitragen kann. Ebenfalls zur EU hat Thorsten Thiel in seiner abgeschlossenen Dissertation zum Thema „Republikanismus und die Europäische Union“ gearbeitet. Stoßrichtung seiner Dissertation war es, moderne republikanische Theorien als Weiterführung der bisher diskutierten Fragestellungen zum Thema demokratische Qualität der EU zu prüfen.
Die Dissertation ist erschienen als Thorsten Thiel (2012): Republikanismus und die Europäische Union. Eine Neubestimmung des Diskurses um die Legitimität europäischen Regierens (Schriftenreihe der Sektion Politische Theorie und Ideengeschichte der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft, Band 22.), Baden-Baden: Nomos.

Weitere Ergebnisse wurden veröffentlicht als:
Thiel, Thorsten (2013): Politik, Freiheit und Demokratie - Hannah Arendt und der moderne Republikanismus, in: Schulze Wessel, Julia/Volk, Christian/Salzborn, Samuel (Hg.), Ambivalenzen der Ordnung. Der Staat im Denken Hannah Arendts, Wiesbaden: Springer VS.
*Thiel, Thorsten (2012): „Coleman, Stepen und Jay G. Blumler: "The Internet and Democratic Citizenship"; Dahlgren, Peter: "Media and Political Engagement"; Earl, Jennifer und Kartina Kimport: "Digitally Enabled Social Change. Activism in the Internet Age"" (Sammelrezension), in: Politische Vierteljahresschrift, 53(4), 697-701.

Die radikale Kritik an Institutionen und Normen der globalen normativen Ordnung durch dissidente Akteure stand im Zentrum einer beantragten DFG-Forschergruppe "Internationale Dissidenz. Herrschaft und Widerstand in der globalen Politik", unter Federführung von Nicole Deitelhoff und Christopher Daase. In diesem Kontext erhielten vier der Einzelprojekte, darunter das von Nicole Deitelhoff zu Radikalisierungsprozessen innerhalb von transnationalen Bewegungsgruppierungen, eine zusätzliche Förderung. Diese vier Projekte arbeiten seitdem als Forschungsverbund unter dem Dach des Exzellenzclusters zusammen. Dieser Verbund geht der Frage nach, welche Bedeutung Dissidenz für die Struktur der internationalen Gesellschaft hat, welche Formen sie annimmt und wie auf sie reagiert wird.  
Zwei weitere Projekte untersuchten die Demokratisierung der globalen normativen Ordnung. In ihrer Dissertation zu „Setting new standards: an assessment of the potential of Contestation to improve the democratic quality of global governance“ erforscht Mariana Laeger, inwiefern soziale Bewegungen alternative Politikmechanismen hervorbringen, die das Potenzial haben, globale Politik zu demokratisieren. Daneben kooperierte sie mit Prof. Steffek in einem Projekt zu Transnational governance networks and democracy: what are the standards?, in dem sie untersuchten, ob die Steuerungsleistungen, die durch transnationale Netzwerke erbracht werden, eine Bereicherung oder Bedrohung für die demokratische Qualität des globalen Regierens darstellen. Die Zwischenergebnisse sind erschienen als: Gomes Pereira, Mariana (2011): „Transnational Governance Networks and Democracy: What Are the Standards?“, in: Olaf Dilling/Martin Herberg/Gerd Winter (Hg.): Transnational Administrative Rule-Making: Performance, Legal Effects and Legitimacy, Oxford: Hart, 281-304 (mit Jens Steffek).

Schließlich wurden auch politikfeldspezifische Analysen zu den oben aufgeworfenen Fragen angefertigt. In ihrer Dissertation untersucht Linda Wallbott die diskursive Vermittlung von Gerechtigkeitsargumenten in internationalen Verhandlungen zu Klima- und Biodiversitätspolitik. Teilergebnisse des Projekts sind erschienen als: *Deitelhoff, Nicole/ Wallbott, Linda (2012): „Beyond soft balancing. Small states and coalition building in the ICC and Climate negotiations”, in: Cambridge Review of International Affairs 25(3), 345-366; *Wallbott, Linda (2014): “Keeping discourses separate: explaining the non-alignment of climate politics and human rights norms by small island states in UN climate negotiations”, in: Cambridge Review of International Affairs 27(4), 736-760; *Wallbott, Linda (2014): “'Indigenous Peoples in UN REDD+ Negotiations: ”Importing Power” and Lobbying for Rights through Discursive Interplay Management'”, in: Ecology and Society (19)1, Art.21.

Ebenfalls politikfeldspezifisch orientiert, untersuchte Dr. Theresa Reinold in ihrem  Projekt zu "State failure, terrorism, and the use of force: implications for the international legal order" die Legalität militärischer Interventionen in Staaten, die ihr Territorium nicht effektiv kontrollieren und somit zu einem Nährboden für den transnationalen Terrorismus werden. Ergebnisse dieses Projekts sind erschienen als: *Reinold, Theresa (2011): “State Weakness, Irregular Warfare, and the Right to Self-Defense Post-9/11”, in: American Journal of International Law 105(2), 244-286; *Reinold, Theresa (2011): The United States and the Responsibility to Protect: Impediment, Bystander, or Norm Leader? in: Global Responsibility to Protect 3(1) 2011, 61-87; *Reinold, Theresa (2010): “The Responsibility to Protect: Much Ado about Nothing?” in: Review of International Studies 36: Special Issue S1, 55-78.

Im Politikfeld Sicherheit angesiedelt waren außerdem zwei Projekte von Nicole Deitelhoff, die nach der Sicherheit des Staates fragten.  Das zentrale Erkenntnisinteresse war in diesen Projekten, welche Konsequenzen die zunehmende Privatisierung und Internationalisierung von Sicherheitsaufgaben für den modernen Staat haben. Im Projekt zur "Internationalisierung und Privatisierung der Sicherhei0tspolitik" und ihren demokratietheoretischen Implikationen wurden gemeinsam mit Anna Geis die gleichzeitige Internationalisierung und Privatisierung in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik westlicher Demokratien vergleichend untersucht. Dabei konnten sie aufzeigen, dass sich hier vielfach eine Regierungstechnik abzeichnet, mit der Staaten versuchen, mehr Handlungsautonomie gegenüber ihren Parlamenten und der Öffentlichkeit zu gewinnen. Nichts desto weniger stellen sich aber über Zeit und je nach Ausmaß der Privatisierung dennoch Kontrollverluste ein, die das Gewaltmonopol des Staates auf Dauer auch  gefährden könnten. Diese Gefährdung wird weit deutlicher, wenn es nicht mehr um konsolidierte Wohlfahrtstaaten geht, sondern um schwache Staaten oder Zonen begrenzter Staatlichkeit. In diesen Staaten werden zwar einerseits private Dienstleitungen und Güterproduktion dringender benötigt als in konsolidierten Staaten, zugleich haben sie dort aber auch ein ungleich höheres Potenzial, das (oftmals ohnehin nur schwach etabliert) staatliche Gewaltmonopol auszuhöhlen. Im  Thyssen-Projekt "Private Akteure in Konfliktzonen" hat Nicole Deitelhoff zusammen mit Klaus Dieter Wolf diese Problematik untersucht, indem die starke Rolle privater Wirtschaftsakteure in Konfliktzonen in Räumen begrenzter Staatlichkeit analysiert wurde. Ziel war es, herauszufinden, wie sich das Verhältnis von öffentlich-privat in der Bereitstellung von Sicherheit verändert und welche Governance-Leistungen transnationale Unternehmen in Konfliktzonen erbringen.

Publikationen:

*Deitelhoff, Nicole/Zürn, Michael (2015): “Internationalization and the State. Sovereignty as the External Side of Modern Statehood”, in: Stephan Leibfried, Evelyne Huber, Matthew Lange, Jonah D. Levy, and John D. Stephens (Hg.): The Oxford Handbook of Transformations of the State, Oxford: Oxford University Press.
Deitelhoff, Nicole (2014): „Protest und die demokratische Frage“, in: WestEnd: Neue Zeitschrift für Sozialforschung 2013/2, 62-68.
Deitelhoff, Nicole/Daase, Christopher (2014): Zur Rekonstruktion globaler Herrschaft aus dem Widerstand, Internationale Dissidenz-Working paper 1/2014.
*Deitelhoff, Nicole/Zimmermann, Lisbeth (2014): “From the Heart of Darkness. Critical Reading and Genuine Listening in Constructivist Norm Research”, in: World Political Science Review 10(1), 17-31 (reprint).
*Deitelhoff, Nicole/Zimmermann, Lisbeth (2013): „Aus dem Herzen der Finsternis. Kritisches Lesen und wirkliches Zuhören der konstruktivistischen Normenforschung“, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 20(1), 61-74.
*Deitelhoff, Nicole (2013): „Scheitert die Norm der Schutzverantwortung? Normanwendung und Normbegründung im Streit um die Schutzverantwortung“, in: Die Friedenswarte 88(1), 17-40.
*Deitelhoff, Nicole/Wolf, Klaus Dieter (2013): “Business and Human Rights: How Norm Violators become Norm Entrepreneurs”, in:  Thomas Risse/Stephen Ropp/Kathryn Sikkink (Hg.): From Commitment to Compliance. The Persistent Power of Human Rights, Cambridge: University Press.
Deitelhoff, Nicole/Daase, Christopher (2013): „Internationale Dissidenz - Ein Forschungsprogramm“, in: Junk, Julian/ Volk, Christian (Hg.): Macht und Widerstand in der globalen Politik, Baden-Baden: Nomos, 163- 175.
Deitelhoff, Nicole/Zimmermann, Lisbeth (2013): Things We Lost in the Fire. How Different Types of Contestation Affect the Validity of International Norms, HSFK Arbeitspapiere, 18/2013, Frankfurt/M.
Deitelhoff, Nicole (2013): „Viel Lärm um nichts? Rechtfertigungsnarrative in politischen Verhandlungsprozessen“. In: Andreas Fahrmeir (Hg.): Rechtfertigungsnarrative. Rechtfertigungsnarrative. Zur Begründung normativer Ordnung durch Erzählungen (Reihe: Normative Orders Bd. 7), Frankfurt/M.: Campus, 101-116.
Deitelhoff, Nicole/Zürn, Michael (2013): „Die Internationalen Beziehungen - ein Überblick“, in: Manfred G. Schmidt/Wolf, Frieder/Wurster, Stefan (Hg.), Studienbuch Politikwissenschaft, 381- 410.
Deitelhoff, Nicole/Wolf, Klaus Dieter (2013): „Wirtschaftsunternehmen in Konflikten: Das Wechselspiel staatlicher und gesellschaftlicher (Ent)-Politisierung privater Sicherheitsleistungen“, in: Ecker-Erhardt, Matthias/ Zürn, Michael (Hg.): Die Politisierung der Weltpolitik, Berlin: Suhrkamp, 158- 189.
*Deitelhoff, Nicole/Wallbott, Linda (2012): “Beyond Soft Balancing. Small states and coalition-building in the ICC and Climate Negotiations”, in: Cambridge Review of International Studies 25(3), 345-366.
*Deitelhoff, Nicole (2012): „Leere Versprechungen? Deliberation und Opposition im Kontext transnationaler Legitimitätspolitik“, in: Leviathan, Sonderheft "Aufstieg der Legitimitätspolitik" 27, 63-82.
Deitelhoff, Nicole/Fischer-Lescano, Andreas (2012): „Politik und Recht der privaten Sicherheit, in: Peter Mayer/Andreas Fischer-Lescano (Hg.): Privatisierung und Internationalisierung von Recht und Sicherheit, Frankfurt/M.: Campus.
Deitelhoff, Nicole (2012): “Is Fair Enough? Legitimation internationalen Regierens durch deliberative Verfahren“, in: Niesen, Peter (Hg.), Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie, Frankfurt/M: Campus, 103-130.
*Deitelhoff, Nicole/Wisotzki, Simone/Wolff, Jonas (2011): „Frieden first: Das Werk von Harald Müller auf dem Weg zu "Just Peace Governance"“, in: Claudia Baumgart-Ochse/Niklas Schörnig/Simone Wisotzki/Jonas Wolff (Hg.), Auf dem Weg zu Just Peace Governance. Beiträge zum Auftakt des neuen Forschungsprogramms der HSFK, Baden-Baden: Nomos, 27-44.
Deitelhoff, Nicole/Geis, Anna (2011): “Beyond the Taboos? Die Privatisierung des Militärs“, in: Nina Leonhardt/Jacqueline Werkner (Hg.): Militärsoziologie. Eine Einführung, Heidelberg: VS-Verlag, 139-157.
Deitelhoff, Nicole (2011): „Gerechtigkeit und Frieden durch den internationalen Strafgerichtshof?“ in: Joseph Braml/Thomas Risse/Eberhard Sandschneider (Hg.): Einsatz für den Frieden. Sicherheit und Entwicklung in Räumen begrenzter Staatlichkeit, DGAP-Jahrbuch Internationale Politik, Oldenbourg: De Gruyter, 287-294.
Deitelhoff, Nicole/Wolf, Klaus Dieter (2011): “Business in Zones of Conflict: an Emergent Corporate Security Responsibility?”, in: Aurora Voiculescu/Helen Yanacopulos (Hg.), London/New York: Zed Books, 166-187.
*Deitelhoff, Nicole (2010): „Parallele Universen oder Verschmelzung der Horizonte“, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 17(2), 279-292.
*Deitelhoff, Nicole/Wolf, Klaus Dieter (Hg.) (2010): Corporate Security Responsibility? Corporate Governance Contributions to Peace and Security in Zones of Conflict, Basingstoke: Palgrave Macmillan.
*Deitelhoff, Nicole (2010): “Private Security and Military Companies: The other Side of Business and Conflict”, in: Nicole Deitelhoff/Klaus Dieter Wolf (Hg.): Corporate Security Responsibility, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 177-201.
*Deitelhoff, Nicole/Wolf, Klaus Deiter (2010): “Corporate Security Responsibility? Corporate Governance Contributions to Peace and Security in Zones of Conflict”, in: Corporate Security Responsibility?, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 1-25.
*Deitelhoff, Nicole/Feil, Moira/Fischer, Susanne/Haidvogl, Andreas/Wolf, Klaus Dieter/Zimmer, Melanie (2010): “Business in Zones of Conflict and Global Security Governance: What has Been Learnt and Where to from here?”, in Nicole Deitelhoff und Klaus Dieter Wolf (Hg.): Corporate Security Responsibility, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 202-226.
*Deitelhoff, Nicole/Wagner, Wolfgang/Peters, Dirk (2010): “Parliaments and European security policy. Mapping the parliamentary field”, in: European Integration Online Papers (EIOP) 14: 1,http://eiop.or.at/eiop/texte/2010-012a.htm.
*Deitelhoff, Nicole/Geis, Anna (2010): „Entkernt sich der Leviathan? Die organisatorische und funktionelle Umrüstung der Militär- und Verteidigungspolitik westlicher Demokratien“, in: Leviathan 38(3), 389-410.
Deitelhoff, Nicole/Steffek, Jens (Hg.) (2009): „Was bleibt vom Staat? Chancen und Aporien von Recht, Verfassung und Demokratie jenseits des Nationalstaats“, Frankfurt/M.: Campus.
Deitelhoff, Nicole/Wolf, Klaus Dieter (2009): „Der Widerspenstigen Selbst-Zähmung? Zur Professionalisierung der Internationalen Beziehungen in Deutschland“, in: Politische Vierteljahresschrift 50(3), 451-475.
*Deitelhoff, Nicole (2009): “The Discursive Process of Legalization. Charting Islands of Persuasion in the ICC case”, in: International Organization 63(1), 33-66.
*Deitelhoff, Nicole (2009): “Isolated Hegemon: The Creation of the International Criminal Court, ICC”, in: Kendall Stiles/Stefan Brem (Hg.): Cooperating without America. Theories and Case Studies of Non-Hegemonic Regimes, London: Routledge, 147-172.
Deitelhoff, Nicole (2009): „Grenzen der Verständigung. Zu den Voraussetzungen der Einhegung kultureller Fragmentierung im internationalen Regieren“, in: Nicole Deitelhoff/Jens Steffek (Hg.), Was bleibt vom Staat? Demokratie, Recht und Verfassung im globalen Zeitalter, Frankfurt/M.: Campus, 187-220.
Deitelhoff, Nicole/Steffek, Jens (2009): „Einleitung: Staatlichkeit ohne Staat. Chancen und Aporien von Recht, Verfassung und Demokratie jenseits des Nationalstaats“, in: “, in: Nicole Deitelhoff/Jens Steffek (Hg.), Was bleibt vom Staat? Demokratie, Recht und Verfassung im globalen Zeitalter, Frankfurt/M.: Campus, 7-34.
Deitelhoff, Nicole (2009): „Demokratische Legitimitätschancen transnationaler Verhandlungssysteme“, in: Hauke Brunkhorst (Hg.), Demokratie in der Weltgesellschaft (Sonderheft Soziale Welt).
*Deitelhoff, Nicole/Geis, Anna (2009): Securing the State, Undermining Democracy, TranState Working Paper, Universität Bremen.
*Deitelhoff, Nicole (2009): The Business of Security and the Transformation of the State, TranState Working Paper, Universität Bremen.

Professur des Exzellenzclusters – Gender/Postkoloniale Studien

Jun.-Prof. Dr. Nikita Dhawan

Die Professur für Gender/Postkoloniale Studien, in der das Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies (FRCPS) als Forschungsprogramm verankert ist, hat vier Schwerpunkte identifiziert:

1. „Rasse“, Klasse, Geschlecht, Sexualität und Post/Kolonialismus
2. Postkoloniale Diasporas und Transnationalismus
3. Globalisierung und Post-Development Studien und
4. Dekolonisierung, Demokratisierung und Geschlechtergerechtigkeit.  

Innerhalb dieser Schwerpunkte waren zwischen 2008 und 2012 wiederum fünf Forschungsbereiche angesiedelt, die im Rahmen des Forschungsprojekts „Aushandlungen von Normativität: Feministische-Postkoloniale Interventionen (Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies - FRCPS)“ durchgeführt wurden.
Ziel des Forschungsprojektes war es, die Bedeutung von Normen, die unter den Bedingungen des Kolonialismus geformt wurden, für die gegenwärtige Verfasstheit einer Weltpolitik zu untersuchen, die ihrerseits nachhaltig mit dem Erbe des Kolonialismus konfrontiert ist. Die miteinander verflochtenen Teilprojekte beleuchteten sowohl den historischen Entstehungskontext von Normen als auch ihre gegenwärtigen Aushandlungen in einer postkolonialen Welt. Der Fokus lag auf der ambivalenten Funktion von Normen: Obwohl Normen als Leitprinzipien für die subjektive Lebensgestaltung und als Orientierung für die Transformation der sozialen Welt unentbehrlich sind, üben sie – zuweilen auch gewaltvolle – Zwänge auf Individuen aus. Obwohl Normen notwendig sind, muss ihnen folglich auch Widerstand entgegengesetzt werden.
Die Analyse von Normativität aus transnationaler Perspektive trug dazu bei, das Wesen und die Praxis feministisch-postkolonialer Theorie und Politik neu zu denken. Die gegenwärtige Weltordnung wurde nicht nur in geopolitischer und strategischer Hinsicht betrachtet, sondern ebenso mithilfe normativer Konzepte wie Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden. Dabei wurde die Legitimität umfassender normativer Systeme mit globaler Reichweite und Geltung untersucht.

Normativität übt verschiedene Funktionen aus. Als Strategien der Normalisierung, die soziale Praxen und Interaktionen regeln, definieren Normen implizite (soziale und kulturelle), als auch explizite (kodifizierte) Verhaltensregeln. Als Prinzipien der Valorisierung honorieren sie Folgsamkeit und sanktionieren Devianz. Der Fokus liegt hierbei auf ‚normativer Gewalt‘, womit die Gewalt spezifischer Normen gemeint ist, die definieren, wer sich als politisches Subjekt qualifiziert. Neben der Gewalt von Normen kann ihre Macht jedoch ebenso in einem produktiven Sinne verstanden werden: Normen bringen gewisse legitime Subjekte hervor, indem sie andere delegitimieren. Die Entstehung politischer Handlungsfähigkeit wird durch Normen also zugleich ermöglicht und behindert. Obwohl Subjekte von normativen Ordnungen abhängig sind und aus ihnen hervorgehen, sind sie nicht vollständig durch sie determiniert. Hierin liegt die Möglichkeit, Widerstand gegen Normen zu entwickeln.
Da Normen keine von menschlichen Praxen losgelöste, objektive und ahistorische Gegebenheit sind, ist Normativität stets verhandelbar. Ein kritisches Verhältnis zu Normen zu entwickeln, setzt jedoch die Fähigkeit voraus, den Horizont des Gegenwärtigen zu überschreiten und die Möglichkeit anderer normativer Ordnungen zu erwägen. Insbesondere die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, stellt den Ausgangspunkt für Kämpfe um alternative Artikulationen von Normen dar und eröffnet somit den Raum für kreative Handlungsfähigkeit.

Feministisch-postkoloniale Praxen, die häufig an den Rändern der Macht verortet sind, verfolgen die Transformation von etablierten Normen und/oder die Einführung alternativer Normen mit dem Ziel, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse von verletzlichen und marginalisierten Gruppen zu verbessern. Anstelle einer bloßen Übernahme von vermeintlich universell gültigen normativen Ordnungen erfordert dies eine Hinterfragung derselben. In Abgrenzung zu kulturrelativistischen Ansätzen verwirft eine feministisch-postkoloniale Perspektive jedoch nicht schlicht spezifische Normen und Ideen, deren Genese in einem westlichen Androzentrismus verortet wird. Vielmehr wird eine Offenlegung und (Neu-)Verhandlung ihrer grundlegenden Prämissen angestrebt, die mit der Geschichte des Kolonialismus eng verwoben sind. Folglich schlug das Forschungsprojekt eine zweifache Herangehensweise ein: Über die kritische Hinterfragung der Trennung von ‚lokal‘ und ‚global‘ wurden in synchroner Perspektive die historischen Bedingungen und die gegenwärtigen vergeschlechtlichten Machtverhältnissen zwischen globalem Süden und Norden als Entstehungs- und Geltungskontext von Normen betrachtet. Darüber hinaus wurden im Rahmen des Projektes die Wirkungsweisen erforscht, über die Normen Formen von Subjektivität und Intersubjektivität regulieren. Vergeschlechtlichte koloniale und postkoloniale Ordnungen wurden dabei sowohl als Machtverhältnisse, als auch als normative Ordnungen verstanden. Die dem Projekt zugrunde liegende Annahme war, dass alternative Konzeptionen von Normativität in eben jenem Moment entstehen, in dem eurozentrische und heteronormative Ordnungen und Normen herausgefordert werden. Daher wurde neben der Frage, wie Normen entstehen, überdies untersucht, wie Normen in Kämpfen um Inklusion, Gerechtigkeit und Gleichheit gedacht und angeeignet werden, um historische Gewalt zu überwinden.
Unter Berücksichtigung historisch gewachsener vergeschlechtlichter Machtverhältnisse lag der Fokus der fünf Teilprojekte darauf, die Spannungen zwischen verschiedenen Formen von Normen, aber auch die Möglichkeiten ihrer Verhandelbarkeit und ihre Legitimität zu untersuchen. Dabei lag die Aufmerksamkeit darauf, wie verschiedene politische Akteure zum einen die ungleichen Verhältnisse zwischen dem globalem Norden und dem globalen Süden, sowie zum anderen innerhalb des Nordens und Südens unter den Bedingungen des Postkolonialismus verhandeln.

Teilprojekt 1: Dekolonisierung und Demokratisierung (Nikita Dhawan):

Ausgangspunkt des Projekts bildete die Frage, inwiefern gegenwärtige Diskurse zu Demokratie, Transnationaler Gerechtigkeit und Menschenrechten durch das koloniale Erbe geprägt sind. Im ersten Schritt wurde der Fokus auf die Ambivalenz von Normen gelegt, wobei insbesondere untersucht wurde, inwiefern Normen zeitgleich eine befähigende und gewaltvolle Funktion ausüben. Die Ergebnisse werden in einem Sammelband veröffentlicht, der im Jahr 2011 beim Ashgate-Verlag erschien. Darauf aufbauend setzte sich der zweite Teil des Projekts mit Fragen der transnationalen Gerechtigkeit aus einer postkolonialen-feministischen Perspektive auseinander. Über eine kritische Analyse von Beiträgen feministischer Denkerinnen wie Nancy Fraser, Seyla Benhabib, Iris Marion Young, Judith Butler und Gayatri Chakravorty Spivak, beschäftigte sich dieser Teil des Forschungsprojektes mit der Herausforderung der Dekolonisierung und mit der Frage: Wie kann die Subalterne von einem Objekt der Gutmütigkeit hin zu einer demokratischen Akteurin transformiert werden? Wichtig für die Recherche waren unter anderem die Forschungsaufenthalte in Mumbai/Indien (März 2010) und Südafrika (September 2010). Diese haben insbesondere drei Ziele verfolgt: Erstens dienten sie notwendigen Literaturrecherchen in verschiedenen spezialisierten Bibliotheken. Vor allem ging es darum, neustes Material postkolonialer Theorie und feministischer Theoriebildung zu sichten. Zweitens ermöglichten sie es Experten und Expertinnen aus dem Bereich der feministisch-politischen Philosophie und postkolonialen Theorie in Indien zu treffen und drittens einen Einblick in die aktuellen Trends innerhalb der Forschung zu Dekolonisierung im indischen Kontext zu erhalten. Teile des Forschungsprojekts wurden an der Mumbai Universität und der Witswatersrand Universität präsentiert und mit Wissenschaftler/innen vor Ort diskutiert. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse auf mehreren (internationalen) Konferenzen vorgestellt und im Rahmen eines Sammelbands und mehrerer Buchbeiträge veröffentlicht.

