Forschungsprojekte 2012-2017

Forschungsprojekte 2012-2017



Projekte im Forschungsfeld 1: Die Normativität normativer Ordnungen: Entstehung, Fluchtpunkte, Performativität

1. Normativität der Kritik – Kritik der Normativität (Prof. Dr. Nikita Dhawan)

2. Multinormativität
(Prof. Dr. Thomas Duve, Prof. Dr. Klaus Günther, Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann, Prof. Dr. Armin von Bogdandy)

3. Macht, Herrschaft und Gewalt in Ordnungen der Rechtfertigung
(Prof. Dr. Rainer Forst, Prof. Dr. Klaus Günther)

4. Moralische Akteure auf dem Finanzmarkt. Bedingungen der Entstehung, Aufrechterhaltung und Verbreitung moralischer Normen im Wirtschaftssektor
(Prof. Dr. Axel Honneth)

5. Eigeninteresse vs. Gemeinwohl: Über den Normenwandel innerhalb der Ökonomik
(Prof. Dr. Rainer Klump)

6. Normativität und Subjektivität: 1. Natur - 2. Natur - Geist
(Prof. Dr. Christoph Menke)

7. Die Bibel als norma normans
(Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte)

8. Gesetz und Gewalt im Kino
(Prof. Dr. Martin Seel, Prof. Dr. Angela Keppler)

9. Rechtliche Normativität und Anfechtbarkeit
(Prof. Dr. Marcus Willaschek)

10. Die Berufsmoral der Banker. Milieubildungen und Professionsethiken im globalen Finanzwesen (Prof. Dr. Sighard Neckel)

11. Nachhaltige Entwicklung, Global Governance und Gerechtigkeit (Prof. Dr. Moellendorf)

12. Professur des Exzellenzclusters – Makroökonomie und Entwicklung (Prof. Dr. Nicola Fuchs-Schündeln)

13. Professur des Exzellenzclusters – Praktische Philosophie mit Schwerpunkt Politische Philosophie und Rechtsphilosophie (Prof. Dr. Christoph Menke)

14. Professur des Exzellenzclusters – Internationale Politische Theorie (Prof. Dr. Darrel Moellendorf)

 

Projekte im Forschungsfeld 2: Die Dynamik normativer Ordnungen – Umbruch, Wandel, Kontinuität

1. Arenen des Immateriellen: Akteure im Spannungsfeld divergierender Normen des geistigen Eigentums in Afrika (Prof. Dr. Mamadou Diawara)

2. Die Normativität formalen Wissens: Exakte Wissenschaften, Gleichheit und situierter Universalismus im 18. Jahrhundert
(Prof. Dr. Moritz Epple)

3. Ikonologie der Geschichtswissenschaft. Zur bildlichen Formierung historischen Denkens in der Moderne
(Prof. Dr. Andreas Fahrmeir, Prof. Dr. Bernhard Jussen)

4. Repatriierungsforderungen im postkolonialen Diskurs: Die Restitutionspolitik ethnologischer Museen im deutschsprachigen Raum seit 1970
(Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl)

5. Kaiserliche Politik und Räume der Religionen im 3. Jahrhundert
(Prof. Dr. Harmut Leppin)

6. Genese und Geltung des Konzepts des Säkularen
(Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann, Prof. Dr. Thomas Schmidt)

7. Formierung einer neuen Geschlechterordnung in Tunesien nach der Revolution
(Prof. Dr. Susanne Schröter)

8. Die Normativität formaler Ordnungen und Prozeduren in der Antike. Mathematische und rechtliche Regelsysteme im Vergleich
(Prof. Dr. Annette Warner)

9. Professur des Exzellenzclusters – Ethnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen
(Prof. Dr. Susanne Schröter)

10. Professur des Exzellenzclusters – Wissenschaftsgeschichte der vormodernen Welt
(Prof. Dr. Annette Warner-Imhausen)

 

Projekte im Forschungsfeld 3: Die Pluralität normativer Ordnungen: Konkurrenz, Überlagerung und Verflechtung

1. Die Ausübung öffentlicher Gewalt auf der internationalen, supranationalen und staatlichen Ebene: Eine öffentlich-rechtliche Rekonstruktion von Governance im Mehrebenensystem (Prof. Dr. Armin von Bogdandy)

2. Wandel normativer Ordnungen: Die Transnationalisierung von Herrschaft und Widerstand
(Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Prof. Dr. Christopher Daase)

3. Die Formierung transnationaler Strafrechtsregime in der Moderne
(Prof. Dr. Thomas Duve)

4. Legitimationsstrukturen privater, intermediärer und hybrider Regulierungsregimes
(Prof. Dr. Thomas Duve)

5. Sicherheitskommunikation in Demokratien (Prof. Dr. Gunther Hellmann)

6. Legitimation durch Völkerrecht und Legitimaton des Völkerrechts
(Prof. Dr. Stefan Kadelbach, Prof. Dr. Peter Niesen, Prof. Dr. Jens Steffek)

7. Von der biologischen Abrüstung zur Biosicherheit: Versicherheitlichung oder Humanisierung der Kontrolle biologischer Waffen nach dem 11. September 2001? 
(Prof. Dr. Harald Müller)

8. Transnationale Regulierung geistigen Eigentums durch Kooperation
(Prof. Dr. Alexander Peukert)

9. Die Legitimation nichtstaatlicher Regulierung in vernetzten normativen Ordnungen
(Prof. Dr. Klaus Dieter Wolf)

10. Die Legitimation der Völkerstrafrechtsordnung – Normative Offenheit als legitimierendes Gut supranationaler Herrschaftsgewalt (Prof. Dr. Christoph Burchard)

11. Professur des Exzellenzclusters – Straf- und Strafprozessrecht, Internationales und Europäisches Strafrecht, Rechtsvergleichung und Rechtstheorie (Prof. Dr. Christoph Burchard)

12. Professur des Exzellenzclusters – Internationale Organisationen (Prof. Dr. Christopher Daase)

13. Professur des Exzellenzclusters – Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnung (Prof. Dr. Nicole Deitelhoff)

14. Professur des Exzellenzclusters – Professur für Bürgerliches Recht und Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt im internationalen Immaterialgüterrecht (Prof. Dr. Alexander Peukert)

15. Professur des Exzellenzclusters – Transnationales Regieren (Prof. Dr. Jens Steffek)

Zu den Forschungsfeldern (2012-2017): Hier...

Legitimation durch Völkerrecht und Legitimation des Völkerrechts

Die Herausbildung neuer inter- und suprastaatlicher Gebilde hat zu einer starken Verrechtlichung internationaler Beziehungen geführt. Die Legitimation dieser Herrschaftsstrukturen tritt häufig in Konflikt zu staatlichen Ordnungen. Ihr Anspruch auf Vorrang gegenüber diplomatischem oder machtpolitischem Kalkül einzelner Staaten geht mit positiver Normsetzung einher, die durch den Verweis auf das Völkerrecht legitimiert wird. Das Projekt erklärt Legitimationsnarrative im Völkerrechts- und Menschenrechtsdiskurs im Verhältnis zu ihrer konkreten empirischen Anwendung und trägt somit Erkenntnisse über die Pluralität ihrer Begründungszusammenhänge in das Forschungsfeld hinein.

Das Forschungsprojekt untersuchte völkerrechtliche Rechtfertigungsnarrative, die von einer Konfrontation zwischen positiven und naturrechtlichen Ansätzen geprägt sind. Ihre normative Verbindlichkeit wurde im Projekt zum einen ideengeschichtlich anhand der Entstehung des neuzeitlichen Völkerrechtsdiskurses herausgearbeitet. Zum anderen wurde am aktuellen Diskurs im post-revolutionären Ägypten und Tunesien die empirische Anwendung von überstaatlichen Gerechtigkeitsstandards wie Menschenrechten untersucht.

Die philosophiegeschichtliche Aufarbeitung wurde von einer 2014 in Frankfurt abgehaltenen Tagung vorbereitet, auf deren Diskussionsgrundlage bis Herbst 2015 Beiträge zu staatlichen, rechtlichen und legitimatorischen Zusammenhängen der neuzeitlichen völkerrechtlichen Ordnungszusammenhänge entstanden sind. Eine fokussierte und intensive Besprechung der wichtigsten Ergebnisse erfolgte im Mai 2015 während einer zweiten Tagungsphase in der Villa Vigoni in Italien. Die Artikel wurden in dem Sammelband System, Order, and International Law: The Early History of International Legal Thought from Machiavelli to Hegel (2017) veröffentlicht, der bei Oxford University Press erschienen ist.

Narrative der Entstehung völkerrechtlicher Theorie sind allzu oft Projektionen späterer Epochen, die sich speziellen Rezeptionslinien verdanken. Auf der anderen Seite ist ein strikt historisch-kontextualistischer Ansatz kaum möglich. Für die interdisziplinäre Forschung empfiehlt sich ein reflektierter, moderater Anachronismus, der die Zeitgebundenheit der Theorie anerkennt, aber nicht der Versuchung erliegt, alles unter den Verdacht des (Proto-)Kolonialismus und Eurozentrismus zu stellen, sondern ihr Potenzial für eine konstruktiv(istisch)e Rezeption nutzt. So kann sich der Stellenwert der globalen Ordnungsentwürfe besser erschließen, die in einer besonderen diskursiven Sphäre (international legal thought) entstanden sind und die Ursprünge der heutigen Ansätze für die Legitimation des Völkerrechts bilden.

Eine Feldforschung von Frau El Ouerghemmi  zur Rolle internationaler Rechtsnormen bei der politischen Aufarbeitung von Verbrechen der autoritären Regime in Ägypten und Tunesien lieferte viele empirische Befunde. Sie untersuchte das Spannungsverhältnis zwischen dem innenpolitischen Umgang mit Gerichtsprozessen zur Bestrafung von Tätern und den externen Erwartungen an diesen Aufarbeitungsprozess. In Tunesien hat sich ein Verständnis von Aufarbeitung durchgesetzt, das externe Erwartungen oft erfüllt, die Forderungen der Opfer hingegen an entscheidenden Punkten wenig berücksichtigt. In Ägypten hingegen kam es zu einer starken Politisierung der Vergangenheitsaufarbeitung, welche die Legitimität etwaiger Bemühungen untergräbt.

Die wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt:

*Steffek, Jens und Leonie Holthaus: “The Social-democratic Roots of Global Governance: Welfare Internationalism from the 19th Century to the United Nations”, in: European Journal of International Relations, 2017

*Kadelbach, Stefan/Thomas Kleinlein/David Roth-Isigkeit (Hg.): System, Order, and International Law: The Early History of International Legal Thought, Oxford: Oxford University Press, 2017.

Kadelbach, Stefan: „Konstitutionalisierung und Rechtspluralismus – Über die Konkurrenz zweier Ordnungsentwürfe“, in: J. Bung und A. Engländer (Hg.): Souveränität, Transstaatlichkeit und Weltverfassung – Tagung der Internationalen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie (IVR) im September 2014 in Passau, Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Beiheft 153, 2017, S. 97–108.

*Steffek, Jens: “The Output Legitimacy of International Organizations and the Global Public Interest”, in: International Theory 7(2), 2015, S. 263–293.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Kadelbach, Stefan, Prof. Dr.

Steffek, Jens, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

El Ouerghemmi, Nadia

Holthaus, Leonie

Roth-Isigkeit, David, Dr.

Urun, Dogan

 

Ikonologie der Geschichtswissenschaft. Zur bildlichen Formierung historischen Denkens in der Moderne

Das Projekt untersucht, wie massenhaft verbreitete Medien der historischen Bildung – Schul-, Hand- und Lehrbücher, aber auch Reklamesammelbilder – ihre Narrative durch den Einsatz von Bildern artikulieren. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die erstaunlich stabilen Kontinuitäten der eingesetzten Bilder, ferner die starken nationalen Differenzen selbst bei der Visualisierung gemeinsamer Geschichte. Dazu wird einerseits eine Software entwickelt, um die sehr umfangreiche historische Bilddatenbank automatisiert auszuwerten (Paul Warner). Andererseits wird das Massenbild-Corpus serieller Bildquellen qualitativ ausgewertet (Judith Blume).
Kollektive Identitäten und ihre historischen Rechfertigungs- und Entwicklungsnarrative werden in besonderem Maß von ständig reproduzierten Bildern oder Bildthemen geformt. Bebilderungen strukturieren die Erzählungen und dominieren das Erinnern. So sind Entstehungsbedingungen und Kanonisierungsprozesse dieser Bildnarrative ein exponiertes, in fast allen Gesellschaften vorkommendes Phänomen, an dem sich die Formierung und Persistenz von Rechtfertigungsnarrativen vergleichend über den gesamten Zeitraum der Moderne beobachten lässt. Ein Alleinstellungsmerkmal dieses ebenso alltäglichen wie allgegenwärtigen Phänomens ist, dass es immer noch in hohem Maß an nationale Rahmen gebunden bleibt.
Das Projekt wurde im wesentlichen von der Promovendin Judith Blume betreut, die zusammen mit studentischen Mitarbeiterinnen einen Bildbestand von ca. 100.000 Illustrationen aufbereitet und für eine öffentlich zugängliche, webbasierte Datenbank vorbereitet hat. Ihre Monographie „Wissen und Konsum. Eine Geschichte des Sammelbildalbums 1860-1952“ bietet die erste Gesamtdarstellung dieses kulturwissenschaftlich besonders wichtigen Materials. In einer Kombination von qualitativen und quantitativen Ansätzen demonstriert sie Verfahren zur Erforschung kollektiven Bildwissens. Mehrere Staatsexamensarbeiten haben sich dem Projektthema gewidmet, aus einer ging ein weiteres Promotionsvorhaben (Bramann) hervor, das sich mit den Bildprogrammen von Schulbüchern beschäftigt (durchgeführt an der Universität Salzburg).
Reges Interesse von Studierenden führte zu regelmäßigen Lehrveranstaltungen (Blume, Gorzolla, Jussen) und engem Austausch mit dem Georg Eckert Institut für Schulbuchforschung. Mit diesem und dem Max–Planck–Institut für Kunstgeschichte (Bibl. Hertziana) wird derzeit an der systematischen Internationalisierung der Materialbasis gearbeitet. Wichtige Ergebnisse wurden vom DHM Berlin publiziert und mit öffentliche Auftritten am DHI Washington, am DHI Paris, in Brandeis und am IFA der NYU vorgestellt. Für die qualitative Seite des Projekts wird aktiv die Kooperation mit Autoren und Fachdidaktik gefördert.
Die technische Umsetzung der Software wurde von Paul Warner in Kooperation mit IT-Spezialisten der GU vorangetrieben. Die Software wird zum Ende des Projekts in ihrem derzeit erreichten Stand publiziert.
Mit Blick auf die qualitativen Ergebnisse zu Bildkorpora hat die Forschung zu illustrierten „Nationalgeschichten“ sowie Reklamesammelbildalben und Schulbüchern gezeigt, dass selbst die heutigen „europäischen“ Narrative (etwa in länderübergreifenden Schulbuchprojekten wie zwischen Frankreich und Deutschland) noch in hohem Maß nationale Perspektiven weitertragen. Visuelle Narrative bleiben selbst über dramatische politische Brüche hinweg erstaunlich stabil. Exemplarisch kann dies an der Bebilderung der Karolingerzeit in Geschichts- und in Schulbüchern gezeigt werden, die z.B. in Deutschland und Frankreich sehr unterschiedlich ausfällt.
Mit Blick auf die Entwicklung der Software konnten eine Reihe von Problemen gelöst werden, z. B. die Kompression von Bildern ohne Effizienzverlust bei der Suche, die automatisierte Trennung von Bildern und Texten auch bei unkonventionellen Bildformen und stark stockfleckigen Vorlagen mäßiger Qualität, Einsatz von OCR bei unkonventionellen Satztypen, die Kombination von unterschiedlichen Algorithmen zum automatisierten Bildvergleich und die Möglichkeit zur Systematisierung unterschiedlicher Abbildungstypen. Nur teilweise gelöst sind derzeit die Einbindung von machine-learning Elementen in die Bildvergleichsroutinen, der Weg zu automatisierten Gesichtsvergleichen bei Portraits oder – als Fernziel – das zumindest punktuelle Überschreiten der „semantischen Barriere“.

Die wichtigsten Publikationen des Projekts:

Blume, Judith: Wissen und Konsum. Eine Geschichte des Sammelbildalbums 1860–1952, Inauguraldissertation, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 2016.

Jussen, Bernhard: „Toward an Iconology of Historical Research. Approaches to Visual Narratives in Modern Scholarship”, in: C. Caraffa/T. Serene (Hg.): The Photographic Archive and the Idea of Nation, Berlin: De Gruyter, 2015, S. 141–166.

Jussen, Bernhard: „Plädoyer für eine Ikonologie der Geschichtswissenschaft. Zur bildlichen Formierung historischen Denkens“, in: H. Locher (Hg.): Reinhart Koselleck. Politische Ikonologie. Perspektiven interdisziplinärer Bildforschung (Transformationen des Visuellen, Schriftenreihe des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg, Bd. 1), München/Berlin: Deutscher Kunstverlag, 2013, S. 260–279.

Fahrmeir, Andreas und Annette Imhausen (Hg.): Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive (Normative Orders Bd. 8), Frankfurt am Main: Campus, 2013.

Fahrmeir, Andreas: „Zwischen Bronzestatue und Aktionskunst: Bildhafte Inszenierungen adeliger Lebenswelten in England im 19. und 20. Jahrhundert“, in: P. Scholz/J. Süßmann (Hg.): Adelsbilder von der Antike bis zur Gegenwart (Historische Zeitschrift, Beiheft 58), München/Oldenbourg, 2013, S. 99–115.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Fahrmeir, Andreas, Prof. Dr.

Jussen, Bernhard, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Blume, Judith, M.A.

Schlicht, Helene

Schmidl, Petra, Dr.

Warner, Paul

Von der biologischen Abrüstung zur Biosicherheit: Versicherheitlichung oder Humanisierung der Kontrolle biologischer Waffen nach dem 11. September 2001?

Die rasante Entwicklung von Biotechnologie führt zu einer verstärkt wahrgenommenen Bedrohung durch Biowaffen. Parallel dazu hat sich im Sicherheitsdiskurs ein humanitärer Blickwinkel durchgesetzt, der der öffentlichen Gesundheit, Laborsicherheit und der Bekämpfung von Infektionskrankheiten einen großen Stellenwert beimisst. Das Regime zur Kontrolle biologischer Waffen liegt an der Schnittstelle dieser Perspektiven. Das Projekt untersucht, welche Auswirkungen die zunehmende Verschmelzung von Sicherheits- und humanitären (Gesundheits-)Aspekten auf die biologische Abrüstung hat und welche Rolle dabei unterschiedliche Vorstellungen von Teilhabe- und Verfahrensgerechtigkeit spielen.

Das Projekt untersucht die Pluralität normativer Legitimationstypen in den humanitären und sicherheitspolitischen Diskursen anhand der Konflikte, die im Regime zur Kontrolle von Biowaffen zutage treten. Es erschließt empirisch, wie globale normative Sicherheitsvorstellung auf die Regulierungspraxis von Biowaffen, biotechnologischer Forschung und globaler Gesundheitspolitik einwirken.