Teilprojekt 2: Geschlechterverhältnisse neu verhandeln - Die Geschlechternormen der Vereinten Nationen in post-Genozid-Ruanda (Rirhandu Mageza-Barthel):

Das Teilprojekt von Rirhandu Mageza-Barthel schließt an die Forschung prominenter feministische Theoretikerinnen an, die liberale Annahmen über die Qualität von Demokratien und demokratischen Prozesse kritisieren, in denen Fragen der In- und Exklusion weder thematisiert noch problematisiert werden. Für den postkolonialen Staat Ruanda, der nach dem Genozid einen Wiederaufbau und eine Neuverhandlung seiner politischen und sozialen Ordnung bedurfte, ist eine kritische Hinterfragung der Grundüberlegungen zu politischer Partizipation und Repräsentation von besonderer Bedeutung. Das Projekt untersuchte den Zusammenhang zwischen nationalen und internationalen Normen nach dem Genozid in einem postkolonialen, Kontext. Hierzu wurden feministische Ansätze zur Domestizierung von internationalen Geschlechternormen sowohl im Allgemeinen wie spezifisch mit Bezug auf post-Konflikt-Länder und Länder des Globalen Südens untersucht, was zu einer Weiterentwicklung feministischer Ansätze der Normdomestizierung beitrug. Der Geschlechteranalyse des ruandischen Genozids lag die Annahme zugrunde, dass die geschlechtsspezifischen Politik- und Konflikterfahrungen seit der Unabhängigkeit Ruandas die geschlechterpolitischen Interessen von Frauen in post-Genozid-Ruanda prägen. In diesem Zusammenhang fand ein Forschungsaufenthalt in Südafrika zur Literaturrecherche und zum Expertenaustausch statt. Die Ergebnisse des Projekts sind in mehreren internationalen und begutachteten Buchbeiträgen veröffentlicht worden.

Teilprojekt 3: Verantwortung für den ‚Anderen‘ in einer postkolonialen Welt. Zur Dekonstruktion und Dekolonisierung kosmopolitischer Normen (Jeanette Ehrmann):

Das Teilprojekt von Jeanette Ehrmann rekonstruierte aus ideengeschichtlicher und systematischer Perspektive Konzeptionen kosmopolitischer Normen seit Beginn des modernen Kolonialismus durch die Eroberung Amerikas. Das Projekt verfolgte die Fragestellung, wie die Beziehung zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten, allgemein zwischen Europa und seinem (konstruierten) ‚Anderen‘ in normativen Begriffen wie denen der Gerechtigkeit und Verantwortung und damit korrespondierenden Rechten und Pflichten konzipiert wurde. Die Schwerpunkte lagen dabei auf den Schriften Francisco de Vitorias und Bartholomé de las Casas‘ sowie auf den Diskursen um Gleichheit bzw. Ungleichheit in Zusammenhang mit der Haitianischen Revolution und der Abschaffung der Sklaverei. Die Rekonstruktion zielte auf kritische Einsichten für Konzeptionen transnationaler Gerechtigkeit und Verantwortung unter den Bedingungen des Postkolonialismus mit dem Fokus auf ausgewählte Stationen der politischen Ideengeschichte wie der Schule von Salamanca und auf die Haitianische Revolution. Darüber hinaus wurde ein epistemologischer Zugang entwickelt, der postkoloniale Perspektiven für Fragestellungen der politischen Theorie fruchtbar machen soll, insbesondere eine Dekolonisierung von Theorie im Anschluss an Walter Mignolo sowie eine dekonstruktive Lektüre der Klassiker der abendländischen Philosophie, die sich an Gayatri Chakravorty Spivak orientiert. Damit fand eine systematische Analyse kosmopolitischer Normen aus postkolonialer Perspektive statt.

Teilprojekt 4: Feministische Konzeptionen von Normativität und transnationale Literalität (Elisabeth Fink):

Das Teilprojekt von Elisabeth Fink behandelte den Prozess der Transnationalisierung von Gewerkschaften sowie die Frage nach einer adäquaten Thematisierung der Feminisierung von Arbeit und der ‚neuen‘ internationalen Arbeitsteilung aus postkolonial-feministischer Perspektive. Im Zentrum stehen hierbei Ansätze der (internationalen) Regulierung von Arbeit, die am Fallbeispiel der bangladeschischen Bekleidungsindustrie auf ihre Potentiale und Grenzen hin untersucht werden. Zu diesem Zweck wurde Expertenwissen von Gewerkschaftsvertreterinnen aus Bangladesch erhoben und im August 2010 eine explorative Feldforschung durchgeführt. Während des Forschungsaufenthalts wurden eine Topografie der relevanten Akteure und die Strukturierung des Forschungsfeldes anhand von Expertenwissen vorgenommen. Zum Jahreswechsel 2011/2012 fand die Haupterhebungsphase ebenfalls in Dhaka statt, während der über 30 qualitative Interviews geführt wurden.

Teilprojekt 5: Dekolonialisierung transnationaler Allianzbildung. Die Verhandlung von Differenz in der Bewegung für Globale Gerechtigkeit (Johanna Leinius):

In ihrem Teilprojekt untersuchte Johanna Leinius seit Mitte 2011 wie in der Bewegung für Globale Gerechtigkeit Differenz verhandelt wird, indem sie das Format und die Durchführung von interkulturellen und inter-epistemischen Workshops zwischen sozialen Bewegungen in Hinblick auf ihre Machtdynamiken analysierte. Ausgehend von den Einsichten der postkolonial-feministischen Theorie diskutierte sie das Potential der Bewegung für Globale Gerechtigkeit, eine transversale Politik der Allianzenbildung zu initiieren. Hierzu wurde der Forschungsstand aufbereitet und eine explorative Feldforschung in Lima/Peru vorbereitet.

Aus der Arbeit im Berichtszeitraum sind an der Professur folgende Publikationen hervorgegangen:
(Begutachtete Publikationen sind mit * gekennzeichnet.)

Monographien und Sammelbände:
Dhawan, Nikita, Elisabeth Fink, Johanna Leinius und Rirhandu Mageza-Barthel (Hg.) (2016): Negotiating Normativity: Postcolonial Appropriations, Contestations and Transformation, New York: Springer.
*Dhawan, Nikita/Engel, Antke/Holzhey, Christoph H.E. /Woltersdorff, Volker (2016): Global Justice and Desire. Queering Economy, London: Routledge.
Dhawan, Nikita (Hg.) (2014): Decolonizing Enlightenment: Transnational Justice, Human Rights and Democracy in a Postcolonial World (Buchreihe Arbeitskreis 'Politik und Geschlecht'), Opladen und Farmington Hills: Barbara Budrich Verlag.
Dhawan, Nikita/Castro Varela, María do Mar (2011): Soziale (Un)Gerechtigkeit: Kritische Perspektive auf Diversität, Intersektionalität und Anti-Diskriminierung, Münster: LIT.
* Dhawan, Nikita/ Castro Varela, María do Mar/ Engel, Antke (Hg.) (2011): Hegemony und Heteronormativity, Hampshire: Ashgate.
Dhawan, Nikita/ Castro Varela, María do Mar (Hg.) (2009): „Feministische Postkoloniale Theorie – Gender und (De)Kolonisierungsprozesse“, Femina Politica - die Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, Heft 02/2009.
Ehrmann, Jeanette (2020, i.E.): Tropen der Freiheit. Die Haitianische Revolution und die Dekolonisierung des Politischen, Berlin: Suhrkamp.
Fink, Elisabeth (2018): Transnationaler Aktivismus und Frauenarbeit. Social Movement Unionism in Bangladesh, Frankfurt/New York: Campus.
Mageza-Barthel, Rirhandu (2015): Mobilizing Transnational Gender Politics in Post-Genocide Rwanda, (Gender in a Global/Local World Series), Farnham/Burlington: Ashgate.

Zeitschriftenartikel
*Dhawan, Nikita (2013): “Coercive Cosmopolitanism and Impossible Solidarities”, in: Qui Parle: Critical Humanities and Social Sciences (Special Issue: “Human Rights between Past and Future”), Vol. 22 (1): 139-166.
*Dhawan, Nikita (2013): „Postkoloniale Gouvernementalität und die Politik der Vergewaltigung: Gewalt, Verletztlichkeit und der Staat“, in: Femina Politica: Zeitschrift für Feministische Politikwissenschaft 2: 85-104.
*Dhawan, Nikita (2013): “The Empire Prays Back: Religion, Secularity and Queer Critique”, in: Boundary 2, 40(1): 191-222.
Dhawan, Nikita (2012): „Postkoloniale Staaten, Zivilgesellschaft und Subalternität“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 44–45: 30-38.
*Dhawan, Nikita (2011): “Transnational Justice, Counterpublic Spheres and Alter-Globalization”, in: Localities 2: 79-116.
Dhawan, Nikita (2011): „Überwindung der Monokulturen des Denken: Philosophie dekolonisieren“, in: Polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 25: 39-54.
*Dhawan, Nikita (2009) „Zwischen Empire und Empower: Dekolonisierung und Demokratisierung“, in: Femina Politica (Schwerpunktheft: Feministische Postkoloniale Theorie – Gender und (De)Kolonisierungsprozesse), Heft 02/2009: 52-63.
*Dhawan, Nikita, Castro Varela, María do Mar (2009): „Europa provinzialisieren? Ja, bitte! Aber wie?“, in: Femina Politica, Schwerpunktheft: Feministische Postkoloniale Theorie – Gender und (De)Kolonisierungsprozesse, Heft 02/2009: 9-18.
Dhawan, Nikita/ Castro Varela, María do Mar (2009): „Dekolonisierung und die Herausforderungen Feministisch-Postkolonialer Theorie“, in: Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst: 22-25.
Dhawan, Nikita (2008): „Internationale Arbeitsteilung und globale Gerechtigkeit“, in: ROSA - Zeitschrift für Geschlechterforschung an der Universität Zürich (Fokus: Ökonomie)(37).
Dhawan, Nikita (2008): „Postkoloniale Feminismus und die Politik der Subalternität“, in: Olympe. Feministische Arbeitshefte zur Politik (Fokus: Postkolonialismus: Logik und Perspektiven) 27: 36-41.
Ehrmann, Jeanette (2009): “Traveling, Translating and Transplanting Human Rights. Zur Kritik der Menschenrechte aus postkolonial-feministischer Perspektive“, in: Femina Politica (Schwerpunkt: Feministische Postkoloniale Theorie – Gender und (De)Kolonisierungsprozesse), Heft 02/2009: 84-95.
*Fink, Elisabeth (2014): “Trade Unions, NGOs and Transnationalisation: Experiences from the Ready-made Garment Sector in Bangladesh”, in: ASIEN (130): 1-16.
Fink, Elisabeth/Ruppert, Uta (2009): „Postkoloniale Differenzen über transnationale Feminismen. Eine Debatte zu den transnationalen Perspektiven von Chandra T. Mohanty und Gayatri C. Spivak“, in: Femina Politica (Schwerpunkt: Feministische Postkoloniale Theorie – Gender und (De-)Kolonisierungsprozesse), Heft 02/2009: 64-74.
Mageza-Barthel, Rirhandu/Schwarzer, Beatrix (2009): 'Gleichheit oder Gleichgültigkeit? Vom Ende der Regenbogennation', in: Femina Politica (Schwerpunkt: Feministische Postkoloniale Theorie – Gender und (De)Kolonisierungsprozesse): 74-84.

Buchbeiträge
Dhawan, Nikita (2016): „Politische Theorie der Subalternität. Gayatri Chakravorty Spivak“, in: A. Brodocz/G. Schaal (Hg.), Politische Theorien der Gegenwart (Band III, Kapitel V), Opladen and Farmington Hills: UTB/Barbara Budrich, 169-196.
Dhawan, Nikita/ Castro Varela, María do Mar (2013): „Human Rights and its Discontents: Postkoloniale Interventionen in Menschenrechtspolitik“, in: Menschenrechte. Transdisziplinäre Herausforderungen, Weinheim: Beltz Juventa, 144-161.
Dhawan, Nikita (2012): “Hegemonic Listening and Subversive Silences: Ethical-Political Imperatives”, in: A. Lagaay/M. Lorber (eds.): Destruction in the Performative, Amsterdam: Rodopi, 47-60.
*Dhawan, Nikita (2012): “Transitions to Justice”, in: S. Buckley-Zistel/R. Stanley (Hg.), Gender in Transitional Justice, Basingstoke: Palgrave MacMillan, 264-283.
Dhawan, Nikita (2011): Transnationale Gerechtigkeit in einer Postkolonialen Welt, in: M. Castro Varela/N. Dhawan (Hg.), Soziale (Un)Gerechtigkeit: Kritische Perspektive auf Diversität, Intersektionalität und Anti-Diskriminierung, Münster: LIT, 12-35.
*Dhawan, Nikita/ Castro Varela, María do Mar/Engel, Antke (2011): “Hegemony and Heteronormativity”, in: M. Castro Varela/N. Dhawan/A. Engel (Hg.), Hegemony und Heteronormativity, Hampshire: Ashgate, 1-24.
*Dhawan, Nikita/ Castro Varela, María do Mar (2011): “Normative Dilemmas and the Hegemony of Counter-Hegemony”, in: M. Castro Varela/N. Dhawan/A. Engel (Hg.), Hegemony und Heteronormativity, Hampshire: Ashgate, 91-119.
Dhawan, Nikita (2010): “Justifying Colonialism/Decolonising Justice: The (im)possibility of undoing the discontinuity between Recht (law) and Gerechtigkeit (justice)”, in: L. Arndt et. al. (Hg.), Die Teilung der Erde. Tableaux zu rechtlichen Synopsen der Berliner Afrika-Konferenz, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 99-100.
Dhawan, Nikita/ Castro Varela, María do Mar (2010): “La violencia de la representación y la representación de la violencia”, in: B.M. Lucas (Hg.), Violencias (in)visibles, Barcelona: Icaria, 15-27.
Dhawan, Nikita (2010): „Spivak: Epistemische Gewalt und subalternes Schweigen“, in: H. Kuch/S. Herrmann (Hg.), Philosophien sprachlicher Gewalt, München: Fink Verlag, 370-386.
Dhawan, Nikita/Castro Varela, María do Mar (2009): „Gendering Post/Kolonialismus, Decolonising Gender – Feministisch-Postkoloniale Perspektiven“, in: I. Kurz-Scherf/J. Lepperhoff/A. Scheele (Hg.), Feminismus: Kritik und Intervention, Münster: Westfälisches Dampfboot, 64-81.
Dhawan, Nikita/Castro Varela, María do Mar (2009): „Mission Impossible? Postkoloniale Theorie im deutschsprachigen Raum“, in: J. Reuter/P. Irene-Villa (Hg.), Postkoloniale Soziologie. Theoretische Anschlüsse - Empirische Befunde - politische Interventionen, Bielefeld: transcript, 239-260.
Dhawan, Nikita/Castro Varela, María do Mar (2009): „Queer mobil? Heteronormativität und Migrationsforschung“, in: H. Lutz (Hg.), Gender-Mobil? Vervielfältigung und Enträumlichung von Lebensformen - Transnationale Räume, Migration und Geschlecht, Münster: Westfälisches Dampfboot, 102-121.
Dhawan, Nikita/Castro Varela, María do Mar (2009): „Breaking the Rules: Bildung und Postkolonialismus“, in: C. Mörsch, et al. (Hg.), Kunstvermittlung 2: Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung auf der documenta 12, Zürich: Diaphanes, 339-353.
Dhawan, Nikita/Castro Varela, María do Mar/Randeria, Shalini (2009): „Postkoloniale Theorie“,  in: S. Günzel (Hg.), Raumwissenschaften, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 308-323.
Ehrmann, Jeanette (2012): „Politiken der Übersetzung. Die Haitianische Revolution als Paradigma einer Dekolonisierung des Politischen“, in: Holger Zapf (Hg.), Nichtwestliches politisches Denken: Zwischen kultureller Differenz und Hybridisierung, Wiesbaden: Springer VS, 109–125
Ehrmann, Jeanette (2011): „Jenseits der Linie. Ausnahmezustand, Sklaverei und Thanatopolitik zwischen Aufklärung und (Post-) Kolonialismus“, in: Daniel Loick (Hg.), Der Nomos der Moderne. Die politische Philosophie Giorgio Agambens, Baden-Baden: Nomos, 128-148.
*Mageza-Barthel, Rirhandu (2016): “Tracing Women's Rights after Genocide: The Case of Rwanda”, in: Annick T.R. Wibben (Hg.), Researching War: Feminist Methods, Ethics and Politics (Interventions Series). London: Routledge, 147-166.  
*Mageza-Barthel, Rirhandu (2016): Mobilizing Transnational Gender Politics in Post-Genocide Rwanda (Gender in a Global/Local World Series), New York: Routledge (first published 2015 by Ashgate Publishing).
*Mageza-Barthel, Rirhandu (2012): “Asserting their Presence! Women's Quest for Transitional Justice in Post-Genocide Rwanda”, in: Buckley-Zistel, Susanne, Ruth Stanley (Hg.), Gender in Transitional Justice (Governance and Limited Statehood Series). Basingstoke/New York, 163-190.

Handbucheinträge
Dhawan, Nikita/Randeria, Shalini (2013): “Perspectives on Globalization and Subalternity”, in: G. Huggan (Hg.): Oxford Handbook on "Postcolonialism", Oxford: Oxford University Press, 559-586.
Dhawan, Nikita (2012): “Diaspora”, in: M. Evans und C. Williams (Hg.): Gender: The Key Concepts (Routledge Key Guides), London: Routledge, 48-54.
Dhawan, Nikita (2011): „Postkolonialismus“, in: M. Hartmann und C. Offe (Hg.): Politische Theorie und Politische Philosophie. Ein Lexikon, München: Verlag C.H.Beck, 55-58.
Dhawan, Nikita/Castro Varela, María do Mar/Randeria, Shalini (2010): „Postkolonialer Raum: Grenzdenken und Thirdspace“, in: S. Günzel (Hg.), Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart: Metzler, 177-189.

Rezension:
Fink, Elisabeth/Ehrmann, Jeanette (2012): „Frauen aus der Dritten Welt und Erkenntniskritik? Die postkolonialen Untersuchungen von Gayatri C. Spivak zu Globalisierung und Theorieproduktion“ von Christine Löw, Sulzbach/Taunus: Ulrike Helmer Verlag, in: Femina Politica. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, Heft 2/2010, 149-150.


Während der Laufzeit wurden folgende Veranstaltungen durchgeführt:  

Internationale Vorlesungsreihe:
WiSe 2009/2010: “Gender and the Political in a Postcolonial World: Negotiating Normativity“ in Kooperation mit dem Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse (CGC)

Workshops und Konferenzen:
23.11.2009: Internationale Tagung anlässlich der Gründung des Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies (FRCPS) (400 TeilnehmerInnen)
24.-26.06.2010: Internationale Konferenz: “Desiring Just Economies/Just Economies of Desire” in Kooperation mit dem Institute for Queer Theory (Berlin/Hamburg), Institute for Cultural Inquiry (Berlin), SFB “Cultures of the Performative” (Berlin) (200 TeilnehmerInnen)
27.-28.11.2010: Internationale Konferenz: “Re-Imagining Gender and Politics: Transnational Feminist Interventions“  in Kooperation mit dem AK Politik und Geschlecht (DVPW) (110 TeilnehmerInnen)
16.-18.06.2011: Internationale Graduiertenkonferenz: “Colonial Legacies, Postcolonial Contestations: Decolonizing the Social Sciences and the Humanities” (500 TeilnehmerInnen)
21.05.2011: Event: “What is Critique? – Judith Butler and Gayatri Chakravorty Spivak in conversation with Nikita Dhawan & María do Mar Castro Varela” (1000 TeilnehmerInnen)
28.09.2012: Internationaler Workshop: “Entangled Legacies: Enlightenment, Colonialism and the Holocaust” (50 TeilnehmerInnen)

Vorträge:
28.01.2010: Daniel Feierstein (Faculty of  Genocide Studies, University of Buenos Aires): “Genocide as a Social Practice with special focus on Argentina”
30.04.2010: Christine M. Jacobsen (IMER Bergen/Unifob Global) and Randi Gressgård (Centre for Women’s and Gender Research (SKOK), UiB): „Tolerance and Citizenship“
02.06.2010: Rajeev Bhargava (Center for Study of Developing Societies, New Delhi): "Are European States Secular?"
09.07.2010: Ilan Kapoor (York University, Toronto): “The Postcolonial Politics of Development”
09.07.2010: Ana Agostino (Feminist Task Force (FTF), Uruguay): “Poverty and Gender”
05.11. 2010: Georg Klauda (Berlin): “Orientalismus der (Homo-)Sexualität”
05.11.2010: Ursula Scheidegger (Faculty of Political Science, University of Witswatersrand): “Fascination Africa? - Of explorers, missionaries, researchers, cooperation, partnerships and more....”
09.06.2011: Efe Cakmak – Memorial Conflicts of Europe
10.07.2011: Diana Mulinari and Irene Molina – Exploring the colonial heritage of feminism: gender equality and racism in Sweden

FRCPS Kolloquium: monatliches FRCPS Colloquium für Studierende, Doktoranden und Postdocs

Professur des Exzellenzclusters – Makroökonomie und Entwicklung

Prof. Dr. Nicola Fuchs-Schündeln

Präferenzen (z.B. Risikoaversion, Altruismus und Fairness) spielen in der Erklärung ökonomischen Verhaltens eine entscheidende Rolle. Gemeinsame Strömungen einiger dieser Präferenzen können durchaus als normative Ordnungen verstanden werden. In den Wirtschaftswissenschaften werden ökonomische Präferenzen typischerweise als konstant angenommen. Erst in jüngster Zeit befasst sich die Forschung vermehrt mit dem Ursprung dieser Präferenzen, z.B. der Frage, ob sie angeboren oder aber anerzogen sind („nature“ vs. „nurture“).

Die Forschung der Clusterprofessur Makroökonomie und Entwicklung ging der Frage nach, welche Rolle individuelle Erfahrungen in der Vergangenheit bei der Bildung dieser Präferenzen spielen. Dabei konzentrierte sie sich auf Präferenzen bezüglich staatlicher Eingriffe in das wirtschaftliche Leben sowie auf Präferenzen bezüglich des politischen Systems. Werden Präferenzen zur Umverteilung maßgeblich von Erfahrungen mit dem ökonomischen System im eigenen Land geprägt? Steigt die Unterstützung für ein marktwirtschaftliches Wirtschaftssystem, je länger das System etabliert ist?

In einem jüngeren Forschungsprojekt untersuchte Fuchs-Schündeln die Determinanten der Unterstützung von Demokratie am Beispiel der Staaten Afrikas südlich der Sahara. Eine zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung entwicklungspolitischer Aktivitäten in den Bereichen von Marktwirtschaft und Demokratie ist die Akzeptanz dieser Leitbilder. Die Frage der Determinanten für die Unterstützung der Demokratie ist besonders wichtig für Afrika, da sich viele afrikanische Staaten im Übergang von autoritären zu demokratischen Systemen befinden. Autoritäre Systeme könnten die Präferenzen der Bevölkerung nachhaltig dahingehend geprägt haben, dass ein solcher Führungsstil bevorzugt wird, oder auch den Wunsch nach Demokratie hervorrufen.

Die Forschung von Fuchs-Schündeln ging den Fragen nach, ob die Unterstützung der Demokratie innerhalb eines Landes wächst, je länger ein demokratisches System im Land etabliert ist, welche Rolle dabei die Qualität des politischen Regimes spielt, und ob das individuelle Alter beim Regimewechsel, und damit die Länge der individuellen Erfahrungen mit einem autokratischen System in der Vergangenheit, die Unterstützung der Demokratie beeinflusst (siehe Projektbericht: „Herausbildung der Präferenzen für Demokratie und Marktwirtschaft in Afrika südlich der Sahara“). Dieses Projekt wurde in der zweiten Laufzeit fortgesetzt.

Darüber hinaus untersuchte Fuchs-Schündeln die Entwicklung der Ungleichheit in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten, die Arbeitsmobilität innerhalb der Europäischen Union, sowie Sprachen als Barrieren der Arbeitsmobilität, und die Gründe für die niedrige Arbeitsproduktivität in Ostdeutschland.

Zu den wichtigsten aus der Arbeit der ersten Laufzeit hervorgehenden Publikationen der Clusterprofessur zählen:
* Fuchs-Schündeln, Nicola/Schündeln, Matthias (2015): “On the Endogeneity of Political Preferences: Evidence from Individual Experience with Democracy”, Science 347(6226), 1145-1148.
* Fuchs-Schündeln, Nicola/Bartz, Kevin (2012): “The Role of Borders, Languages, and Currencies as Obstacles to Labor Market Integration, in: European Economic Review 56(6), 1148-1163.
* Fuchs-Schündeln, Nicola/Izem, Rima (2012): “Explaining the Low Labor Productivity in East Germany - A Spatial Analysis”, in: Journal of Comparative Economics 40(1), 1-21.
* Fuchs-Schündeln, Nicola/Krueger, Dirk/Sommer, Mathias (2010): ”Inequality Trends for Germany in the Last Two Decades: A Tale of Two Countries”, in: Review of Economic Dynamics 13(1), 103-132.

Außerhalb des Kontexts der Forschungsprojekte der Professur war Prof. Fuchs-Schündeln zudem in 2012 Program Chair der Annual Conference of the Society of Economic Dynamics.

Professur des Exzellenzclusters – Internationale Politische Theorie

Prof. Dr. Stefan Gosepath

Die Hauptaktivität der Clusterprofessur lag in der Durchführung des Forschungsprojekts „Normativität in einer nicht-idealen Welt“, auf das sich jedes der einzelnen Teilprojekte aus unterschiedlicher Perspektive bezog.

i. Der erste und umfangreichste Schwerpunkt lag in der Formulierung von Grundlagen für globale bzw. transnationale Gerechtigkeitsnormen, die unseren Umgang mit den bestehenden nicht-idealen Umständen orientieren und anleiten können. Diese Normen fußen erstens auf einer Doktrin der Menschenrechte als Minimalbedingungen für die Legitimität sozialer Organisationen; zweitens auf einer Konzeption transnationaler politischer Ordnung; drittens auf einer Konzeption transnationaler distributiver Gerechtigkeit sowie viertens einer Konzeption globaler Verantwortung.

ii. Einen zweiten Schwerpunkt bildeten grundlegende methodologische Fragen (Wie kann sich normative Theorie überhaupt sinnvoll auf Politik und soziale Ordnungen beziehen? Wie lassen sich normative Theorien auf nicht-ideale Umstände, wie sie insbesondere im globalen Kontext gegeben sind, anwenden?).

iii. Die Analyse von Normativität überhaupt bildete einen dritten Schwerpunkt. Dabei stehen zwei Fragen im Vordergrund: Erstens, worin besteht und worauf basiert der eigentümliche Verpflichtungscharakter von moralischen und politischen Normen? Zweitens, worin besteht, wenn überhaupt, die Einheitlichkeit der als „Normativität“ bezeichneten Phänomene im theoretischen wie praktischen Bereich.

ad i) Im Rahmen des ersten Schwerpunkts wurden eine Einführung in und Zusammenstellung einiger Schlüsseltexte zur Debatte um globale Gerechtigkeit erstellt (Broszies) (erschienen als: Christoph Broszies und Henning Hahn (Hg.): Globale Gerechtigkeit. Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitismus, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2010),  eine Minimalkonzeption der Verantwortung Bessergestellter gegenüber Menschen in extremer Armut ausgearbeitet (Beck) und konstruktive Vorschläge, wie wir über globale Hilfspflichten und Verantwortung denken sollten, erbracht (Gosepath). Das Projekt umfasste Vorstudien für eine systematische Beantwortung der Frage, ob liberal-egalitäre Gerechtigkeitstheorien auf den globalen Kontext ausgeweitet werden können, und, wenn ja, wie sie sich auf diesen Kontext anwenden lassen (Gosepath). Neben der Verteidigung der Menschenrechte als minimaler, aber globaler Standard der Legitimität (Gosepath) wurden außerdem Vorzüge und Nachteile relationaler und nicht-relationaler Ansätze am Beispiel so genannter „failed states“ (Jugov) erörtert.

ad ii) Im Rahmen des zweiten Schwerpunkts wurden Vorstudien zu einer umfassenden Rekonstruktion und Verteidigung des Konstruktivismus als Methode der Gerechtigkeitstheorie für die globale Ebene (Broszies) erarbeitet, eine begründungspluralistische Perspektive auf Weltarmutsverantwortung verteidigt (Beck) und Elemente einer Kritik daran ausgearbeitet, politische Philosophie als ideale/nicht-ideale Theorie der Gerechtigkeit zu betreiben (Schaub).

ad iii) Im Rahmen des dritten Schwerpunkts des Projekts fanden Vorarbeiten zu einer Studie zum Zusammenhang zwischen Genesis und Geltung von Normen, sowie zur Erläuterung der Relevanz dieser Einsicht für eine Begründung des Ideals demokratischer Selbstbestimmung (Celikates) sowie Erläuterungen zum Ursprung der Normativität (Gosepath) statt.

Darüber hinaus hat die Arbeit der Mitglieder der Clusterprofessur im Einzelnen zu folgenden Ergebnissen geführt:  

Stefan Gosepath

ad i) In einzelnen Aufsätzen zu Verantwortung, Menschenrechten und globaler Gerechtigkeit hat Gosepath einen practice-unabhängigen, moralisch-universalistischen Ansatz weiter entwickelt, der sich auch kritisch mit dem in Frankfurt weit verbreiteten practice-abhängigen Ansatz der Nicht-Beherrschung auseinander- und davon absetzt.

ad ii) Die Ergebnisse der Arbeit in diesem Bereich bildet die Publikation: Robin Celikates & Stefan Gosepath: Einführung in die politische Philosophie, Stuttgart: Reclam, 2013.
Zum Inhalt: Die Politische Philosophie als Teilgebiet der praktischen Philosophie behandelt zwei Arten von Fragen: erstens Fragen, die sich stellen, seit Menschen begonnen haben, ihre kollektiven Ordnungen nicht als unveränderlichen Teil der natürlichen oder göttlichen Ordnung, sondern als potentiell durch ihre Handlungen veränderbar und daher sowohl der Kritik als auch der Rechtfertigung zugänglich zu betrachten; und zweitens Fragen, die sich aus den konkreten politischen und sozialen Herausforderungen der Gegenwart ergeben. Das Buch von Celikates und Gosepath setzt sich zum Ziel, in die philosophische Reflexion beider Arten von Fragen einzuführen und dabei auch zu zeigen, dass sie gerade nicht unverbunden nebeneinander stehen, sondern vielmehr aufeinander verweisen. Obwohl die Autoren in dieser Einführung auch auf zahlreiche historisch einflussreiche Klassiker der Politischen Philosophie eingehen, ist ihre Darstellung nicht ideengeschichtlich, sondern systematisch ausgerichtet: also an Grundproblemen, Grundbegriffen und wichtigen systematischen Positionen sowie gegenwärtigen Herausforderungen orientiert. Im Rahmen dieser systematischen Diskussion werden so auch die zentralen Paradigmen und ihre wichtigsten Vertreter aus der Geschichte und Gegenwart der Politischen Philosophie behandelt. Dabei wollen sie die interne Pluralität der Politischen Philosophie nicht unter den Teppich kehren, sondern gerade herausstellen – nicht zuletzt weil die beiden Autoren durchaus unterschiedliche methodologische und substantielle Positionen vertreten, hoffen sie, aus der Notwendigkeit in dieser Hinsicht eine Tugend gemacht zu haben.
Inhaltsverzeichnis: Vorwort; 1. Was ist Politische Philosophie? 1.1. Was ist Politik? 1.2. Was ist und leistet eine philosophische Reflexion der Politik? 2. Der Naturzustand und die anarchistische Herausforderung – zur Rechtfertigung politischer Herrschaft 2.1. Das Grundproblem, 2.2. Die Idee des Gesellschaftsvertrags 2.3. Was ist der Zweck des Staates? 3. Kritik des Liberalismus – alternative Problembeschreibungen, 3.1. Ökonomische Verhältnisse – Marxismus, 3.2. Gemeinschaft – Kommunitarismus, 3.3. Geschlechterverhältnisse – Feminismus, 3.4. Subjektkonstitution – Poststrukturalismus 4. Umkämpfte Begriffe und praktische Herausforderungen, 4.1. Gerechtigkeit: Kriterien, Theorien, praktische Herausforderungen, 4.2. Politische Freiheit und ihre Bedingungen, 4.3. Demokratie: Modelle, Begründungen und praktische Herausforderungen, 4.4. Neutralität, Toleranz und die Herausforderung des Multikulturalismus; 5. Literaturverzeichnis, 6. Aufgaben, 7. Register.

ad iii) Gosepath hat sich weiterhin der Ausarbeitung einer wittgensteinianisch-hegelianisch inspirierten Theorie der Gründe und einem „empraktischen“ Verständnisses von Normativität gewidmet. Neben dem Aufsatz „Zum Ursprung der Normativität“ in: Rainer Forst, Martin Hartmann, Rahel Jaeggi, Martin Saar (Hg.), Sozialphilosophie und Kritik. Axel Honneth zum 60. Geburtstag, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2009, S. 250-268, hat er in der Cluster-Vortragsreihe Normativität-Frankfurter Perspektiven einen Vortrag  „Die soziale Natur der Normativität“ gehalten, erschienen als:  "Die soziale Natur der Normativität“, in: Juliane Rebentisch, Francesca Raimondi, Thomas Khurana, Dirk Setton und Dirk Quadflieg (Hg.), Negativität, Berlin: Suhrkamp 2018, 247-260.

Robin Celikates

(seit 1. September 2010 Associate Prof. an der Universität Amsterdam)
Forschungsprojekt: Politische Freiheit, demokratische Partizipation und ziviler Ungehorsam: republikanische Perspektiven
Im Rahmen des Forschungsprojekts der Professur zum Problem der Normativität in einer nicht-idealen Welt und dort insbesondere des dritten Schwerpunkts beschäftigte sich Celikates' Projekt mit dem Zusammenhang von Genesis und Geltung, wie er unter anderem im Ideal der demokratischen Selbstbestimmung behauptet wird. Das Projekt gliederte sich in zwei Teile: Im ersten Teil wurde dieser Zusammenhang abstrakt anhand der Frage erläutert, welche Form von demokratischer Beteiligung das Ideal der politischen Freiheit erfordert. Hier steht eine Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Varianten des Republikanismus im Vordergrund, die diesen Zusammenhang zwar behaupten, aber weitgehend unterbestimmt lassen. Daraus ergibt sich eine doppelte Aufgabenstellung: die Verteidigung der republikanischen Freiheitskonzeption gegen ihre liberalen und libertären Kritiker und ihre Weiterentwicklung in Richtung einer dezidiert demokratischen Konzeption. Im zweiten Teil des Projekts wurde anhand der konkreten Frage nach der Definition, der Rechtfertigung und der Rolle zivilen Ungehorsams der „Mehrwert“ einer republikanisch-demokratischen Konzeption politischer Freiheit aufgewiesen. Die Ergebnisse konnten in zwei Veröffentlichungen und einigen Vorträgen auf Konferenzen und in Kolloquien vorgestellt werden.

Valentin Beck

Valentin Becks Dissertation „Globale Relationen der Verantwortung. Was wir Menschen in extremer Armut moralisch schulden“ wurde mit der Disputation im Juni 2013 abgeschlossen und mit der Note „summa cum laude“ bewertet (Gutachter: Prof. Dr. Stefan Gosepath und Prof. Dr. Regina Kreide). Sie ist erschienen als: Valentin Beck, Eine Theorie der globalen Verantwortung. Was wir Menschen in extremer Armut schulden, Frankfurt am Main Suhrkamp, 2016). Die Dissertation ist der Analyse des moralischen Verhältnisses Bessergestellter zu Menschen in extremer Armut gewidmet und geht dabei insbesondere auf die Schwerpunkte i. und ii. des übergreifenden Forschungsprojekts „Normativität in einer nicht-idealen Welt“ im Detail ein. Denn es geht in ihr sowohl um die Begründung substantieller Normen für den internationalen Raum, die der Zuschreibung von Verantwortung Bessergestellter gegenüber Menschen in extremer zugrunde gelegt werden können (vgl. i.), als auch um eine methodologische Reflexion der Begründung dieser Normen (vgl. ii.). Zu i: Auf der Basis einer umfassenden Analyse des Verantwortungsbegriffs, die eine Unterscheidung von acht Verantwortungsdimensionen beinhaltet, werden Kriterien für die Zuschreibung von Weltarmutsverantwortung an individuelle und kollektive Akteure im globalen Kontext entwickelt. Dabei werden basale Menschenrechte als ökumenische Standards zur Beurteilung sozialer Institutionen im globalen Kontext und zur Zuschreibung von struktureller Verantwortung ausgewiesen. Zu ii: In methodologischer Hinsicht besteht die Kernidee der Dissertation in der Verteidigung einer begründungspluralistischen Konzeption der Weltarmutsverantwortung. Die ausgearbeiteten normativen Standards sind offen für eine Pluralität verschiedener moralischer Begründungen, für ein Spektrum verschiedener Auffassungen über das Wesen und die Inhalte sozialer Gerechtigkeit sowie für verschiedene kulturell geprägte Weltanschauungen, für die jeweils verschiedene religiöse Traditionen und unterschiedliche Akzentuierungen der Stellung des Individuums in der Gemeinschaft maßgeblich sind.

Christoph Broszies

Broszies beschäftigte sich in seinem Dissertationsprojekt über Konstruktivismus als eine Methode innerhalb der politischen Philosophie. Sein Projekt verortete diese systematisch und zeichnet sie als die für pluralistische Gemeinschaften angemessenste Methode aus. Zugleich wurde das konstruktivistische Verfahren anhand der Arbeiten von J. Rawls, O. O’Neill und A. James genauer bestimmt: Unter Rückgriff auf diese Autoren wurde sowohl der Status (Konstruktivismus als ein ‚agnostisches’ Verfahren in Bezug auf den Wahrheitswert individueller Überzeugungen) als auch die Reichweite der Methode eingegrenzt.

Tamara Jugov

Tamara Jugov Dissertation „Geltungsgründe politischer Gerechtigkeit: Gerechtigkeitspflichten in Kontexten ohne politische Institutionen“ entwickelte ein  dominanzbasiertes praxis-abhängiges Gerechtigkeitskonzept. Dabei ging es erstens um die substantielle Frage, welche Art von Gerechtigkeitspflichten in Kontexten ohne politische Institutionen, wie z.B. zerfallenden Staaten oder in Bezug auf globale negative Externalitäten, greifen (hier wurde also ein Beitrag zu Forschungsfeld i geleistet). Zweitens ging es um die meta-theoretische Frage, ob, und wenn ja wie, Gerechtigkeitspflichten von anderen moralischen Pflichten prinzipiell unterschieden werden können (damit liegen zentrale Ergebnisse der Arbeit im Forschungsfeld ii). Dabei ging die Arbeit von folgendem Dilemma aus: Auf der einen Seite können praxis-abhängige Gerechtigkeitskonzepte einen realistischen Charakter zwar beibehalten – da sie jedoch politische Institutionen als einen notwendigen Geltungsgrund für die Existenz von Gerechtigkeitsproblemen und –pflichten verstehen, können solche Theorien für die untersuchten Kontexte überhaupt keine gerechtigkeitstheoretisch geleiteten Überlegungen anstellen. Dagegen können praxis-unabhängige Gerechtigkeitskonzepte solche Kontexte nur bewerten, indem sie Gerechtigkeitspflichten an moralische Pflichten assimilieren und damit den realistischen bzw. politischen Kern des Konzepts sozialer Gerechtigkeit preisgeben. Dagegen wurde in der Arbeit ein genuin politisches und praxis-abhängiges Gerechtigkeitskonzept entworfen, das auch auf Kontexte ohne politische Institutionen anwendbar ist. In einer kantischen Interpretation neo-republikanischer und diskursethischer Ansätze wurde die Praxis systemischer und struktureller Dominanzverhältnisse als relevanter empirischer Geltungsgrund etabliert, der den Bereich von Gerechtigkeitspflichten von anderen moralischen Handlungsgründen überzeugend abzugrenzen vermag. Die Arbeit wurde im Mai 2014 verteidigt und erscheint als: Tamara Jugov, Geltungsgründe globaler Gerechtigkeit, Frankfurt am Main: Campus, 2019 (im Erscheinen).

Jörg Schaub

Jörg Schaub hat sich in seinen Arbeiten im Rahmen des Forschungsprojektes insbesondere mit dem Forschungsfeld ii. beschäftigt. Dabei widmete er sich der Ausarbeitung der Elemente einer Kritik daran, politische Philosophie als ideale/nicht-ideale Theorie der Gerechtigkeit zu betreiben.

Publikationen:

Stefan Gosepath

Monographien und Herausgeberschaften:
Gosepath, Stefan/Celikates, Robin (2013): Einführung in die politische Philosophie, Stuttgart: Reclam.
Gosepath, Stefan/Celikates, Robin (Hg.) (2009): Philosophie der Moral. Texte von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Aufsätze:
Gosepath, Stefan (2014): „Ist der Anspruch auf Gerechtigkeit transnationalisierbar? (zus. mit Christian Schemmel), Ulrich Becker, Stephan Leibfried, Peter Masuch, Wolfgang Spellbrink (Hg.), Sozialrecht und Sozialpolitik: Grundlagen und Herausforderungen des deutschen Sozialstaats. 60 Jahre Bundessozialgericht, Berlin: Erich Schmidt Verlag (ESV) 2014, 2 Bände, Bd. 1, 499-515.
Gosepath, Stefan (2014):„What exactly does equality in education mean?“, in: Kirsten Meyer (Hg.): Education, Justice, and the Human Good. Fairness and Equality in the Education System, Oxon/New York: Routledge 2014, 100-112.
Gosepath, Stefan (2013): „Einhegung des Marktes“, in: Falk Bornmüller, Thomas Hoffmann, Arnd Pollmann (Hg.), Menschenrechte und Demokratie, Freiburg: Alber, 349-370.
Gosepath, Stefan (2013): „Gleichheit: Begriffsgeschichte und aktuelle Debatten“, in: Sedmak, Clemens (Hg.), Gleichheit. Vom Wert der Nichtdiskriminierung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 19-31.
Gosepath, Stefan (2013): "Moral aus Interesse und Sanktion? Anmerkungen zu Michael von Grundherr, Michael Kühler und Frank Brosow", in: Eva Buddeberg, Achim Vesper (Hg.), Moral und Sanktion. Eine Kontroverse über die Autorität moralischer Normen, Frankfurt/New York: Campus, 125-134.
Gosepath, Stefan (2012): „"Öffentliche Gründe", Kommentar zu Charles Larmore und Simone Chambers im Kolloquium 27: Reason(s) in Politics“ (Kolloquiumsleitung: Stefan Gosepath und Rainer Forst), in: Julian Nida-Rümelin (Hg.), Proceedings des XXII. Deutschen Kongresses für Philosophie "Welt der Gründe", Hamburg: Meiner, 1283-1287.
Gosepath, Stefan (2012): "Chancengleichheit“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Vodafone Stiftung (Hg.), Transmission 6. Zischen Dynamik und Ausgleich. Perspektiven für den sozialen Aufstieg, Vodafone Stiftung Deutschland, 8-33, (online unter: https://www.vodafone-stiftung.de/uploads/tx_newsjson/transmission_06_21.pdf)
Gosepath, Stefan (2012): "Politische Verantwortung und rechtliche Zurechnung", in: Matthias Kaufmann, Joachim Renzikowski (Hg.), Zurechnung und Verantwortung, Stuttgart: Franz Steiner Verlag (ARSP-Beiheft 134), 17-30.
Gosepath, Stefan (2012): "Gründe bei Julian Nida-Rümelin", in: Dieter Sturma (Hg.), Vernunft und Freiheit. Zur praktischen Philosophie von Julian Nida-Rümelin, Berlin: de Gruyter, S. 143-156; (mit einer Antwort von JNR 317-324.)
Gosepath, Stefan (2012): "Zur Verteidigung der Verteilungsgerechtigkeit", in: Regina Kreide, Claudia Landwehr, Katrin Toens (Hg.), Demokratie und Gerechtigkeit in Verteilungskonflikten, Baden-Baden: Nomos, 35-49.
– auf Portugiesisch als "Em defesa da sociedade redistributiva" in: Alessandro Pinzani, Milene Conseso Tonetto (Hg.), Teoria Crítica e Justiça Social, Florianópolis: Nefipo (Nefiponline) 2012, 9-28 (übersetzt von Alessandro Pinzani);
– auf Spanisch als "En defensa de la justicia distributiva", in: Gustavo Pereira (Hg.), Perspectivas críticas de justicia social, Montevideo y Porto Alegre, UdelaR-PUCRS-CAPES, 2013, 47-59.
Gosepath, Stefan (2011): "Lebensqualität" (mit Achim Vesper und Rahel Jaeggi), in: Ralf Stöcker, Christian Neuhäuser, Marie-Luise Raters (Hg.), Handbuch Angewandte Ethik, Stuttgart: J.B. Metzler, 260-264.
Gosepath, Stefan (2009): "Zum Ursprung der Normativität", in: Rainer Forst, Martin Hartmann, Rahel Jaeggi, Martin Saar (Hg.), Sozialphilosophie und Kritik. Axel Honneth zum 60. Geburtstag, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 250-268.
Gosepath, Stefan (2009): "Poverty and Responsibility", in: Elke Mack, Michael Schramm, Stephan Klasen, Thomas Pogge (Hg.), Absolute Poverty and Global Justice. Empirical Data – Moral Theories – Initiatives, Farnham & Burlington: Ashgate, 113-121.

Sonstige:
Gosepath, Stefan (2010): „Anstrengung und Markt. Der Widerspruch der Leistungsgerechtigkeit“, in: polar 8 (Frühjahr 2010), 73-77 [Ausgabe zum Thema Leistung].
Gosepath, Stefan (2010): „Gerechtigkeit über Generationen – geht das?“ in: Forschung Frankfurt 3/2010, 48-51.
Forst, Rainer; Deitelhoff, Nicole; Menke, Christoph; Siller, Peter; Gosepath, Stefan (2009): "Das aufgelöste Rätsel aller Verfassungen", Interview, in: Polar, Nr. 7, Herbst 2009, 26-36.
Buchkritik der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, mit Georg Bertram und Robin Celikates, verantwortlich ab Heft 1/2009.

Publikationen der MitarbeiterInnen:

Beck, Valentin (2016): Eine Theorie der globalen Verantwortung. Was wir Menschen in extremer Armut schulden, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Beck, Valentin (2013): „Der Menschenrechtsdiskurs und der Vorwurf des moralischen Imperialismus“, in: Zeitschrift für Menschenrechte 2, 24-41.
Beck, Valentin (2013): „Wie stark sind positive Pflichten?“ (Rezension von Corinna Mieth: Positive Pflichten, Berlin: de Gruyter 2012), in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 61 (5-6), 860–864.
Beck, Valentin (2011): „Interkulturelles Zusammenleben“, in: Stöcker, Ralf/Neuhäuser, Christian/Raters, Marie-Luise (Hg.): Handbuch Angewandte Ethik, Stuttgart: J.B. Metzler 2011.
Beck, Valentin (2010): “Theorizing Fairtrade from a justice-related standpoint”, in: Global Justice: Theory, Practice, Rhetoric 3, 1-21.
Beck, Valentin (2009): „Interaktionale und Institutionelle Relationen der Verantwortung. Überlegungen zu Fairtrade aus gerechtigkeitstheoretischer Perspektive“, in: InIIS-Working Paper 36.
Broszies, Christoph (2011): “Brock and Justification”, in: Global Justice: Theory, Practice, Rhetoric 4.
Broszies, Christoph/Hahn, Henning (Hg.)(2010): Globale Gerechtigkeit. Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitismus, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Broszies, Christoph (2010): „Assembling Realistic Utopias: New Paths in the Global Justice Debate“, in: Journal of International Political Theory, 6(2), 217-230.
Celikates, Robin (2010): “Die Demokratisierung der Demokratie. Etienne Balibar über die Dialektik von konstituierender und konstituierter Macht”, in: Ulrich Bröckling/Robert Feustel (Hg.): Das Politische denken, Bielefeld: transcript, 59-76.
Celikates, Robin (2010): “Habermas: Sprache, Verständigung und sprachliche Gewalt”, in: Hannes Kuch/Steffen Kitty Herrmann (Hg.): Philosophien sprachlicher Gewalt, Weilerswist: Velbrück, 272-285.
Celikates, Robin (2010): “Republikanismus zwischen Politik und Recht”, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 64(1), 111-128.
Celikates, Robin (2010): “Ziviler Ungehorsam und radikale Demokratie – konstituierende vs. konstituierte Macht?”, in: Thomas Bedorf/Kurt Röttgers (Hg.): Die Politik und das Politische, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 274-300.
Schaub, Jörg (2012): "The Incompleteness of Ideal Theory", Res Publica  20/ 4 (2014), 413-439.
Schaub, Jörg (2012): “Politische Theorie als angewandte Moralphilosophie. Die realistische Kritik”, Zeitschrift für Politische Theorie 3(1), 8–24.
Schaub, Jörg (2012): “Warum es einer von Idealtheorien unabhängigen politischen Theorie der Legitimität bedarf”, in: Christopher Daase, Anna Geis and Frank Nullmeier (Hg.), Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft (Special Issue): „Der Aufstieg der Legitimitätspolitik. Rechtfertigung und Kritik politisch-ökonomischer Ordnungen“, Baden-Baden: Nomos, 436-451.
Schaub, Jörg (2010): "Hat hier jemand gesagt, der Kaiser sei nackt? Eine Verteidigung der Geussschen Kritik an Rawls' idealtheoretischem Ansatz", in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 58(3), 457–477.
Schaub, Jörg (2010): "Ideale und/oder nicht-ideale Theorie – oder weder noch? Ein Literaturbericht zum neuesten Methodenstreit in der politischen Philosophie", in: Zeitschrift für philosophische Forschung 64(3), 393-409.

Professur des Exzellenzclusters – Transnationales Regieren

Prof. Dr. Jens Steffek

Die Professur für Transnationales Regieren am Institut für Politikwissenschaft der Technischen Universität Darmstadt ist bundesweit die erste mit dieser Denomination. Das damit umrissene neue Forschungsfeld schlägt eine Brücke zwischen der traditionellen Analyse internationaler Beziehungen, der Forschung zu grenzüberschreitend agierenden gesellschaftlichen Akteure und normativen Fragestellungen der politischen Theorie, insbesondere der Demokratietheorie. Verknüpft werden diese verschiedenen Stränge der Forschung durch die inhaltliche Schwerpunktsetzung der Professur auf Fragen der Legitimität von Regieren jenseits des Nationalstaats. Legitimation als sozialer Prozess und Legitimität als dessen Resultat sind Phänomene, die sich durch die enge Verklammerung einer empirischen und einer normativen Dimension auszeichnen, und zwar in dem Sinne, dass im Konzept der Legitimität die empirische Geltung einer politischen Ordnung abhängig gemacht wird von normativen Erwägungen der Richtigkeit und Angemessenheit. Ausgehend von diesem Kernkonzept und einem ebenso empirisch-analytischen wie normativ-theoretischen Erkenntnisinteresse konzentrierte sich die Arbeit der Professur darauf, eine neue, kritische Perspektive auf die politische Bearbeitung grenzüberschreitender Probleme und Konflikte zu entwickeln. Begriffe wie "Global Governance" oder "Weltregieren ohne Weltregierung" wurden hier nicht als neutrale Beschreibung eines empirischen Phänomens verstanden, sondern als diskursive Dimension eines politischen Projekts, in dem bestimmte, in einigen Fällen auch durchaus neuartige, institutionelle Lösungen zur Bearbeitung transnationaler Problemlagen propagiert werden. Diese institutionellen Vorschläge sind  rechtfertigungsbedürftig und die Praxis ihrer öffentlichen Rechtfertigung, oft als Antwort auf öffentlich vorgetragene Kritik an ihnen, stand im Fokus des Forschungsinteresses dieser Clusterprofessur. Die Forschungsaktivitäten während der ersten Laufzeit ließen sich grob in drei Teilbereiche gliedern:

(1) Legitimationsnarrative inter- und transnationalen Regierens
Dieser Forschungsbereich befasste sich mit tradierten und aktuellen Rechtfertigungen internationalen Regierens. Ausgangspunkt ist ein Forschungsinteresse an den nicht auf demokratische Partizipation und Kontrolle abzielenden Rechtfertigungen internationaler Organisationen als funktionale Agenturen, die sich historisch bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich nachweisen lassen. Dieser Vision des internationalen Regierens zu Grunde liegt ein Verständnis von internationalen Organisationen als Motoren transnationaler gesellschaftlicher Modernisierung, die sich insbesondere durch effiziente transnationale Problemlösung legitimieren. Die Geschichte und der genaue normative Gehalt dieser Rechtfertigungsnarrative wurden seit 2010 in einem Clusterprojekt untersucht, an dem Leonie Holthaus mitarbeitete. Zudem forschte Franziska Müller an der Professur zur Legitimität globaler politischer Regulierung aus der Perspektive von Entwicklungsländern, unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechterverhältnisse.