Ausgehend von induktiven Beobachtungen wurden die Themenfelder Biowaffenkontrolle und Biosicherheit sowie die darin angelegten Gerechtigkeitskonflikte zunächst empirisch untersucht und später auf konzeptioneller Ebene analysiert. Aufenthalte bei den Staatenkonferenzen des Biowaffen-Übereinkommens (BWÜ), bei denen die Forscherin Una Becker-Jakob Beraterin der deutschen Verhandlungsdelegation war, steuerten zudem praxisnahe empirische Erkenntnisse bei. Der Wissenstransfer findet darüber hinaus im Arbeitskreis „Abrüstung und Nichtverbreitung biologischer und chemischer Waffen“ und auf dessen Jahrestagungen statt, die Una Becker-Jakob in Kooperation mit der TU Darmstadt und der Universität Hamburg organisiert. Der Teilnehmerkreis umfasst Vertreter/innen verschiedener Ministerien und Regierungsbehörden, des Bundestags, der Bundeswehr sowie von Forschungseinrichtungen der Lebens-, Rechts- und Sozialwissenschaften.

Die empirische Beobachtung, dass in die sicherheitspolitischen Diskurse rund um die Biowaffenkontrolle zunehmend humanitär gerahmte Vorstellungen eingehen, konnte im Rahmen der Projektarbeit bestätigt und präzisiert werden. Bei der Analyse wurde deutlich, dass gesundheits- und sicherheitspolitische Aspekte nicht nur parallel diskutiert werden, sondern auch in Verhandlungen hineinwirken und gegeneinander ausgespielt werden. Hierin spiegeln sich mit unterschiedlichen normativ unterbauten Legitimationsmustern versehene Prioritäten, die sich aus angrenzenden normativen Ordnungen speisen (z.B. zu Weltgesundheit, Entwicklung oder Biodiversität). Wie die empirische Forschung im Projekt ergab, hat dies unmittelbare und negative Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit und Stabilität der normativen Ordnung der Biowaffenkontrolle. Diese Auswirkungen sollen in der letzten Projektphase (bis Herbst 2017) analytisch betrachtet und ausgewertet werden.

Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Vortrag: „The BWC: Issues for the 2016 Review Conference" (von Una Becker-Jakob), EU Non-Proliferation and Disarmament Conference des EU Non-Proliferation and Disarmament Consortium, Brüssel, Belgien,  11.–12. September 2015.  

Workshop: Biowaffenkontrolle und Biosicherheit, vorbereitet und durchgeführt für das Programmbüro der GIZ im deutschen G8-Partnerschaftsprogramm für Biosicherheit, Berlin,  26. September 2013.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Becker-Jakob, Una: „Building Confidence Over Biological Matters in the Middle East”, in: H. Müller und D. Müller (Hg.): WMD Arms Control in the Middle East: Prospects, Obstacles and Options, Farnham: Ashgate (Routledge), 2015, S. 165–173.

Becker-Jakob, Una: „Balanced Minimalism: The Biological Weapons Convention After Its 7th Review Conference”, PRIF Report No. 120, Frankfurt am Main, 2013, [online]  http://www.hsfk.de/fileadmin/downloads/prif120.pdf [05.10.2017].

*Müller, Harald/Una Becker-Jakob/Tabea Seidler-Diekmann: "Regime Conflicts and Norm Dynamics: Nuclear, Biological and Chemical Weapons", in: H. Müller und C. Wunderlich, (Hg.): Norm Dynamics in Multilateral Arms Control. Interests, Conflicts, and Justice, Athens, GA: The University of Georgia Press, 2013, S. 51–81.

Ein begutachteter Aufsatz und ein weiterer PRIF Report sind derzeit in Planung.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Müller, Harald, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Becker-Jakob, Una

Transnationale Regulierung geistigen Eigentums durch Kooperation

Das Grundproblem des internationalen Systems geistigen Eigentums besteht seit jeher darin, dass die Rechte der Erfinder, Urheber usw. territorial beschränkt sind. Es gibt kein Weltpatent oder Welturheberrecht, sondern allenfalls ein Bündel von nationalen Ein¬zelrechten. Kommunikation und Wirtschaft hingegen machen nicht an Staatsgrenzen halt. Diese Diskrepanz zwischen nationalstaatlicher Regulierung und transnationalem Austausch erschwert die praktische Durchsetzung der Rechte durch die Rechtsinhaber.

Im Projekt wurden aus juristischer Perspektive die Legalität und Legitimität verschiedener Formen von Kooperationen untersucht, mit denen private und öffentliche Akteure versuchen, die Nachteile des regulatorischen Flickenteppichs zu mildern oder gar zu überwinden. Es können drei Kooperationsformen unterschieden werden:
Rein private Kooperationen von Rechtsinhabern in Form von Vertrags-netzwerken sollen die transnationale Nutzung von Wissen in Anbetracht einer Vielzahl von Rechten ermöglichen (Patentpools, Verwertungsgesellschaften, Open Source, Wikipedia).

Kooperationen der Judikative und der Exekutive: Da die Legislative als Kooperationsakteur weithin ausfällt, ist eine Tendenz anderer Hoheitsträger zu verstärkter Kooperation zu beobachten. So berücksichtigen die Gerichte einschlägige ausländische Entscheidungen (etwa zur Schutzwürdigkeit einer bestimmten Erfindung) und harmonisieren dadurch die Rechtspraxis auch ohne völker- oder europarechtliche Grundlage; eine direkte Kooperation verschiedener Gerichte bei der Bewältigung multinationaler Parallelprozesse wird in manchen Bereichen (Insolvenz- und Familienrecht) bereits praktiziert und für das geistige Eigentum diskutiert. Auch Patentämter kooperieren und tauschen Informationen aus, um die Flut von Patentanmeldungen überhaupt bearbeiten und sog. Fast-Track-Erteilungsverfahren anbieten zu können.

Kooperationen zwischen Hoheitsträgern und privaten Akteuren: Schließlich sind vermehrt Ko-operationen zwischen staatlichen Instanzen und privaten Beteiligten festzustellen. So vermittelte die EU-Kommission Vereinbarungen zwischen Verlagen, Bibliotheken und Verwertungsgesellschaften über die Digitalisierung und Zugänglichmachung von vergriffenen Werken sowie zwischen Internetplattformen wie eBay und Rechtsinhabern zu den Grundsätzen der Verfolgung von Urheber- und Markenrechtsverletzungen. Die Europäische Beobachtungsstelle für Marken- und Produktpiraterie soll Regulierungslücken dadurch schließen, dass Rechtsinhabern die Möglichkeit zum Informationsaustausch geboten wird und Best-Practice-Anleitungen zur Rechtsdurchsetzung erarbeitet werden.

Mehrere von Alexander Peukert betreute und allesamt abgeschlossene Dissertationen beschäftigen sich mit derartigen Kooperationsphänomenen. Die 2015 mit dem Baker & McKenzie-Preis des Fachbereichs Rechtswissenschaft ausgezeichnete Arbeit von Anja Becker untersucht, wie parallele IP-Rechtsstreitigkeiten vor Gerichten verschiedener Länder koordiniert werden und ob hierbei auch eine aktive Kooperation zwischen Gerichten legal und legitim sein kann. Dominik König testet die Leistungsfähigkeit des klassischen Vertragsrechts bei der Konstruktion rechtlich stabiler, heterarchischer Open-Source-Vertragsnetze. Michael A. Kümmel zeigt in seiner Arbeit, wie große Content-Plattformen im Internet (YouTube, Facebook) mit Urheber- und Markenverletzungen umgehen und hierbei faktisch weltweit einheitliche Standards implementieren, obwohl die anwendbaren Rechte divergieren. Die auf einer 2013-2016 auf einer Projektstelle beschäftigte Nora Luisa Hesse erläutert und kritisiert in ihrer 2017 abgegebenen Dissertation Formen der weitgehenden Zusammenarbeit von Zollbehörden und privaten Rechtsinhabern bei der Grenzbeschlagnahme sogenannter Pirateriewaren an EU-Außengrenzen.

Die in diesen Forschungen erlangten Erkenntnisse flossen in einen 2017 in der Rabels Zeitschrift veröffentlichten, grundlegenden Aufsatz von Alexander Peukert zu Strukturen, Akteuren und Zwecken der Vereinheitlichung des Immaterialgüterrechts ein. In diesem Beitrag erörtert Peukert nicht nur klassische völkerrechtliche Verträge als formale Kooperationen zwischen Staaten, sondern auch Phänomene der Rechtsvereinheitlichung ohne staatliche Kodifikation, insbesondere in Gestalt privater Regulierung durch Verträge (z.B. Open Source) und Technik (z.B. Regulierung von Internetplattformen) und einer administrativen Kooperation von Patentämtern.

In der Gesamtschau bieten die vorgelegten rechtswissenschaftlichen Forschungsergebnisse wertvolles Anschauungsmaterial für die Herausbildung eines transnationalen Wirtschaftsrechts im Schatten des staatlichen Rechts.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Peukert, Alexander: „Vereinheitlichung des Immaterialgüterrechts: Strukturen, Akteure, Zwecke“, in: Rabels Zeitschrift für ausländisches und internationales Privatrecht 81(1), 2017, S. 158–193.

Hesse, Nora Luisa: Das EU-Grenzbeschlagnahmeverfahren in Deutschland und seine Vereinbarkeit mit dem TRIPS-Abkommen, Dissertation, Frankfurt am Main (Erstgutachten erstattet am 21. März 2017).

Kümmel, Michael Andreas: Die Implementierung der Haftung von Host-Providern für Immaterialgüterrechtsverletzungen, Dissertation, Frankfurt am Main, 2016.

Becker, Anja Andrea: Verfahrenskoordination bei transnationalen Immaterialgüterrechtsstreitigkeiten, Berlin: Duncker & Hublot, 2016.

König, Dominik: Das einfache, unentgeltliche Nutzungsrecht für jedermann, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht unipress, 2016.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Peukert, Alexander, Univ.-Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Hesse, Nora Louisa, Dr. iur.

Die Berufsmoral der Banker. Milieubildungen und Professionsethiken im globalen Finanzwesen

In dem Projekt „Die Berufsmoral der Banker. Milieubildungen und Professionsethiken im globalen Finanzwesen“ wurde erforscht, ob und in welcher Weise sich Gruppenprozesse und Milieubildungen beruflicher Akteure des internationalen Finanzwesens vollziehen, die zur sozialen Grundlage der Entstehung von Berufsmoral und eines „kritischen Professionalismus“ im Finanzwesen werden könnten.
Vor dem Hintergrund der Finanzkrise, die nicht nur die ökonomischen, sondern auch die weitreichenden sozialen Folgen finanzökonomischen Handelns sichtbar gemacht hat, interessierte uns vor allem, inwieweit und unter welchen Bedingungen Finanzakteure auf die gesellschaftliche Dimension ihres ökonomischen Handelns Bezug nehmen und auch die negativen externen Effekte ihrer Geschäftspraktiken berücksichtigen (können).
Da Sozialwissenschaftlich kaum andere Berufsgruppen so wenig erforscht sind, wie die Professionen im Banken- und Finanzwesen, zielte die Forschung zudem darauf ab, diese Wissenslücke ein stückweit zu schließen und ggf. gängige Stereotypen von Bankern zu korrigieren.
Das Projekt knüpfte dabei an die zentrale praxistheoretische Einsicht an, dass Akteure auch im Wirtschaftssystem nicht ausschließlich daran interessiert sind, den eigenen Nutzen zu maximieren, sondern ebenso auf Legitimität und Anerkennung bedacht sind.  Die soziologisch relevante Frage ist demnach nicht, ob es auf den Finanzmärkten eine Moral gibt oder nicht, sondern was Finanzakteure unter Moral und gesellschaftlicher Verantwortung verstehen und welche Bedeutung sie dieser in ihrer beruflichen Praxis beimessen.
Mit Bezug auf Émile Durkheims Theorie der normativen Integration funktional differenzierter Gesellschaften, konnten die Forschungsergebnisse dabei bestätigen, dass den Berufsmilieus und ihren Professionsethiken eine zentrale Rolle bei der Hervorbringung von „Solidarität“ und der „Zügelung der individuellen Egoismen“ in modernen Sozialordnungen zukommt.
Grundlage der Forschung waren vergleichender ethnographischer Milieuforschungen zu finanzwirtschaftlichen Berufsgruppen an den Bankenplätzen Frankfurt und Zürich. Ausgehend von der Frage nach dem jeweiligen Selbstverständnis der eigenen beruflichen Tätigkeit wurden die „inneren sozialen Milieus“ (Durkheim) von Bankern in ihren Praktiken und Symbolen, in ihren Weltbildern und Vergemeinschaftungsmustern ebenso untersucht, wie jene institutionellen Prozesse einer ethischen Erneuerung im Finanzwesen, die sich etwa in der Gründung „ethischer Banken“ oder in kritischen Debatten innerhalb finanzwirtschaftlicher Berufsorganisationen dokumentieren.
Die Analyse der Interviews brachte dabei ein Dilemma zum Vorschein: Obgleich Finanzakteure durchaus normative Ansprüche mit ihrem Metier verbinden, berühren diese Ansprüche nicht jene gesellschaftliche Sphäre, in der ein normativ gebundenes Handeln besonders notwendig wäre. Die "Berufsmoral der Banker" stellt sich in erster Linie als eine „Binnenmoral“ dar, die an Kunden, Mitarbeiter oder Kollegen adressiert ist, während die Gesellschaft als ein normativer Bezugspunkt nur eine zu vernachlässigende Rolle spielt.
Die homogene Zusammensetzung der sozialen Milieus, aus denen sich jedenfalls führende Finanzakteure zunehmend rekrutieren, steht dabei in engem Zusammenhang mit dieser nach innen gerichteten Berufsmoral. Die gesellschaftliche Entbettung finanzökonomischen Handelns ist somit nicht allein einer Systemlogik geschuldet, die Gewinn- und Wettbewerbsorientierung zu ihren zentralen Prinzipien erhebt, sondern ebenfalls den homogenen Milieus von Finanzakteuren, die den Kontakt zu anderen Lebenswelten weitgehend verloren haben.
Dass auch innerhalb des Finanzsystems andere normative Orientierungen möglich sind, zeigte die Analyse ethischer Kreditinstitute, die sich in ihren alltäglichen Praktiken nicht ausschließlich auf Prinzipien ökonomischer Profitmaximierung beziehen, sondern in hohem Maße anschlussfähig sind an gesellschaftliche Nachhaltigkeitsdiskurse. Gerade die Kritik am konventionellen Bankenwesen und ihrer Binnenmoral ist, so zeigte sich, ein konstitutiver und anerkannter Bestandteil der Berufsbiographie ethischer Banker.  

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Lenz, Sarah: „Normativer Wandel im Bankenwesen? Eine Analyse kritischer Distanzierung ‚ethischer Banker‘“, in: K. Backhaus /D. Roth-Isigkeit (Hg.): Praktiken der Kritik. Frankfurt am Main: Campus, 2016.

Czingon, Claudia: „‚Wirtschaftsethik‘, ‚Corporate Social Responsibility‘ und ‚Selbstreflexion‘: Selbstkritik im BWL-Curriculum deutscher Business Schools?“, in: K. Backhaus/D. Roth-Isigkeit (Hg.): Praktiken der Kritik, Frankfurt am Main: Campus, 2016.

Claudia Czingon und Sighard Neckel: „Banking in gesellschaftlicher Verantwortung? Zur Berufsmoral im Finanzwesen“, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 01/2015, S. 71–84.

Lenz, Sarah: „Ethische Banken in Deutschland – Nische oder Avantgarde? Eine Analyse der Selbstdarstellungen alternativer Geldhäuser“, Institut für Sozialforschung Working Papers, Frankfurt am Main 2015, [online] http://www.ifs.uni-frankfurt.de/wp-content/uploads/IfS-WP-7-Herzog-Lenz-Hirschmann.pdf [05.10.2017].
 
Lenz, Sarah/Lisa Herzog/Edgar Hirschmann: „‚Ethische Banken‘ Nische oder Avantgarde?“, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 01/2015, S. 85–95.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Neckel, Sighard, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Czingon, Claudia

Multinormativität

Normativität begegnet den Menschen in vielen Erscheinungsformen, Normen vielfältiger Art regulieren sein Verhalten und ermöglichen Gesellschaft. Unter den juristischen erscheinen Gesetz, Gebot und Vertrag als möglicherweise primäre Typen (Hasso Hofmann). Die Rechtswissenschaft diskutiert seit je her Fragen der Rechtsquellentypologie und -hierarchie, sie engagiert sich in der Ordnung der Normen juridischen Typs und versucht dabei, Kollisionsregeln zu entwerfen. Doch es gibt auch andere Formen von Normativität: soziale Regeln oder und moralische Gebote scheinen als die wesentlichen Typen, hinzu kommen religiöses Gesetz und technische Normen. Die Bezeichnungen wechseln ihre Bedeutung, sie besitzen teils überschneidende Semantiken. Sie erfüllen unterschiedliche Funktionen, gemeinsam ist ihnen aber der Regelungsanspruch für menschliches Verhalten.

Das Projekt, an dem die PIs Armin v. Bogdandy,  Thomas Duve, Klaus Günther und Matthias Lutz-Bachmann beteiligt sind, widmete sich dem Phänomen Multinormativität in systematischer und rechtshistorischer Hinsicht. Treffen in der Anfangsphase verschafften Klarheit über den Begriff der Multinormativität. Er wurde bewusst breit gefasst und nicht von vorne herein auf das Phänomen Recht oder einen gewissen Geltungs- oder Legitimitätsanspruch verengt.

Zur Jahrestagung des Exzellenzclusters im Jahr 2014 hat das Multinormativitätsprojekt ein Panel organisiert, das theoretische und empirische Dimensionen des Feldes verknüpfte (Leitung: Thomas Duve (MPI für europäische Rechtsgeschichte); Vorträge von Marie Claire Foblets (MPI für ethnologische Forschung, Halle), Stefan Kroll (EXC Herausbildung normativer Ordnungen, Frankfurt a. M.), Milos Vec (Universität Wien).)

Im rechtshistorischen Projektteil, der am Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte angesiedelt ist, ging es um die Beschreibung und Analyse der Koexistenz, Kooperation und Kollision verschiedener Normativitäten in jeweils gegebenen historischen Konstellationen. In methodischer Hinsicht ging es darum, bei der historischen Arbeit analytische Zugänge der Rechtswissenschaft, aber auch solche von Theologie, Philosophie, Soziologie, Politologie, Ethnologie aufzunehmen und nach einer transdisziplinären Begrifflichkeit zu fragen.