(2) Legitimationspotenziale zivilgesellschaftlicher Partizipation
Einer der möglichen Anknüpfungspunkte expertokratischer und demokratischer Rechtfertigungen transnationalen Regierens ist die Institutionalisierung zivilgesellschaftlicher Beteiligung in internationalen Organisationen. Die möglichen Vorteile einer solchen Einbindung liegen vor dem Hintergrund eines deliberativ-partizipativen Demokratiebegriffs darin, dass erstens zivilgesellschaftliche Akteure im Rahmen nicht-territorialer, funktionaler Partizipation die Anliegen der Bürger direkt in die Foren des internationalisierten Regierens einbringen und zweitens auch ganz maßgeblich zur Schaffung einer transnationalen politischen Öffentlichkeit beitragen können. Zu diesem Thema hat Jens Steffek im Berichtszeitraum eine Reihe von Publikationen vorgelegt, die sich zum einen mit der institutionellen Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen wie etwa NGOs in intergouvernmentalen Organisationen auseinandersetzen, zum anderen mit der Legitimität, Verantwortlichkeit und den Repräsentationsleistungen zivilgesellschaftlicher Akteure selbst.

(3) Globale Ordnung und die soziale Frage
Zahlreiche Debatten über die Legitimität inter- und transnationalen Regierens kreisen momentan um Fragen der globalen Gerechtigkeit. Dies ist nicht erst seit der vehementen Globalisierungskritik der 1990er Jahre so, wie ein Rückblick auf die Auseinandersetzungen über eine neue Weltwirtschaftsordnung in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts verdeutlicht. Fragen der globalen Verteilung und Verteilungsgerechtigkeit wurden jedoch von der herrschenden liberalen Konzeption internationalen Regierens und auch von der funktionalen Zusammenarbeit weitgehend ausgeblendet, nicht zuletzt weil diesen Organisationen auch die Mittel fehlen, um eine „globale Sozialpolitik“ zu betreiben. Die Clusterprofessur knüpfte hier an frühere Arbeiten zur Frage der sozialen Einbettung globaler politischer Kooperation an, in denen dem vorherrschenden Design des embedded liberalism die Alternative eines redistributiven Multilateralismus gegenübergestellt wurde. Diese Frage wird derzeit in einer Kooperation mit Jeffrey McGee (Universität Newcastle/Australien) zum möglichen Ende des redistributiven Multilateralismus im Bereich der globalen Klimapolitik nach dem Kopenhagener Klimagipfel weiterverfolgt. Zugleich verändert sich derzeit das globale politische Gefüge durch den rasanten Aufstieg ehemaliger Entwicklungsländer wie Brasilien, Indien und China zu neuen Wirtschaftsmächten ganz rapide. An diesem Punkt setzen weitere Kooperationen des Arbeitsbereichs mit Partnern im In- und Ausland an.

Publikationen:

*Steffek, Jens (2013): “Explaining Cooperation between IGOs and NGOs – Push Factors, Pull Factors, and the Policy Cycle”, in: Review of International Studies 39(4): 993-1013.
*Steffek, Jens (2013): „Transnationalismus und Transnationalisierung in der Soziologie und der IB“, in: Leviathan: Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft 41 (Sonderheft 28), 204-225 (mit S. Mau).
*Steffek, Jens (2013): “Do Members Make a Difference? A Study of Transnational Civil Society Organizations”, European Political Science Review 5(1): 55-81 (mit P. Kotzian).
Steffek, Jens (2012) “Awkward Partners: NGOs and Social Movements at the WTO”, in: Amrita Narlikar/Martin Daunton/Robert M. Stern (Hg.), Oxford Handbook on the World Trade Organization, Oxford: Oxford University Press, 301-319.
* Steffek, Jens (2011): “Legitimacy and Activities of Civil Society Organizations”, University of Bremen, TranState Working Paper No. 156/2011 (mit P. Kotzian).
*Steffek, Jens (2010): “Explaining Patterns of Transnational Participation: the Role of Policy Fields”, in: Christer Jönsson/Jonas Tallberg (Hg.) Transnational Actors in Global Governance, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 67-87.
*Steffek, Jens (2010): “Norms, Persuasion and the New German Idealism in IR”, in: Oliver Kessler et al. (Hg.), On Rules, Politics, and Knowledge: Friedrich Kratochwil, International Relations, and Domestic Affairs, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 191-201.
*Steffek, Jens (2010): “Introduction: Transnational NGOs and Legitimacy, Accountability, Representation”, in: Jens Steffek/ Kristina Hahn (Hg.), Evaluating Transnational NGOs – Legitimacy, Accountability, Representation, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 1-25 (mit K. Hahn).
*Steffek, Jens (2010): “Assessing the Democratic Legitimacy of Transnational CSOs: Five Criteria”, in: Jens Steffek/Kristina Hahn (Hg.), Evaluating Transnational NGOs – Legitimacy, Accountability, Representation, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 100-125 (mit Ralf Bendrath, Simon Dalferth, Kristina Hahn, Martina Piewitt and Meike Rodekamp).
*Steffek, Jens (2010): “Evaluating NGOs: Prospects for Academic Analysis”, in: Jens Steffek/Kristina Hahn (Hg.), Evaluating Transnational NGOs – Legitimacy, Accountability, Representation., Basingstoke: Palgrave Macmillan, 258-264 (mit K. Hahn).
*Steffek, Jens (2010): “Civil Society in World Politics: How Accountable Are Transnational CSOs?”, in: Journal of Civil Society 6(3), 237-258 (mit M. Piewitt und M. Rodekamp).
*Steffek, Jens (2010): Evaluating Transnational NGOs: Legitimacy, Accountability, Representation, Basingstoke: Palgrave Macmillan (Hg., mit Kristina Hahn).

* Müller, Franziska (2010): ‘Storming, norming, performing: Implications of the financial crisis in the Southern African Development Community, in: Göttingen Journal of International Law 2(1), 167-190.
Müller, Franziska (2010): „Verhandelte Geschlechterverhältnisse: Gender als neue Norm in der internationalen Biodiversitätspolitik?“, in: Femina Politica 1/2010, 32-42.
Müller, Franziska (2010): „Die Finanzkrise im südlichen Afrika“, in: Scherrer, Christoph / Thomas Dürmeier/Bernd Overwien (Hg.): Perspektiven auf die Finanzkrise, Opladen: Barbara Budrich, 127-146.
Müller, Franziska (2010): „Spätfolgen mit Langzeitwirkung - Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf Südafrika“, in: Blätter des Informationszentrums Dritte Welt, Nr. 315: 8-10 (mit Simone Claar).
Müller, Franziska (2011): „Alles sonnig im Süden? Auswirkungen der Subprime-Krise im Südlichen Afrika“, in: Oliver Kessler (Hg.): Die Politische Ökonomie der Subprime-Krise, Wiesbaden: VS Verlag, 117-138.
Müller, Franziska (2011): „Krisendiskurs, Konjunkturpaket, Kollaps – Politische Strategien und Politik-Lernen von Süd-Akteuren“, in: Christoph Scherrer/Thomas Dürmeier/Bernd Overwien (Hg.): Perspektiven auf die Finanzkrise, Opladen: Verlag Barbara Budrich, 127-146.

Die wichtigste Veranstaltung der Clusterprofessur außerhalb der oben aufgeführten Forschungsprojekte war: Jens Steffek, Internationale Konferenz, ‘The Politics of Talk in International Relations’, Universität Bremen, 27.-28. Juli 2010.

Regulierte Selbstregulierung in rechtshistorischer Perspektive

Projektleiter: Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Stolleis

Das Exzellenzclusterprojekt „Regulierte Selbstregulierung in rechtshistorischer Perspektive“ ordnete sich in das Forschungsfeld 4 der ersten Förderperiode als Versuch ein, die Herausbildung normativer Strukturen außerhalb nationalstaatlicher Normierungsgewalt, oder besser: autonom von ihr, aber unter ihrem Schutzschirm, zu analysieren und zugleich Formen der Indienstnahme dieser Autonomie durch den Staat herauszuarbeiten. Forschungsleitend war die Fragestellung, wie sich in historischer Perspektive Normgebung und Normdurchsetzung als staatsexterne Vorgänge abspielten und wie sie zugleich mit staatlicher Regulierungsgewalt interagierten. Mit dieser Betrachtungsweise löste sich dieses Projekt auch von einer hergebrachten rechtshistorischen Perspektive, die sich auf den Staat als Gesetzgeber und als gesetzesvollziehende Instanz konzentrierte. Zugleich erfasste es den grundlegenden, das 19. und 20. Jahrhundert prägenden Konflikt um normative Ordnungen: das Ringen um die Austarierung gesellschaftlicher und staatlicher Gestaltungsansprüche.
Dabei wurde regulierte Selbstregulierung als Selbstkoordinierung gesellschaftlicher Akteure verstanden, die wegen ihrer Relevanz zu – wie auch immer inhaltlich aufgeladenen – öffentlichen Interessen in staatliche Programme eingebettet, für staatliche Zielsetzungen instrumentalisiert und einer auf diesen Zweck hin ausgerichteten Regulierung unterworfen wird – einer Regulierung, die über die allgemeine Regulierung marktlichen Verhaltens hinausgeht. Es wurden somit nicht sämtliche Formen gesellschaftlicher Selbstkoordination, nicht jegliche Phänomene der Herstellung rechtlicher Bindungswirkung unter Privaten erfasst, sondern nur jene, die einen – freilich wandelbaren und immer wieder auch in Frage gestellten – Bezug zu Gesichtspunkten übergreifender „Gemeinwohl“-Vorstellungen aufweisen. Die nicht einfach zu ziehenden Grenzen sind jeweils im Einzelfall zu diskutieren.
Das Projekt thematisierte regulierte Selbstregulierung als Phänomen des 19. und 20. Jahrhunderts und somit als Erscheinungsform gesellschaftlicher Entfaltung in einem Entwicklungsprozess moderner Staatlichkeit, in welchem auf die Herausbildung eines mehr reaktiven ordnungssichernden Staates die Etablierung eines stärker proaktiven Interventions- und Sozialstaates folgte.  Diesem – wenngleich hier vergröbert dargestellten – Entwicklungsgang trug das Projekt Rechnung, indem es die Problemstellung zunächst in einem historischen Zweischritt anging.

Eine erste Tagung war der "Inkubationsphase" regulierter Selbstregulierung im 19. Jahrhundert gewidmet (Juli 2009), die darauf folgende Tagung (Juni 2010) befasste sich mit ihren Ausformungen im Interventions- und Sozialstaat des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die These einer stärkeren etatistischen Überformung im zweitgenannten Zeitabschnitt konnte dabei für zahlreiche gesellschaftliche Teilsektoren bestätigt werden. Dabei griff man auf hergebrachte öffentlich-rechtliche Organisations- und Handlungsformen zurück und modifizierte diese (z.B. aus dem Korporations- und Regalienrecht), teilweise entwickelte man aber auch neue Instrumente und Konzepte bzw. alte gewannen eine völlig neue Gestalt; so wurde das Selbstverwaltungsmodell auf den wirtschaftlichen und sozialen Bereich ausgeweitet. Auf der anderen Seite wurde sichtbar, dass privatrechtliche Formen, vor allem der Verein, stark in die öffentliche Aufgabenerfüllung integriert und mit starken staatlichen Steuerungselementen kombiniert wurden.
Für sich genommen sind dies keine neuen rechtshistorischen Erkenntnisse; jene Einsichten allerdings wurden bislang eher auf einer Metaebene formuliert und waren meist von einer einseitigen perspektivischen Grundrichtung geprägt: Entweder ging es um die Genese von Sicherungsformen gesellschaftlicher Freiheit oder um die Herausbildung von Instrumenten staatlicher Regulierung. Die Vorträge haben hingegen nicht nur einen Beitrag dazu geleistet, Regelungsformen regulierter Selbstregulierung in zahlreichen Teilbereichen nachzuweisen, in welchen sie bislang rechtshistorisch nur wenig thematisiert worden sind (dezidiert ausgearbeitet war das Konzept der regulierten Selbstregulierung bisher nur für einen bestimmten Sektor: das Tarifrecht), sie haben vielmehr auch veranschaulicht, dass man die entsprechenden Instrumente in ihrer Bedeutung hinreichend präzise nur als Teile von Regelungsarrangements begreifen kann, in denen Selbst- und Fremdbestimmung gleichermaßen zum Ausdruck kommen. In Bezug auf die moderne Diskussion zu regulierter Selbstregulierung wurde auch deutlich, dass man anders als diese Selbstverwaltung nicht aus dem Bereich der regulierten Selbstregulierung ausschließen kann (weil nur "mittelbare Staatsverwaltung"), sondern sie zumindest bis in die 1920er Jahre substantiell als gesellschaftliche Selbstregulierung (wenn auch mit starkem staatlichen Steuerungsanteil) begreifen muss. – Die beiden Tagungsbände liegen gedruckt vor. (Collin, Peter/Bender, Gerd/Ruppert, Stefan/Seckelmann, Margrit/Stolleis, Michael (Hg.) (2011): Selbstregulierung im 19. Jahrhundert – zwischen Autonomie und staatlichen Steuerungsansprüchen (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 259, Moderne Regulierungsregime 1) Frankfurt/M.: Klostermann; Collin, Peter/ Bender, Gerd/Ruppert, Stefan/Seckelmann, Margrit/Stolleis, Michael (Hg.) (2012): Regulierte Selbstregulierung im frühen Interventions- und Sozialstaat (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 270, Moderne Regulierungsregime 2), Frankfurt/M.: Klostermann.)

Auf einer dritten Tagung (Juni 2011) wurde der Blick ausgeweitet auf Phänomene regulierter Selbstregulierung in Rechtsordnungen außerhalb Deutschlands (mittel- und westeuropäische Staaten, USA). Dabei war dem Umstand Rechnung zu tragen, dass der Begriff selbst schon in gegenwartsbezogener Perspektive teilweise mit anderen Bedeutungsgehalten aufgeladen war, teilweise kaum in die Diskussion Eingang gefunden hat. Noch weniger hat er sich als rechtshistorischer Schlüsselbegriff etabliert. Allerdings zeigten die Beiträge, dass es sich um eine durchaus fruchtbare Analysekategorie auch für außerdeutsche Rechtsentwicklungen handelt. Deutlich wurde, dass man in internationaler Perspektive vier Typen regulierter Selbstregulierung unterscheiden kann: liberal-zivilgesellschaftliche (vor allem USA), liberal-"jakobinische" (insbesondere Frankreich), korporative (z.B. Italien, Österreich) und kooperative (teilweise Niederlande, Schweden) – freilich unter Berücksichtigung eines erheblichen Gestaltwandels im Laufe der Zeit und mit zahlreichen Mischformen. – Die Beiträge wurden in einem weiteren Tagungsband publiziert. (Collin, Peter/Bender, Gerd/ Ruppert, Stefan/Seckelmann, Margrit/Stolleis, Michael (Hg.) (2014): Regulierte Selbstregulierung in der westlichen Welt des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 290, Moderne Regulierungsregime 4), Frankfurt/M.: Klostermann.)

Auf einer vierten Tagung (Januar 2013) wurde – in Kooperation mit dem LOEWE-Schwerpunkt "Gerichtliche und außergerichtliche Konfliktlösung" – eine besondere Form regulierter Selbstregulierung behandelt: die justizielle Selbstregulierung. Dem lag die Überlegung zugrunde, dass Selbstregulierung üblicherweise vor allem als normsetzende (und teilweise administrative) Selbstregulierung wahrgenommen wird, nicht jedoch in ihren justizmäßigen Ausprägungen. Dabei stellte es sich als zielführend heraus, zwischen Selbstregulierung durch (oder mittels) Justiz und Selbstregulierung der Justiz zu unterscheiden. Die letztgenannte Variante kann als Form funktionaler Ausdifferenzierung des Rechtssystems und rechtsstaatlich gebotener Autonomie angesehen werden und nimmt die Gestalt richterlicher Selbstverwaltung an. Die erste Variante stellt sich als ein (möglicher) Modus der Selbstregulierung gesellschaftlicher Teilsektoren dar; dies wurde vergleichend (Deutschland, England, Frankreich) dargestellt für die justizmäßige nichtstaatliche und halbstaatliche Konfliktlösung im arbeitsrechtlichen Bereich. – Der daraus hervorgehende Tagungsband wurde im Anschluss an die Projektlaufzeit noch weiterbearbeitet und fertiggestellt. (Collin, Peter (Hg.) (2016): Justice without the State within the State. Judicial Self-Regulation in the Past and Present (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 295, Moderne Regulierungsregime 5), Frankfurt/M.: Klostermann.)

Daneben wurden die Arbeiten an einem Quellenband abgeschlossen, der Bereiche regulierter Selbstregulierung behandelt, welche in den Tagungsbänden nicht oder nur in knapper Form bearbeitet werden. Dies betrifft beispielsweise die Pflege von Flussinfrastrukturen durch Wassergenossenschaften, die Elektrizitätswirtschaft, die private Wohlfahrt, den halböffentlichen Finanzsektor (Sparkassen und Kreditgenossenschaften) und das Eisenbahnwesen. Für jeden dieser Sektoren werden die einschlägigen Rahmenregelungen abgedruckt, d.h. die gesetzlichen Vorschriften wie auch das untergesetzliche Normenmaterial (z.B. Mustersatzungen, administrative Richtlinien, Rahmenvereinbarungen). Bestandteil eines jeden Kapitels ist eine ausführliche Einleitung, die die schon vorhandene Forschung aufarbeitet und dem Leser in die Problematik des jeweiligen Sachgebiets einführt. Der behandelte Zeitraum erstreckt sich von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik. – Die Arbeiten zu dem Band wurden noch während der Projektlaufzeit abgeschlossen und sind anschließend erschienen. (Collin, Peter (2014): Treffräume juristischer und ökonomischer Regulierungsrationalitäten (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 286, Moderne Regulierungsregime 3) Frankfurt/M.: Klostermann.) Weitere Veröffentlichungen sind in der Publikationsliste vermerkt.
Gesamtergebnis des Projekts ist eine umfassende Aufarbeitung der rechtlichen Erscheinungsformen regulierter Selbstregulierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sichtbar gemacht werden die organisatorischen Rahmenbedingungen und die Instrumentensets. Erkennbar wird die Einbettung in zeitgenössische Schlüsseldebatten z.B. zu Selbstverwaltung, (Privat-)Autonomie, Wirtschaftsdemokratie und Subsidiarität. Als markantes Ergebnis erscheint die starke Affinität kollektiver gesellschaftlicher Akteure zu öffentlich-rechtlichen Organisationsformen, welche amtliche Dignität, obrigkeitliche Befugnisse und verlässlichere Finanzierung versprachen. Der damit einhergehende stärkere Staatseinfluss wurde zwar problematisiert, war aber kein grundlegendes Hindernis. Der Blick auf Rechtsordnungen außerhalb Deutschlands hat gezeigt, das regulierte Selbstregulierung ein Signum moderner Gesellschaften ist, ihre Ausgestaltung jedoch variiert, und zwar nicht nur in Abhängigkeit davon, wie "stark" der Staat ist, wie z.B. beim Vergleich von Deutschland und Frankreich deutlich wird.
Weitere Informationen zur Fortführung des Projekts nach Ende der ersten Laufzeit des Exzellenzclusters: https://www.rg.mpg.de/forschung/regulierte-selbstregulierung-in-rechtshistorischer-perspektive 

Zivilverfassungen in der Weltgesellschaft

Projektleiter: Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Gunther Teubner

Das Projekt beschäftigte sich mit zwei Fragen: Lassen sich jenseits des Nationalstaats konstitutionelle Prozesse im globalen Raum identifizieren? Lassen sich jenseits des Nationalstaats Verfassungselemente in nicht-staatlichen, gesellschaftlichen, „privaten“ globalen Kontexten identifizieren? Das Ziel war empirische und normative Voraussetzungen der Verfassung transnationaler privater Regimes zu klären.
Die Verfassung der Weltgesellschaft verwirklicht sich nicht exklusiv in den Stellvertreter-Institutionen der internationalen Politik, sie kann aber auch nicht in einer alle gesellschaftlichen Bereiche übergreifenden Weltverfassung stattfinden, sondern sie entsteht inkrementell in der Konstitutionalisierung einer Vielheit von autonomen weltgesellschaftlichen Teilsystemen.
Die Frage nach der „horizontalen“ Grundrechtswirkung im transnationalen Raum, also die Frage, ob Grundrechte nicht nur staatlichen, sondern auch privaten Akteuren unmittelbare Verpflichtungen auferlegen, nimmt sehr viel dramatischere Dimensionen an, als sie im nationalen Raum je hatte. Hier fehlt es an der Allgegenwart nationalstaatlichen Handelns und nationalstaatlichen Rechts, so dass die herkömmlichen dogmatischen Konstrukte der state action und der strukturellen Grundrechtswirkung nur in wenigen Konstellationen greifen. Auf der anderen Seite regulieren transnationale Privatakteure, insbesondere multinationale Unternehmen, ganze Lebensbereiche, so dass der Frage nicht mehr ausgewichen werden kann, wie es mit der Geltung von Grundrechten in privaten transnationalen Ordnungen steht.

In verschiedenen globalen Regimes sollten die zwei Thesen der regimespezifischen Organisationsverfassung und der ebenso regimespezifischen Grundrechtsgeltung im Detail geprüft werden. Im Vordergrund stand die Frage eines globalen Verfassungspluralismus – Heteronomie oder Autonomie der gesellschaftlichen Konstitutionalisierungsprozesse? Inwieweit handelt es sich dabei um die konstitutionelle Selbstorganisation globaler Regimes? Inwieweit werden hier den transnationalen Regimes von außen her verfassungsrechtliche Normen oktroyiert? Oder handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel interner Selbstorganisation und externer konstitutioneller Vorgaben? Das führt letztlich auf die Frage, ob ein universaler, wenngleich fragmentierter, „politischer“ Verfassungsbegriff auch für die Weltgesellschaft Sinn macht oder ob stattdessen nur eine Vielheit von Partikularverfassungen der Eigenrationalität und Eigennormativität autonomer weltgesellschaftlicher Sektoren zu erwarten ist, deren Integration dann zum Hauptproblem eines weltgesellschaftlichen Konstitutionalismus wird.
Endresultat sind hauptsächlich zwei sich gegenseitig ergänzende Monografien. Prof. Teubner befasste sich mit dem Thema der globalen Zivilverfassungen primär aus einer juristischen Perspektive. Prof. Kjaer nahm eine eher sozialwissenschaftlichen Perspektive ein. Erreicht wurde damit eine intensive wechselseitige Beeinflussung der Disziplinen und zugleich eine Vertiefung innerhalb der jeweiligen Disziplin.

Prof. Teubners Forschungen über gesellschaftlichen Konstitutionalismus in der Globalisierung knüpften an eine Reihe von öffentlichen Skandalen an, die in den letzten Jahren die „Neue Verfassungsfrage“ aufgeworfen haben. Menschenrechtsverletzungen durch multinationale Unternehmen, Korruption im Medizin- und Wissenschaftsbetrieb, Bedrohung der Meinungsfreiheit durch private Intermediäre im Internet, massive Eingriffe in die Privatsphäre durch Datensammlung privater Organisationen und mit besonderer Wucht die Entfesselung katastrophaler Risiken auf den weltweiten Kapitalmärkten – sie alle werfen Verfassungsprobleme im strengen Sinne auf. Ging es früher um die Freisetzung der politischen Machtenergien des Nationalstaats und zugleich um ihre wirksame rechtsstaatliche Begrenzung, so geht es in der Neuen Verfassungsfrage darum, ganz andere gesellschaftliche Energien, besonders sichtbar in der Wirtschaft, aber auch in Wissenschaft und Technologie, in der Medizin und in den neuen Medien, freizusetzen und diese in ihren destruktiven Auswirkungen wirksam zu beschränken. Konstitutionalismus jenseits des Nationalstaats – das heißt zweierlei: Die Verfassungsprobleme stellen sich außerhalb der Grenzen des Nationalstaats in transnationalen Politikprozessen und zugleich außerhalb des institutionalisierten Politiksektors in den „privaten“ Sektoren der Weltgesellschaft. Prof. Teubners Forschungen beschäftigten sich im Projekt mit den folgenden Komplexen: (1) Gesellschaftliche Teilverfassungen im Nationalstaat, (2) Transnationale Verfassungssubjekte: Regimes, Organisationen, Netzwerke, (3) Transnationale Verfassungsnormen: Funktionen, Regelungsbereiche, Prozesse, Strukturen (4) Transnationale Grundrechte: Horizontalwirkung (5) Kollision und Vernetzung transnationaler Verfassungen.

Prof. Kjaer rekonstruierte die historische Evolution von staatlichen und transnationalen Verfassungsstrukturen, besonders das Verhältnis zwischen der Globalisierung moderner Staatlichkeit und der Entstehung von privaten und öffentlichen transnationalen Verfassungsstrukturen, von der Europäischen Union über die Welthandelsorganisation bis zu Multinationalen Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen. Ein besonderer Schwerpunkt war das Verhältnis zwischen den Dekolonisierungsprozessen in der Mitte der 20. Jahrhundert und der Entstehung neuartiger privater und öffentlicher Formen von global governance. Im Anschluss daran wurde eine Rekonstruktion des Verfassungsbegriffes unternommen, um einen zeitgemäßen Verfassungsbegriff zu entwickeln.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen:
Teubner, Gunther (2012): Verfassungsfragmente: Gesellschaftlicher Konstitutionalismus in der Globalisierung, Berlin: Suhrkamp.
Poul Kjaer (2014): Constitutionalism in the Global Realm – A Sociological Approach, London: Routledge.
Poul Kjaer (2010): Between Governing and Governance: On the Emergence, Function and Form of Europe's Post-national Constellation, Oxford: Hart Publishing.

Zu den wichtigsten Veranstaltungen zählen:
After the Catastrophe? International Conference on Economy, Law and Politics in Times of Crisis”, Thursday 25 March - Saturday 27 March 2010, Goethe University Frankfurt.
International Conference “Transnational Societal Constitutionalism”, Torino, 17-19 May 2012.