In der ersten Arbeitsphase wurde die Fragestellung der Multinormativität intensiv beraten und in der mittelfristigen Forschungsplanung des Instituts als Forschungsschwerpunkt verankert. Die Forschungsschwerpunkte des MPI haben die Funktion, die Arbeiten, die auf Institutsebene in den einzelnen Forschungsfeldern geleistet wird, mit Blick auf das Schwerpunktthema zu begleiten, zu strukturieren und weiterzuentwickeln. Auf diese Weise konnte Wissen zu signifikanten historischen Konstellationen von Multinormativität generiert und auf der Ebene des Exzellenzclusters  in die Arbeit des Projektverbundes eingebracht werden. Ein Fokus wurde auf das frühneuzeitliche Lateinamerika gerichtet, mit seinen signifikanten Grenzzonen und Hybridisierungen. In einer zweiten Hinsicht ging es um Fragen der „privaten Gesetzgebung" und der darauf gerichteten Dimensionen des juridischen Entscheidungssystems. Es handelt sich dabei um Innovationen im Bereich des Normativen, welche die Entwicklung der modernen Wirtschaftsgesellschaft flankieren und  in verfassungsgeschichtlicher Hinsicht die Umorientierung von Government auf Governance mitprägen.  Insbesondere die Auslandsbeziehungen des Instituts wurden im Sinne des Multinormativitätsprojekts genutzt, um ausländischen Gäste und Stipendiaten in die Forschungen einzubinden.  So war „Multinormativität“ 2016 das Leitthema der Summeracademy des MPIeR. Zudem wird in diesem Jahr (2017) der thematische Schwerpunkt der vom Max-Planck-Institut herausgegebenen Zeitschrift Rechtsgeschichte dem Thema Multinormativität gewidmet.

Der Beitrag des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht (MPIL) unter Armin von Bogdandy untersuchte Multinormativität vor allem in systematischer Hinsicht. Dies gilt insbesondere für ein Projekt zur Dogmatik, welches einer Zusammenarbeit mit Forschern der Juristischen und Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg entspringt. Dogmatik in Theologie und Recht besteht aus einer begrifflichen Folie, welche innerjuristische bzw. innertheologische Inkohärenzen verarbeitet. Gleichzeitig ist die Dogmatik sensibel für Normativitäten anderer Disziplinen, die an sie herangetragen werden. Ziel dieser Zusammenarbeit ist ein aus interdisziplinärem Lernen gewonnener Dogmatikbegriff für das öffentliche Recht bzw. die (protestantische) Theologie, der pluralistischen, globalisierten bzw. multireligiösen Gesellschaften angemessen ist. Diese Forschung wurde in den Cluster getragen durch ein Panel, das Matthias Goldmann und Dana Schmalz im Rahmen der Nachwuchskonferenz 2013 zu „Dogmatik – Apologie oder Kritik von Normativität?“ durchgeführt hatten. Die Vorträge sind in der Zeitschrift „Staat“ erschienen (2014, Vol. 53, issue 3). Darüber hinaus führt das MPIL ein großes Lateinamerikaprojekt durch. Es hat das Ziel, den Verfassungspluralismus Lateinamerikas durch gemeinsame Prinzipien zu strukturieren und in progressiver Richtung weiterzuentwickeln. Dieses Projekt gab Anlass zu Kooperationen mit PI Thomas Duve, welche sich u.a. in Konferenzbeteiligungen niederschlug.

Die philosophiegeschichtlichen und systematischen Forschungen sowie Lehrveranstaltungen und Workshops des PIs Matthias Lutz-Bachmann bezogen sich auf Grundprobleme normativer Legitimierung bzw. Delegitimierung von politischer Herrschaft sowie auf Fragen der Begründung einer philosophischen Ethik, insbesondere im Blick auf Fragen der Menschenrechte und der Menschenwürde. Dabei wurden maßgebliche Publikationen, zum Teil in Kooperation mit Kollegen aus der Rechtswissenschaft, der Politikwissenschaft, der allgemeinen Geschichtswissenschaft und der Theologien, vorbereitet und zum Teil für die Publikation fertiggestellt. Bei diesen wissenschaftlichen Aktivitäten war die enge Zusammenarbeit mit den vorgenannten Kollegen aus dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ von grundlegender Bedeutung. Zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist anzumerken, dass fünf Habilitanden im Umfeld der Arbeit des PIs an ihrer Habilitationsschrift gearbeitet haben.

In dem Teilprojekt von Klaus Günther wurden die bereits in der ersten Förderperiode begonnenen Studien zum Rechtspluralismus in der nunmehr erweiterten Perspektive auf Multinormativität fortgeführt und um eine Kritik des normativen Pluralismus erweitert. Im Zentrum stand dabei die Auseinandersetzung mit den Autoren Schiff Berman und Teubner. Schiff Bermans Theorie des „Management of Hybridity“ sowie Teubners Vorschlag einer dezentral durch die einzelnen globalen Teilsysteme jeweils intern hervorgebrachten Kollisionsnorm, die Konflikte mit den Eigenrationalitäten der anderen Systeme lösen soll, wurden einer immanenten Kritik unterzogen. Dabei ging es vor allem darum, zu zeigen, dass beide ihre Vorschläge nur unter der Voraussetzung einer unterstellten, wenigstens hypothetischen und fiktiven, universalistischen Meta-Norm formulieren können. Der Stand dieser Forschung ist in dem Aufsatz über „Normativen Rechtspluralismus“ dokumentiert. Auf zwei internationalen Konferenzen in Belo Horizonte 2015 und Cartagena 2016 wurden Impulse aus der Diskussion dieses Aufsatzes aufgenommen, diese Meta-Norm in die Richtung einer Erkenntnisregel (rule of recognition) des globalen Rechts weiter zu entwickeln. In einem Aufsatz zu Habermas System der Rechte wurden erste Überlegungen dazu formuliert. Parallel dazu wurde vor allem unter dem Eindruck des Multinormativitäts-Panels sowie der anschließenden Diskussion auf der Cluster-Jahreskonferenz 2014 mit einer Untersuchung über die multinormativen Kontexte der Anwendung von Normen begonnen. Eine Norm steht nicht abstrakt und kontextlos für sich allein, sondern stets in multinormativen Kontexten moralischer, rechtlicher, religiöser, politischer, sittlicher Art, ist aber auch verbunden mit epistemischen Normen und mit Regeln der Klugheit. In diesen multinormativen Kontexten stützen und erläutern sich Normen und normative Ordnungen wechselseitig, und zwar jeweils in einer zeitlich, sachlich und sozial konkretisierten Konstellation. Sie bilden ein konkretes, partikulares Netz von historisch situierten, lokal und situativ verfügbaren Verhaltensanforderungen. In konkreten Einzelfällen stellt sich das Problem, dass niemand in der jeweiligen Situation diese multinormativen Verweisungszusammenhänge zu überblicken vermag. Dieses Defizit wird durch Rechtfertigungsnarrative aufgefangen. Sie bündeln und interpretieren multinormative Verweisungszusammenhänge so, dass sie einzelne Normen und normative Ordnungen im Hinblick auf die jeweilige historische Situation einer partikularen Lebenswelt deuten und rechtfertigen. Den Stand dieser Forschung dokumentiert der Aufsatz über Parapraktische Rechtfertigungsnarrative.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Duve, Thomas: „Salamanca in Amerika“, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte: Germanistische Abteilung 132, 2015, S. 116–151.

Duve, Thomas: "Entanglements in Legal History. Introductory Remarks” und “European Legal History – Concepts, Methods, Challenges”, in: T. Duve (Hg.): Entanglements in Legal History: Conceptual Approaches, Global Perspectives on Legal History, Max Planck Institute for European Legal History Open Access Publication, Frankfurt am Main, 2014, S. 3–25, S. 29–66, [online] https://www.rg.mpg.de/gplh_volume_1 [05.10.2017].

Günther, Klaus: „Parapraktische Rechtfertigungsnarrative“, in: Jochen Schuff und Martin Seel (Hg.): Erzählungen und Gegenerzählungen. Terror und Krieg im Kino des 21. Jahrhunderts, Frankfurt am Main/New York: Campus, 2016, S. 101–124.

Günther, Klaus: Normativer Rechtspluralismus – eine Kritik, Normative Orders Working Paper 03/2014, [online] http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/files/34664/Guenther_Normativer+Rechtspluralismus.pdf [05.10.2017].

Goldmann, Matthias: Internationale öffentliche Gewalt, Berlin/Heidelberg: Springer, 2015.

Lutz-Bachmann, Matthias: “Does ‚ius cogens‘ exist in International Relations? Philosophical remarks to the Encyclical ‚Pacem in terris‘“, in: H.-G. Justenhoven/M.E. O’Connell: Peace through Law: Can Humanity Overcome War?, New York: Bloomsbury, 2016, S. 65–82.

von Bogdandy, Armin/ M. Goldmann / I. Venzke: “From Public International to International Public Law: Translating World Public Opinion into International Public Authority”, in: European Journal of International Law 28(1), 2017, S. 115–145.

von Bogdandy, Armin und Ingo Venzke: In wessen Namen? Internationale Gerichte in Zeiten globalen Regierens, Berlin: Suhrkamp, 2014. Englische Übersetzung: In Whose Name?, Oxford: University Press, 2014.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Duve, Thomas, Prof. Dr.

Günther, Klaus, Prof. Dr.

Lutz-Bachmann, Matthias, Prof. Dr. Dr.'

von Bogdandy, Armin, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Tyrichter, Jean Conrad

Die Formierung transnationaler Strafrechtsregime in der Moderne

Das Projekt untersucht die Formierung transnationaler Strafrechtsregime im 18. und 19. Jahrhundert, die sich in internationalen Verträgen, nationalem Strafrecht, internationalen Expertendiskursen und unterschiedlichen Staatspraktiken manifestierten. Ein wesentliches Ziel besteht darin, die Interdependenzen zwischen transnationalen und nationalen Normen, tatsächlicher Staatspraxis und internationalen Diskursen, Konferenzen und Organisationen zu analysieren. Von besonderem Interesse ist dabei die Untersuchung politischer Verbrechen, die als grenzübergreifende Sicherheitsbedrohungen wahrgenommen wurden und als Narrativ fungierten, um die Entwicklung transnationaler Strafrechtsregime voranzutreiben.

Das Teilprojekt bereichert den Forschungsbereich um wertvolles empirisches und historisches Material zur Entwicklung transnationaler Rechtsordnungen in der Moderne.  Es rekonstruiert die Formierung transnationaler Strafrechtsregime im 18. und 19. Jahrhundert. Durch den Fokus auf spezifische Felder transnationaler rechtlicher Interaktionen – Auslieferung, politisches Asyl, Rechtshilfe und Polizeikooperation – und auf eine Vielzahl unterschiedlicher staatlicher und nicht-staatlicher Akteure, von den europäischen Mächten bis zu Staaten in Lateinamerika und Asien, wird den Interdependenzen von transnationalen Sicherheits- und Strafrechtsregimen und (internationalen) normativen Ordnungen nachgegangen, um die Entstehung von Rechtspluralismus, Fragmentierung und Regimekollisionen erklären zu können.

Wichtige Fragenkreise wurden im Rahmen von zwei Dissertationsvorhaben vertieft. Conrad Tyrichter analysierte „Politische Kriminalität und transnationale Strafrechtsregime im 19. Jahrhundert am Beispiel des Deutschen Bundes“, Tina Hannappel arbeitete über  „Transnationale Strafrechtsregime von 1871-1914. Die Reaktionen der deutschen und europäischen Rechtssysteme auf politische Kriminalität“. Aus einem Workshop im Jahr 2014 ging ein Sammelband hervor, der 2017 erscheinen soll; der Arbeitstitel lautet: „International Security, Political Crime, and Resistance: The Transnationalisation of Normative Orders and the Formation of Criminal Law Regimes in the 19th and 20th Century”. Zudem hat das Projekt seine Kooperationen mit dem ERC research project in Leiden (B. de Graaf) und dem SFB "Dynamiken der Sicherheit" in Marburg/Gießen ausgebaut.

Die Untersuchung politischer Kriminalität bzw. politischer Konflikte – von politischer Dissidenz, Flüchtlingen und Exilanten bis zu Aufständen, Attentaten und anderen Formen politischer Gewalt –, die als grenzübergreifende Sicherheitsbedrohungen wahrgenommen oder kriminalisiert wurden, unterstreicht im Hinblick auf die Entstehung normativer Ordnungen die Bedeutung von Rechtfertigungsnarrativen. Sie zeigt, inwieweit dabei beobachtbare Prozesse der Versicherheitlichung und Entsicherheitlichung sowie der Ver- und Entrechtlichung zu einer dauerhafteren normativen Ordnung transnationaler Sicherheits- und Strafrechtsregime und damit zu einer „transnational governance of violence, crime and security“ beitrugen.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Härter, Karl/Tina Hannappel/Conrad Tyrichter (Hg.): International Security, Political Crime, and Resistance: The Transnationalisation of Normative Orders and the Formation of Criminal Law Regimes in the 19th and 20th Century, i.E.

Härter, Karl: „Security and Transnational Policing of Political Subversion and International Crime in Central Europe after 1815”, in: B. de Graaf/I. de Haan/B. Vick (Hg.): Securing Europe. 1815 and the new European security culture, i.E.

Härter, Karl: „Attentatsbilder in populären Druckmedien: Politische Attentate und strafrechtlich-polizeiliche Reaktionen in Europa zwischen Aufklärung, Revolution und Vormärz (1757–1820)“, in: T. Haug/A. Krischer (Hg.): Höllische Ingenieure. Attentate und Verschwörungen als politische Delinquenz, ca. 1300–1850, i.E.

Hannappel, Tina: „‚Doch konnten bis jetzt keine Thatsachen constatirt werden‘: Attentatsfurcht und Strafrechtspraxis am Beispiel Duchesne-Poncelet 1873–76“, in: T. Haug/A. Krischer (Hg.): Höllische Ingenieure. Attentate und Verschwörungen als politische Delinquenz, ca. 1300–1850, i.E.

Tyrichter, Conrad: „Das Attentat auf König Louis-Philippe I. am 28. Juli 1835 und die Formierung transnationaler Sicherheitsregime in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, in: T. Haug/A. Krischer (Hg.): Höllische Ingenieure. Attentate und Verschwörungen als politische Delinquenz, ca. 1300–1850, i.E.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Duve, Thomas, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Hannappel, Tina

 

Legitimationsstrukturen privater, intermediärer und hybrider Regulierungsregime

Die Frage, wie sich nichtstaatliche oder halbstaatliche Herrschaftsausübung legitimiert, stellt sich bereits von Beginn des 19. Jahrhunderts an, als sich moderne Staatlichkeit und Privatrechtsgesellschaft als eigenständige Autonomieräume herausbildeten. Kernanliegen des Projekts ist die Herausarbeitung von Legitimationsmustern, die bei der Rechtfertigung solcher nichtstaatlichen oder halbstaatlichen Aktivitäten in Erscheinung treten, welche de facto oder de jure der Ausübung von Hoheitsmacht entsprechen. Hierbei kann es sich um verschiedenste Formen der Rechtssetzung, der Rechtsprechung oder der Ausübung administrativer Aufgaben handeln, wie sie in der Rechtsordnung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts praktiziert wurden.

Das Projekt versteht sich als Beitrag zum Forschungsfeld „Pluralität normativer Ordnungen”. Das im Projekt beobachtete Ensemble der neuartigen Regelungskollektive leistet einen maßgeblichen Beitrag zum sozialen Tatbestand der „normative Pluralität”, der mit diversen und kontroversen Legitimationsnarrativen verbunden ist. Derartige Legitimationsnarrative werden durch Untersuchungen zu den jeweiligen Legitimationsbedarfen, Legitimationskriterien wie Legalität, Gemeinwohl, Effektivität und Effizienz und verschiedenen Legitimationsquellen bzw. -topoi wie Autonomie, Souveränität, Demokratie oder Selbstverwaltung analytisch erschlossen.

Stützen konnte sich das Projekt auf umfangreiche Vorarbeiten, die im Rahmen des Clusterprojekts „Regulierte Selbstregulierung in rechtshistorischer Perspektive“ (Clusterphase 2008-2011) durchgeführt worden waren und vor allem auf die Erfassung von Praxisfeldern und Regelungsinstrumenten nichtstaatlicher und halbstaatlicher Regulierung gezielt hatten. Auf dieser Grundlage konnten im Förderungszeitraum ab 2015 die konzeptionellen Hintergründe und die staatswissenschaftlichen und juristischen Reflexionen derartiger Regelungsmodi und damit auch deren legitimatorische Bezüge aufgearbeitet werden.

Die interdisziplinäre Kooperation mit dem politikwissenschaftlich geprägten Clusterprojekt „Die Legitimation nichtstaatlicher Regulierung in vernetzten normativen Ordnungen“ (K. D. Wolf) hat sich als sehr fruchtbar erwiesen. Sie wurde im Rahmen eines gemeinsamen Workshops vertieft, dessen Ergebnisse jetzt publiziert werden konnten.

Es konnte herausgearbeitet werden, dass die Intensität der (zeitgenössischen) wissenschaftlichen Debatte zur Legitimation nichtstaatlicher Regulierung in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert nicht stark ausgeprägt war; insofern kann man von einer theoretischen „Unterbilanz“ sprechen. Wichtige Bezüge finden sich unter dem Stichwort „Genossenschaft“ und „Autonomie“ in den Arbeiten der „Gierke-Schule,” aber auch in der Verwaltungslehre Steins sowie im korporatistischen Schrifttum. Bei der letztgenannten Richtung, die eigentlich als antidemokratisch eingestuft wird, fällt die starke Bezugnahme auf demokratische Argumentationstopoi auf; dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich auch dadurch, dass sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch kein einheitliches Demokratieverständnis herausgebildet hatte. Wesentlicher waren aber von Praktikern und insbesondere von Verbandsvertretern getragene Debatten, auf die im Projekt ein besonderes Augenmerk gerichtet wurde. In diesen Debatten bildeten sich Legitimationstopoi mit sektorspezifischen Konturen heraus.

In der interdisziplinären und transnationalen Perspektive fällt der fast durchgehende Bezug auf epistemische Begründungselemente auf, ansonsten überwiegt aber der Befund einer überaus reichen Vielfalt input- und outputorientierter Rechtfertigungsansätze.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

*Collin, Peter: “The Legitimation of Self-Regulation and Co-Regulation in Corporatist Concepts of Legal Scholars in the Weimar Republic”, in: Politics and Governance 5(1), 2017, [online] http://www.cogitatiopress.com/politicsandgovernance/article/view/784 [15.10.2017].

Wolf, Klaus Dieter/Peter Collin/Melanie Coni-Zimmer (Hg.): ”Legitimization of Private and Public Regulation: Past and Present”, in: Politics and Governance 5(1), 2017, [online]  http://www.cogitatiopress.com/politicsandgovernance/issue/view/58 [15.10.2017].

Collin, Peter: Privat-staatliche Regelungsstrukturen im frühen Industrie- und Sozialstaat, Oldenburg: De Gruyter, 2016.

Collin, Peter/Sabine Rudischhauser/Pascale Gonod (Hg.): „Autorégulation régulée. Analyses historiques de structures de régulation hybrides / Regulierte Selbstregulierung. Historische Analysen hybrider Regelungsstrukturen“  (= Trivium. Revue franco-allemande de sciences humaines et sociales 21), 2016, [online]  http://trivium.revues.org/5229 [15.10.2017].

Collin, Peter: „Regulierte Selbstregulierung der Wirtschaft“, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 37, 2015, S. 10–31.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Duve, Thomas, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Collin, Peter, PD Dr.