Exterritorialisierung normativer Ordnungen

Projektleiter: Prof. Dr. Joachim Zekoll

The project which began as a search for and evaluation of various facets of “extraterritoriality” emerged into a significantly more complex undertaking aimed at locating and assessing the various manifestations of transnational legal authority. The results are published in: Handl, Gunther/ Zekoll, Joachim/ Zumbansen, Peer (Eds.) (2012): Beyond Territoriality: Transnational Legal Authority in an Age of Globalization (Series: Queen Mary Studies in International Law, Vol. 11) Leiden/Boston: Brill.

By taking “extraterritoriality,” the touchstone for the traditional, state-centered allocation of transnational legal authority as the conceptual starting point, the project sought to trace the evolution of transnational legal authority in the course of globalization. In this respect, the project provided an accurate and up-to date map of changes in legal governance with regard to a number of fairly representative and important topics. The project’s aggregate findings thus help us to address the larger constitutive picture, namely that of the evolving global governance structure, and the extent to which the modern system of states is yielding to postmodern forms of configuring political space.
It is with these considerations in mind that individual contributions to the project paid special attention to any shift in transnational legal authority away from the state. More specifically, the various parts describe present-day transnational legal authority in terms of whether it is being exercised unilaterally or multilaterally; is minimally internationally coordinated or formally institutionalized; reflects a traditional state-centered as against a supra-national or “privatized" approach; and, finally, emanates from a single as against a multiple-layered normative system.

The project traced the evolution of transnational legal authority from being an exceptional derogation from the territoriality principle by offering a basic definitional part on jurisdiction and communities; a review of the implications for modern “globalized” society of jurisdictional concepts and practice in medieval times; and an introduction to the post-modern, present-day phenomenon of transnational legal pluralism, namely spatially co-existing and overlapping normative legal systems, involving both states and non-state actors in the making and application of transnational legal norms.
The project also evaluated prototypical transnational applications of domestic law, i.e. direct emanations of the assertion of territorial sovereignty. Without pretending to cover all possibly relevant scenarios, several different contexts, such as the application of domestic environmental laws were analyzed to illustrate the inevitability of “extraterritorial” jurisdictional effects associated with (routine) governmental acts within state territory.
Another part addressed the phenomenon of transnational authority based on – direct or indirect – transfers or “leakage” of constitutional norms, fundamental rights or human rights norms and/or basic governance concepts. Furthermore, situations were examined in which transnational legal authority is exercised in relation to real or virtual exterritorial spaces, thus is subject to special legal regimes, such as maritime law, or gives rise to special jurisdictional considerations as is the case with cyberspace and the emergence of a – real or only alleged – lex digitalis.
Finally, the focus shifted to the emergence of transnational governance structures which, though rooted in the state system, display a high degree of international substantive coordination as well as institutional developments. Several “case studies” focusing, inter alia, on capital market regulation, international investment regimes and arms control confirmed the assumption that transnational authority is being increasingly shared by the states with autonomous institutional structures and processes.

The findings of this joint research are multifaceted. This is in significant part due to the research topics, which follow different rule-making dynamics and the approach taken by the individual scholar to examine the heterogeneous subject matter areas. As Per Zumbansen, one of the editors of the volume, puts it (at 553 et seq.): “While for many of the authors represented in this volume, the state continues to be the primary reference framework for the creation and implementation of the applicable norms, other scholars in this book understand references to the state’s legal authority as less definitive. At the same time, both groups of authors testify to the many ways in which national legal systems have been adapting to the growing number of border-crossing legal conflicts. Defining and comprehensively explaining the ‘nature’ of this adaptation process is what can arguably be seen to be at the heart of the yet not fully resolved conundrum of ‘globalization and the law’. The differences in value assigned to the ‘state as container’ by the here collected legal authors reflect on the wealth of approaches toward unpacking this complex relationship. As shines through some of the contributions to this volume, this has long ceased to be un champ de recherche alone for lawyers. Importantly, explorations into the relevance of territoriality for an understanding of today’s legal systems have been at the centre of a number of other disciplines for quite some time.”
And, indeed the inclusion of and cooperation with other disciplines, such as political science and anthropology, appear to be indispensable prerequisites for an even better understanding of the evolving nature and dynamics of transnational norm production.

The following individuals cooperated in and contributed to this project:
Adeno Addis (Tulane Law School, New Orleans), Larry Catá Backer (Pennsylvania State University, University Park), Michael Bothe Goethe University, Frankfurt); Eric Dannemaier, Indiana University Robert H. McKinney School of Law, Indianapolis), Martin Davies (Tulane Law School, New Orleans), Onnig Dombalagian (Tulane Law School, New Orleans) James Gordley (Tulane Law School, New Orleans), Günther Handl (Tulane Law School, New Orleans), Rainer Hofmann (Goethe University, Frankfurt), Stefan Kadelbach (Goethe University, Frankfurt), Imelda Maher (University College, Dublin), Jonathan Nash (Emory University School of Law, Atlanta), Alexander Peukert (Goethe University, Frankfurt), Eckard Rehbinder (Goethe University, Frankfurt), Edward Sherman ((Tulane Law School, New Orleans), Friedl Weiss (Univeristy of Vienna) and Peer Zumbansen (Osgoode Hall Law School, Toronto).

Most of these scholars participated in two preparatory conferences/workshops, the first in December 17-18th 2008 at Goethe-University Frankfurt, entitled “The Extraterritoriality Project - A 'Work in Progress'” and a follow-up conference in New Orleans 12-14th November 2009 in cooperation with Tulane Law School.

Strafen, Sanktionen und andere Durchsetzungsinstrumente normativer Ordnungen

Projektleiter: Prof. Dr. Klaus Günther und Prof. Dr. Cornelius Prittwitz

Das Völkerstrafrecht spielt eine herausragende Rolle bei der Herausbildung internationaler Rechtsnormen, vor allem der Menschenrechte, und ihrer Sanktionierung. Umstritten ist die Frage seiner Legitimation oder auch die Frage seines Strafzwecks. So sehr die Legitimatät des Völkerstrafrechts aus den ersten Blick evident zu sein scheint, so kontrovers sind jedoch die Rechtfertigungen für die Sanktionen, vor allem der Übelszufügung in Form der Strafe. Hier versucht das Projekt, eine Antwort zu finden. Hierzu hat das Teilprojekt von Günther und Reuss einen neuen Vorschlag gemacht. Das Teilprojekt von Prittwitz und Alatovic hat die Kontroverse um die Strafzwecke des Völkerstrafrechts zum Anlass genommen, die Fragwürdigkeit eines normativistischen Zugriffs auf das Strafen und seine Rechtfertigungen kritisch zu diskutieren.

Die herkömmlichen Strafzwecke des nationalen Rechts, namentlich: Vergeltung (Schuldausgleich), Sicherung, Resozialisierung, individuelle und kollektive Abschreckung oder Stärkung des Normbewusstseins, zur Legitimation von Strafverfahren, -verhängung und -vollstreckung lassen sich nicht bruchlos auf das Völkerstrafrecht übertragen. Dies wird von Teilen des Schrifttums auch bereits ähnlich gesehen, nicht jedoch von den Gerichten. In einem ersten Schritt wurden daher in dem Projekt die spezifischen normativen, rechtstheoretischen und empirisch-kriminologischen Hintergründe des Völkerstrafrechts untersucht, die sich von den entsprechenden Hintergründen des nationalen Strafrechts stellenweise fundamental unterscheiden. Angesicht dieses Diskussionsstandes ließen sich im Anschluss zwei verschiedene Wege einschlagen. Der erste (a) besteht in einer Weiterentwicklung der Straftheorien mit spezifischen Modifikationen für das Völkerstrafrecht, die letztlich auf Argumenten der Gerechtigkeit basieren. Der zweite Weg (b) führt dazu, die Möglichkeit einer allgemeingültigen Legitimation des Völkerstrafrechts überhaupt zu bestreiten und seine Legitimation stärker als eine partikulare und kontextabhängige zu begreifen. Ohne den Weg einer universellen Rechtfertigung über normative Gründe beschreiten zu können, beruht das Völkerstrafrecht auf einem breiten faktischen Konsens (u.a. auch in der Rechtspraxis), seine Legitimität besteht darin, dass die Adressaten die Rechtsnormen als Handlungsgründe anerkennen. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass die faktische Legitimität niemals absolut, sondern immer nur begrenzt ist, also nicht von allen Adressaten getragen wird. Dies läuft nicht wie unter (a) auf eine normative, sondern auf eine realistisch-pragmatische Theorie des Völkerstrafrechts hinaus.

(a) Teilprojekt Günther/Reuss: Ein Vergleich der Erwartungen an das Völkerstrafrecht und der klassischen Zwecke ergibt, dass keiner der Zwecke in seiner herkömmlichen Form mehr vollständig überzeugen kann und insbesondere den absoluten Straftheorien eine Absage erteilt werden muss. Stattdessen lässt sich das Völkerstrafrecht gemessen an seinem eigenen Anspruch, die Menschenrechte vor schwersten und massiven Verletzungen zu schützen, nur noch als ein präventives Schuldstrafrecht legitimieren, das dabei aber auch gleichzeitig die Menschenrechte des Angeklagten und des verurteilten Straftäters in seinen Schutzbereich einbeziehen muss. Sein Ziel kann daher überhaupt nur noch die Stärkung eines globalen, zivilgesellschaftlichen Bewusstseins von der Geltung und Achtung der Menschenrechte sein. Der herkömmliche Zweck der positiven Generalprävention, also der Zweck der Stärkung von Normgeltungsvertrauen, muss daher entsprechend modifiziert werden. Gestärkt werden muss durch das Völkerstrafrecht nicht das Geltungsvertrauen in eine beliebige staatliche Ordnung, so die herkömmliche Sicht, sondern das Bewusstsein von der im Zweifel auch überstaatlichen globalen Geltung der Menschenrechte. Diese sind im Konfliktfall gegen menschenrechtsfeindliche staatliche Ordnungen zu verteidigen, oder dürfen zumindest nicht in Befolgung staatlicher Normenbefehle verletzt werden. Der Imperativ des Völkerstrafrechts fordert also gerade dazu auf, den Geltungs- und Befolgungsanspruch staatlicher Ordnungen kritisch zu überprüfen und gegebenenfalls zu widerstehen, statt sich ihnen anzupassen. Das so zu erzeugende oder zu befestigende Bewusstsein dient daher zum einen der Prävention vor der Errichtung autoritärer menschenrechtsfeindlicher Regimes, soll aber zum anderen auch gegenüber schon oder noch bestehenden Regimes deren normative Wirkungsmacht eingrenzen. Denn es errichtet mit seinem Verfahren und seinen Schuldsprüchen einen Appell an alle Weltbürger/innen, den von diesen Regimes ausgehenden menschenrechtsfeindlichen Imperativen zu widerstehen. Dadurch und durch die Verfolgung auch der Spitzen solcher Regimes delegitimiert und dekonstruiert es zugleich deren Autorität als legitime Rechtsquelle, d.h., als legitime Instanzen der Normsetzung.

(b) Teilprojekt Prittwitz/Alatovic: Blickt man auf das Völkerstrafrecht als faktisch akzeptiertes Recht, statt nach einer normativ begründeten Legitimation zu suchen, so zeigt sich, dass diese Akzeptanz nicht allgemein gegeben ist – und hier u.a. mit dem Prinzip der Staatensouveränität kollidiert (so sind z.B. einige Staaten dem Rom-Statut zur Errichtung eines Internationalen Strafgerichtshofes nicht beigetreten). Aus dieser Perspektive besteht die Funktion des Völkerstrafrechts – wie des Rechts generell – darin, allgemeine Verhaltensnormen gegen den Willen derjenigen durchzusetzen, die es nicht akzeptieren – also insofern zum Teil ohne Legitimation –, notfalls mit Zwangsmitteln. In der Spannung zwischen den beiden Teilprojekten (a) und (b) wiederholt sich der rechtstheoretische Gegensatz zwischen Naturrecht und Naturrechtskritik, sowie auf der Ebene der politischen Theorie der Gegensatz zwischen Institutionalisten und Realisten. Eine entsprechende pragmatisch-realistische Theorie des Rechts wurde in der Dissertation von Samir Alatovic entfaltet. Das darin entwickelte Hauptargument lautet, dass sich der Widerspruch zwischen individuellen Rechten und der Allgemeingültigkeit des Rechts auf normativer Ebene nicht auflösen lässt. Das Recht ist nicht nur, aber auch ein gewalttätiger Akt gegen diejenigen, die sich nicht an menschengemachte Regeln halten wollen, und die diese Regeln auch nicht als gerechtfertigte anerkennen müssen. Aus normativer Perspektive steht das Völkerstrafrecht auf festem normativen Grund und verstrickt sich nur in der Praxis in Aporien – aus einer pragmatischen Perspektive sind diese Aporien nur scheinbare und selbst das Völkerstrafrecht, das Straftaten verfolgt, die alle Menschen eigentlich auch verdammen müssten, kann den Widerspruch zwischen normativem Anspruch und legitimierender Akzeptanz nicht ganz überwinden. Die Lehre für das Völkerstrafrecht sollte sein, diesen Widerspruch anzunehmen und um Akzeptanz zu werben. In praktischer Hinsicht gelangt diese Position somit zu einer ähnlichen Einschätzung wie Teilprojekt (a): Das Völkerstrafrecht sollte die faktische Akzeptanz der Menschenrechte auf internationaler Ebene weiter fördern und sich in seiner Wirkung stärker auf den erzieherischen Charakter berufen, statt auf den sanktionierenden.

Eine Auswahl der wichtigsten aus dem Projekt hervorgegangenen Publikationen umfasst:
Günther, Klaus / Reuss, Vasco (2014): „Die Legitimation des Völkerstrafrechts in Deutschland. Völkerstrafrecht als Bürgerstrafrecht“, in: Christoph Safferling/ Stefan Kirsch (Hg.), Völkerstrafrechtspolitik. Praxis des Völerstrafrechts, Berlin/Heidelberg: Springer, 127-164.
Prittwitz, Cornelius (2012): „Die Rolle des Strafrechts im Menschenrechtsregime“, in: Arno Pilgram u.a. (Hg.), Einheitliches Recht für die Vielfalt der Kulturen, Münster: LIT Verlag, 23-39.
Reuss, Vasco (2012): Zivilcourage als Strafzweck des Völkerstrafrechts. Was bedeutet positive Generalprävention der globalen Zivilgesellschaft? (Reihe: Rechtsgeschichte und Rechtsgeschehen - Kleine Schriften, Bd. 28), Münster: LIT Verlag.

Das Völkerrecht und seine Wissenschaft, 1789-1914

Projektleiter: Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Stolleis

Das Projekt untersuchte paradigmatische Veränderungen rechtlicher Strukturen in den internationalen Beziehungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Von Interesse waren sowohl Völkerrechtspraxis als auch Völkerrechtswissenschaft. Das Ziel lag darin, in einem interdisziplinären Forschungszusammenhang das Völkerrecht als einen eigenen Typus normativer Ordnung zu begreifen und seine historischen Strukturmerkmale zu analysieren: Welche Ziele und Werte konstituiert das Völkerrecht des 19. Jahrhunderts? Wer waren die Akteure und welcher juristischen Instrumente bedienten sie sich? In welcher Form universalisierten sich globale Normen und Ordnungen?

Als Ergebnis stellte sich dabei heraus, dass die internationalen Strukturen im Forschungszeitraum eine bemerkenswerte Entwicklung aufweisen: Zwischen dem Ende des Ancien Régime und bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs entwickelte sich das Völkerrecht von einem Koexistenz- zu einem Kooperationsrecht. Neue internationale Regimes zur Regulierung von mannigfaltigen politischen, sozialen und ökonomischen Interessen wurden gegründet, die Staatenbeziehungen verrechtlichten sich; zugleich waren aber auch Bereiche zu beobachten, in denen Rechtsvermeidung dominierte (Staatsschulden; Interventionsrecht). Heute noch gültige Prinzipien wie die Grundrechte der Staaten oder die internationale Gemeinschaft traten hervor. Zwischenstaatliche Organisationen begannen, die internationalen Beziehungen zu gestalten. Dabei lässt sich sowohl eine Trennung des Völkerrechts von der Moral als auch die Übernahme von Tätigkeitsfeldern beobachten, die eine "Moralisierung" des Rechts bedeuten.

Dieser Wandel in der Völkerrechtspraxis wird publizistisch begleitet, forciert und reflektiert durch zahlreiche Völkerrechtswissenschaftler. Neben einzelnen Autoren, von denen nur beispielhaft Georg Friedrich von Martens, Theodor Schmalz, Julius Schmelzing, Friedrich Saalfeld, Carl Baron Kaltenborn von Stachau, Robert von Mohl, Henry Wheaton, August Wilhelm Heffter, August von Bulmerincq, Carl Bergbohm, Johann Caspar Bluntschli, Leopold Neumann, James Lorimer, William Edward Hall, Fedor Fedorowitsch von Martens, Carlos Calvo, Henry Bonfils, Franz von Liszt, John Westlake, Frantz Despagnet und Lassa Oppenheim genannt werden sollen, zeugt insbesondere die Gründung des Institut de Droit International von Bedeutung und Einfluss der Wissenschaft auf das sich neu erfindende völkerrechtliche Normensystem.

Die Analyse der wissenschaftlichen Begleitung des Verrechtlichungsprozesses durch die völkerrechtswissenschaftlichen und staatswissenschaftlichen Autoren war hierbei ein besonderes Anliegen der Forschungen der Projektgruppe: Sie kommentierten die im Verlauf des 19. Jahrhunderts erfolgten Institutionalisierungen und begleiteten die Prozesse der Aushandlung einer internationalen normativen Ordnung in ihren zeitgenössischen Interpretationen und historischen Narrativen. Dabei entwarfen sie oft affirmative, selten alternative Ordnungsvorstellungen. Die Frage nach universalistischen Gerechtigkeitsansprüchen einer Weltordnung, sei es ausgehend von der Völkermoral oder der Forderung nach gleichen Verträgen bis hin zur Abwicklung von Staatsbankrotten, die sich in und durch Völkerrecht vollzogen, stellte sich hierbei als ein Aspekt heraus, genauso wie die Entstehung und Etablierung allgemeiner Rechtsprinzipien des Völkerrechts unter Berücksichtigung des zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskurses.

Die Ergebnisse liegen in Form mehrerer Monographien und Sammelbände vor. Zu den wichtigsten zählen:
Nuzzo, Luigi/Vec, Miloš (Hg.) (2012): Constructing International law – The Birth of a Discipline (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 273), Frankfurt/M.: V. Klostermann, XVI, 545 S.
Heimbeck, Lea (2013): Die Abwicklung von Staatsbankrotten im Völkerrecht. Verrechtlichung und Rechtsvermeidung zwischen 1824 und 1907, (Studien zur Geschichte des Völkerrechts), Baden-Baden: Nomos.
Stefan Kroll (2012): Normgenese durch Re-Interpretation. China und das europäische Völkerrecht im 19. und 20. Jahrhundert (Studien zur Geschichte des Völkerrechts 25), Baden-Baden: Nomos.
Klump, Rainer/ Vec, Miloš (Hg.) (2012): Völkerrecht und Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert (Studien zur Geschichte des Völkerrechts 26), Baden-Baden: Nomos, VII, 271 S.
Lovric-Pernak, Kristina (2013): Morale internationale und humanité im Völkerrecht des späten 19. Jahrhunderts. Bedeutung und Funktion in Staatenpraxis und Wissenschaft (Studien zur Geschichte des Völkerrechts 30), Baden-Baden: Nomos, 200 S.

Zu den wichtigsten Veranstaltungen im Forschungsprojekt zählen "Storia teoria e diritto internazionale. La costruzione di una disciplina", International Conference, Lecce (Italy) 20.-22. Mai 2009, “Völkerrecht und Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert. Die Internationalisierung der Ökonomie aus völkerrechts- und wirtschafts(theorie-)geschichtlicher Perspektive”, Workshop, 3.-4. September 2009 in Frankfurt am Main, Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte und „The Emergence and Transformation of Foreign Policy.“ International Conference, Johns Hopkins University, Bologna, 10.-12.6.2011.
Weitere Informationen unter: https://www.rg.mpg.de/forschung/voelkerrechtsgeschichte

Gründe und Praxis des Strafens – ein deutsch-amerikanischer Vergleich

Projektleiter: Prof. Dr. Klaus Günther

Die amerikanischen und deutschen Strafrechtssysteme haben sich spätestens seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in gegensätzliche Richtungen entwickelt und zwei verschiedene Konzeptionen strafender Gerechtigkeit hervorgebracht. Ziel des Forschungsprojektes war es, diese beiden Konzeptionen vergleichend zu untersuchen. Dabei sollten nicht normative Prinzipien formuliert und begründet werden, um sie dann mit der jeweiligen Strafrechtswirklichkeit zu konfrontieren. Vielmehr ist dieses Forschungsprojekt einen rekonstruktiven Weg gegangen: Normative Gründe und Narrative sind immer schon in die Praxis eingeschrieben und eingebettet; die Aufgabe bestand also darin, diese Gründe und Narrative innerhalb der Praxis ausfindig zu machen, kohärent darzustellen und kritisch zu diskutieren. Folgende Leitfragen dienten dabei zur Orientierung: Welche impliziten Vorstellungen strafrechtlicher Verantwortlichkeit liegen beiden Strafrechtssystemen jeweils zugrunde? Zu welchen Strafen verpflichten die jeweiligen Konzeptionen strafender, vor allem wiedergutmachender Gerechtigkeit? Und welche Art von Reaktion auf kriminelles Fehlverhalten gilt als gerecht? Dabei ging es vor allem um die Rolle moralischer Vorstellungen von „Gut“ und „Böse“, den Status des Verbrechensopfers, sowie das Verhältnis von Retribution und Wiedergutmachung auf der einen und Prävention auf der anderen Seite.

Realisiert wurde das Projekt in einer Serie von Aufsätzen, in denen es sowohl um die methodologischen Fragen eines rekonstruktiven Zugangs zu normativen Ordnungen ging als auch um Konzeptionen der Gerechtigkeit und den Ort, den eine strafende, vor allem eine wiedergutmachende Gerechtigkeit in ihnen einnimmt, und vor diesem Hintergrund schließlich um den Vergleich beider Strafrechtssysteme.
Insbesondere mit Blick auf die Rolle, welche ein moralisches Konzept des „Bösen“ in beiden Strafrechtssystemen jeweils spielt, wurde von Joshua Kleinfeld eine These entwickelt und im Einzelnen in sechs folgenden Argumentationsschritten entfaltet: (1) Das amerikanische System sperrt Schwerstkriminelle routinemäßig und auf Dauer weg und exkludiert sie, während das deutsche System dies vermeidet und eine Chance auf Resozialisierung aufrechterhält. (2) Kleinere Vergehen werden dort als Anzeichen für künftige (Schwer-)Verbrechen gedeutet, während sie hier eher als ein den Umständen geschuldetes, letztlich irrtümliches und daher korrekturfähiges Fehlverhalten gelten. (3) In den USA wird bei Rückfällen ausschließlich die Person gestraft, in Deutschland (überwiegend) die Handlunge. (4) Bei Haftentlassenen wird dort die Zuschreibung einer „residual criminality“ praktiziert, hierzulande ist dagegen nach Verbüßung der Strafe der strafrechtliche Vorwurf restlos getilgt. (5) Hinsichtlich der Todesstrafe gilt in den USA das Grundrecht auf Leben als verfügbar (indem der Straftäter mit seiner kriminellen Handlung sein Recht auf Leben freiwillig preisgibt), während in Deutschland das Recht auf Leben unveräußerlich ist. (6) In den kriminalpolitischen Diskursen der USA finden solche Stimmen Gehör, die von der Existenz des (kriminellen) Bösen überzeugt sind, während solche Auffassungen hier überwiegend zurückgewiesen werden. Im Ergebnis hält Joshua Kleinfeld das deutsche System für zu naiv, weil es die Existenz des (kriminellen) Bösen auch in schwersten Fällen leugnet, während das US-amerikanische unterschiedslos jede Kriminalität als Ausdruck des Bösen versteht und nicht in der Lage ist, vor allem mit Blick auf geringere Tatvorwürfe, irrtümliches und den Umständen geschuldetes Fehlverhalten differenzierend zu reagieren.

Eine weitere Leitfrage orientierte sich an der Rolle des Opfers für die Konzeption der Strafgerechtigkeit. Hier hat Joshua Kleinfeld die These begründet, dass die Praxis des Strafecht unterschiedlich auf den jeweiligen Status des Opfers und den Grad seiner Viktimisierung reagiert, dies aber in der Theorie der Strafgerechtigkeit kaum angemessen gerechtfertigt wird. Es macht einen Unterschied, ob das Opfer einer Straftat mächtig ist oder gar selbst in strafrechtlich vorwerfbarer Weise gehandelt hat, oder ob es sich um ein schwaches und unschuldiges Opfer handelt. Rechtfertigen lässt sich eine solche Ungleichbehandlung, wenn man den moralischen Status einer rechtswidrigen Handlung nach der Verletzlichkeit und Unschuld des Opfers bemisst und entsprechend auf der Seite des Täters darauf achtet, ob und in welchem Ausmaß er die Verletzlichkeit und Unschuld des Opfers bei seiner Straftat ausnutzt. Insofern ist der Grad der Viktimisierung relevant für eine gerechte strafrechtliche Reaktion, allerdings kann er auch als Rechtfertigung für eine illiberale, freiheitsgefährdende, die Grundrechte des Täters gegen die des Opfers aufwiegende und letztlich ignorierende Verschärfung des Strafrechts werden. Der letztgenannte Aspekt ist vor allem von Klaus Günther mit Blick auf die aktuelle kriminalpolitische Diskussion um eine stärkere Berücksichtigung des Opfers im Strafecht untersucht worden.

Klaus Günther hat vor allem das Konzept strafrechtlicher Verantwortlichkeit untersucht, u.a. in Auseinandersetzung mit den Thesen des amerikanischen Kriminologen David Garland über die die „Kultur der Kontrolle“. Die bereits in früheren Veröffentlichungen entwickelte Theorie einer diskurstheoretischen Konzeption der Verantwortlichkeit, die den doppelten Status eines Staatsbürgers als Autor und Adressat der Gesetzgebung ernst nimmt, ist in diesem Projekt weiter entwickelt und differenziert worden. Dies u.a. in kritischer Auseinandersetzung mit der aktuellen Debatte über die Willensfreiheit als Grundlage strafrechtlicher Schuld sowie der Frage, ob und inwieweit Transitional Justice strafrechtliche Schuld voraussetze.