Die Normativität formaler Ordnungen und Prozeduren in der Antike – Mathematische und rechtliche Regelsysteme im Vergleich

Das Projekt "Normativität formaler Ordnungen und Prozeduren in der Antike – Mathematische und rechtliche Regelsysteme im Vergleich" ist Teil eines Projektes, das den Zeitraum von der Antike (inklusive Ägypten und Mesopotamien) bis in die Moderne erfassen soll. Systeme von Rechtsnormen (Verfassungen, Gesetzessammlungen, juristische Lehrtexte) und mathematische Satz- oder Regelsysteme stellen beide formale Ordnungen dar, deren Wert in bestimmten rechts- und wissenschaftstheoretischen Perspektiven gerade darin liegt, dass sie eine hohe innere Kohärenz besitzen, welche deduktive Ableitungen ermöglichen kann und in ihrer Anwendung auf konkrete Probleme eindeutige Entscheidungen (Problemlösungen) erstrebt. Auf beiden Seiten wird das Bestehen einer formalen Ordnung durch gewisse übergeordnete Normen geprägt, die den Aufbau und die Anwendung des Normen- bzw. Regelsystems leiten (im Folgenden: Meta-Normen).

Die Orientierung an solchen Meta-Normen, die einem formalen Verständnis von rechtlichen und mathematischen Ordnungen und Prozeduren zugrunde liegen, ist auf den ersten Blick ein charakteristisches Kennzeichen eines spezifisch modernen Rechts- und Mathematikverständnisses, formuliert und begründet vor allem in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Kontext der wissenschaftlichen und kulturellen Moderne, auf rechtstheoretischer Seite etwa durch Hans Kelsen, auf mathematischer Seite durch Vertreter der ‘modernen’ Mathematik, unter denen David Hilbert ikonische Stellung erlangt hat.

Allerdings – und dies bildet den Ansatzpunkt des vorliegenden Projekts – zeigt sich schon beim Blick auf sehr frühe Stadien schriftlich verfasster rechtlicher und mathematischer Systeme und Verfahren, dass der Aufbau formaler Ordnungen in diesen beiden (und in der Tat weiteren) Bereichen eine historisch frühe Errungenschaft mindestens mancher (wenn nicht gar aller) Schriftkulturen war. Die Herausbildung, aber auch die historische und kulturelle Variation jener Meta-Normen, die sich auf den Aufbau und die Anwendung formaler Ordnungen und Prozeduren in Recht und Mathematik beziehen, kann (und muss) daher als ein historischer Prozess der longue durée verstanden werden. Eben diesen Prozess in wichtigen Phasen besser zu verstehen ist das Ziel des hier vorgestellten Vorhabens.

Das Projekt untersucht anhand von ägyptischen, mesopotamischen, hethitischen sowie griechischen und römischen Rechtssammlungen und mathematischen Texten die Normativität formaler Ordnungen und Prozeduren. Die in den frühen Schriftkulturen entstehenden Regelsysteme geben bedeutende Aufschlüsse über die Bedingungen für die Normativität und Charakteristiken des Formalen, beispielsweise auf sprachlicher Ebene. Sie erzwingen eine Reflexion über die Begriffe von Kohärenz und Abstraktion und ermöglichen Rückschlüsse für die Gültigkeit, Anerkennung und prozedurale Durchsetzung von Normen in vormodernen Kulturen.

Die Erforschung der Regelwerke früher Schriftkulturen fördert wichtige Erkenntnisse über die Bedingungen für die Entstehung und Akzeptanz formal strukturierter Normensysteme. Die Bedeutung kasuistischer Verfahren, regionaler und temporaler Einflüsse sowie die Notwendigkeit von Konsistenz und Kohärenz in ihrer logischen Struktur lassen wichtige Aussagen über die Beschaffenheit von Ordnungssystemen zu, die auch in der Forschung zu neueren und neusten Entwicklungen verwendet werden können. Eine enge Zusammenarbeit mit Prof. Moritz Epple und Prof. Guido Pfeifer förderte die Diskussion der Ergebnisse projektübergreifend.

Der Austausch der Wissenschaftler über den Forschungsgegenstand und geeignetes Quellenmaterial wurde durch einen initialen Workshop im April 2013 sichergestellt. Dieser bereitete eine internationale Tagung vor, die im März 2015 stattfand. Die Ergebnisse wurden in einem weiteren Workshop im Februar 2016 diskutiert und werden zurzeit für eine Publikation aufbereitet. Der Workshop diente der weiteren Vernetzung der einzelnen Beiträge untereinander.

Vormoderne mathematische  und rechtliche Textsammlungen weisen bereits spezifische formale Strukturen auf. Die Normativität dieser formalen Strukturen ist schon in den frühesten Texten aus Ägypten und Mesopotamien ausgeprägt und ermöglicht Rückschlüsse auf inhaltliche Einschnitte (vgl. z.B. die Analyse des Codex Hammurapi durch Jim Ritter und die Analyse des Codex Urnamma durch Hans Neumann). Zwischen Ägypten und Mesopotamien sind in Bezug auf die Verschriftlichung von Rechtstexten signifikante Unterschiede festzustellen (Annette Imhausen). Anhand hethitischer (Daliah Bawanypeck) und griechischer sowie römischer Rechtstexte (Markus Asper, Peter Gröschler) sowie Texten aus dem ptolemäischen Ägypten (Katelijn Vandorpe, Mark Depauw) lassen sich verschiedene Möglichkeiten aufzeigen, wie durch Normativität (sprachliche Ausgestaltung, Formelhaftigkeit, besondere Gestaltung der Schriftträger) dauerhafte Gültigkeit und Autorität erzeugt werden sollten. Guido Pfeifer belegt die Verwendung mathematisch spezifizierter Werte in den mesopotamischen Rechtstexten als weitere Verbindung zwischen den beiden Fachgebieten.

Die Ergebnisse des Projekts erscheinen in Form eines Projektbandes (Publikation in Vorbereitung). Dieser wird in der Reihe KEF (Kārum – Emporion – Forum. Beiträge zur Wirtschafts-, Rechts- und Sozialgeschichte des östlichen Mittelmeerraums und Altvorderasiens) im Ugarit-Verlag erscheinen.

Die wichtigsten Veranstaltungen des Projekts:

Vorträge: Hans Neumann (Münster) und Jim Ritter (Paris), Wissensordnungen im Codex Ur-Namma und im Codex Hammurapi (Wissenschaftshistorisches Kolloquium), Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen”, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 10. Mai 2016.

Workshop: The Normativity of formal structures, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen”, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 4.–5. Februar 2016.

Vortrag: Markus Asper (Berlin), On the Authority of Normative Texts. Inscriptional Law and Mathematical Literature in Ancient Greece (Wissenschaftshistorisches Kolloquium), Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen”, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 15. Dezember 2015.

Internationaler Workshop: Die Normativität formaler Ordnungen und Prozeduren in der Antike und im Mittelalter: Mathematische und rechtliche Regelsysteme im Vergleich, Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normativer Ordnungen”, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 17.–19. März 2015.

Workshop: Normativity of formal structures and procedures in the ancient world. A comparison of mathematical and juridical systems, Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normativer Ordnungen”, Goethe-Universität Frankfurt am Main, 11.–13. April 2013.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Warner (Imhausen), Annette, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Schmidl, Petra, Dr.

 

Die Bibel als norma normans

Heilige Texte sind zu allen Zeiten als Legitimation und Rechtfertigungsklausel für bestimmte politische Entscheidungen herangezogen worden. Sie dienten damit als umfassender Rahmen, aus dem die konkreten politisch-sozialen Entscheidungen z. B. frühneuzeitlicher Gesellschaften in Europa ihren überzeitlichen Geltungsanspruch ableiteten. Beispielhaft dafür ist die Verwendung bestimmter Bibelstellen aus Altem und Neuem Testament, um den Charakter guter Herrschaft zu benennen, um bestimmte Verfassungsformen als überzeitlich gültig darzustellen, um den Einsatz von Gewalt zu legitimieren u.a.m.
In diesem Projekt wurde der Einsatz von Bibelstellen als nicht hintergehbare Norm, als norma normans, anhand bestimmter Quellengruppen und in einer konfessionsvergleichenden sowie überregionalen Blickrichtung analysiert.
Auf diese Weise konnte das Projekt zum Verständnis beitragen, wie heilige Texte grundlegende Normen legitimieren und entsprechende Rechtfertigungsnarrative gesellschaftlich funktionieren. Insbesondere konnten im Rahmen des Projekts auch neue Erkenntnisse zur historischen Datierung und Entstehung der Grundrechte, als grundlegende Normen der Moderne gewonnen werden.
Dabei wurden die Übergangsriten im frühneuzeitlichen Christentums, insbesondere die Taufe, die Ehe (zwischen Angehörigen der verschiedenen christlichen Konfessionen sowie Angehörigen des Christentums und des Judentums bzw. des Islam [= Angehörige „ungleichen Kultes“]) und die mit dem Tod verbundenen Rituale (Trostriten im Sterbefall, Trauerfeier) als Schlüssel zur Analyse der interkonfessionellen/interreligiösen Auseinandersetzungen bearbeitet. Grundlage der Forschungen war die reiche Quellenlage in den vatikanischen Archiven.
Bei deren Analyse bestätigte sich, dass der gemeinsame Horizont dieser Kontroversen, stets die gelehrte Auslegung von Altem und Neuem Testament ist und es immer und ausschließlich darum geht, wie weit die Bibel als norma normans sowohl in der theologischen Rechtfertigung als auch in der praktischen Wirkung in die Welt fungiert und anerkannt wird. Anhand der Quellenbefunde konnte das Projekt zudem sichtbar machen, dass die Entstehung der Grundrechte bereits im europäischen XVI. Jahrhundert angesetzt werden kann. Mit Hilfe der Erarbeitung einer umfangreichen Datenbank, wurde der argumentative Einsatz bestimmter Bibelstellen (Neues und Altes Testament) in den zu analysierenden Konflikten u.a. um die Rechte von Frauen und von religiösen Minderheiten systematisiert. Auf diese Weise konnte untersucht werden, inwieweit es eine Normsetzungskompetenz des „Gewissens“, der praktischen Toleranz gab, bzw. wie sich eine solche Normsetzungskompetenz etabliert oder gewandelt und erweitert hat.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

*Schorn-Schütte, Luise: Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung, C.H.Beck: München, 7. überarb. Aufl., 2017.

*Schorn-Schütte, Luise: Gottes Wort und Menschenherrschaft. Politisch-theologische Sprachen im Europa der Frühen Neuzeit, C.H.Beck: München 2015.

Cristellon, Cecilia und Luise Schorn-Schütte  (Hg.): Die Bibel als norma normans – zur Entstehung und Praxis von Grundrechten im Europa der Frühen Neuzeit, Göttingen: V&R unipress, i.E.

*Cristellon, Cecilia: „Due fedi in un corpo. Matrimoni misti fra delicta carnis, scandalo, seduzione e sacramento nell’Europa di età moderna“, in: Quaderni storici 1/2014 (April), Sonderheft „Corpi familiari”, Hg. von M. Lanzinger, D. Rizzo, S. 41–70. 


Cristellon, Cecilia und Silvana Seidel Menchi: „Religious Life”, in: E. Dursteler (Hg.): A Companion to Venetian History, 1400-1797, Leiden/Boston: Brill, 2014, S. 379–419, (Cristellon, S. 379–398).

Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Internationales Arbeitsgespräch: Grundrechte und Religion im Europa der Frühen Neuzeit, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 27.–28. November 2014.

Internationale Tagung: Religious contacts and conflicts in the rites of passage: European and extra-European perspectives on the Early Modern period, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main (finanziert von der Max Weber-Stiftung), 3.–4. Juli 2014.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Schorn-Schütte, Luise, Prof. em. Dr.

Projektmitarbeiter

Cristellon, Cecilia, Dr.

 

Eigeninteresse vs. Gemeinwohl: Über den Normenwandel innerhalb der Ökonomik

Der vermeintliche Interessenkonflikt zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl zählt zu den am häufigsten diskutierten Themengebieten an der Schnittstelle von Ökologie und Ӧkonomie sowie in den Bereichen der Wirtschafts- und Umweltethik.
Als Beispiele im Bereich der Ӧkologie seien genannt: die weltweite Luft- und Umweltverschmutzung, die Überfischung der Ozeane, die Rodung der Regenwӓlder, die Zerstӧrung der Ӧkosysteme von Pflanzen und Tieren, die Übernutzung natürlicher Ressourcen insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenlӓndern, der Ausstoß von CO2-Emissionen sowie der massive Verbrauch fossiler Brennstoffe und nicht-erneuerbarer Energietrӓger. Mit diesem vom Menschen hinterlassenen ökologischen Fußabdruck unmittelbar verbunden zu sein scheinen die globale Erderwӓrmung und der Klimawandel.  
Beispiele aus dem Bereich der Ӧkonomie umfassen die Privilegiensuche und das Rent-Seeking einiger Interessengruppen, das Phӓnomen des Lobbyismus und der polit-ӧkonomischen Korruption, die diversen Unternehmensskandale der jüngeren Vergangenheit, den Einfluss von Hedgefonds, Private Equity und Investment-Banking, Bӧrsenspekulationen und -manipulationen, Insiderhandel sowie die (vermeintliche) (Profit-)Gier und Habsucht einiger Manager multi-nationaler Konzerne. Verstӓrkt werden derartige unethische Verhaltensweisen durch die Kurzfristorientierung des Shareholder-Value-Kapitalismus. Insbesondere im Bereich der Anreiz- und Vergütungssysteme (Bonuszahlungen u.ӓ.) ist eine fehlende Nachhaltigkeit zu beobachten. Das weitverbreitete und kurzfristige „Denken in Quartalszahlen“ scheint damit dem langfristigen Wohl legitimer Stakeholder-Gruppierungen wie beispielsweise Arbeitnehmern, Kunden, Zulieferbetrieben und der Gesellschaft insgesamt zu widersprechen. Der Mangel an ӧkonomischer, ӧkologischer und sozialer Nachhaltigkeit kann zu einem Zustand der tragedy of the commons (Hardin/Ostrom) führen, einem Zustand, indem die übermӓβige Verfolgung des Eigeninteresses (inklusive Trittbrettfahrertum und Opportunismus) zu kollektiver Selbstschӓdigung führen kann.
Das Projekt ‚Eigeninteresse vs. Gemeinwohl: Über den Normenwandel innerhalb der Ökonomik’ untersuchte den potenziellen Trade-off bzw. die Kompatibilität von Eigeninteresse und Gemeinwohl. Die beiden Normen zeichnen sich durch ihre zentrale Bedeutung für die ökonomische Theoriebildung und für die Entwicklung und Durchsetzung neuer wirtschaftspolitischer Regulierungs- und Steuerungskonzepte aus.
Besonderes Augenmerk wurde auf die Herausarbeitung von Rechtfertigungsnarrativen für die beiden Normen und die auf ihnen aufbauenden Theorie- und Politikkonzepte gelegt. Da solche Narrative typischerweise außerhalb der ökonomischen Theoriebildung im engeren Sinne entstehen, bot der interdisziplinäre Rahmen des Clusters ideale Bedingungen, um ihre Genese in enger Zusammenarbeit mit den Nachbardisziplinen zu untersuchen.
Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher und unterschiedlich begründeter normativer Vorstellungen, die so entstehenden Zielkonflikte und ihre möglichen Lösungen wurden konzeptionell sowie an zwei Fallbeispielen untersucht, der Genese und der Umsetzung der Äquator-Prinzipien, einer freiwilligen CSR-Initiative im Bankenbereich, sowie der Diskussion um die Vor- und Nachteile einer paternalistisch ausgerichteten Wirtschaftspolitik.
Die in der ökonomischen Theorie für den Fall des „Laissez-faire“ immer wieder betonte Identität von Eigeninteresse und Gemeinwohl ist Ergebnis eines besonderen Rechtfertigungsnarrativs, das sich erst seit der frühen Neuzeit entwickelt hat und bis heute mit Zielkonflikten konfrontiert ist, die sowohl in ökonomischen als auch ethisch-philosophischen Diskursen thematisiert werden. Nur bei Vorliegen geeigneter Regulierungs-, Monitoring- und Sanktionsmechanismen, die sich wiederum von paternalistisch inspirierten Interventionen unterscheiden müssen, sind ökonomische und ethische Normen auch tatsächlich kompatibel.

Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Tagung: Behavioral Business Ethics: Verhaltensökonomische und ordnungsethische Perspektiven, erste „Frankfurter Tagung zur Wirtschaftsethik“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 1.-2.Oktober 2013 (in Kooperation mit der Arbeitsstelle Wirtschaftsethik, Gerhard Minnameier).

Tagung: 10 Years Equator Principles (2003–2013): Fragment of a Normative Sustainability Order or Business as Usual?, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 14.–15. März 2013.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

*Martens, W./Linden, B.v.d./Wörsdörfer, M.: „Deliberative Democracy and the Equator Principles Framework: How to Assess the Democratic Qualities of a Multi-Stakeholder Initiative from a Habermasian Perspective?”, in: Journal of Business Ethics 141, 2017, S. 1–19.

*Klump, Rainer und Manuel Wörsdörfer: „Paternalist Economic Policies. Foundations, Implications and Critical Evaluations”, in: Ordo Yearbook of Economic and Social Order 66, 2015, S. 27–60.

*Wörsdörfer, Manuel: „Equator Principles: Bridging the Gap between Economics and Ethics?”, in: Business and Society Review 120(2), 2015, S. 205–243.

*Wörsdörfer, Manuel: „Inside the ‚Homo Oeconomicus Brain': Towards a Reform of the Economics Curriculum?”, in: Journal of Business Ethics Education 11, 2014, S. 5–40.

*Wörsdörfer, Manuel: „‚Free, Prior, and Informed Consent’ and Inclusion: Nussbaum, Ostrom, Sen and the Equator Principles Framework”, in: Transnational Legal Theory 5(3), 2014, S. 464–488.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Klump, Rainer, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Wörsdörfer, Manuel, PD Dr.

Rechtliche Normativität und Anfechtbarkeit

Es ist eine besondere Eigenschaft des Rechts, dass die Begründung juristischer Urteile keinen abschließenden Charakter hat. Dies zeigt sich darin, dass es im Recht immer die Möglichkeit gibt, die Anwendung einer rechtlichen Regel R über eine begründete Ausnahme zu R zu widerlegen bzw. anzufechten. Die Ausnahmen rechtlicher Regeln sind nicht aufzählbar.
Kernanliegen des Projekts war es, unser Verständnis von rechtlicher Normativität über eine Analyse der Anfechtbarkeit juristischer Begründungen zu vertiefen. Insbesondere sollte dabei die Frage nach dem Verhältnis von Anfechtbarkeit und Unbestimmtheit analysiert werden. Bedeutet die Nicht-Aufzählbarkeit der Ausnahmen auch eine normative Unbestimmtheit der Situation?
Das Projekt war ein Beitrag zur Untersuchung der Normativität normativer Ordnungen und insbesondere zu der Teilfrage, ob normative Ordnungen einem unaufhörlichen Revisionsprozess unterworfen sind.
Das Projekt wurde im Rahmen der Dissertation von Projektmitarbeiter Michel de Araujo Kurth und in enger Unterstützung durch die PIs Marcus Willaschek und Klaus Günther durchgeführt. Grundlage war die zuvor erarbeitete Bibliographie zum Thema Anfechtbarkeit. Zwischenergebnisse wurden halbjährlich im Forschungskolloquiums von Prof. Dr. Marcus Willaschek vorgestellt und kritisch diskutiert. Auf einer Tagung im März 2015 wurden einige der Teilfragen des Projekts von namhaften RechtsphilosophInnen und MoralphilosophInnen untersucht. In einem Sammelband zur Tagung erscheinen auch ein Aufsatz des Projektmitarbeiters, der die Ergebnisse des Projekts vorstellt, und ein Aufsatz von Günther.
Ausgehend von einer Analyse rechtlicher Anfechtbarkeit, konnten zwei Begründungsebenen von Urteilen unterschieden werden: eine „Regelebene“ und eine „ substanzielle Rechtfertigungsebene“. Durch Analyse des Verhältnisses dieser beiden Ebenen, konnte ein neuartiger Lösungsansatz zur Beantwortung der Frage, in welchem Verhältnis Unbestimmtheit und Anfechtbarkeit zueinander stehen, entwickelt werden. Nach diesem Ansatz schließen sich Anfechtbarkeit und rechtliche Unbestimmtheit aus, da Anfechtbarkeit gerade die stärkere Gewichtung eines Urteils auf substanzieller Rechtfertigungsebene gegenüber der Regelebene bedeutet und damit normative Bestimmtheit impliziert.

Die wichtigsten Publikationen des Forschungsprojekts:

Willaschek, Marcus (2013): Defeasibility in Philosophy, Knowledge, Agency, Responsibility, and the Law, Sonderheft der Grazer Philosophischen Studien, Hg. von: C. Blöser/M. Janvid/H.O. Matthiessen/M. Willaschek, Amsterdam/New York: Rodopi, 2013.

Willaschek, Marcus/C. Blöser/M. Janvid/H. Matthiessen: „Introduction“, in: C. Blöser/M. Janvid/H.O. Matthiessen/M. Willaschek (Hg.): Defeasibility in Philosophy. Grazer Philosophische Studien, 87, 2013, S. 1–8.

Willaschek, Marcus: „Strawsonian Epistemology. What Epistemologists can learn from ‚Freedom and Resentment’”, in: Defeasibility in Philosophy. Grazer Philosophische Studien 87, C. Blöser/M. Janvid/H.O. Matthiessen/M. Willaschek (Hg.), 2013, S. 99–128.

Willaschek, Marcus: „Moral ohne Sanktion? Anmerkungen zu Julia Hermann und Mario Brandhorst“, in: E. Buddeberg/A. Vesper (Hg.): Moral und Sanktion. Eine Kontroverse über die Autorität moralischer Normen, Frankfurt am Main: Campus, 2013.

de Auraujo Kurth, Michel: „Selected Thematic Bibliography of Work on Defeasibility in Philosophy and Related Disciplines”, in: Grazer Philosophische Studien 87, 2013, S. 217–257.

Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Workshop: Defeasibility in the Law (organisiert von Marcus Willaschek, Klaus Günther und Michel de Araujo Kurth, mit Vorträgen von: PD. Carsten Bäcker, Prof. Ruth Chang, Prof. Jonathan Dancy, Dr. Susanne Mantel, Prof. Josep Joan Moreso, Prof. Matthias Klatt, Prof. Andrei Marmor, Prof. Marcus Willaschek, Andreas Müller M. A., Michel de Araujo Kurth M. A.), Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität Frankfurt am Main, 12.–13. März 2015.

Panel: „Legal Indeterminacy in International law and Contemporary American Constitutional Law” auf der Cluster Nachwuchskonferenz 2014 Praktiken der Kritik, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 6. Dezember 2013.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Willaschek, Marcus, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

de Araujo Kurth, Michel

Gesetz und Gewalt im Kino

Die Darstellung von Gewalt war von Anfang an ein Leitmotiv des Kinos. In unterschiedlichen Genres nimmt diese sehr unterschiedliche Funktionen ein. Einen wichtigen Strang aber bildet in den Erzählungen des Kinos seit jeher die Frage nach dem Recht der Gewalt und der Gewalt des Rechts. Viele Spielfilme, die von Akten, Ereignissen und Zuständen offener oder latenter Gewalt erzählen, stellen durch die Art ihrer Erzählung die Frage nach der Legitimität der sozialen Ordnungen, in denen Gewalt entsteht und vergeht. Sie handeln von der Intimität von Gesetz und Gewalt.
Im Ausgang von exemplarischen Filmen verschiedener Genres – vor allem des Westerns, des Film Noir, des Polizei- und des Kriegsfilms – wurde untersucht, wie die Verzahnung von Recht, Gesetz und Gewalt in ihrer künstlerischen Behandlung dramatisiert wird. Die Analyse dieser Genres wurde von der These geleitet, dass das Kino den Zusammenhang zwischen Gesetz und Gewalt in einer mehrfachen Perspektive imaginiert: Es erzählt ebenso von der Genese normativer Ordnungen aus Erfahrungen von Gewalt und Unrecht sowie von den unterschiedlichen Formen der Gewalt, die mit der – einmaligen – Einsetzung und – sich dauerhaft wiederholenden – Durchsetzung dieser Ordnungen verbunden sind.
Am Medium des Films wurde untersucht, wie filmische Fiktionen normative Perspektiven auf soziale und politische Konflikte in unterschiedlichen Kombinationen darstellen, befragen, brechen und selbst entwerfen. Dabei wurde diese ästhetische Reflexionsleistung des Kinos theoretisch fruchtbar gemacht, um einen nicht-illusionären Blick auf normative Ordnungen und ihren dialektischen Zusammenhang mit der Gewalt, die sie oft vergeblich zu bändigen versuchen, zu gewinnen. Leitbegriffe des Clusters – allen voran derjenige des "Rechtfertigungsnarrativs" – wurden aus einer medientheoretischen Perspektive beleuchtet.
Basis des Projekts waren philosophische und soziologische Analysen zur Dialektik von Gesetz und Gewalt wie sie von Spielfilmen ästhetisch ausagiert wird. Ein zentrales Format der Forschungen waren zudem interdisziplinäre Vorlesungsreihen und Workshops, in denen Vortragende aus verschiedenen Disziplinen die Thematik an ausgewählten Beispielen aus jeweils ihrer Perspektive behandelt haben.
Ein zentrales Ergebnis unserer Untersuchungen lautet, dass die Innenansichten aus dem Leben normativer Ordnungen, wie sie von Spielfilmen präsentiert werden, von einem Oszillieren zwischen Rechtfertigung und Infragestellung, Legitimation und De-Legitimation geprägt sind, das nur selten eindeutig aufgelöst wird.

Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Vorlesungsreihe: Verbrechen und Strafe im Kino (Vorlesungsreihe „Kino“ des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“),  Goethe-Universität und MMK, Frankfurt am Main, Sommersemester 2015.

Vorlesungsreihe: Gesetz und Gewalt im Kino (Vorlesungsreihe „Kino“ des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“), Goethe-Universität und MMK, Frankfurt am Main, Wintersemester 2013/14 und Sommersemester 2014.

Workshop: Rechtfertigungsnarrative. Terror und Krieg im Kino, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität Frankfurt am Main, 14.–15. April, 2014.

Panel: „Dimensions of Violence and Legitimation in Cinema“, im Rahmen der internationalen Film-Philosophie Konferenz Beyond Film (organisiert von Frederike Popp und Jochen Schuff), Amsterdam, 10.–12. Juli 2013.

Panel: „Kritik auf der Leinwand“, im Rahmen der Nachwuchstagung 2013 des Exzellenzclusters Praktiken der Kritik (organisiert von Frederike Popp und Jochen Schuff), Dezember 2013.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Seel, Martin: „Hollywood" ignorieren. Vom Kino, Frankfurt am Main: Fischer, 2017.

Schuff, Jochen und Seel, Martin (Hg.): Erzählungen und Gegenerzählungen. Terror und Krieg im Kino des 21. Jahrhunderts (Normative Orders Bd. 16), Frankfurt am Main: Campus, 2016.

Keppler, Angela/Popp, Frederike/Seel, Martin (Hg.): Gesetz und Gewalt im Kino (Normative Orders Bd. 14), Frankfurt am Main: Campus, 2015.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Keppler, Angela, Prof. Dr.

Seel, Martin, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Popp, Frederike

 

Normativität und Subjektivität: 1. Natur – 2. Natur – Geist

Das Projekt geht von der Annahme aus, dass Normativität Subjektivität ebenso voraussetzt wie hervorbringt. Subjektivität wird darin als das Ensemble der Fähigkeiten zur Orientierung an normativen Gesichtspunkten verstanden. Das Projekt fragt daher nach den Formen der Subjektivität, die mit (bestimmten) Strukturen der Normativität verbunden sind. Dabei geht es um eine doppelte Perspektive: Es wird untersucht, wie sich normative Ordnungen durch die Ausbildung von Subjektstrukturen verwirklichen und dadurch zugleich allererst hervorgebracht werden. Die Untersuchung des Zusammenhangs von Normativität und Subjektivität zielt daher auf eine Prozessualisierung des Begriffs der Normativität: Normativität gibt es nur durch Prozesse der Subjektivierung. Das Ziel des Projekts ist ein genealogischer Begriff der Normativität.
Die Verbindung zum Forschungsprojekt des Clusters ist dabei eine doppelte. Erstens stellt das Projekt die Frage nach der Herausbildung normativer Ordnungen ins Zentrum. Die Frage lautet, wie Normativität, in ihrer Seinsweise und ihrer Struktur, verstanden werden muss, wenn sie durch Subjektivierungsprozesse gebildet worden ist. Zweitens unternimmt das Projekt die Untersuchung von Subjektivierungsformen, die normative Ordnungen hervorbringen, in einer interdisziplinären Perspektive.
Die Projektforschung hatte zwei Schwerpunkte. Der erste Schwerpunkt war die Untersuchung der Bildung von Subjektivität und ihrer Konsequenzen für den Begriff der Normativität; dabei stand der Begriff der Freiheit, als Befreiung, im Zentrum. Der zweite Schwerpunkt lag in der Untersuchung der Normativitätsstruktur des modernen Rechts; die Frage richtete sich dabei auf die spezifische Weise rechtlicher Subjektivierung in der Form „subjektiver Rechte“.
Die Untersuchungen zum ersten Schwerpunkt haben gezeigt, dass die Genese von Subjektivität als der Prozess der Transformation eines bloß natürlichen in ein normatives oder geistiges Wesen zu verstehen ist. Der Begriff der Subjektivität ist daher durch das (prozessuale und prozessierende) Verhältnis von Natur und Geist bestimmt. Dieses Verhältnis bestimmt den Begriff der Freiheit, die darin prozessual, als Prozess der Befreiung verstanden wird. In seiner Dissertation zum jungen Hegel hat Oliver Brokel im Rahmen des Projektes gezeigt, dass die Freiheit des Subjekts deshalb in einer unauflöslichen Spannung zu den normativen Ordnungen steht, die sie hervorbringt. Die Untersuchungen zum zweiten Schwerpunkt haben zu einer Theorie der Form subjektiver Rechte geführt, die für die moderne Ordnung des Rechts eine schlechthin grundlegende Rolle spielt. Dabei steht die These im Zentrum, dass sich in der Form der Rechte eine Selbstreflexion des Rechts vollzieht, die die Differenz von Norm und Natur in die Verfassung der Norm selbst einträgt. Die weitere Analyse gilt der Frage, wie und mit welchen gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen das moderne Recht seine Selbstreflexion als „Ermächtigung“ (Weber) des Subjekts organisiert. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind in der Monographie Kritik der Rechte (Berlin: Suhrkamp 2015) publiziert.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Menke, Christoph: Kritik der Rechte, Berlin: Suhrkamp, 2015.

Menke, Christoph: „Hegels Theorie der Befreiung. Gesetz, Freiheit, Geschichte, Gesellschaft“, in: A. Honneth und G. Hindrichs (Hg.): Freiheit. Internationaler Hegelkongress 2011, Frankfurt am Main: Klostermann, 2013, S. 301–320. Wiederabgedruckt in: Christian Schmidt (Hg.): Können wir der Geschichte entkommen? Geschichtsphilosophie am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt am Main/New York: Campus 2013, S. 60–81. Englische Übersetzung: „Hegel’s Theory of Liberation: Law, Freedom, History, Society“, in: Symposium. Canadian Journal of Continental Philosophy 17(1), 2013, S. 10-30.

Khurana, Thomas: „Paradoxes of Autonomy: On the Dialectics of Freedom and Normativity", in: Symposium. Canadian Journal of Continental Philosophy 17(1), 2013, S. 50–74.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Menke, Christoph, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Brokel, Oliver

 

Kaiserliche Politik und Räume der Religionen im 3. Jahrhundert

Das Projekt stellt einen Beitrag zum neuen Forschungsschwerpunkt „Post/Säkularismus“ dar. Die Fragen, die die Postsäkularismus-Debatte aufwirft, erscheinen auch für die Alte Geschichte aufschließend, obgleich die Diskussion von den Gegenwartsgesellschaften ausgeht. Denn sie reflektiert das Problem des Verhältnisses von Religion und öffentlichem Raum und dessen Wandel, das eine epochenübergreifende Bedeutung besitzt.
Mit dem Projekt wurden Forschungen des Principal Investigators Hartmut Leppin zu der eben durch die Postsäkularismus-Debatte inspirierten These, dass die Ausbreitung des Christentums eine Neutralisierung bestimmter Räume generierte, fortgesetzt.

Das Projekt fragte danach, wie im Römischen Reich mit religiöser Vielfalt umgegangen wurde, nachdem mit dem Christentum eine Religion prominent geworden war, die sowohl einen Anspruch auf universale Gültigkeit als auch auf exklusive Wahrheit erhob. Die Frage nach der Rolle von Rechtfertigungsnarrativen bei der Herausbildung einer neuen normativen Ordnung hat sich als außerordentlich fruchtbar erwiesen, vor allem im Hinblick auf die Bedeutung christlicher Narrative für die Etablierung eines Kaisertums, das im christlichen Diskurs nicht vorgesehen war. Ferner hat das Projekt zur vergleichenden Perspektive beigetragen, insbesondere dazu, bestimmte Schlüsselbegriffe des Clusters, namentlich Toleranz, Anerkennung und Post-Säkularismus, kritisch zu reflektieren.

Die Arbeit erfolgte einerseits durch übergreifende Tätigkeiten des Projektleiters, andererseits durch eine Reihe von Spezialstudien teils durch den Projektleiter selbst, teils durch (assoziierte) Mitarbeiter. Unter ihnen war das Projekt der Mitarbeiterin Sophie Röder am wichtigsten: Es untersuchte die Regierungspraxis römischer Kaiser während der Jahre 253-268. Anhand von Gesetzeserlassen wurden die Reaktionen der Herrscher auf die Ausbreitung des Christentums behandelt, wodurch wichtige Erkenntnisse über die Wirkung religiöser Vielfalt auf normative Ordnungen gewonnen werden konnten. Die Arbeit wurde im Januar 2017 eingereicht.

Frau Röders Forschungen zogen die verbreitete These in Zweifel, derzufolge Verordnungen von Valerian (253-260) und Gallienus (253-268) die ersten systematischen Christenverfolgungen auslösten. Sie konnte überzeugend darlegen, dass diese Perspektive der christlichen Überlieferung der Quellen entspringt. Besonders wichtig innerhalb der Forschungen von Hartmut Leppin ist die Beobachtung, dass durch eine Politik der religiösen Neutralisierung bestimmter Bereiche eine zeitweilige Beruhigung erreicht werden konnte und dass in diesem Kontext Rechtfertigungsnarrative entstanden, die für moderne Ohren den Klang von Toleranz haben.

Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Podiumsdiskussion: Im Namen Gottes? Monotheismus und Gewalt, Prof. Dr. Mouhanad Khorchide im Gespräch mit Prof. Dr. Harmut Leppin (in der Reihe Stadtgespräch des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“), Historisches Museum, Frankfurt am Main, 19. April 2017.

Vorlesungsreihe: Modelling Transformation (Ringvorlesung des Exzellenzclusters “Die Herausbildung normativer Ordnungen”), mit Vorträgen von Prof. Dr. Wolfgang Knöbl, Prof. Dr. Rudolf Stichweh, Prof. Dr. Eva Geulen, Prof. Dr. Andrew Abbott, Prof. Dr. Lorraine Daston, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, Sommersemester 2016.

Frankfurt-Birmingham Study Day: Contesting the Sacred – Contexts of Greek and Roman Religion, University of Birmingham, 4. December 2015.

Internationaler Nachwuchsworkshop: Religiöse Differenzierungen im Übergang von Kaiserzeit zur Spätantike, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 29.–30. November 2013.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

*Leppin, Hartmut: „Christianity and the Discovery of Religious Freedom”, Rechtsgeschichte / Legal History 22, S. 62–78. (French translation: „Le christianisme et la découverte de la liberté religieuse”, in: T. Itgenshorst und Ph. Le Doze (Hg.): La norme sous la République et le Haut-Empire romains (Scripta antiqua 96), Bordeaux, 2017, S. 217–237.

*Leppin, Hartmut: „Aspects of the Christianisation of Foreign Policy in Late Antiquity: The Impact of Religious Universalism”, in: G. Hellmann/A. Fahrmeir/M. Vec (Hg.): The Transformation of Foreign Policy. Drawing and Managing Boundaries from Antiquity to the Present, Oxford: Oxford University Press, 2016, S. 105–124.

Leppin, Hartmut: „Religiöse Vielfalt und öffentlicher Raum in der Spätantike“, in: M. Lutz-Bachmann (Hg.): Postsäkularismus (Normative Orders Bd. 7), Frankfurt am Main: Campus, 2015, S. 335–360.

*Leppin, Hartmut: „Überlegungen zum Umgang mit Anhängern von Bürgerkriegsgegnern in der Spätantike“, in: K. Harter-Uibopuu und F. Mitthof (Hg.): Vergeben und Vergessen? Amnestie in der Antike. Beiträge zum ersten Wiener Kolloquium zur Antiken Rechtsgeschichte (Wiener Kolloquien zur Antiken Rechtsgeschichte 1), Wien, 2013, S. 337–358; erweiterte englische Fassung: “Coping with the Tyrant’s Faction: Civil War Amnesties and Christian Discourses in the Fourth Century AD“, in: J. Wienand (Hg.): Contested Monarchy. Integrating the Roman Empire in the 4th Century AD, Oxford: Oxford University Press, 2015, S. 198–214.

Leppin, Hartmut: „Kaisertum und Christentum in der Spätantike: Überlegungen zu einer unwahrscheinlichen Synthese“, in: A. Fahrmeir und A. Imhausen (Hg.): Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive (Normative Orders Bd. 8), Frankfurt am Main, Campus, 2013, S. 197–223.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Leppin, Hartmut, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Röder, Sophie

Normativität der Kritik – Kritik der Normativität

Normen entwickeln sich unter historischen Bedingungen und operationalisieren sich in bestimmten sozialen und politischen Kontexten auf unterschiedliche Weise. Dementsprechend können sie nicht in jedem historischen Kontext, mit denselben Strategien, umgesetzt oder angefochten werden. In Anbetracht der Tatsache, dass es keine sichere Vorgehensweise gibt „Normativer Gewalt“ zu begegnen, wird Subversion zu einem unberechenbaren Effekt. Das macht die Praxis der Kritik besonders herausfordernd.