Zu den wichtigsten Veröffentlichungen zählen:
Günther, Klaus (2012): „Ein Modell legitimen Scheiterns – Der Kampf um Anerkennung als Opfer“, in: Honneth, Axel/ Lindemann, Ophelia/ Voswinkel, Stephan (Hg.), Strukturwandel der Anerkennung. Paradoxien sozialer Integration in der Gegenwart, Frankfurt/New York: Campus, 185-248:
Günther, Klaus (2010): „Die Unordnung der Verantwortlichkeit. Kriminalpolitik im Zeichen einer Politik des Selbst“, in: Kriminologisches Journal 42, 90-101.
Günther, Klaus/ Prittwitz, Cornelius (2010):  „Individuelle und kollektive Verantwortung im Strafrecht“, in: Felix Herzog/ Ulfrid Neumann (Hg.), Festschrift für Winfried Hassemer, Heidelberg: C.F. Müller, 331-354.
Günther, Klaus/ Honneth, Axel (2008): „Vorwort“ zu: David Garland, Die Kultur der Kontrolle – Verbrechensbekämpfung und soziale Ordnung in der Gegenwart, Frankfurt/New York: Campus, S. 7-18.
Kleinfeld, Joshua (2016): „Two Cultures of Punishment”, Stanford Law Review, 68, 933-1036. 
Kleinfeld, Joshua (2013): „A Theory of Criminal Victimization“, Stanford law Review, 65, 1087-1152.

Joshua Kleinfeld hat 2011 einen Ruf als Associate Professor of Law an die Northwestern University in Chicago/Ill. angenommen. Er arbeitet dort an den o.g. Themen weiter, u.a. in Form eines Dissertationsprojekts bei Axel Honneth, Klaus Günther u. Rainer Forst über „Embodied Ethical Life“. Das Projekt wurde mittlerweile erfolgreich abgeschlossen. Klaus Günther setzt seine Untersuchungen zu den o.g. Themen u.a. in dem Forschungsprojekt der zweiten Förderperiode über „Rechtliche Normativität und Anfechtbarkeit “, gemeinsam mit Marcus Willaschek fort.

Internationales Immaterialgüterrecht – Grundstrukturen, weltweite Expansion und Krise einer normativen Ordnung

Projektleiter: Prof. Dr. Alexander Peukert

Obwohl Patent-, Urheber- und Markenrechte in ihrer heutigen Form ein neuzeitliches Phänomen sind, haben sie bereits weltweite Anerkennung gefunden. Ausschließliche Rechte an Erfindungen, Kunstwerken, Produktbezeichnungen usw. sind insbesondere aufgrund des WTO-Abkommens über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums (TRIPS) in mehr als 150 Staaten zu schützen. Seit dem Jahrtausendwechsel sind jedoch Krisensymptome zu beobachten, die den künftigen Erfolg dieser normativen Ordnung in Frage stellen.

Um dieser Entwicklung nachzugehen, analysierte das Projekt zunächst die zentralen Begriffe und Strukturen dieses Rechtsgebiets. Hierzu zählten neben dem Begriff des Immaterialguts als des Objekts der Zuordnung insbesondere der Begriff des geistigen Eigentums, der anerkanntermaßen dazu beigetragen hat, dieses Rechtsgebiet zu etablieren. Ferner galt es, grundlegende Strukturen der Immaterialgüterrechte herauszuarbeiten, zum Beispiel den Unterschied zwischen individueller, kollektiver und gemeinschaftlicher Berechtigung. Dabei wurde auch der alternative Umgang mit Informationen – nämlich die Gemeinfreiheit (public domain) – einer näheren Analyse unterzogen. Für diese Grundlagenarbeit wurde insbesondere mit dem Projekt „Normativität und Freiheit“ (Forschungsfeld 1) kooperiert.

Als moderne, westliche Idee sind Immaterialgüterrechte nunmehr auch von Entwicklungsländern zu achten. Dort aber herrschen oftmals andere wirtschaftliche und soziale Gegebenheiten sowie abweichende normative Vorstellungen im Hinblick auf den Umgang mit Informationen. In Zusammenarbeit insbesondere mit Kollegen aus der Ethnologie und dem Projekt „Normative Grundlagen der Entwicklungszusammenarbeit“ wurde der Realität des Immaterialgüterrechts in Entwicklungsländern wie Mali nachgegangen. Ferner wurde die Übertragung des auf Innovationen zugeschnittenen Gedankens des geistigen Eigentums auf traditionelles Wissen wie Heilmethoden und Folklore einer kritischen Analyse unterzogen.
Forschungsgegenstand waren schließlich die Symptome, Ursachen und Konsequenzen der Krise des internationalen Immaterialgüterrechts, die sich etwa im Scheitern multilateraler Verhandlungen offenbart. Dabei lag ein Schwerpunkt auf dem Widerspruch zwischen der weltweiten Zugänglichkeit von Erfindungen, Werken und Zeichen insbesondere im Internet und ihrer eigentumsmäßigen Zuordnung durch mehr als 150 nationale, territorial begrenzte Immaterialgüterrechtsordnungen. Die unter anderem hieraus erwachsenden Schwierigkeiten, vorhandenes Wissen effektiv zu nutzen, scheinen Nutzer und Rechtsinhaber gleichermaßen in Exit-Strategien wie Open Access oder Open Source zu treiben. Die hierbei privatautonom entwickelten Konzepte könnten Vorboten einer neuen normativen Ordnung sein, deren Herausbildung es zu analysieren gilt.

Projektbeteiligte waren Prof. Dr. Alexander Peukert (Koordinator) sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht und Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt im internationalen Immaterialgüterrecht. Weitere Informationen sind unter www.jura.uni-frankfurt.de zu finden.

Die wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt sind:
Peukert, Alexander (2012): Die Gemeinfreiheit. Begriff, Funktion, Dogmatik (Geistiges Eigentum und Wettbewerbsrecht Band 63), Mohr Siebeck Tübingen, VIII, 321 S.
Peukert, Alexander (2011): “Individual, multiple and collective ownership of intellectual property rights – Which impact on exclusivity?”, in: Annette Kur/Vytautas Mizaras (Hg.), The Structure of Intellectual Property Law, ATRIP Series, Aldershot, UK and Brookfield, U.S., Edward Elgar, 195-225.
Peukert, Alexander (2011): “Intellectual Property as an End in Itself?”, European Intellectual Property Review (EIPR), 33, 67-71.

Zu den wichtigsten Veranstaltungen zählten die Tagung „Verwaiste Werke im europäischen und deutschen Urheberrecht“, ALAI Deutschland, 30. November 2011; „Grenzen der Rechtsdurchsetzung im Immaterialgüterrecht“, Arbeitsgruppensitzung der Fachgruppe für Vergleichendes Handels- und Wirtschaftsrecht, Jahrestagung der Gesellschaft für Rechtsvergleichung, Trier, 16.9.2011 und „Freedom of Speech and Intellectual Property: Conceptualizing the Conflict(s)“, XXV. Weltkongress für Rechts- und Sozialphilosophie, gemeinsam mit Prof. Peter Niesen, 16.8.2011.

Normative Bedingungen der Entwicklungspolitik (Doktorandengruppe)

Leiter: Prof. Dr. Stefan Kadelbach

Zehn Stipendiaten, die fünf verschiedenen Disziplinen (Ethnologie, Philosophie, Politik- und Rechtswissenschaften sowie Soziologie) angehören, beschäftigten sich in ihren Dissertationen aus ihrer je eigenen Perspektive mit Themen der Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Gemeinsam war den verschiedenen Ansätzen der Versuch, über - per se nicht illegitime - Kriterien ökonomischer Rationalität hinaus eine Perspektive auf die in der EZ entstehenden normativen Beziehungen zu gewinnen, die auch dem Anspruch der Empfängerseite auf Autonomie und Gleichberechtigung Rechnung trägt. Erkenntnisse und Methoden der beteiligten Disziplinen waren dabei von gegenseitigem Nutzen, so dass das Projekt als gelungenes Beispiel interdisziplinärer Wissenschaft gelten kann.

Der empirische Blick der Ethnologie erweist standardisierte, d.h. in entwicklungspolitischen Konzepten formulierte normative Anforderungen oft als wirkungslos (s. das Projekt von Loewe über UNESCO-Normen und die Lehrerausbildung in Nigeria) oder ihren Gebrauch als zynisch (Gruber über die "Fußballweltmeisterschaft als Entwicklungsereignis"). Auf ein solches Gegeneinander verschiedener Normschichten kann man zum einen mit einer Theorie reagieren, die diese Widersprüchlichkeit erfasst; eine rechtswissenschaftliche Arbeit (Bregvadze) befasste sich speziell mit dem Phänomen des aus dem Transfer externer Normen heraus entstehenden Normenpluralismus. Eine andere Antwort kann es sein, eine normative Unterlegung zu finden, die die Legitimität entwicklungspolitisch beeinflusster Normbildung erhöht. Die soziologischen Beiträge suchen im Spannungsfeld zwischen internationalen Normen und sozialer Wirklichkeit Annäherungen eines gehaltvollen Entwicklungsbegriffs; eine Arbeit beschäftigte sich mit einem Entwicklungskonzept, das sich am Wohlbefinden des Einzelnen orientiert (Dückers), eine zweite mit Anforderungen an selbstbestimmte Vergangenheitsbewältigung nach schweren inneren Konflikten, die zugleich den völkerrechtlichen Anforderungen entspricht (Auer), eine dritte mit der Spannung zwischen den Interessen an Landnutzung und Auslandsinvestitionen (Goetz). Ein normativer Entwicklungsbegriff muss den Ansprüchen auf Selbstbestimmtheit, die sich aus den empirischen Beispielen durchweg ergeben, Rechnung tragen. In der praktischen Philosophie führt dies zu der Forderung, von außen herangetragene Vorstellungen vom "Anderen" diskursethisch zu entschärfen (Dübgen) und selbst dann durch ein diskursives Verständnis zu ersetzen, wenn sie einen menschenrechtlichen, an den Fähigkeiten des Einzelmenschen orientierten Ansatz verfolgen (Culp). Beiträge der politischen Theorie und der Rechtswissenschaft fordern daher eine Praxis der Nicht-Beherrschung, die nicht nur gegenüber den Partnerländern Ansprüche stellt, sondern sich ihrerseits an demokratischen (Gädeke), rechtsstaatlichen (Neumann) und menschenrechtlichen (Wagner) Prinzipien ausrichtet.

Die Doktorandengruppe traf sich während der Förderdauer im zweiwöchentlichen Turnus in einem Kolloquium. Zu einzelnen Sitzungen waren auch externe Gäste aus anderen Disziplinen als Redner eingeladen, die aus ihrer disziplinären Warte in die Thematik einführten (die PIs Mamadou Diawara, Rainer Forst, Stefan Kadelbach und Rainer Klump) bzw. Gelegenheit zu einem Austausch mit der Praxis boten (PD Dr. Philipp Lepenies, KfW, und Dr. Lothar Jahn, GIZ). Die Doktorandengruppe organisierte zwei Workshops („Auf dem Weg zu einer neuen Entwicklungspartnerschaft", Bad Homburg, 29./30. April 2010 und: „Normative Debates on Poverty - Preconditions for Solidary Cooperation", mit Podiumsdiskussion “Is Poverty all about Money?”, Frankfurt 8. Juli 2010) und nahm an einer einwöchigen Field School am Centre Point Sud in Bamako (Mali) unter der Leitung von Mamadou Diawara teil (Anthropological Field School, Centre Point Sud, Bamako (Mali), 5. bis 12. Dezember 2009, Leitung Mamadou Diawara (Frankfurt).)

Zentrale Thesen der Arbeiten der Beteiligten sind in einem gemeinsamen Sammelband zusammengefasst:
Stefan Kadelbach (Hg.) (2014): Effektiv oder gerecht? Die normativen Grundlagen der Entwicklungspolitik (Reihe: Normative Orders, Bd. 11), Frankfurt/New York: Campus.

Die wichtigsten Publikationen des Forschungsprojekts sind:
Auer, Kira (2014): Vergangenheitsbewältigung in Ruanda, Kambodscha und Guatemala. Die Implementierung normativer Ansprüche, Baden-Baden: Nomos.
Bregvadze, Lasha (2013): Constituting Constitutions beyond the State: Polycontextural Constitutionalism of the World Society, in: Febbrajo und Harste (Hg.):  Law and Intersystemic Communication: Understanding Structural Coupling, Farnham (Ashgate), 327-342.
Bregvadze, Lasha (2009): “Legal Culture of the World Society: Local Law and Social Change from the Autopoietic Perspective”, in: Calliess/Fischer-Lescano/Wielsch/Zembansen (Hg.): Soziologische Jurisprudenz: Festschrift for Gunther Teubner, Berlin: De Gruyter, 717-738.
Culp, Julian (2015): “Development”, in: Moellendorf, Darrel/Widdows, Heather (Hg.), The Handbook of Global Ethics, Oxford/New York: Routledge; Culp, Julian (2014): Global Justice and Development, Basingstoke: Palgrave Macmillan; Culp, Julian (2014) (Hg.): Global Justice: Theory Practice Rhetoric 7, Sonderheft “Global Justice and the Theory and Practice of Development”, (mit Beiträgen von Thomas Pogge, Nicole Hassoun, Aram Ziai Bas van der Vossen u.a.), online unter: https://www.theglobaljusticenetwork.org/global/index.php/gjn/issue/view/7.
Dübgen, Franziska (2014): Was ist gerecht? Kennzeichen einer transnationalen solidarischen Politik, Frankfurt/New York: Campus.
Dübgen, Franziska (2014): „Translating Emancipation(s). Afrikanische Schwestern und das Privileg der Kritik“, in: Goll, Tobias/Keil, Daniel/Telius, Thomas (Hg.): Critical Matter. Diskussionen eines neuen Materialismus, Münster.
Dübgen, Franziska (2010): ’Respect the Poor’? Postkoloniale Perspektiven auf Armut, PERIPHERIE, 120, 452-477.
Gädeke, Dorothea (2017): Politik der Beherrschung - Eine kritische Theorie externer Demokratieförderung, Berlin: Suhrkamp, 2017. (Englische Übersetzung in Vorbereitung.).
Gädeke, Dorothea (2012): „Externe Demokratisierung als Aufgabe Globaler Gerechtigkeit“, in: Niesen, Peter (Hg.): Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie (Reihe: Normative Orders, Band 5), Frankfurt/New York: Campus, 131-158.
Goetz, Ariane (2019): Land Grabbing as Development? Chinese and British Land Acquisitions in Comparative Perspective, Bielefeld: Transcript, (i.E., auch open access).
Goetz, Ariane (2012): “The Land Crisis in Southern Africa: Challenges for Good Governance”, in: Ben Chigara (Hg.): Southern Africa Development Community Land Issues: A New, Sustainable Land Relations Policy, London/New York: Routledge, (mit Hany Besada).
Goetz, Ariane (2010): “African solutions for African problems and shared R2P”, in: Hany Besada (ed.), Crafting an African Security Architecture. Addressing Regional Peace and Conflict in the 21st Century, Burlington: Ashgate (2016 bei London/New York: Routledge) (mit Hany Besada und Karolina Werner).
Gruber, Matthias (2016): “Who owns the vuvuzela”, in: Diawara, Mamadou/ Röschenthale, Ute (Hg.), Copyright Africa. How intellectual property, media and markets transform immaterial cultural goods, Sean Kingston Publishing: Canon Pyon.
Gruber, Matthias (2014): "Sportereignisse als ‘Entwicklungsmotor’. Die Fußball WM 2010 in Südafrika", in: Kadelbach, Stefan (Hg.), Effektiv oder Gerecht? Die normativen Grundlagen der Entwicklungszusammenarbeit, Frankfurt/New York: Campus.
Gruber, Matthias (2008): „Fußball in Südafrika“, journal-ethnologie.de 3/2008.
Kadelbach, Stefan (2013): Handlungsformen und Steuerungsressourcen in den EU-Außenbeziehungen, in: A. von Arnauld (Hg.), Europäische Außenbeziehungen, Baden-Baden: Nomos, 207-272.
Stefan Kadelbach (Hg.) (2014): Effektiv oder gerecht? Die normativen Grundlagen der Entwicklungspolitik (Reihe: Normative Orders, Bd. 11), Frankfurt/New York: Campus, mit Beitrag "Einführung: Normative Bedingungen der Entwicklungszusammenarbeit".
Kadelbach, Stefan (2014): „Entwicklung als normatives Konzept“, in: P. Dann/S. Kadelbach/M. Kaltenborn (Hg.), Entwicklung und Recht. Eine systematische Einführung, Baden-Baden: Nomos, 49-70.
Neumann, Jacqueline (2013): Die Förderung der Rule of Law in der Entwicklungszusammenarbeit, Münster: LIT Verlag, 2013, 887 S.
Neumann, Jacqueline (2013): „Geber in der Pflicht“, Entwicklung und Zusammenarbeit (E+Z) 54, 12, 462-464.
Neumann, Jacqueline (2013): „Donor obligations”, in: Development and Cooperation (D+C) 40, 12, 462-464.
Wagner, Léonie Jana (2017): Menschenrechte in der Entwicklungspolitik. Extraterritoriale Pflichten,  der Menschenrechtsansatz  und seine Umsetzung, Wiesbaden: Springer.

Wandel des transnationalen Arbeits- und Wirtschaftsrechts (Nachwuchsgruppe)

Leiter: Dr. Florian Rödl

Das Gesamtprojekt der Nachwuchsgruppe gliederte sich in drei Unterprojekte und ein Rahmenprojekt.

Zu den Unterprojekten: Die einzelnen Unterprojekte der Nachwuchsgruppe haben Phänomene der trans- und internationalen Rechtsentwicklung untersucht, in die zentrale gesellschaftliche Konflikte um eine rechtliche Verfassung transnationaler Arbeits- und Wirtschaftsbeziehungen eingeschrieben sind:

- die gegenwärtige Verdichtung des ver-völkerrechtlichten Schutzes ausländischer Investitionen,
- die Bemühungen um rechtliche Bindung transnationaler Konzerne an menschenrechtliche Garantien insbesondere des Arbeitsvölkerrechts,
- die ständige Expansion eines als autonome Rechtsordnung begriffenen transnationalen Handelsrechts.

Diese Phänomene sind einerseits im Lichte demokratischer Rechts- und Verfassungstheorie und andererseits im Lichte von Theorien internationaler politischer Ökonomie analysiert worden.

Das Projekt von Rhea Hoffmann untersuchte die aktuellen Entwicklungen im internationalen Investitionsschutzrecht. Ausgangspunkt ist die derzeitige Legitimationskrise der Institution von Investor-Staat-Verfahren, die im Bereich so genannter indirekter Enteignungen besonders augenfällig wird. Legitimationsprobleme resultieren hauptsächlich aus der institutionellen Ausgestaltung des Investor-Staat-Systems, der Widersprüchlichkeit von Schiedssprüchen und der Reichweite schiedsgerichtlicher Vorgaben für staatliche und das heißt immer auch potentiell demokratische Selbstbestimmung. Das Projekt widmete sich systeminternen Ansätzen und untersuchte diese kritisch hinsichtlich der Frage, ob sich mit ihrer Hilfe die Legitimationsprobleme des internationalen Investitionsschutzes lösen lassen. Im Mittelpunkt der Untersuchung standen die Funktion des Investitionsschutzrechts im Kontext asymmetrisch verlaufender Globalisierung, die Notwendigkeit einer demokratischen Legitimierung des Verfahrens sowie die Problematik eines „gerechten“ Ausgleichs zwischen der Souveränität von Staaten und Investoreninteressen.
Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass das internationale Investitionsschutzrecht wesentlich die Funktion erfüllt, die für den modernen Staat charakteristischen Verfassungskompromisse zur Reichweite des Eigentums zugunsten unternehmerischer Eigentümer und zulasten gesetzlicher Schrankenbestimmung zu verschieben. Ein legitimer Investitionsschutz hätte sich demgegenüber auf die prozedurale Sicherung staatlicher Rechtsdurchsetzung zu beschränken.
Damit setzt sich die Arbeit in Kontrast zum herrschenden investitionsschutzrechtlichen Konsens, in dem die gegenwärtigen Auswüchse allenfalls eingehegt werden sollen, indem das Schiedsverfahren als internationale Verfassungsfunktion propagiert wird. Dadurch entsteht womöglich mehr Spielraum für demokratische Politik, aber es ändert sich nichts an der gesellschaftlich parteilichen Funktion des Investitionsschutzes. Es würde sich lohnen, diesen Kontrast noch einmal stärker herauszuarbeiten anhand anhängiger Streitverfahren (etwa Vattenfall vs. Bundesrepublik) und anhand der laufenden Verhandlungen um den Investitionsschutz im Rahmen einer transatlantischen Freihandelszone.

Zu den wichtigsten Publikationen des Unterprojekts zählen:
Hofmann, Rhea Tamara (2019): Divergenz und Transformation. Verfassungstheoretische Untersuchung des Eigentumschutzes in der demokratischen Eigentumsverfassung und im Investitionsschutzregime, Baden-Baden: Nomos.
Hofmann, Rhea Tamara (2013): „Universalismus oder Vollstreckung partikularer Interessen? Eigentum zwischen Menschenrecht, Investitionsschutz und demokratischem Eigentumskompromiss“, in: Juridikum 3/2013, 361-373.
Hofmann, Rhea Tamara (2013): „Rezension zu: Stephan W. Schill, International Investment Law and Comparative Public Law, Oxford“, in: Herrmann, Christoph; Krajewski, Markus; Terhechte, Jörg Philipp (Hg.), European Yearbook on International Economic Law 4, 583ff.
Hofmann, Rhea Tamara (2012): „Staatsschuldenkrisen im Euro-Raum und die Austeritätsprogramme von IWF und EU“, in: Kritische Justiz 45 (2012), 2-17 (mit Markus Krajewski).

Ausgangspunkt des Projektes von Sofia Massoud ist die allseits wahrzunehmende Problematik der Verletzung von Menschenrechten durch transnational agierende Konzerne. Gegenstand der Arbeit war die Frage nach der Möglichkeit einer rechtlichen Bindung von Konzernen an Menschenrechtsstandards, wobei sich der Fokus auf die Menschenrechtsgarantien des Arbeitsvölkerrechts richtet. Das Projekt setzte sich zu diesem Zweck mit bestehenden Ansätzen zur unmittelbaren völkerrechtlichen Verantwortlichkeit von Konzernen und alternativen Ansätzen freiwilliger Selbstverpflichtung auseinander, sowie mit dem Ansatz einer Verstärkung extraterritorialer staatlicher Schutzpflichten und dem Ansatz zivilrechtlicher Haftung; dazu wurden Begründungsmodelle und Durchsetzungsmöglichkeiten untersucht und Defizite herausgearbeitet. Zudem wurde der Rahmen weltwirtschaftlicher Ordnung kritisch untersucht, der den oft unthematisierten Rahmen des gegenwärtigen Diskurses um "Unternehmen und Menschenrechte" bzw. "Business and Human Rights" bildet. So konnte abschließend die Frage erörtert werden, ob der Menschenrechtsdiskurs auch als Legitimation der bestehenden (Wirtschafts-)Ordnung fungiert.
Die Untersuchung kam dabei zu dem Ergebnis, dass jedenfalls der Ansatz zivilrechtlicher Haftung, durchgesetzt im Heimatstaat des Unternehmens de lege ferenda - erforderlich wären vor allem prozessrechtliche und gesellschaftsrechtliche Gesetzesänderungen - durchaus tauglich wäre, um gravierenden Menschenrechtsverletzungen effektiv zu begegnen. Auch der Ansatz einer Artikulation extraterritorialer Schutzpflichten erscheint nicht aussichtslos. Die fehlende Umsetzung dieser Ansätze lässt sich auf die Struktur der Weltwirtschaftsordnung zurückführen, nach der die zur Handlung berufenen Staaten von der weitgehenden Sanktionslosigkeit unternehmerischer Menschenrechtsverletzung profitieren. Die enorme öffentliche Aktivität zum Thema "Unternehmen und Menschenrechte" erscheint vor diesem Hintergrund vor allem als Ablenkungs- und Integrationsmanöver.
Bezogen auf den gegenwärtigen Forschungsstand liegt die Pointe des Projektes vor allem darin, die Beiträge zur gängigen Diskussion um die Menschenrechtsbindung von Unternehmen darauf zu verpflichten, einerseits die rechtstechnischen und andererseits die politischen Bedingungen der jeweiligen Vorschläge zu thematisieren. Es wäre darum eine viel versprechende Fortsetzung des Projektes, die geradezu unzähligen Stimmen für eine völkerrechtliche Bindung von Unternehmen an Menschenrechte einmal akribisch eben daraufhin zu untersuchen, welche rechtlichen und politischen Durchsetzungsperspektiven ihnen unterliegen. Denn es liegt der Verdacht nahe, dass es sich dabei generell um einen blinden Fleck handelt, der geradezu die Bedingung für die erstaunliche Proliferation der Beiträge darstellt.

Zu den wichtigsten Publikationen des Unterprojekts zählen:
Massoud, Sofia (2018): Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Aktivitäten von transnationalen Unternehmen, Berlin: Springer.
Massoud, Sofia (2013): „Unternehmen und Menschenrechte“ – überzeugende progressive Ansätze mit begrenzter Reichweite im Kontext der Weltwirtschaftsordnung, in: Ralph Nikol /Thomas Bernhard/Nina Schniederjahn (Hg.), Transnationale Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen im Völkerrecht, 37-68.
Massoud, Sofia (2013): „Die Guiding Principles on Business and Human Rights – eine absehbar begrenzte UN-Agenda“, in: Kritische Justiz 46(1), 7-17.
Massoud, Sofia/Rödl, Florian (2011): „Waiting for the “Follow-Up”? – Guiding Principles for the Implementation of the United Nations ‘Protect, Respect and Remedy’ Framework“, Global Labour Column (http://www.global-labour-university.org/fileadmin/GLU_Column/papers/no_63_Roedl_Massoud.pdf).