Wenn es die primäre Funktion der Kritik ist, Autonomie zu ermöglichen (im Sinne des Kant‘schen Diktums vom „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“), so stellen postkolonial-queer-feministische TheoretikerInnen, die zwanghaften, wie auch die progressiven Aspekte kritischer Forschung in Frage. Wenn, wie in westlich-philosophischen Traditionen vertreten, Aufklärung und Kritik zusammengehören, wie ist dann das Verhältnis der Postkolonie zu dem Erbe europäischer Aufklärung?

Das Ziel des Forschungsprojekts war es, eine alternative postkolonial-queer-feministische Genealogie der „Politiken“ von Kritik zu entwickeln, um das Verhältnis zwischen Macht, Handlungsfähigkeit und Widerstand kritisch zu untersuchen. Der Fokus des Projekts lag auf der Untersuchung, welche Formen der Subjektivierung und Emanzipation mit dem Modus des Infragestellens einhergehen und wie diese Praxen im Spannungsverhältnis zwischen Moderne und Postkolonialität zu denken sind.

Im Rahmen des Gesamtprojekts des Clusters wurden in diesem Projekt insbesondere die Ambivalenzen der Normativität von Kritik als Form der Machtausübung selbst untersucht und dadurch die Normativität der Kritik mit der Kritik der Normativität konfrontiert. Es wurde untersucht, wie normative Ordnungen beständig denaturalisiert, aber auch reproduziert werden und wie in diesen Prozessen handlungsmächtige Subjekte konstituiert werden. Die Möglichkeiten, anders zu denken und zu handeln, die Grenzen des „Politischen“ in Frage zu stellen und Kritik zu üben, wurden einer kritischen Betrachtung unterzogen.

Das Forschungsprojekt unterteilte sich in vier Teilprojekte. Im PI-Projekt wurde insbesondere der Zusammenhang von „Normativität, Kritik und Aufklärung“ (Nikita Dhawan) untersucht. Dabei stand das ambivalente und paradoxale Verhältnis von Vernunft und Herrschaft im Fokus, bei dem das Freiheitsversprechen der Vernunft selbst in eine neue Form der Herrschaft umzuschlagen droht. Im zweiten Teilprojekt ging es um die Frage, wie politische Subjektivität im Raum zwischen Passivität und Widerstand entsteht (Aylin Zafer). Das dritte Teilprojekt untersuchte, wie in den Begegnungen zwischen heterogenen sozialen Bewegungen Differenz verhandelt und Solidarität geschaffen wird (Johanna Leinius). Im vierten Teilprojekt (Elisabeth Fink) wurde am Beispiel der Bekleidungsindustrie in Bangladesch das Verhältnis von lokalem und transnationalem Arbeitsrechtsaktivismus untersucht.

Das Forschungsprojekt stellt den dynamischen und relationalen Aspekt der Kritik an jeglicher Art von Machtverhältnissen in den Vordergrund: Um Kritik zu üben und Räume für Transformation zu schaffen, muss sich das widerständige Subjekt zu herrschenden normativen Ordnungen verhalten. Ob Ablehnung oder Aneignung, eine Bezugnahme findet notwendigerweise statt. Diese Prozesse wurden sowohl  empirisch als auch theoretisch ergründet, um die Potentiale für dekolonisierende Allianzen zu identifizieren und die Ambivalenzen emanzipatorischen Begehrens und Handelns herauszustellen.


Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Workshop: FRCPS Chandra Talpade Mohanty Reading Group, in Vorbereitung der Gastprofessur für Internationale Gender und Diversity Studies von Chandra Talpade Mohanty am „Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse“ (CGC), Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 12. Dezember 2015.

Internationale Konferenz: Decolonizing Epistemologies, Methodologies and Ethics: Postcolonial-Feminist Interventions, „Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies“, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 2. Juli 2015.

Internationaler Workshop: Difference that makes no Difference: The Non-Performativity of Intersectionality and Diversity, „Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies“ in Kooperation mit dem Frauennetzwerk des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 5. Februar 2015.

Vortrag: Prof. Ratna Kapur, Precarious Desires, Postcolonial Justice and Human Rights, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 27. Mai 2014.

Internationale Vorlesungssreihe: How Does Change Happen?, Cornelia Goethe Colloquium in Kooperation mit dem „Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies“, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität Frankfurt am Main, WS 2013/2014.

Workshop: Angela Davis Reading Group, in Vorbereitung der Gastprofessur für Internationale Gender und Diversity Studies von Angela Davis am „Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse“ (CGC), Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“, Goethe-Universität Frankfurt am Main, 14. –15. November 2013


Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Dhawan, Nikita/Elisabeth Fink/Johanna Leinius/Rirhandu Mageza-Barthel: Negotiating Normativity. Postcolonial Appropriations, Contestations and Transformations, New York: Springer, 2016.

Dhawan, Nikita (Hg.): „Difference that makes no Difference. The Non-Performativity of Intersectionality and Diversity”, Wagadu. A Journal of Transnational Women's and Gender Studies, special Issue, 2016.

Nikita Dhawan: Decolonizing Enlightenment: Transnational Justice, Human Rights and Democracy in a Postcolonial World, Politik und Geschlecht, vol. 24, Opladen und Farmington Hills: Barbara Budrich Verlag, 2014.

Nikita Dhawan und Maria Castro Varela do Mar: Postkoloniale Theorie: Eine kritische Einführung, 2. Aufl., Bielefeld: Transcript, 2014.

Elisabeth Fink und Johanna Leinius: „Postkolonial-feministische Theorie“, in: Y. Franke/K. Mozygemba/K. Pöge/B. Ritter/D. Venohr (Hg.): Feminismen heute. Positionen in Theorie und Praxis, Bielefeld: Transcript, 2014, S. 115–128.


Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner
Dhawan, Nikita, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter
Zafer, Aylin

 

Die Legitimation nichtstaatlicher Regulierung in vernetzten normativen Ordnungen

Normative Ordnungen existieren in einer Pluralität, in der nichtstaatliche Formen der Normsetzung und der Normumsetzung staatliche Regulierungen sowohl innerhalb des Staates als auch im Raum jenseits des Staates ergänzen. Ihr Zusammenspiel nimmt dabei verschiedene Formen an. Auf der einen Seite können gouvernementale und intergouvernementale Regulatoren noch immer den Raum für nichtstaatliche Formen von Regulierung definieren, diese initiieren, zulassen oder unterdrücken. Auf der andern Seite geraten die traditionellen Legitimationsbegründungen  staatlicher Regulierung unter Druck. Legitimationsnarrative müssen sowohl ihren Zweck als auch ihre Rechtfertigung neu definieren.
Das übergreifende Forschungsinteresse galt der Frage, ob mit der Privatisierung und Transnationalisierung politischer Ordnungsbildung ein genereller Bedeutungsverlust demokratischer Legitimationsstandards einhergeht. Diese Erwartung stützte sich vor allem auf das Aufkommen des primär auf output-Legitimation ausgerichteten neoliberalen (De-)Regulierungsparadigmas sowie auf die zunehmende Beteiligung nichtstaatlicher Akteure an der Ordnungsbildung, deren Autorität in der Regel auf anderen als auf demokratischen Legitimationsgrundlagen beruht.
Die Suche nach einem möglichen Wandel der Referenzpunkte für die Legitimation normativer Ordnungen erfolgte in enger Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, welches ähnliche Fragen aus einer rechtsgeschichtlichen Perspektive analysiert. Für beide Teilprojekte wurden in regelmäßigen Projekttreffen ein untersuchungsleitendes Kategorien- und Frageraster entwickelt. Sind Legitimationsnarrative für staatliche und nichtstaatliche Regulierung systematisch unterschiedlich oder beziehen sie sich auf gleiche normative Begründungen? Rufen Änderungen in den vorherrschenden Formen der Regulierung auch Veränderungen der Legitimationsnarrative hervor? Schlussendlich zielt das Projekt auch darauf ab, Legitimationsmuster für staatliche und nichtstaatliche Regulierungsformen aus einer normativen Perspektive zu bewerten.
Zur Ausweitung der Vergleichsgrundlagen im Rahmen unsere gemeinsamen Forschung auf möglichst unterschiedliche Fälle öffentlicher, privater und hybrider Normsetzung wurden ausgewiesene internationale Forscherinnen und Forscher durch einen gemeinsamen Workshop in das Projekt eingebunden, der im April 2016 am MPI durchgeführt wurde und der ihnen Gelegenheit bot, ihre Forschung über Legitimationsdiskurse auf der lokalen, regionalen, nationalen und transnationalen Ebene vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart einzubringen.
Die Ergebnisse dieses gemeinsamen Projekts sind im März 2017 unter der Herausgeberschaft der Projektleiter als Sonderheft „Legitimization of Private and Public Regulation: Past and Present” der begutachteten Open Access Zeitschrift „Politics and Governance“ erschienen. In einer Gesamtschau der Befunde ließ sich kein hervorstechendes Muster belegen, das eine einfache Antwort auf die übergreifende Frage bietet. Die Bedeutung von Legitimationskriterien verändert sich über Zeit und ist vor allem kontextbedingt. Die Ausübung von Ordnungsfunktionen durch nichtstaatliche Akteure findet besondere Zustimmung, wenn die politische Ordnung als krisenhaft wahrgenommen wird. Tendenziell werden private Regulierer umso weniger an demokratischen Maßstäben gemessen, wie die Prärogative des Staates fortbesteht. Es konnten zudem Diskurse rekonstruiert werden, in denen sich der Rechtfertigungsstreit zwischen staatlichen und privaten Beiträgen zur Ordnungsbildung auf die gleichen Legitimationsstandards bezieht.

Die wichtigsten Publikationen des Forschungsprojekts:

Wolf, Klaus Dieter/Stefanie Herr/ Carmen Wunderlich/Svenja Gertheiss: Resistance and Change in World Politics. International Dissidence, Houndmills: Palgrave Macmillan, 2017.

Wolf, Klaus Dieter/Peter Collin/Melanie Coni-Zimmer (Hg.): „Legitimization of Private and Public Regulation: Past and Present”, in: Politics and Governance 5(1), 2017, darin: „Editorial” sowie weitere Artikel.

Wolf, Klaus Dieter und Melanie Coni-Zimmer: „Empirical Assessment of (Policy) Effectiveness – The Role of Business in Zones of Conflict”, in: A. Schneiker und A. Kruck (Hg.), Methodological Approaches for Studying Non-state Actors in International Security – Theory & Practice, London: Routledge, 2017.

Flohr, Anne: Self-Regulation and Legalization: Making Global Rules for Banks and Corporations, Basingstoke/Houndmills: Palgrave Macmillan, 2014.

Flohr, Anne: „A Complaint Mechanism for the Equator Principles – And Why Equator Members Should Urgently Want It", in: Transnational Legal Theory 5(3), 2014, S. 442–463.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Wolf, Klaus Dieter, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Coni-Zimmer, Melanie

Flohr, Anne, Dr.

 

Formierung einer neuen Geschlechterordnung in Tunesien nach der Revolution

In der Forschung, die in den Schwerpunkt „Post/ Säkularismus“ eingebettet war, wurde die neu verhandelte Geschlechterordnung des postrevolutionären Tunesien thematisiert. Frau Zayed arbeitet mit Parlamentarierinnen der islamistischen Ennahdha Partei in der verfassungsgebenden Nationalversammlung und beobachtete Entscheidungsprozesse. Nach langen politischem Ringen und Streiten endet die Transformationsphase mit der Verabschiedung der „neuen“ tunesischen Verfassung der „zweiten“ Republik am 26.01.2014.
Die tunesische Geschlechterordnung wird durch überkommene Bräuche, Religion und scheinbar unerschütterliche Hierarchien definiert. In dieser Hinsicht stemmen sich patriarchalische Eliten gegen einen sozialen Wandel, den die Jugend sucht und verlangt. Das war das Credo der tunesischen Revolution. Es geht um ein Thema, das aber eng mit Fragen des Rechts, der Wirtschaft und der Gesellschaftspolitik verwoben ist.
Die Interviews bildeten den Ist-Zustand im Hinblick auf die Geschlechterordnung der tunesischen Gesellschaft ab. Dabei spielte die Positionierung der Forscherin eine zentrale Rolle. Als kopftuchtragende Frau gewann Frau Zayed das spontane Zutrauen der Geschlechtsgenossinnen in der islamistischen Partei der Ennahdha, die einem männlichen Forscher keineswegs vergleichbar offen Auskunft gegeben hätten. Als bekennende Muslima erwarb sie zudem den Respekt von Männern, die ihr, der Wissenschaftlerin, auch auf Fragen die Antwort nicht verweigerten. Der Zugang zeigte ihr aber auch die Grenzen ihrer Arbeit. Die säkularorientierten Frauenrechtsaktivisten der „Association des Femmes Démocrates“ verweigerten ihr Antworten auf wissenschaftliche Fragen, weil sie das Kopftuch als „politisches Symbol“ ansahen. Aus diesem Grund wandelte sie ihre eingangs sehr weit gefasste Forschungsfrage und konzentrierte sich auf den Frauenflügel der prominentesten, islamistischen Partei Tunesiens.
Die Forschung zeigt ein rigides Islamverständnis der Akteurinnen und eine Persistenz traditioneller Rollenbilder. Es sind Frauen, die die Unterdrückungsmechanismen rechtfertigen und gegenüber der Jugend durchsetzen. Die patriarchalische Familie gilt als Keimzelle der tunesischen Gesellschaft, und das Machtwort des Vaters gilt bei den Islamisten als nichthinterfragbar. Vorehelicher Geschlechtsverkehr bei Frauen ist ein strafwürdiges Vergehen, bei Männern wird es ausschließlich als ein Kavaliersdelikt angesehen. Der Jungfräulichkeitskult nimmt immer groteskere Züge an und befördert nichts anderes als den ebenfalls verpönten Analverkehr unverheirateter Frauen sowie medizinische Betriebe in Tunesien, die künstliche Jungfernhäutchen herstellen und einsetzen. Homosexuelle müssen sich verstecken und werden strafrechtlich verfolgt. Geschiedene Frauen sind stigmatisiert und werden als schwer vermittelbar gebrandmarkt. Dazu kommt die sexuelle Gewalt, die zunimmt und selten zur Anzeige kommt, weil die Polizei fast immer das Opfer beschuldigt.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die skizzierte Doppelmoral ein gravierendes Problem für Frauen darstellt. Individuelle Rechte, die die Frauen schützen, müssen in Zukunft weiter durchgesetzt werden, vor allem gegen orthodoxe Muslime und gegen die mächtigen Salafisten.

Das Projekt befindet sich in der Phase der Verschriftlichung der Ergebnisse. Ziel ist, die Dissertation Ende des Jahres 2017 einzureichen.

Frühe Zwischenergebnisse wurden publiziert als:

Schröter, Susanne und Sonia Zayed: „Tunesien: Vom Staatsfeminismus zum revolutionären Islamismus“, in: S. Schröter (Hg.): Geschlechtergerechtigkeit durch Demokratisierung? Transformationen und Restaurationen von Genderverhältnissen in der islamischen Welt, Bielefeld: Transcript, 2013, S. 17–44.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Schröter, Susanne, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Hensler, Jonas

Khatib, Hakim

Lang, Sabine, Dr.

Zayed, Sonja

Sicherheitskommunikation in Demokratien

Die Unabsehbarkeit globaler Sicherheitsdynamiken stellt die Politik vor grundlegende Herausforderungen. Sie muss auf die Fragen antworten wer oder was als Sicherheitsbedrohung gilt, wie dieser begegnet werden soll und welche konkreten Maßnahmen dafür getroffen werden müssen. Das Konzept der Sicherheitskommunikation erlaubt diese Fragen als einen Legitimations- und Ordnungsbildungsprozess zu erforschen. Im Mittelpunkt steht die Frage, welchen Einfluss verschiedene Legitimationstypen auf die Stabilität von Sicherheitsordnungen in (post-)modernen Demokratien haben und ob Sicherheitskommunikation partizipatorisch gestaltet werden kann. Das Projekt beforschte zunächst wie Sicherheit und humanitäre Interventionen medial vermittelt und welche Menschenbilder dabei in Anspruch genommen werden. Zunehmend in den Vordergrund der Forschung rückte die Frage nach der Reflexivität von Sicherheitskommunikation: wie Sicherheitspolitik ihre Rahmenanliegen in einer Demokratie kommunizieren kann und soll.

Indem das Projekt Legitimationstypen innerhalb der Sicherheitskommunikation angesichts aktueller Herausforderungen empirisch analysiert, trägt es wichtige Erkenntnisse über die narrative Beschaffenheit aktueller Sicherheitspolitik in den Forschungsbereich. Die (de-)stabilisierenden Auswirkungen normativer Sicherheitsordnungen stehen in Zusammenhang mit dem Inhalt und der Form ihrer Vermittlung, ihrer Aufnahme in der demokratischen Öffentlichkeit und der Wahrnehmung ihres Möglichkeitshorizonts. Die Formen normativer Begründung von Sicherheitspolitik beeinflussen die Legitimitätsbasis und damit den Spielraum sicherheitspolitischer Entscheidungen. Den Forschungsbereich bereichert das Projekt somit um die wichtige Dimension normativer Legitimierungsstrategien staatlicher Akteure in einem ihrer Kernbereiche.

Während einer Konsolidierungsphase des Projekts im Jahr 2013 wurde das Forschungsfeld in einem Rahmenpapier abgesteckt und im Rahmen eines Workshops sowie auf einer großen internationalen IB-Konferenz vorgestellt. Zudem wurde ein Autorenkreis für einen Sammelband gewonnen. Die Erforschung der Sicherheitskommunikation widmete sich ihrer medialen Vermittlung. Im Verlauf der Untersuchung verschob sich der Fokus auf Referenzobjekte der Sicherheitskommunikation. Die Ergebnisse dieses Teilprojekts sollen zum einen in einem englischsprachigen Sammelband publiziert werden, der in Rücksprache mit und auf Aufforderung des fachverantwortlichen Editors gegen Ende des Jahre 2017 bei Cambridge University Press zur Begutachtung eingereicht werden wird. Forschungsergebnisse zur Reflexivität von Sicherheitskommunikation wurden auf zahlreichen Tagungen vorgestellt. Abschließend widmete sich der Projektmitarbeiter Daniel Jacobi dem Abfassen einer Monographie, die die wichtigsten Aspekte demokratischer Sicherheitskommunikation zusammenfasst.

Zunächst wurden die mediale Repräsentation von Sicherheitspolitik sowie die von der Sicherheitspolitik in der Legitimation von Sicherheitspolitik bemühten Referenzpunkte untersucht. Im Hinblick auf das Forschungsfeld konnte vor allem herausgearbeitet werden, wie stark hierbei mit kommunikativen Formen gearbeitet wird, die komplexe Sachverhalte auf ein an spezifischen Menschenbildern ausgerichtetes Vokabular herunterbrechen. Vor dem Hintergrund der Diskrepanz zwischen der Komplexität weltpolitischer Sicherheitslagen und der verhältnismäßigen Einfachheit dieser Begrifflichkeiten rückte dann zunehmend die Frage nach der Reflexivität von Sicherheitskommunikation in den Vordergrund. Das heißt, die Frage inwiefern sicherheitspolitische Entscheidungsträger auf ihr eigenes Vokabular sowie die Form der Präsentation sicherheitspolitischer Sachverhalte reflektieren. Die sich parallel in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik entfaltende Diskussion um eine Veränderung deutscher Außenpolitik produzierte diesbezüglich zahlreiche bedeutende Dokumente (z.B. „Review 2014“ und ein Weißbuch des Außenministeriums), an denen diese Fragen empirisch behandelt wurden. Es zeigte sich dabei, dass insbesondere die 'strukturelle Reflexivität', d.h. die logischen Denkformen, die diesen Prozessen zugrunde liegen, nicht mehr den Herausforderungen gegenwärtiger Sicherheitspolitik entsprechen, da ihnen die Fähigkeit, bereits gelegte Denkvoraussetzungen (Begrifflichkeiten, Unter- sowie Entscheidungsformeln) zu hinterfragen und ggf. auszutauschen, fehlt.

Die wichtigsten Veranstaltungen im Forschungsprojekt:

Präsentationen auf allen Jahreskonferenzen der International Studies Association, von Gunther Hellmann und Daniel Jacobi.

Workshop: Communicating Security, SAIS John's Hopkins University Europe, Bologna (Italien), 26.–29. Oktober 2016.

Workshop: Security Communication in Democracies: Security, Order, and Legitimacy in World Politics, Bad Homburg, 05.–07. November 2015.

Vortrag: “Shaping Powers and Leadership Challenges in Contemporary Europe: Germany and its Partners in a World out of Joint, von Gunther Hellmann im Rahmen des Symposiums Germany as Model. Germany as Partner. Global Germany, Georgetown University, BMW Center for German and European Studies, Washington D.C., 13.–14. Dezember 2015.

Keynote: Normative Powers and European Foreign Policy in a Minilateralist World, von Gunther Hellmann, 36th Annual Conference of the European Union Studies Association-Japan, Kansai University, Osaka, 21. November 2015.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

*Hellmann, Gunther und Morten Valbjørn: „The Forum: Problematizing Global Challenges: Recalibrating the ‚Inter’ in IR-Theory“, in: International Studies Review ‚The Forum‘, darin: „Introduction“ (zusammen mit Morten Valbjørn) sowie der Essay „Interpreting International Relations“, 2017.

*Jacobi, Daniel: „Über die Beobachtung von Souveränität und Sicherheit“, in: Volk, Christian und Friederike Kuntz, (Hg.), Der Begriff der Souveränität in der transnationalen Konstellation, Baden-Baden: Nomos, 2015.

*Hellmann, Gunther/Daniel Jacobi/Ursula Stark Urrestarazu (Hg.): Früher, entschiedener und substantieller? Die neue Debatte über Deutschlands Außenpolitik, Wiesbaden: Springer-VS, 2015.

*Jacobi, Daniel und Annette Freyberg-Inan (Hg.): Human Beings in International Relations, Cambridge: Cambridge University Press, 2015.

*Jacobi, Daniel: Sicherheitskommunikation in Demokratien, Monographie, i.E.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Hellmann, Gunther, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Jacobi, Daniel, M.A.

Wandel normativer Ordnungen: Die Transnationalisierung von Herrschaft und Widerstand

Die fortschreitende Globalisierung führt nicht nur zu einer Verdichtung internationaler und transnationaler Beziehungen, sondern auch zu einer Akzentuierung des Widerstands gegen globale Ordnungspolitik. Zunehmender Widerstand gegen liberale Wirtschaftsmodelle, die Missachtung internationaler Regeln und offener Protest gegen „westliche Werte“ sind Anzeichen dafür. Das mag damit zusammenhängen, dass internationale Institutionen und Normen immer stärker durch nationale Grenzen durchgreifen und immer weiter reichende Anpassungsleistungen von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren verlangen. Bislang haben solche Formen des politischen Widerstands in den Internationalen Beziehungen kaum systematische Beachtung gefunden, da sie weder mit dem realistischen noch dem liberalen oder dem konstruktivistischen Paradigma internationaler Politik angemessen erfasst werden können. Nur eine Perspektive, die es erlaubt, globale Politik in ihrer institutionellen und normativen Ausgestaltung auch als Herrschaftsordnung zu verstehen, kann Formen radikalen Widerstands gegen Institutionen und Normen der internationalen Politik wahrnehmen, erklären und normativ einordnen.

Die Frage des Projektes ist, wie transnationale Herrschaft und transnationaler Widerstand zusammenhängen. Eine zentrale Hypothese lautet, dass je mehr transnationale Herrschaft sich in Beherrschung ausdrückt und Möglichkeiten der Teilhabe und Kritik vermissen lässt oder beschneidet, desto eher sind kritische Akteure bereit, sich transnational zu organisieren, um ihrem Widerstand mehr Effektivität zu verleihen. Eine zweite, komplementäre Hypothese lautet, dass sich politische Ordnungen, um sich zu behaupten, transnationalen Widerstandsakteuren entgegenstellen müssen und zu diesem Zweck ihre Zusammenarbeit international stärken. Transnationale Herrschaft ist in diesem Sinne eine Antwort auf die politische Herausforderung einer normativen Ordnung.

Um diese Hypothesen prüfen zu können, sind zwei empirische Studien entstanden. Eine hat die transnationale Vernetzung von Sicherheitsorganisationen, insbesondere von Polizeien, analysiert, die sich in Reaktion auf die Transnationalisierung von Protest herausgebildet hat. Die zweite Studie setzte dagegen an der transnationalen Vernetzungen und Kooperationsformen von Widerstand an (hier: Exitformen von Widerstand in Ökodörfern), um Ausmaß und Form der Transnationalisierung von Herrschaftsformationen zu erheben. Analysiert wurde, inwiefern beide Transnationalisierungsprozesse voneinander beeinflusst sind (verstärkend/hemmend/ohne Einfluss). Beide Studien haben aufzeigen können, dass die Transnationalisierung von Herrschaft und Widerstand eng miteinander verzahnt sind. Herrschaftsformen transnationalisieren sich in Reaktion  auf eine entsprechende Transnationalisierung von Widerstand und Widerstand formiert sich zusehends gegenüber transnationalen Institutionen und Praktiken, je mehr diese mit Autorität ausgestattet werden. Dieser grundsätzliche Zusammenhang wurde auch in mehreren Workshops und Konferenzen, die das Projekt durchgeführt hat bestätigt. Dabei zeigt sich aber auch, dass die dafür verantwortlichen Mechanismen zwischen verschiedenen Formen von Herrschaft und Widerstand stark divergieren.

Beide Studien stehen kurz vor dem Abschluss und zentrale Ergebnisse daraus sind bereits publiziert worden, unter anderem in einem Projektband, der im Januar 2017 bei Springer erschienen ist. Darüber hinaus hat das Forschungsprojekt eine eigene workingpaper-Reihe etabliert (international dissidence), in der fortlaufend Forschungsergebnisse aus dem Projekt und im Projektkontext veröffentlicht wurden. Im Frühjahr 2017 hat das Forschungsprojekt darüber hinaus eine große internationale Konferenz organisiert, auf der die zentralen Forschungsergebnisse vorgestellt wurden und die neben internationalen Publikationen auch der Vorbereitung von Nachfolgeprojekten diente.

Die wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt:

Daase, Christopher/Nicole Deitelhoff/Ben Kamis /Jannik Pfister/Philip Wallmeier (Hg.): Herrschaft in den internationalen Beziehungen, Wiesbaden: Springer, 2017.

Pfister, Jannik: „Diesseits des Transnationalen. Die Verräumlichung widerständiger Praktiken von der Alterglobalisierungsbewegung bis Occupy“, in: K. H. Backhaus und David Roth-Isigkeit (Hg.): Praktiken der Kritik, Frankfurt: Campus, 2016, S. 157–183.

Daase, Christopher und Nicole Deitelhoff: „Jenseits der Anarchie: Widerstand und Herrschaft im internationalen System“, in: Politische Vierteljahresschrift 56(2), 2015, S. 299–318.

Wallmeier, Philip: „Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern“, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft (Sonderband II), 2015, S. 181–200.

Deitelhoff, Nicole: „Leere Versprechungen? Deliberation und Opposition im Kontext transnationaler Legitimitätspolitik“, in: A. Geis/F. Nullmeier/C. Daase (Hg.): Der Aufstieg der Legimititätspolitik, (Leviathan Sonderband 27), Baden-Baden: Nomos, 2012, S. 63–82.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Daase, Christopher, Prof. Dr.

Deitelhoff, Nicole, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Kamis, Ben, MSc. I.R.

Pfister, Jannik

Wallmeier, Philip

 

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Macht, Herrschaft und Gewalt in Ordnungen der Rechtfertigung

Wie uns viele Diskussionen während der ersten Förderphase innerhalb und außerhalb unseres Forschungsclusters zeigten, sieht sich ein Verständnis „normativer Ordnung“, das diese als eine Ordnung von „Rechtfertigungen“ versteht, dem Vorwurf des Idealismus ausgesetzt: Haben in solch einer Vorstellung von Ordnung Begriffe wie Macht, Herrschaft, Beherrschung und Gewalt überhaupt einen Platz, oder werden sie nur als Störungen wahrgenommen? In diesem Verbundprojekt ging es darum zu zeigen, dass dem nicht so ist, sondern der Begriff der Rechtfertigungsordnung geeignet ist, die genannten Begriffe der Macht, der Herrschaft und der Beherrschung neu und auf produktive Weise zu verstehen. Daraus ergeben sich auch Konsequenzen für ein Verständnis des Rechts.

(1) Noumenale Macht (Forst)

In diesen Forschungen wurde Macht - paradox gesprochen - als intelligibles bzw. noumenales Phänomen begriffen. Wenn wir Macht als das Vermögen von Handelnden verstehen, andere dazu zu motivieren, etwas zu denken bzw. zu tun, das sie sonst nicht gedacht oder getan hätten, dann müssen wir, um die Wirkweise der Macht im Unterschied zu rein physischer Wirkung zu begreifen, diese im „Raum der Rechtfertigungen“ verorten. Denn Macht auszuüben heißt, dass A B Gründe „gibt“, und das bedeutet, dass der wirkliche Machtvorgang sich auf der Ebene der Gründe abspielt. Dabei ist nicht bestimmt, wie dies geschieht - ob durch Überzeugung, Verführung oder eine Drohung bspw. -, und auch nicht, ob es jeweils gute oder schlechte Gründe sind, die dort wirken; gesagt ist nur, dass Macht zu haben heißt, den Raum der Rechtfertigungen, der für andere bestimmend ist, (in aufsteigender Linie) nutzen, beeinflussen, besetzen oder sogar abschließen zu können - etwa durch dominante oder hegemoniale Rechtfertigungsnarrative. Herrschaft (um eine Taxonomie von Machtformen anzudeuten) heißt somit, dass sich eine bestimmte Ordnung der Rechtfertigung etabliert hat, die soziale und politische Verhältnisse der Ein- und Unterordnung stabilisiert und auf Akzeptanz beruht; Beherrschung liegt dort vor, wo solche Verhältnisse in ihren Asymmetrien nicht rechtfertigbar sind und nur durch eine Vereinseitigung des Raums der Gründe legitimiert werden. Unterdrückung, (illegitimer) Zwang und Gewalt liegen dort vor, wo die Unterworfenen immer weniger als Subjekte der Rechtfertigung gelten und agieren können, bis hin zur Ersetzung des Rechtfertigungsraums durch bloße physische Faktizität, d.h. pure Gewalt. Macht bildet und erhält sich somit nur im Raum der Rechtfertigungen, und Kämpfe um Macht finden in diesem Raum statt. Eine Herrschaftsordnung, deren Rechtfertigungen in Frage gestellt werden, kann sich evtl. noch durch Lügen, Drohungen oder durch Mittel der Gewalt erhalten, aber ihre Macht schwindet in dem Maße, in dem sie verstärkt auf diese Mittel ohne begleitendes Narrativ angewiesen ist.

Im Rahmen der gemeinsamen Arbeit mit Klaus Günther und unseren Mitarbeitern Malte Ibsen und Johann Szews fanden zahlreiche Besuche internationaler Gastwissenschaftler und Gastwissenschaftlerinnen statt, verbunden mit gemeinsamen Workshops und Vorträgen – unter ihnen die bekanntesten Theoretiker und Theoretikerinnen der Macht wie Amy Allen, Seyla Benhabib, Allen Buchanan, Nancy Fraser, Helen Frowe, Sally Haslanger, Bob Goodin, Carol Gould, Duncan Ivison, Tony Laden, John McCormick, David Owen, Michael Rosen, Philip Pettit, Anne Phillips, Bill Scheuerman, James Tully, Melissa Williams, u.a. Auch wurde unsere Arbeit im Rahmen einer großen Zahl nationaler und internationaler Veranstaltungen vorgestellt.

Der theoretische Ansatz der “noumenalen Macht” (insbesondere der Aufsatz im Journal of Political Philosophy (siehe unten) und begleitende Aufsätze in Normativität und Macht) gaben Anlass zu zahlreichen Diskussionen. Bereits in einem gemeinsam von Rainer Forst und Kritikern verfassten Buch mit dem Titel Justice, Democracy and the Right to Justification (London: Bloomsbury, 2014) wurde dieser Ansatz kritisch von Amy Allen, Kevin Olson und Tony Laden diskutiert. Es folgte ein weiterführender Dialog mit Amy Allen und Mark Haugaard, der auch veröffentlicht wurde (siehe unten). Eine Reihe kritischer Aufsätze von Albena Azmanova, Pablo Gilabert, Mark Haugaard, Clarissa Hayward, Matthias Kettner, Steven Lukes, Max Pensky und Simon Susen wird im Journal of Political Power erscheinen. Drei weitere Bände zu Forsts Arbeiten, die einige kritische Beiträge zum Konzept der noumenalen Macht enthalten, befinden sich derzeit in der Vorbereitung: Amy Allen, Sarah Clark Miller, John McCormick und Melissa Yates werden ihre Aufsätze diesem Thema widmen (in Vorbereitung für Penn State Press); in einem weiteren Band (in Vorbereitung für Manchester UP) werden Patchen Markell, David Owen, Melissa Williams, Daniel Weinstock Beiträge zum Thema Macht veröffentlichen. Und in einem Band in Vorbereitung für Oxford UP werden Mattias Kumm, Arthur Ripstein, Enzo Rossi, Andrea Sangiovanni und Bernhard Schlink Artikel zum Verhältnis von Macht und Rechtfertigung veröffentlichen. Rainer Forst wird zu all diesen Aufsätzen Antworten schreiben. Eine große Zahl weiterer Artikel wie der von Lois McNay in der jüngsten Ausgabe des European Journal of Political Theory, die die Theorie der noumenalen Macht kritisieren, wurden bereits veröffentlicht oder sind derzeit in Vorbereitung.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter von Rainer Forst war von 2013 bis 2016 Malte Ibsen (Mphil Oxford University). Während seiner Zeit am Cluster schrieb er seine Dissertation “The Idea of a Critical Theory of Global Justice,” die von Rainer Forst und Axel Honneth betreut wurde. Die Dissertation zielt darauf ab, die theoretischen Ressourcen zur Entwicklung einer kritischen Theorie der globalen Gerechtigkeit freizulegen, die in der Tradition der Frankfurter Schule vorhanden sind – von Max Horkheimers frühen Versuch, eine materialistische Theorie der Gesellschaft auszuarbeiten, bis hin zu Rainer Forsts jüngst entwickelter Theorie transnationaler Gerechtigkeit. Die Dissertation argumentiert, dass wir in der Tradition der Kritischen Theorie sowohl eine spezifische Konzeption finden, was eine Theorie der Gerechtigkeit ist, wie auch eine Konzeption davon, was Gerechtigkeit ist. Dabei spielen die oben skizzierten Begriffe von Herrschaft und Beherrschung innerhalb einer Rechtfertigungsordnung eine zentrale Rolle.

(2) Rechtfertigung als Recht-Fertigung (Günther)

In modernen Rechtssystemen wird oft vom (positiven) Recht als „geronnener Politik“ gesprochen. Möglicherweise muss man bei der Analyse und Beschreibung dieses Phänomens schon früher ansetzen: Recht entsteht aus „geronnenen Gründen.“  Was sich im Raum der Gründe durchgesetzt hat, wird mit Hilfe des Rechts stabilisiert und durch zusätzliche Rechtfertigungen mit der Befugnis zur Ausübung von Gewalt verbunden. Recht ist aber auch ein Mittel, um jemanden zu autorisieren, seine Gründe gegen mögliche Gegen-Gründe durchzusetzen. Auf diese Weise wird Macht zur legalen Herrschaft. Diese Vermutung ist vor allem unter Rückgriff auf Joseph Raz‘ Charakterisierung von autoritativen Gründen als ausschließende Gründe („authoritative reasons as exclusionary reasons“) in mehreren Aufsätzen vertieft worden. Wenn eine Rechtsordnung rekonstruktiv auf einen Entschluss von Freien und Gleichen zurückzuführen ist, ihr Zusammenleben mit den Mitteln des modernen Rechts zu regeln (Habermas: eine Assoziation von Rechtsgenossen zu bilden), dann erzeugen sie damit zugleich auch den Typus von ausschließenden Gründen. Diese Gründe müssen jedoch – contra Raz – wiederum in rechtlich geregelten Verfahren kritisiert (und verändert) werden können, wenn sich die Rechtsgemeinschaft von Freien und Gleichen in der ihr einzig adäquaten Form, dem demokratischen Rechtsstaat, reproduzieren können soll.

Gemeinsam ist diesen Forschungen, die diskursive und kommunikative Dimension der Macht herauszustreichen. Dabei ließ sich zeigen, dass der Begriff der ausschließenden Gründe gleichsam dem Urbild der noumenalen Macht, wie Rainer Forst sie beschrieben hat, nachgebildet ist. Ausschließende Gründe fungieren als Gründe, die sich gegen die von den Akteuren subjektiv anerkannten Gründe durchsetzen können. Dies deshalb, weil sie, so Raz, auf eine legitime Autorität zurückgeführt werden, die an die Stelle der subjektiv anerkannten Gründe tritt. Im Unterschied zur noumenalen Macht ist die autoritative Macht der Rechtsgründe durch die legitime Autorität konstruktiv erzeugt. Gleichwohl ruht sie demselben Mechanismus noumenaler Macht auf. In weiteren Aufsätzen zu Rechtfertigungsnarrativen und zum Wandel des Strafrechts wurde gezeigt, dass öffentliche Kritik an der legitimen Autorität von ausschließenden Gründen dadurch umgangen oder neutralisiert werden kann, dass Rechtsgründe in Rechtfertigungsnarrative eingebettet werden. Mit diesen lassen sich Rechtsgründe relativieren, umgehen oder sogar verletzen, ohne die Gründe dafür einer öffentlichen Kritik in rechtlich geregelten Verfahren aussetzen zu müssen.