Das Projekt von Alexander Wagner widmete sich dem Problem der Legitimation transnationaler Normordnungen im Kontext der „lex mercatoria“. Eine kritische Bewertung der Genese autonomer transnationaler Normordnungen erfolgte ausgehend von einer Rekonstruktion aufgeklärter demokratie- und (privat-) rechtstheoretischer Positionen sowie unter Bezugnahme auf die Internationale Politische Ökonomie. Dabei werden drei Legitimationsstrategien transnationaler Normordnungen in den Fokus der Kritik gerückt. Erstens wurde gezeigt, dass transnationale Normordnungen gerade nicht (und nicht einmal minimalsten) formal-demokratischen Ansprüchen an Rechtsentstehung genügen. Zweitens wurde die These entkräftet, dass transnationale Normordnungen keiner demokratischen Rechtfertigung bedürften, weil von ihnen ausschließlich die jeweiligen Vertragsparteien betroffen seien. Schließlich wurde der für die Legitimierung transnationaler Normordnungen zentrale Begriff der Privatautonomie kritisch rekonstruiert. Die durch diese Schritte entwickelte zentrale These lautet, dass die vorhandenen Ansätze zur Legitimation autonomen transnationalen Handelsrechts sowohl aus demokratietheoretischer als auch aus privatrechtstheoretischer Perspektive defizitär bleiben müssen.

Zum Rahmenprojekt: Insgesamt untersuchten die drei Unterprojekte jeweils Phänomene des transnationalen Rechts, die aus strukturellen Problemen der Fragmentierung des globalen Rechts in nationalstaatliche Rechtsordnungen resultieren. Eine grundsätzliche Antwort auf diese Probleme liefert die Idee einer Konstitutionalisierung jenseits des Staates. Mit dieser Alternative beschäftigte sich das Rahmenprojekt der Nachwuchsgruppe. Behandelt wurden darin unterschiedliche Formen der Konstitutionalisierung jenseits des Staates, und zwar auf globaler wie auch auf europäischer Ebene. Die konstitutionelle Verdichtung der EU gilt einigen Beobachtern als vielversprechende Blaupause einer Konstitutionalisierung des Völkerrechts, welche sich durch einen belastbaren Grundrechtsschutz, eine demokratische Grundlage und schließlich durch echte Steuerungskapazität für globale Problemlagen auszeichnen soll. Im Kontrast zu dieser Idee von Konstitutionalisierung, die sich jedenfalls unausgesprochen doch immer an der Form des Verfassungsstaates orientiert, wurde programmatisch die Vorstellung einer kollisionsrechtlichen Verfassung entfaltet, die eine „demokratische Verrechtlichung ohne Verstaatlichung“ erlauben würde. Wesentliche Probleme einer an der verfassungsstaatlichen Form orientierten Konstitutionalisierung jenseits des Staates wurden anhand der Verfassung der Europäischen Union untersucht. Der Schwerpunkt der Analysen lag auf den Potentialen einer demokratischen und sozialen Verfassung der Union, mit einem Fokus auf den kollektiven Arbeitsbeziehungen als Rückgrat sozialstaatlicher Verfassung.
Für die Europäische Union ist am Ende zu konstatieren, dass die sozialstaatliche Verfassung der einzelnen Mitgliedstaaten offenbar derart komplex und kompakt ist, dass sich eine Reproduktion sozialstaatlicher Verfassung auf europäischer Ebene auf lange Sicht ausschließen lässt. Diese Struktur spiegelt sich im so genannten Demokratiedefizit der Union. Damit tritt die Frage nach einer Orientierung von Konstitutionalisierungsprozessen auf den Plan, die sich nicht mehr an der verfassungsstaatlichen Blaupause orientieren würde, ohne aber zugleich die Idee einer demokratischen Verrechtlichung fallen zu lassen. In diesem Sinne ist die Theorie supranationaler Verfassungsrecht, in der die Idee eines universalen Kollisionsrechts eine wesentliche Rolle zu spielen hat, weiterhin ein Desiderat post-nationaler Verfassungstheorie.

Zu den wichtigsten Publikationen des Rahmenprojekts zählen:
Rödl, Florian (2015): Gerechtigkeit unter freien Gleichen. Eine normative Rekonstruktion von Delikt, Eigentum und Vertrag, Baden-Baden: Nomos.
Rödl, Florian (2011): „Demokratische Verrechtlichung statt Verstaatlichung: Kollisionsrecht statt Globalstaat“, in: Oliver Eberl (Hg.), Transnationalisierung der Volkssouveränität. Radikale Demokratie jenseits und diesseits des Staates, 271-294.
Rödl, Florian (2013): „Zum Begriff demokratischer und sozialer Union“, in: Jürgen Bast/Florian Rödl (Hg.), Wohlfahrtsstaatlichkeit und soziale Demokratie in der Europäischen Union, Europarecht-Beiheft 1/2013, 179-204.
Rödl, Florian (2014): „Die dialektische Entwicklung des Sozialen im Prozess der europäischen Integration: Die Dimension der kollektiven Arbeitsbeziehungen“, in: U. Becker/St. Leibfried/P. Masuch/W. Spellbrink (Hg.), Sozialrecht und Sozialpolitik: Grundlagen und Herausforderungen des deutschen Sozialstaats. 60 Jahre Bundessozialgericht, Berlin: Erich Schmidt Verlag.

Entstehung und Veränderung konstitutioneller Ordnungen im Vergleich

Projektleiter: Prof. Dr. Günter Frankenberg

Das Projekt ließ sich von der Frage leiten, wie konstitutionelle Ordnungen entstehen und sich verändern. Im Zentrum stand die Problematik des konstitutionellen Transfers, insbesondere dessen Bedingungen, Risiken und Nebenwirkungen, die sich bei der Rekontextualisierung verfassungsrechtlicher Normen, Institutionen, Argumente und Praktiken zeigen. Außerdem rückte in der vergleichenden Analyse in den Vordergrund, welche konstitutionellen "items" sich aus welchen Gründen als transferresistent erwiesen.

Als Ergebnis der Forschungsarbeit kristallisierte sich eine Bifurkation hinsichtlich der Transfer-Eignung heraus: Während eine Vielzahl und Vielfalt konstitutioneller Normen, Institutionen, Doktrinen und Praktiken sich durch Formen des Transfers in die "globale Verfassung" einstellen ließen, erwiesen sich bestimmte items als transferresistent. Die Gründe hierfür sind in der Wissenschaft bisher kaum untersucht worden und werden im nächsten Forschungsabschnitt im Zentrum stehen. Zu vermuten ist, dass die mangelnde Eignung für die Übertragung historische, kulturelle oder aber politische Gründe haben dürfte, die mit Kontextabhängigkeit und/oder Subversität hinsichtlich des dominanten liberalen Paradigmas des Konstitutionalismus nur unzureichend erklärt sind.

Die Transfer-Theorie wurde im September 2011 in einem Workshop mit internationaler Beteiligung diskutiert. Insbesondere als Ergebnisse dieses Workshops konnten so bestimmte Problembereiche identifiziert werden, die es bei weitergehenden Forschungen zu berücksichtigen gilt: Zum einen wurde gezeigt, dass mehr Aufmerksamkeit auf die "odd details" zu richten ist, die sich nicht – jedenfalls – nicht zwanglos in eine "global constitution" einstellen lassen. Außerdem wurden Prozesse der Dekontextualisierung als relevantes Phänomen identifiziert, das nachgehender Untersuchungen bedarf. Schließlich wurde herausgearbeitet, dass in der Verfassungsvergleichung Untersuchungen hinsichtlich der Träger von Transferprozessen fehlen, die das globale Reservoir "beliefern".

Die Ergebnisse wurden publiziert in dem Band Günter Frankenberg (Hg.) (2013): Order from Transfer. Comparative Constitutional Design and Legal Culture, Cheltenham (UK)/Northampton (MA): E. Elgar Publishing. In diesem Band hat der Projektleiter seine Forschungen in der theoretischen Einleitung "Constitutions as commodities: notes on a theory of transfer" (1-28) und zum konstitutionellen Experimentalismus im Europa des 19. Jahrhunderts "Constitutional transfers and experiments in the nineteenth century" (279-305) veröffentlicht.

Die Entstehung nationaler Rechtssysteme im postosmanischen Südosteuropa

Projektleiter: Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Stolleis

Das Projekt widmete sich der Formierung nationaler Rechtssysteme in den südosteuropäischen Staaten im 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts. Es handelt sich um einen komplexen Prozess, dessen strukturelle Bedingungen weit in die vorausgehende osmanische Periode zurückreichen.

Worin besteht die Rolle des westlichen Rechts und die der Muster der okzidentalen Modernität im postosmanischen Südosteuropa? Was sind die Bedingungen der Rechtstransfers und wie wird das neue Recht implementiert und legitimiert? Wie steht es um die Constraints der nationalen Neustarts und wie präsent bleibt das osmanische Erbe der postosmanischen Normenordnung? Die historische Großregion Südosteuropa tritt mit dem Niedergang des osmanischen Reichs in eine Phase des forcierten Wandels ein. Die postosmanische Konstellation ist eine Gemengelage aus altem und neuem Recht, aus tradierter, transformierter und transferierter Normativität und der Evidenz sub-regionaler Spezifika. Zugleich ist sie eingebettet in Prozesse der Bildung von Nationalstaaten und dem Streben nach ihrer Legitimierung. In den Blick genommen wurden die Themen der Verfassungsgebung und des Aufbaus eines modernisierten Straf- und Zivilrechts. Besondere Aufmerksamkeit erhielt dabei die Erforschung justizieller und außerjustizieller Normdurchsetzung.

Das Projekt sieht die Rechtsgeschichte der Region sowohl im gesamteuropäischen Kontext als auch im Rahmen der osmanischen Geschichte. Im Zuge einer forcierten Modernisierung der traditionell organisierten Gesellschaften Südosteuropas galt das Recht gleichermaßen als Zweck und Ziel. Denn die neuen Nationalstaaten versuchten, die eigene, von Gewohnheitsrecht, informeller Streitschlichtung oder teilweise von einer feudalen Rechtsprechung beherrschte Rechtstradition durch modernes, westeuropäisches Recht zu ersetzen – verbunden mit der Vorstellung, gerade auch dadurch den Entwicklungsstand westeuropäischer Staaten zu erreichen. Modernisierung und Rechtstransfer standen mithin im Mittelpunkt des Projekts und wurden exemplarisch in den Bereichen Verfassungsrecht, Zivilrecht und Strafrecht untersucht. Das Projekt hat in Bulgarien, Griechenland, Rumänien und der Türkei Forschungsgruppen mit jeweils sechs bis acht Wissenschaftlern aufgebaut. In Kooperation mit der Universität Wien (Prof. Dr. Thomas Simon) wurde eine weitere Gruppe mit bosnischen und serbischen Wissenschaftlern ins Leben gerufen.

Die Ergebnisse wurden in einer Serie gruppenübergreifender Arbeitstagungen diskutiert und sind in zwei Projektbänden in der Reihe „Studien zur europäischen Rechtsgeschichte“ des MPIeR veröffentlicht:
Michael Stolleis (Hg., unter Mitarbeit von Gerd Bender und Jani Kirov) (2016): Konflikt und Koexistenz. Die Rechtsordnungen Südosteuropas im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 1: Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Frankfurt/M.: Klostermann, 2 Halb-Bände, XIV, X, 1031 S.
Simon, Thomas (Hg.) (2017): Konflikt und Koexistenz Die Rechtsordnungen Südosteuropas im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 2: Serbien, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Frankfurt/M.: Klostermann. IX, 629 S.

Zu den wichtigsten Publikationen zählen außerdem:
Gerd Bender/Jani Kirov (2010): „Die Entstehung nationaler Rechtssysteme im postosmanischen Südosteuropa: Dekonstruktion, Formation und Transfer von Normativität“, in: Jahrbuch der MPG 2010, (online unter: http://www.mpg.de/387915/forschungsSchwerpunkt).
Jani Kirov (2009): „Foreign Law Between Grand Hazard and Great Irritation: The Bulgarian Experience after 1878“, in: Theoretical Inquiries in Law 2, 699-722.
Jani Kirov (2011): „Prolegomena zu einer Rechtsgeschichte Südosteuropas“, in: Rechtsgeschichte 18, 140-161. Michael Stolleis (2012): „Transfer normativer Ordnungen, Baumaterial für junge Nationalstaaten“, in: Rechtsgeschichte 20, 72-84.

Im Projekt wurde u. a. die internationale Konferenz „Zur Entstehung nationaler Rechtssysteme im postosmanischen Südosteuropa. Dekonstruktion, Formation und Transfer von Normativität“, 29.-30.9.2010, durchgeführt.

Professur des Exzellenzclusters – Bürgerliches Recht und Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt im internationalen Immaterialgüterrecht

Prof. Dr. Alexander Peukert

Im Erstantrag war eine mit tenure track verbundene Juniorprofessur (W1) zum „Schutz geistigen Eigentums“ vorgesehen. Diese Juniorprofessur wurde zum 1.11.2008 mit Alexander Peukert besetzt. Nachdem Peukert im ersten Halbjahr 2009 Rufe auf ordentliche Professuren an die Universitäten Bonn, Siegen und Linz/A abgelehnt hatte, wurde er im Rahmen einer Bleibevereinbarung im September 2009 zum Professor auf Lebenszeit (W3) an der Goethe-Universität ernannt. Die Professur trägt seither die Denomination „Bürgerliches Recht und Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt im internationalen Immaterialgüterrecht“.
Peukerts Forschungsschwerpunkt betrifft ein Fallbeispiel globaler Konflikte, die im Cluster analysiert werden. Darüber hinaus kommt den Rechten des geistigen Eigentums eine allgemeine Relevanz für die Fragestellung des Clusters zu. Denn diese Rechte legen die Spielregeln zulässiger Kommunikation fest. Hierauf wiederum ist die Clusterthematik mit ihrem Fokus auf Rechtfertigungsdiskurse generell ausgerichtet.

Die im Berichtszeitraum an der Professur geleistete Forschung zum geistigen Eigentum kann in zwei Hauptzweige eingeteilt werden. Erstens wurde den Grundbegriffen und -strukturen des internationalen Systems geistigen Eigentums nachgegangen. Das Verständnis dieser begrifflichen und dogmatischen Grundlagen ist Voraussetzung dafür, einschlägige Wandlungsprozesse nachzuvollziehen. Vorgelegt wurden Aufsätze zur Struktur und Wirkung von Ausschließlichkeitsrechten, die Individuen oder mehreren Personen/Gruppen bis hin zu indigenen Völkern zustehen, sowie zum Begriff des geistigen Eigentums, der selbst Rechtfertigungsnarrative transportiert und dazu tendiert, den Schutz dieser Rechte zum Selbstzweck zu erheben. Dabei drohen zuwiderlaufende Interessen am Zugang zu Wissen vernachlässigt zu werden. Jene werden häufig unter dem Banner der Gemeinfreiheit (public domain) vorgebracht. Zu Begriff, Funktion und Dogmatik dieses Gegen-Narrativs wurde ebenfalls eine umfangreiche Studie erstellt, die für das deutsche Recht, aber auch international Neuland betritt. Bereits vorab publiziert wurde ein rechtspolitischer Vorschlag für eine neue Institutionalisierung dieser Zugangsinteressen in Gestalt unabhängiger Beauftragter für die Gemeinfreiheit, analog zu den Datenschutzbeauftragten. Die Promotion einer Mitarbeiterin beschäftigte sich mit Nichtigkeitsverfahren als Instrumenten zum Schutz der Gemeinfreiheit. Zurückführen lassen sich diese Forschungen auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Eigentum und Freiheit. Zu diesem grundlegenden Thema hielt Peukert Gastvorlesungen an der Keio-Universität in Tokyo. Ferner veranstaltete Peukert gemeinsam mit dem Philosophen Christoph Menke (FF 1) ein interdisziplinäres Seminar an der Goethe-Universität zum Thema „Subjektive Rechte. Geschichte, Theorie, Kritik“.

Der zweite Hauptzweig der Forschung betraf das System geistigen Eigentums im Kontext der Globalisierung. Hierbei geht es um die Aufklärung von Wandlungsprozessen, die häufig als Krise dieses Rechtsgebiets wahrgenommen werden. Dabei wurde mit den Cluster-Projekten „Entwicklungszusammenarbeit“ (Prof. Kadelbach, FF 4) sowie „westliche Normen und lokale Medien in Afrika“ (Prof. Diawara, FF 2) kooperiert. Es entstanden zwei Promotionen zum Schutz traditionellen Wissens indigener Völker. Peukert hat ferner den Transfer westlicher Konzeptionen des Immaterialgüterrechts auf lokale Kulturpraktiken in Mali (Feldforschung 2009) sowie generell auf den seit langem propagierten Schutz traditionelles Wissen erforscht. Ferner wurde den Herausforderungen nachgegangen, die die digitale Kommunikation über das Internet für das internationale System geistigen Eigentums darstellt. So wurde in zwei Aufsätzen erläutert, welche Veränderungen das Internet im Urheberrecht nach sich gezogen hat und mit welchen rechtlichen und außerrechtlichen Strategien Rechtsinhaber, Regierungen und Nutzer (z.B. Google) ihre Interessen durchzusetzen versuchen. Ein anderer Beitrag geht der Frage nach, warum sonst rechtstreue Bürger massenhafte, strafbare Urheberrechtsverletzungen im Internet begehen und mit welchen Argumenten diese Akteure ihr rechtswidriges Verhalten rechtfertigen. Schließlich wurde in einem umfangreichen, rechtsvergleichend angelegten Beitrag zum „Extraterritoriality“-Projekt des Clusters (Prof. Zekoll, FF 4) der Problematik nachgegangen, dass die Rechte des geistigen Eigentums territorial beschränkt sind, während Kommunikation und Wirtschaft regelmäßig nicht an Staatsgrenzen Halt machen. Herkömmlich wurde diese Diskrepanz zwischen einem Flickenteppich von Rechten und globaler Kommunikation durch völkerrechtliche Konventionen gemildert. Da sich jedoch der Multilateralismus seit Jahren in einer Sackgasse befindet, versuchen viele Staaten auf unilateralem Wege, Regelungshoheit zurückzugewinnen, indem sie ihre Immaterialgüterrechtsordnung auf extraterritoriale Sachverhalte erstrecken. Im Berichtszeitraum arbeitete Peukert insoweit auch an einer internationalen Forschergruppe der Max-Planck-Gesellschaft mit, die Modellregelungen zum anwendbaren Recht und zur Gerichtszuständigkeit bei transnationalen Immaterialgüterrechtssachverhalten entwickelt. Eine vom Cluster geförderte Promotion erforschte Konzepte zur Koordinierung solch multinationaler, paralleler Gerichtsverfahren. Hierbei wurde insbesondere die Kooperation von Gerichten untersucht. Dieses Modell dürfte in einem transnationalen, heterarchischen System ohne gemeinsame Höchstinstanz künftig eine wesentliche Rolle spielen.

Publikationen:
Peukert, Alexander (2012): Die Gemeinfreiheit. Begriff, Funktion, Dogmatik (Geistiges Eigentum und Wettbewerbsrecht, Band 63), Tübingen: Mohr Siebeck, VIII, 321 S.
Peukert, Alexander (2013): “Comments and Notes to the Preamble and to Art. 2:701-2:706” (with Mireille van Eechoud) of the CLIP Principles, European Max Planck Group on Conflict of Laws in Intellectual Property (CLIP), Conflict of Laws in Intellectual Property, The CLIP Principles and Commentary, Oxford: Oxford University Press, 25-46, 193-222.
Peukert, Alexander (2010): „Vor §§ 12 ff., 12-14, 39, 42, 62, 93 UrhG“, in: Gerhard Schricker/Ulrich Loewenheim (Hg.), Urheberrecht, Kommentar (4. Aufl. 2010), 275-342, 836-847, 862-874, 1223-1231, 1749-1760 (Neubearbeitung der Kommentierung von Adolf Dietz).
Peukert, Alexander (2010): “§§ 37, 38, 40, 41 UrhG“, in: Gerhard Schricker/Ulrich Loewenheim (Hg.), Urheberrecht, Kommentar (4. Aufl. 2010), 823-836, 847-862 (Neubearbeitung der Kommentierung von Gerhard Schricker).
Peukert, Alexander (2010): „Urheberpersönlichkeitsrecht“, in: Ulrich Loewenheim (Hg.), Handbuch des Urheberrechts (2. Aufl. 2010), §§ 15-17, 206-226, 236-255 (Neubearbeitung der Kommentierung von Adolf Dietz)
Peukert, Alexander (2013): “The Fundamental Right to (Intellectual) Property and the Discretion of the Legislature”, Goethe University, Faculty of Law, Research Paper No. 7/2013, forthcoming in: Christophe Geiger (Hg.), Human Rights and Intellectual Property: From Concepts to Practice.
Peukert, Alexander (2013): „Ein wissenschaftliches Kommunikationssystem ohne Verlage - zur rechtlichen Implementierung von Open Access als Goldstandard wissenschaftlichen Publizierens“, Goethe Universität Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft, Arbeitspapier Nr. 5/2013, (auch erschienen in: Michael Grünberger/Stefan Leible, Die Kollision von Urheberrecht und Kommunikationsverhalten der Nutzer im Informationszeitalter, Tübingen: Mohr Siebeck, 2014.)
Peukert, Alexander (2013): “Das Verhältnis zwischen Urheberrecht und Wissenschaft: Auf die Perspektive kommt es an!“, Goethe Universität Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft, Arbeitspapier Nr. 5/2013.
Peukert, Alexander (2013): „Das Urheberrecht und der Wandel des wissenschaftlichen Kommunikationssystems“, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, (gemeinsam mit Marcus Sonnenberg).
Peukert, Alexander (2013): „Der digitale Urheber“, in: Winfried Bullinger u.a., Festschrift für Artur-Axel Wandtke zum 70. Geburtstag, S. 455-463; zugleich Goethe-Universität Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft, Arbeitspapier Nr. 4/2013.
Peukert, Alexander (2014): „Immaterialgüterrecht und Entwicklung“, Goethe Universität Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft, Arbeitspapier Nr. 3/2013, (auch erschienen in: Philipp Dann/Stefan Kadelbach/Markus Kaltenborn, Entwicklung und Recht. Eine systematische Einführung, Baden-Baden: Nomos, 2014).
Peukert, Alexander (2013): „Intellectual property: the global spread of a legal concept”, Goethe University Frankfurt am Main, Faculty of Law, Research Paper Series No. 2/2013.
Peukert, Alexander (2013): „The Colonial Legacy of the International Copyright System”, in: Mamadou Diawara & Ute Röschenthaler (Hg.), Staging the Immaterial. Rights, Style and Performance in Sub-Saharan Africa, Oxford: Sean Kingston.
Peukert, Alexander (2012): “Territoriality and Extraterritoriality in Intellectual Property Law”, in: Günther Handl/Joachim Zekoll/Peer Zumbansen (Hg.), Beyond Territoriality: Transnational Legal Authority in an Age of Globalization (Queen Mary Studies in International Law), Brill Academic Publishing, Leiden/Boston, 189-228.
Peukert, Alexander (2012): “Why do "good people" disregard copyright on the internet?”, in: Christophe Geiger (Hg.), Criminal Enforcement of Intellectual Property: A Handbook of Contemporary Research, Edward Elgar Publishing Cheltenham/Northampton, 151-167.
Peukert, Alexander (2012): “Intellectual Property”, in: Jürgen Basedow/Klaus J. Hopt/Reinhard Zimmermann (Hg.), The Max Planck Encyclopaedia of European Private Law, Volume I, Oxford University Press, 926-930.
Peukert, Alexander (2012): “Related Rights”, in: Jürgen Basedow/Klaus J. Hopt/Reinhard Zimmermann (Hg.), The Max Planck Encyclopedia of European Private Law, Volume II, Oxford University Press, 1443-1446.
Peukert, Alexander (2012): „Eigentum und Freiheit“ (Shoyūken to Jiyū), Keio Law Journal, 425-469.
Peukert, Alexander (2011): “A European Public Domain Supervisor”, in: IIC, 125-129.
Peukert, Alexander (2011): “The competitive significance of collective trademarks,in Jan Rosén” (Hg.), Individualism and Collectiveness in Intellectual Property Law, Edward Elgar Publishing Cheltenham/Northampton, 241-254.
Peukert, Alexander (2013): „Das Prinzip der Selbstverantwortung im Lauterkeitsrecht“, in: Karl Riesenhuber (Hg.), Das Prinzip der Selbstverantwortung, Mohr Siebeck: Tübingen, 395-422; (besprochen von Meder, AcP 213 (2013), 305-315).
Peukert, Alexander (2011): “"Sonstige Gegenstände" im Rechtsverkehr“, in: Stefan Leible/Matthias Lehmann/Herbert Zech (Hg.), Unkörperliche Güter im Zivilrecht, Mohr Siebeck: Tübingen, 95-122, (besprochen von Mecke, UFITA 2012, 301-304).
Peukert, Alexander (2011): „Individual, multiple and collective ownership of intellectual property rights – Which impact on exclusivity?”, in: Annette Kur/Vytautas Mizaras (Hg.), The Structure of Intellectual Property Law (ATRIP Series), Aldershot, UK/Brookfield, U.S.: Edward Elgar, 195-225.
Peukert, Alexander (2011): “Intellectual Property as an End in Itself?”, in: European Intellectual Property Review (EIPR), 67-71.
Peukert, Alexander (2011): “Beauftragte für die Gemeinfreiheit“, MMR 2011, 73-74.
Peukert, Alexander (2010): “Deutschland v. Google: Dokumentation einer Auseinandersetzung“, UFITA 2010/II, 477-487.
Peukert, Alexander (2010): „hartplatzhelden.de - Eine Nagelprobe für den wettbewerbsrechtlichen Leistungsschutz“,WRP 2010, 316-321.

Veranstaltungen:
Vortrag von Prof. Martin Kretschmer, Limitless Copyright?, 5. November 2013.
Vortrag von Prof. Philipp Theisohn, Kopieren, Zitieren, Paraphrasieren. Die Grenzen des literarischen Eigentums, 6. Juni 2013.
Vortrag von Prof. Shubha Ghosh, Identity & Invention: The Culture of Personalized Medicine Patenting.
Vortrag von Dr. Thomas Jaeger, Stand und Perspektiven des EU-Patents, 04.07.2012.
Vortrag von Prof. Graeme Dinwoodie, The Community Trade Mark and Visions of Europe, 29. Mai 2012.
Vortrag von Prof. Dan Burk, Patent Law's Problem Children: Patentable Subject Matter in Transatlantic Perspective, 24. November 2011.
Tagung Verwaiste Werke im europäischen und deutschen Urheberrecht, ALAI Deutschland, 30. November 2011.
Intellectual Property Rights in Asia: The Facts, the Myths, and the Future sowie IP Infringers or Innocent Bystanders? Consumers, Facilitators & Intermediaries, Prof. David Llewelyn, 18.-19.10.2011.
Grenzen der Rechtsdurchsetzung im Immaterialgüterrecht, Arbeitsgruppensitzung der Fachgruppe für Vergleichendes Handels- und Wirtschaftsrecht, Jahrestagung der Gesellschaft für Rechtsvergleichung, Trier, 16.9.2011.
Freedom of Speech and Intellectual Property: Conceptualizing the Conflict(s), XXV. Weltkongres für Rechts- und Sozialphilosophie, gemeinsam mit Prof. Peter Niesen, 16.8.2011.
The Trips Agreement: Fifteen Years Later, Vortrag von Prof. Susan K. Sell, 12.5.2011.
Die Wettbewerbsordnung als Normative Ordnung, Vortrag Dr. Horst Satzky, in Kooperation mit dem Graduiertenkolleg Law and Economics of Money and Finance, 19.1.2010.

Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie

ProjektleiterInnen: Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Prof. Dr. Rainer Forst, Prof. Dr. Peter Niesen und Prof. Dr. Klaus Dieter Wolf

Dieses kooperative Projekt aus Politischer Theorie und Internationalen Beziehungen fragte nach den normativen Begriffen und der Empirie der Herausbildung transnationaler politischer Ordnungen. Die konkretere Fragestellung des Projekts richtete sich auf die Bedeutung von „Gerechtigkeit“ und „Demokratie“ jenseits der Einzelstaaten und das Verhältnis zwischen ihnen. Beide Grundbegriffe des politischen Denkens waren ursprünglich auf staatliche Gemeinwesen bezogen und müssen auf ihre anhaltende Angemessenheit überprüft werden, nachdem die Einhegung von Problemen und die Bereitstellung von Lösungen in vielen Politikfeldern nicht mehr von den Einzelstaaten geleistet werden können. Die institutionellen Reaktionen auf die Globalisierung lassen sich grob in vier ganz unterschiedliche Modelle einordnen, die nicht nur aufgrund ihrer empirischen Prävalenz, sondern auch auf der Basis von sich abzeichnenden charakteristischen Legitimationsbestrebungen ausgewählt wurden: I. deliberativer Internationalismus (Nicole Deitelhoff), II. supranationales Regieren (Peter Niesen), III. transnationale 'governance without government' (Klaus Dieter Wolf), IV. transnationale Demokratisierung durch die Etablierung diverser Rechtfertigungspraktiken (Rainer Forst).

Die im Projektantrag skizzierte skeptische Gegenposition, die weder den Gerechtigkeits- noch den Demokratiebegriff auf Kontexte jenseits der Einzelstaaten für anwendbar hält, hat sich nicht behaupten können. Das bedeutet nicht, dass Standards von Gerechtigkeit und Demokratie reflexhaft auf beliebige Kontexte angewendet werden können, ohne sich vorher deren innerer Struktur versichert zu haben. In einer Gerechtigkeitstheorie mit politischem Anspruch führt ein rein güter- und empfängerzentriertes Denken dazu, die politischen Grundprämissen der Gerechtigkeit aus dem Blick zu verlieren – national wie über die Staaten hinaus (Forst, Rainer (2009): „Zwei Bilder der Gerechtigkeit“, in: Rainer Forst/Martin Hartmann/Rahel Jaeggi/Martin Saar (Hg.), Sozialphilosophie und Kritik, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 205-228; Forst, Rainer (2012): „Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie. Zur Überwindung von drei Dogmen der politischen Theorie“, in: Peter Niesen (Hg.), Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie, Frankfurt a.M./New York: Campus, 29-48; englische Übersetzung (von Ciaran Cronin) (2013): „Transnational Justice and Democracy. Overcoming Three Dogmas of Political Theory“, in: Eva Erman/Sofia Näsström (Hg.), Political Equality in Transnational Democracy, New York: Palgrave Macmillan, 41-59). Das Ausblenden der Akteursperspektive setzt sich dem Vorwurf aus, die politische Ordnung letztlich naturrechtlich zu fundieren (Niesen, Peter (2010): „Internationale Politische Theorie – Eine disziplinengeschichtliche Einordnung“, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 17(2), 267-277). Die praxisinterne Logik von Gerechtigkeitsforderungen lässt sich nur dann entwickeln, wenn bei bestehenden intersubjektiven Gewalt-, Zwangs- und Austauschbeziehungen angesetzt wird, wie sie von Protestbewegungen skandalisiert werden – d.h., bei Beziehungen der Beherrschung (domination) (Forst, Rainer (2010): „Was ist und was soll Internationale Politische Theorie?”, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 17(2), 355-363). Gerechtigkeitsforderungen setzen eine Geschichte der Abhängigkeit und Verletzung voraus. Die Voraussetzung einer präexistierenden gemeinsamen Grundstruktur (Rawls) erscheint dagegen zu weitgehend und unflexibel, da sie nicht-institutionelle Herrschafts- und Ausbeutungsbeziehungen für die Existenz von Gerechtigkeitsforderungen unberücksichtigt lassen muss. Eine politische Theorie der Gerechtigkeit kann plausibel machen, wie machtförmig strukturierte Interaktionen innerhalb und außerhalb von Institutionen politische Rechtfertigungspflichten und, in manchen Fällen, gerechtfertigte Forderungen nach neuen Formen der Institutionalisierung erzeugen (Forst, Rainer (2011): Kritik der Rechtfertigungsverhältnisse, Berlin: Suhrkamp; englische Übersetzung (von Ciaran Cronin) (2013): Justification and Critique.Towards a Critical Theory of Politics, Cambridge: Polity Press; italienische Übersetzung (von Enrico Zoffoli) (2013): Critica dei rapporti di giustificazione, Turin: Trauben; spanische Übersetzung (von Graciela Calderón) (2015): Justificación y crítica, Buenos Aires: Katz Editores), die dann ihrerseits auf Gerechtigkeit und demokratische Legitimität untersucht werden können. Nicht immer sind global artikulierte Forderungen nach Gerechtigkeit und Demokratie jedoch Forderungen nach globaler Gerechtigkeit und Demokratie: Manche Aufrufe von kosmopolitischer Reichweite sind konservativ in ihrer institutionellen Ausrichtung und auf die Reform von Einzelstaaten bezogen (Niesen, Peter (2011): „Demokratie jenseits der Einzelstaaten“, in: Andreas Niederberger/Philipp Schink (Hg.), Globalisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart: Metzler, 284-291; Niesen, Peter (2012), „Kosmopolitismus in einem Land“, in Peter Niesen (Hg.), Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie, Frankfurt a.M./New York: Campus, 311-339).

Wie die Anwendbarkeit des Ausdrucks „gerecht“ ist auch die Anwendbarkeit des Ausdrucks „demokratisch“ begrifflichen Standards unterworfen. Ein wichtiges Ergebnis der Forschungsinitiative ist, dass sich eine normative Konzeption des deliberativen Internationalismus, also horizontal-diskursiver Austauschbeziehungen zwischen Staaten, besser als ein fairness-, also gerechtigkeitsorientierter Ansatz denn als Theorie der Demokratisierung globaler Verhältnisse verstehen lässt. Die Legitimität zwischenstaatlicher Diskurse und Verhandlungen steigt mit ihrer Sensibilität für kulturelle Differenz und mit der materiellen Angleichung von Verhandlungspositionen (Deitelhoff, Nicole (2009): „Fairness oder Demokratie? Zu den Chancen deliberativer Verfahren im internationalen Regieren“, in: Brunkhorst, Hauke (Hg.): Demokratie in der Weltgesellschaft (Sonderband Soziale Welt), Baden-Baden: Nomos, 303-322; Deitelhoff, Nicole (2009): „The Discursive Process of Legalization. Charting Islands of Persuasion in the ICC case”, in: International Organization 63(1), 33-66). Demokratischen Maßstäben sind sie aber nur in Bezug auf die innere Organisation der beteiligten Staaten unterworfen. Anders verhält es sich mit Kontexten, in denen Herrschaftsbeziehungen auch jenseits des Staates diagnostiziert werden (Deitelhoff, Nicole (2012): „Is Fair Enough? Legitimation internationalen Regierens durch deliberative Verfahren“, in: Niesen, Peter (Hg.), Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie, Frankfurt a.M./New York: Campus, 103-130). Hier erscheint die Forderung nach „Gerechtigkeit statt Demokratie“ (Neyer) jenseits der Einzelstaaten kategorial unhaltbar (Forst, Rainer (2010): „Justice and Democracy. Comments on J. Neyer, ‘Justice, not Democracy’“, in: Rainer Forst/Rainer Schmalz-Bruns (Hg.): Political Legitimacy and Democracy in Transnational Perspective (Recon Report), Oslo: Arena, 37-42), da sie Gerechtigkeitsforderungen nach Demokratisierung ignorieren muss (Niesen, Peter (2014), „Jürgen Neyer, The Justification of Europe“, Politische Vierteljahresschrift 55 (3), 555-557), ohne dass jedoch eine nachholende „kosmopolitische“ Demokratisierung eine alternativlose und unproblematische Antwort auf die Legitimitätsdefizite des Regierens jenseits des Staates wäre. Die staatsanaloge Demokratisierung jenseits der Einzelstaaten ist mit drei Problemen konfrontiert: Wie der Weg zur kosmopolitischen Demokratie auf friedlichem Wege zurückzulegen ist; was mit widerständigen, nicht-demokratischen Einzelstaaten geschehen soll; sowie schließlich, was aus der bereits vorhandenen Pluralität von Governance-Formen werden soll, die in einer Reihe von Politikfeldern auf dem Wege der privaten Selbstregulierung politische Steuerungsfunktionen wahrnehmen und dabei auch selbst politische Herrschaft ausüben. Supranationale Demokratisierung auf globaler Ebene soll daher zwei Bedingungen respektieren: Sie soll trotz ihrer rechtlichen Suprematie Sanktionsressourcen bei den Staaten belassen und in Bezug auf andere Koordinationsformen autonomieschonend vorgehen (Niesen, Peter (2011): „Demokratie jenseits der Einzelstaaaten“, in: Andreas Niederberger/Philipp Schink (Hg.), Globalisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart: Metzler, 284-291). Schließlich hat die Analyse transnationalen Regierens, also grenzüberschreitender Herrschaftsausübung, bei der private Akteure entscheidende Rollen übernehmen, eine weitere Verschiebung mit sich gebracht, die sich auch durch empirische Entwicklungen im Berichtszeitraum (globale Finanzkrise seit 2008) erhärten ließ. Die bisherige Konzentration auf die interne Demokratisierung von Governance-Strukturen auf der Basis ihrer Zugänglichkeit, Transparenz und Responsivität (Steffek/Nanz) wurde zugunsten einer stärker staatenzentrierten Perspektive verlassen. Die Reflexion des Legitimitätsbegriffs ergibt, dass legitimationsbedürftig weniger die internen Koordinationsformen sondern vielmehr die Vorgaben und Unterlassungen seitens öffentlicher Akteure (Staaten, zwischenstaatliche Institutionen) sind, in die die unterschiedlichen Formen der transnationalen privaten Selbstregulierung auch im Raum jenseits des Staates eingebettet sind und im Sinne einer Regulierung der Selbstregulierung rechtlich einhegt werden (Wolf, Klaus Dieter/Schwindenhammer, Sandra (2011): „Der Beitrag privater Sebstregulierung zu Global Governance“, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik 12(1), 10-28; Wolf, Klaus Dieter (2011): „Unternehmen als Normunternehmer: Global Governance und das Gemeinwohl“, in: Stefan Kadelbach/Klaus Günther (Hg.), Recht ohne Staat? Zur Normativität nichtstaatlicher Rechtsetzung (Reihe: Normative Orders Bd. 4), Frankfurt a. M./New York: Campus, 101-118; Wolf, Klaus Dieter (2012): „Legitimitätsbedarf und Legitimation privater Selbstregulierung am Fall der lex sportiva“, in: Peter Niesen (Hg.), Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie (Reihe: Normative Orders Bd. 6), Frankfurt a.M./New York: Campus, 189-214).

Im Ausgang des Projekts stand eine pluralistische Perspektive auf verschiedene neue Koordinationsformen und verschiedene legitimationsrelevante Akteure: staatliche, privat-korporative und kosmopolitische. Der gerechtigkeits- wie demokratietheoretische Alleinvertretungsanspruch staatlicher Gemeinwesen konnte zurückgewiesen werden. Genauso wenig ließ sich eine der unterschiedenen Koordinationsformen aus normativen Gründen privilegieren. Dennoch hat sich eine nicht bloß faktische, sondern legitimationstheoretische Resilienz des (sich transformierenden) Staates in drei Kontexten gezeigt. Erstens in der bleibenden Bedeutung horizontaler Verhandlungen und Diskurse zwischen Staaten, zweitens in der zunehmenden Bedeutung kosmopolitischer Öffnung der Einzelstaaten, drittens schließlich als bleibende Adressaten für die Funktionalität und Legitimität von Governance-Mechanismen. In Abgrenzung zu monistischen Konzeptionen, seien sie kosmopolitisch (Held) oder staatenzentriert (Rawls, Nagel, Maus), hat sich im Projektzusammenhang die Dynamik staatlicher Demokratie und zwischen- wie suprastaatlicher Koordination als zentraler Untersuchungsgegenstand legitimitätsorientierter Forschung aufgedrängt.

Im Rahmen des Forschungsprojekts wurden durch alle beteiligten PIs zwei Workshops zum übergreifenden Forschungsthema „Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie“ organisiert, die beide am Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg stattfanden (Research Workshop, 25.06.2009; Abschlussworkshop, 16.09.2010).Beispielhaft für die aus dem Projekt entstandene Kooperation der beteiligten PIs waren zudem der Workshop „Europas Rechtfertigung“ (Workshop zum Buchprojekt von Jürgen Neyer „Europas Rechtfertigung“, Bad Homburg, 20.7.2010), das Panel „Staat, Demokratie, Gerechtigkeit in transnationalen Räumen“ im Rahmen des DVPW-Kongresses (25.9.2009) sowie die internationale Konferenz „Internationale Politische Theorie“ (10.-12.6.2010, gefördert von der DFG sowie von Exzellenzcluster und Nomos-Verlag), die gemeinsam organisiert und durchgeführt wurden von Prof. Niesen und Prof. Deitelhoff.

Zentrale Ergebnisse des Projekts wurden in einem Band veröffentlicht, der Beiträge der Projektleiter und weiterer am Projekt beteiligter Personen versammelt: Niesen, Peter (Hg.) (2012): Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie (Reihe: Normative Orders Bd. 6), Frankfurt a.M./New York: Campus.An dem Projekt waren neben den vier Projektleitern insgesamt sechs Mitarbeiter/innen bzw. Stipendiaten/innen beteiligt, die aus Mitteln des Exzellenzclusters finanziert wurden. Im Rahmen des Projekts entstanden dabei eine Reihe von Qualifizierungsarbeiten.

Andreas von Staden, Lisbeth Zimmermann, Friedrich Arndt, Angela Marciniak und Linda Wallbott waren am Darmstädter Standort an einem Forschungszusammenhang zum Umgang mit globalem Ordnungspluralismus beteiligt. Basierend auf intensiver gemeinsamer Arbeit der Darmstädter Projektmitarbeiter/innen zu globaler Demokratie und Gerechtigkeit in Anbetracht überlappender Ordnungen entstand ein Working Paper: Zimmermann, Lisbeth/von Staden, Andreas/Marciniak, Angela/Arndt, Friedrich (2010): „Pluralisierung normativer Ordnungen und resultierende Normkonflikte: Lösungsstrategien und ihr Erfolg“ (Normative Orders Working Paper 06/2010) und ein Zeitschriftenartikel: Zimmermann, Lisbeth/von Staden, Andreas/Marciniak, Angela/Arndt, Friedrich/Wallbott, Linda (2013): „Muss Ordnung sein? Zum Umgang mit Konflikten zwischen normativen Ordnungen“, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 20(1), 35-60. Empirisch werden dort Legitimitäts- und Gerechtigkeitsansprüche der Beteiligten und Betroffenen beim Umgang mit Konflikten durch Ordnungspluralismus untersucht. Die Doktorand/innen waren insbesondere auch an der Organisation der ersten beiden Nachwuchskonferenzen des Clusters beteiligt. So organisierten im Rahmen der ersten Nachwuchskonferenz „Normative Ordnungen: Rechtfertigung und Sanktion“, (23.-25. Oktober 2009) Lisbeth Zimmermann und Linda Wallbott das Panel „Prozesse der Normdiffusion. Verbindung der internationalen und der lokalen Ebene“, und Friedrich Arndt: ein weiteres Panel zum Thema „Konzeptionalisierung globaler Ordnungen“.

Andreas von Staden beschäftigte sich im Projektzusammenhang außerdem mit der Frage von Legitimität beim Regieren jenseits des Nationalstaats, u.a. in einer Publikation zu Legitimitätsaspekten des europäischen Menschenrechtssystems (von Staden, Andreas (2009): „Legitimitätsaspekte des europäischen Menschenrechtssystems“, in: Ingo Take (Hg.), Legitimes Regieren jenseits des Nationalstaats: Unterschiedliche Formen von Global Governance im Vergleich, Baden-Baden: Nomos, 146-172). Er arbeitete zusätzlich zu Rule of Law jenseits des Nationalstaats. Zu diesem Thema entstanden ebenfalls mehrere Publikationen (u.a.:von Staden, Andreas/Burke-White, William (2010): Private Litigation in a Public Law Sphere: The Standard of Review in Investor-State Arbitrations, in: Yale Journal of International Law 35, 283-346; von Staden, Andreas (2012): „The democratic legitimacy of judicial review beyond the state“, in: International Journal of Constitutional Law 10, 1023-1049; von Staden, Andreas (2012): „Zur demokratischen Legitimität der Überprüfungstätigkeit internationaler Gerichtshöfe“, in: Peter Niesen (Hg.), Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie, Frankfurt a.M./New York: Campus, S. 215-250). Einige dieser Einzelveröffentlichungen bilden zugleich die Grundlagen seines PhD an der Universität Princeton, für welche er 2010 den Best Dissertation Award in der Human Rights Section der American Political Science Association (APSA) erhielt.

Lisbeth Zimmermann untersuchte im Rahmen ihres Dissertationsprojekts lokale Reaktionen auf die Förderung von Rechtstaatlichkeitsnormen in Postkonfliktstaaten. Sie analysierte in diesem Zusammenhang die Spannungen zwischen Vorstellungen gerechten und demokratischen Regierens auf globaler und auf lokaler Ebene und Lokalisierungsprozessen globaler Normvorstellungen. Zu diesem Thema organisierte sie einen deutschlandweiten Doktorandenworkshop („Jenseits der Normübernahme – Normlokalisierungsprozesse unter der Lupe“, HSFK, 30.09.-01.10.2010) und ein internationales Panel „New Approaches to the Study of Norm Diffusion“ (im Rahmen von ISA Annual Convention, 2013 in San Francisco). Zudem entstand in dem Themenbereich ein Aufsatz, der in einer englischsprachigen Zeitschrift erschien (Zimmermann, Lisbeth (2014): „Same Same or Different? Local reactions to democracy promotion between take-over and appropriation“, in: International Studies Perspectives, 1-19), sowie zwei deutschsprachige Zeitschriftenartikel (Zimmermann, Lisbeth (2009): „Wann beginnt der (Demokratische) Frieden? Regimewechsel, Instabilitäten, Integration und deren Einfluss auf den Konflikt zwischen Ecuador und Peru“, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 16(1), 39-73; Deitelhoff, Nicole/Zimmermann, Lisbeth (2013): „Aus dem Herzen der Finsternis: Kritisches Lesen und wirkliches Zuhören der konstruktivistischen Normenforschung. Eine Replik auf Stephan Engelkamp, Katharina Glaab und Judith Renner“, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 20(1), 61-74). Die Promotion erfolgte 2012 mit Auszeichnung und ist erschienen als: Zimmermann, Lisbeth (2017): Global Norms with a Local Face. Rule-of-Law Promotion and Norm Translation (Reihe: Cambridge Studies in International Relations), Cambridge: Cambridge University Press.

Linda Wallbott beschäftigte sich im Rahmen ihres Projekts mit der Frage, wie Gerechtigkeitsansprüche in internationalen Verhandlungen konstruiert werden und welche Faktoren zu ihrer Wirkmächtigkeit beitragen. Unter diesem Aspekt betrachtete sie die Verhandlungsprozesse zahlreicher internationaler Regime, insbesondere des internationalen Klima- und Biodiversitätsregimes. Ihr Forschungsprojekt untersuchte dabei, inwieweit nicht bloß materielle Unterschiede nominell gleichgestellter Verhandlungspartner/innen Einfluss auf ihre normative Wirkmächtigkeit haben, sondern auch nicht-materielle und sozio-psychologische Faktoren eine Rolle spielen. Ergebnisse ihres Forschungsprojekts wurden veröffentlicht als: Deitelhoff, Nicole/Wallbott, Linda (2012): „Beyond soft balancing. Small states and coalition building in the ICC and Climate negotiations”. Cambridge Review of International Affairs 25(3), 345-366.; Wallbott, Linda, (2012) „Political in Nature: The Conflict-fuelling Character of International Climate Policies”, in: Jürgen Scheffran/Michael Brzoska/Hans Günter Brauch/Peter Michael Link/Janpeter Schilling (Hg.), Climate Change, Human Security and Violent Conflict. Challenges for Societal Stability, Hexagon Series on Human and Environmental Security and Peace, vol. 8, Berlin, Heidelberg, New York: Springer, 223-241.

Angela Marciniak widmete sich in ihrem Dissertationsprojekt der Problematik von Sicherheitskonzepten in der Geschichte des politischen Denkens. An ausgewählten Werken (Thomas Hobbes, Jeremy Bentham, Hans Joachim Morgenthau) rekonstruierte sie eine Ideengeschichte politischer Sicherheit und machte damit Sicherheit als politisches Konzept für die gegenwärtige normative politische Theorie nutz- und fruchtbar. Ziel dieser Analyse verschiedener Sicherheitskonzeptionen und -dimensionen war es dabei nicht nur zu einem tieferen Durchdringen des Konzeptes Sicherheit beizutragen, sondern aus der Kritik vorliegender Sicherheitskonzeptionen zudem eine dringende Öffnung von Diskursen zum Thema Sicherheit, eine Pluralisierung von Sicherheitsverständnissen sowie eine „Demokratisierung“ derselben abzuleiten. Die Dissertation ist erschienen als: Marciniak, Angela (2015) Politische Sicherheit: Zur Geschichte eines umstrittenen Konzepts, Frankfurt a.M./New York: Campus.

Friedrich Arndt untersuchte in seiner Promotionsarbeit das Verhältnis von Demokratie, demokratischer Praxis und Macht. Er analysierte verschiedene Traditionen des demokratischen Denkens aus einer macht- und sozialtheoretischen Perspektive und entwickelte auf diesen Einsichten aufbauend Elemente einer Sozialtheorie des „Demokratischen“. In diesem Kontext untersuchte er insbesondere die gesellschaftliche Konstruktion von Umwelt im Kontext internationaler Umweltpolitik (Arndt, Friedrich (2009): „The Politics of Socionatures. Images of Environmental Foreign Policy“, in: Paul G. Harris (Hg.): Environmental Change and Foreign Policy: Theory and Practice, London: Routledge, S. 74-89), sowie die Demokratisierung von Wissen in der globalen Klimapolitik (Arndt, Friedrich/Mayer, Maximilian (2012): „Demokratisierung von Wissen und transnationale Demokratie in der globalen Klimapolitik“, in: Melanie Morisse-Schilbach/Jost Halfmann (Hg.): Wissen, Wissenschaft und Global Commons. Baden-Baden: Nomos, 179-207). Zudem beschäftigte er sich mit poststrukturalistischen Ansätzen zur Steuerung durch diskursive Praktiken (Arndt, Friedrich/Richter, Anna (2009): „Weiche Steuerung durch diskursive Praktiken“, in: Gerhard Göhler/Ulrike Höppner/Sybille de la Rosa (Hg), Weiche Steuerung. Studien zur Steuerung durch diskursive Praktiken, Argumente und Symbole, Baden-Baden: Nomos, 27-73), sowie den Möglichkeiten eines zeitgemäßen Subjektverständnisses (Arndt, Friedrich (2009): „Wer hat Angst vorm anthropinon? Poststrukturalistisches Subjektverständnis nach Ernesto Laclau“, in: Dirk Jörke/Bernd Ladwig (Hg.), Politische Anthropologie. Geschichte – Gegenwart – Möglichkeiten, Baden-Baden: Nomos, 149-164). Die Dissertation ist erschienen als: Arndt, Friedrich (2013): Modi des Demokratischen. Zum Verhältnis von Macht und Demokratie, Nomos: Baden-Baden.

Ayelet Banai formulierte in ihren Arbeiten eine egalitäre Konzeption eines Rechts auf Selbstbestimmung. Ausgehend von diesem zentralen Anspruch demokratischen Denkens und Handelns entwickelte sie eine Konzeption internationaler Gerechtigkeit, die sich sowohl von staatszentrierten als auch von kosmopolitischen Konzeptionen abgrenzt. Die Ergebnisse dieser Arbeit stellen eine Anwendung dieser Konzeption auf verschiedene Aspekte gegenwärtiger Gerechtigkeitsdebatten dar, u.a. dargelegt in: Banai, Ayelet (2012): „Kosmopolitismus und das Problem politischer Zugehörigkeit“, in: Niesen, Peter (Hg.), Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie (Normative Orders Bd. 6), Frankfurt a.M./New York: Campus, 77-102; Banai, Ayelet/Ronzoni, Miriam/Schemmel, Christian (2011): „Global Social Justice: The Possibility of Social Justice in a World of Overlapping Practices“, in: Banai, Ayelet/Ronzoni, Miriam/Schemmel, Christian (Hg.), Social Justice, Global Dynamics, London: Routledge, 46-60). Im Rahmen des Projekts war sie zudem an der Organisation und Durchführung zahlreicher Workshops beteiligt. Exemplarisch zu nennen ist hier „Global Justice, Politics, Morality“, TU Darmstadt 12.12.2008 mit Andrea Sangiovanni, zu dem sie zudem einen Kommentar verfasste („Coercion, Reciprocity and the Difference Principle“). Ayelet Banai wurde im Februar 2010 an der University of Oxford promoviert mit der Arbeit "Drawing Boundaries: Nations, States and Self-Determination".


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