Das (noch nicht abgeschlossene) Promotionsprojekt des Projektmitarbeiters Johann Szews mit dem Titel: „Zahlungsmoral. Untersuchungen zum Zusammenhang von moralischer und ökonomischer Verschuldung” widmet sich einem aktuellen Aspekt des Verhältnisses von Recht und Macht: dem Schuldverhältnis. Das Promotionsprojekt stellt grundlegende sozialphilosophische und normative Fragen an die gegenwärtige soziale Ordnung der Verschuldung: Welche Formen von Subjektivität implizieren Schulden? Inwiefern kann von einer „sozialen Pathologie“ der Verschuldung gesprochen werden? Die Untersuchung konzentriert sich dabei auf ein Kernproblem: Wie ist die Verbindung von moralischer und ökonomischer Verschuldung zu denken? Diese Forschungsfrage ist durch die Intuition motiviert, dass weder funktionalistische, wirtschaftstheoretische Problemdiagnosen, die etwa die zunehmende ökonomische Instabilität durch hohe Verschuldung betonen, noch gerechtigkeitstheoretische Kritikansätze, die Verteilungsfragen in den Mittelpunkt stellen, ausreichen, um die Form des verschuldeten Lebens angemessen verstehen zu können. Die These des Promotionsprojekts lautet, dass es erst der begriffliche Rahmen einer ethischen Kapitalismuskritik ermöglicht, deren immanente Kritikwürdigkeit jenseits von ökonomischer Dysfunktionalität und ungerechter Verteilung herauszuarbeiten. Ziel der Überlegungen ist es, zu zeigen, dass die Form des verschuldeten Lebens nicht allein ungerechte Effekte (beispielsweise Armut) hervorruft, sondern in sich selbst ethisch kritikwürdige Welt- und Selbstverhältnisse produziert. Aufbauend auf einer Auseinandersetzung mit Friedrich Nietzsche und Max Weber wird dafür argumentiert, dass Formen der Verschuldung durch eine spezifische Zeitlichkeit geprägt sind. Die zentrale These lautet, dass die über eine freiwillige Selbstverschuldung durch Aufnahme von Krediten gesellschaftlich in Aussicht gestellte zukünftige Freiheit, sich unter Bedingungen der Überschuldung und der mit Verschuldung einhergehenden Abhängigkeiten, in ein kontinuierliches subjektives Schuldbewusstsein verkehrt. Das Verhältnis von Freiheit und Abhängigkeit in subjektivierenden Schuldverhältnissen wird dabei aus machttheoretischer Sicht (über Nietzsche und Weber hinausgehend) anschließend an Michel Foucaults relationale Machtkonzeption analysiert. Aus einer Perspektive ethischer Kapitalismuskritik wird die Form des verschuldeten Lebens kritisiert und nach alternativen Subjektivierungsformen gefragt.

Diskutiert wurden die Thesen dieses Teilprojekts in einer Reihe von Veranstaltungen, u.a. regelmäßig im „Rechtstheoretischen Arbeitskreis“ des Clusters, an dem Professoren, Postdocs und Doktoranden teilnehmen und gelegentlich auswärtige Gäste eingeladen werden (z.B. Fred Schauer, Robert Alexy, Richard W. Wright, Larissa Katz, Matthias Mahlmann). Ein wichtiger Impulsgeber für Günthers Aufsatz über „Parapraktische Rechtfertigungsnarrative“ war der von dem PI Martin Seel veranstaltete Workshop „Rechtfertigungsnarrative – Terror und Gewalt im Kino“ (März 2014). In Zusammenarbeit mit der „Forschungsstelle für Strafrechtstheorie und Strafrechtsethik“ (Prof. Andreas von Hirsch) fanden zwei internationale Tagungen statt, über „Vergeltung und Tadel“ (Dezember 2014) und zu „Philosophical Foundations of Interantional Criminal Law“ (April 2017). Auf einer in Kooperation mit der Rechtsfakultät der Rosario Universität veranstalteten internationalen Konferenz zu „Transitional Justice“ (August 2016) in Bogotá (Kolumbien) wurden ebenfalls Günthers Thesen vorgetragen und diskutiert.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Forst, Rainer: Normativität und Macht. Zur Analyse sozialer Rechtfertigungsordnungen, Berlin: Suhrkamp, 2015. Englische Übersetzung (von Ciaran Cronin): Normativity and Power, Oxford: University Press, 2017.

Forst, Rainer: „Noumenal Power”, in: The Journal of Political Philosophy 23(2), 2015, S. 111–127.

Forst, Rainer: „Transnational Justice and Non-Domination. A Discourse-Theoretical Approach”, in: Barbara Buckinx, Jonathan Trejo-Mathys, Timothy Waligore (Hg.): Domination Across Borders, London/New York: Routledge, 2015, S. 88–110.

Ibsen, Malte: „Global Justice and Two Conceptions of Practice-Dependence”, in: Raisons Politiques  (special issue on the theme „Practice-Dependence and Global Justice”), 51(3), 2013, S. 81–96.

Günther, Klaus: „Parapraktische Rechtfertigungsnarrative“, in: Jochen Schuff und Martin Seel (Hg.): Erzählungen und Gegenerzählungen. Terror und Krieg im Kino des 21. Jahrhunderts, Frankfurt am Main/New York: Campus, 2016, S. 101–124.

Günther, Klaus: „Zur Rekonstruktion des Rechts: Das System der Rechte“, in: Peter Koller und Christian Hiebaum (Hg.): Jürgen Habermas: Faktizität und Geltung, Klassiker Auslegen, Bd. 62 (Hg. von Otfried Höffe), Berlin/Boston: Walter de Gruyter, 2016, S. 51–68.

Günther, Klaus: „De nihilo aliquid facit – Zur Kriminologie des effizienten Regelbruchs“, in: Henning Schmidt-Semisch und Henner Hess (Hg.): Die Sinnprovinz der Kriminalität. Zur Dynamik eines sozialen Feldes, Wiesbaden: Springer VS, 2014, S. 121–136.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Forst, Rainer, Prof. Dr.

Günther, Klaus, Prof. Dr.
    
Projektmitarbeiter

Ibsen, Malte, M.Phil. in Politics: Political Theory (Oxon)

Szews, Johann

Repatriierungsforderungen im postkolonialen Diskurs: Die Restitutionspolitik ethnologischer Museen seit 1970

Restitutionen geraubten Kulturguts sind in Europa in größerem Ausmaß zwar bereits nach den Napoleonischen Kriegen erfolgt, doch sollte es noch fast ein Jahrhundert dauern, bis durch die Haager Landkriegsordnung von 1907 die Beschlagnahme von Kunstgegenständen im Kriegsfall international geächtet wurde. Völker- und privatrechtlich durchgesetzt hat sich die Auffassung von der Rechtswidrigkeit solcher Handlungen und der Notwendigkeit der Restitution geraubten Kulturguts aber eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Das durch die Haager Konvention von 1954 erweiterte Normengefüge zum Schutz kulturellen Erbes wurde mit dem Beginn der Dekolonisierung auch auf entsprechende Vorgänge in den ehemaligen europäischen Kolonien in Afrika, Asien und Ozeanien übertragen. Postkoloniale Staaten machten seither Forderungen geltend, die sich nicht nur auf die Zurückerstattung der in der Kolonialzeit geraubten und außer Landes gebrachten materiellen Kulturgüter bezogen, sondern auf alle in europäischen Sammlungen aufbewahrten Objekte von kulturhistorischer Bedeutung. Die Restitutionsforderungen waren dabei in aller Regel mit einer Revalidierung der entsprechenden Objekte verbunden. Sie wurden nun (ähnlich wie schon ein gutes Jahrhundert zuvor in den einzelnen europäischen Nationalstaaten) zu Symbolträgern ethnischer und nationaler Identität.

Ziel des Projekts ist es, der Frage nachzugehen, wie ethnologische und archäologische Museen im deutschsprachigen Raum auf Repatriierungsforderungen außereuropäischer Staaten reagierten, welche Objekte sie tatsächlich zurückführten, mit welchen Begründungen sie Restitutionen verweigerten und welchen Bedeutungswandel die Artefakte im Zuge ihres Transfers bzw. der um sie geführten Debatte erleben.

Anhand des Restitutionsdiskurses und der Rückgabepraxis lassen sich konkrete normative politische und kulturelle Konflikte zwischen westlichen und post-kolonialen Gesellschaften aufzeigen. In der völkerrechtlichen Kodifizierung der Restitutionsansprüche lässt sich die Herausbildung eines transnationalen normativen Regelwerks gewissermaßen in statu nascendi beobachten. Ein weiterer Konflikt normativer Ordnungen entsteht in der Rückgabepraxis, in der die Legitimität der Restitution und die Sorge um die Konservierung des kulturellen Erbes und der Artefakte abgewogen werden.

Nach einer Literaturerhebung wurden 18 Gespräche mit leitenden MuseumsmitarbeiterInnen und Beamten geführt. Ein 50-seitiger Ergebnisbericht dokumentiert die Auswertung. Die zentralen Forschungsfragen des Projekts haben in die universitäre Lehre, in Veranstaltungen des Frobenius-Instituts, in akademische Abschlussarbeiten und zwei Dissertationsprojekten Eingang gefunden. Prof. Justin Richland (Chicago) wurde eingeladen, um im Rahmen der Jensen Memorial Lectures  über die Restitutionspolitik in den USA zu berichten.

Obwohl die Legitimität von Restitutionsansprüchen von Kulturobjekten von den entsprechenden Entscheidungsträgern allgemein anerkannt wird, kam es in Deutschland bisher nur zu einer geringen Zahl an Rückführungen (mit der Ausnahme menschlicher Überreste). Es herrscht Zweifel, ob die Forderungen ausschließlich von Personen erhoben werden, die als legitime Vertreter ihrer jeweiligen Gruppe auftreten, insbesondere, da Artefakte kurz nach ihrer Rückgabe wieder auf dem internationalen Kunstmarkt aufgetaucht seien. Wichtiger als die erfolgten Restitutionen selbst sind durch die Forderungen ausgelösten öffentlichen  Diskussionen, wird durch sie doch Öffentlichkeit auf das den indigenen Völkern zugefügte Unrecht aufmerksam gemacht.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Kohl, Karl-Heinz: „Der ‚Ureinwohner’ kehrt zurück. Mit Hilfe europäischer Klischees über ‚Eingeborene’ haben sich Indigene gesonderte Rechte erstritten”, in: Welt-Sichten. Magazin für globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit, 3/2017, S. 12–18.

Fründt, Sarah: „Return logistics – repatriation business. Managing the return of ancestral remains to New Zealand", in: L.V. Prott, B. Hauser-Schäublin (Hg.): Cultural Property and Contested Ownership: The Trafficking of Artefacts and the Quest for Restitution, Oxford: Oxbow Books, 2016.

Kohl, Karl-Heinz: „Malanggan: Abbild und doppelter Tod”, in: V. Lepper/P. Deuflhard/C. Markschies (Hg.): Räume – Bilder – Kulturen (Forschungsberichte der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 36), Berlin/Boston: Walter De Gruyter, 2015, S. 169–188.

*Kohl, Karl-Heinz: „The Future of Anthropology Lies in its Past”, in: Social Research. An international Quarterly 81 (3), 2014, S. 555–570.

Kohl, Karl-Heinz: „Muss die Ethnologie sich schämen? In Berlin werden Forderungen laut, bei der Gestaltung des Humboldtforums solle auf Artefakte aus indigenen Kulturen verzichtet werden“, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. September 2014, S. N3.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Kohl, Karl-Heinz, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Fründt, Sarah, M.A.

Vogel, Vanessa

Arenen des Immateriellen: Akteure im Spannungsfeld divergierender Normen des geistigen Eigentums in Afrika

Das Projekt untersuchte die geschichtliche Entwicklung der Rechte am geistigen Eigentum in Afrika sowie deren Umsetzung durch lokale Akteure im Kontext zunehmender globaler Mobilität. Es verfolgte, wie sich der rechtliche Rahmen des geistigen Eigentums konkret im Feld artikuliert, wie die Akteure vor Ort diese Rechtsnormen umsetzen und wie sich diese verändern, wenn die Akteure mit ihnen arbeiten und sie den lokalen Praxen und ihren Interessen anpassen. Das Projekt analysierte das Spannungsfeld, in dem sich die international angleichenden Rechtsnormen zum Schutz des geistigen Eigentums befinden, wenn sie auf etablierte Rechtsformen vor Ort und das lokale Rechtsempfinden treffen. Konkret sollte herausgefunden werden, in welchem Umfang sich die verschiedenen Normen des geistigen Eigentums (z.B. Autorenrecht, Copyright, Patente, Markenrecht, Folklore, Schutz lokalen Wissens) etablieren konnten, in welcher lokalen Gemengelage sie jeweils eine Rolle zu spielen beginnen, und welche komplexen lokalen Beziehungsgeflechte involviert sind, welche für die mehr oder weniger erfolgreiche Umsetzung eine Rolle spielen.

Das Markenrecht und das Autorenrecht finden als „products of modernity“ oder „travelling models“ in einem andauernden Prozess Eingang in afrikanische Gesellschaften. Um diesen Prozess zu verstehen, ist es wichtig, die Bedingungen der Wirkmächtigkeit von Normen in der Realität gesellschaftlicher Verhältnisse zu untersuchen. Sofern die Regeln als von außen kommend wahrgenommen werden, folgen die individuellen Akteure diesen nur insofern als diese Regeln für sie von direktem Vorteil sind und fordern vom Staat den effektiven Schutz ihrer Rechte. Doch um dies zu tun, wäre der Staat auf ihre Mitarbeit angewiesen. Gleichzeitig folgen auch die Repräsentanten des Staats nicht unbedingt den eingeführten Regeln, da sie ebenso individuelle Akteure mit eigenen Interessen sind. Insofern entsteht eine Spannung, die sich erst produktiv entwickeln kann, wenn die beteiligten Akteure in den Normen eine Sinnhaftigkeit erkennen. Insofern geraten die mit der Einführung des geistigen Eigentums einhergehenden Rechtfertigungsnarrative leicht mit den Interessen und dem Wissensgefälle der Akteure in Konflikt oder erscheinen ihnen vorteilhaft. Durch das selektive Aufnehmen nur bestimmter normativer Bestandteile entstehen von intrinsischen Widersprüchen geprägte, dynamische sich fortlaufend wandelnde normative Ordnungen.

Die Untersuchung fand aus drei Perspektiven statt: einer diachronen, einer akteurszentrierten und einer transnationalen Perspektive. Die Erarbeitung dieser drei Perspektiven geschah durch Literaturanalyse und vor allem durch Feldforschungen vor Ort in Afrika. Das Studium der lokalen Perspektive durch „dichte Teilnahme“ und interaktive Interviews ermöglicht es Ethnologen, die Sichtweise der Akteure, ihr Erleben der Normen, ihre Motive und die Begründungen für ihr Handeln zu erfassen.

Die Ergebnisse der Feldforschung zeigen, dass die unterschiedliche vorkoloniale Geschichte und die durch bestimmte Ideologien geprägten kolonialen und postkolonialen Regierungen gegenwärtige Eigenheiten im Umgang mit Kulturgütern in den untersuchten Ländern (Kamerun und Mali) stark geprägt haben. Die Ergebnisse verweisen dabei insgesamt auf eine Diskrepanz zwischen Norm und Realität (oder Handlungspraxis) hin, insbesondere im Hinblick auf unterschiedliche Diskurse über Piraterie. Sie verweisen auch darauf, dass die vielschichtigen Erfahrungswerte lokaler Akteure dabei eine signifikante Rolle spielen. Dies bedeutet, dass der Staat nicht mehr als neutrales Instrument der Normenumsetzung gelten kann, sondern dass staatliche wie auch die oft gut informierten lokalen Akteure jeweils nach eigenen sozial inskribierten Logiken und Interessen handeln.

Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Workshop: Mamadou Diawara und Ute Röschenthaler, State regulations and Local Praxis (mit Nachwuchswissenschaftlern aus Afrika und Deutschland), Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 14.–18. und 27.–28. Juli 2014.

Symposium: Who owns the praise? Oral literature, cultural norms and rights in artistic productions in Africa (zum 60. Geburtstag von Mamadou Diawara, veranstaltet von Ute Röschenthaler und Matthias Grubera), Lautertal, 9. Mai 2014.  

Konferenz: How does transnational mobility transform cultural production? Informality and remediation in African popular cultures (organisiert von Ute Röschenthaler, Alessandro Jedlowski, Patrick Oloko und Ibrahima Wane), Point Süd  in Ouagadougou, Burkina Faso, 4.–10. Januar 2013.

Internationale Konferenz: Intellectual Property, Normative Orders and Globalisation, Teil 2, (organisiert von Mamadou Diawara und Ute Röschenthaler), in Kooperation mit ZIAF, Forschungskolleg Bad Homburg, 2.–4. Juni 2011.

Internationaler Workshop: Intellectual Property, Normative Orders and Globalisation (organisiert von Mamadou Diawara und Ute Röschenthaler), in Kooperation mit ZIAF, Forschungskolleg Bad Homburg, 2.–4. Dezember 2010.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

*Röschenthaler, Ute: „Copying, branding, and the ethical implications of rights in immaterial cultural goods”, in: N. A. Mhiripiri und T. Chari (Hg.): Media Law, Ethics, and Policy in the Digital Age, Hershey, Pennsylvania: IGI Global, 2017, S. 101–121.

*Röschenthaler, Ute und Mamadou Diawara (Hg.): Copyright Africa: How Intellectual Property, Media and Markets Transform Immaterial Cultural Goods. Canon Pyon: Sean Kingston Publishing, 2016.

Diawara, Mamadou und Ute Röschenthaler (Hg.): Competing Norms: State Regulations and Local Practice (Normative Orders Bd. 19), Frankfurt am Main: Campus, 2016.

*Diawara, Mamadou : „’La bibliothèque coloniale’, la propriété intellectuelle et la romance du développement en Afrique“, Canadian Journal of African Studies 48(3), 2014, S. 445–461.

Diawara, Mamadou: „Justice in whose name: The domestication of copyright in Sub-Saharan Africa”, in: Gunther Hermann (Hg.): Justice and Peace. Interdisciplinary Perspectives on a Contested Relationship, Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag, 2013, S. 140–162.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Diawara, Mamadou, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Röschenthaler, Ute, Apl. Prof. Dr.

 

Moralische Akteure auf dem Finanzmarkt. Bedingungen der Entstehung, Aufrechterhaltung und Verbreitung moralischer Normen im Wirtschaftssektor

Das Projekt „Moralische Akteure auf dem Finanzmarkt“ untersuchte in wirtschaftssoziologischen Analysen die Entstehung, Verbreitung und Wirkmächtigkeit von normativen Prinzipien und Handlungen am Finanzmarkt.
Dabei wurden Märkte nicht bloß als funktionale, normfreie Subsysteme betrachtet, die einzig in Übereinstimmung mit den Regeln des Wettbewerbs und der Profitmaximierung funktionieren. Stattdessen erweist sich für die Akteure auch das Marktgeschehen als eine von ethischen Normen strukturierte Handlungsordnung, in der diese sich folglich auch an normativen Gründen orientieren (können).
Das Projektthema wurde in zwei Forschungssträngen verfolgt: Einerseits wurde ein normatives Verständnis des Verhältnisses von individuellem moralischem Handeln und Organisationsstrukturen entwickelt. Der zweite Strang der Forschung betraf die Frage, was Ethik am Finanzmarkt bedeuten kann. Diese Frage wurde im Zusammenhang mit der allgemeineren Frage nach den normativen Strukturen von Märkten überhaupt untersucht.
Das Manuskript „Reclaiming the System. Transformational Agency in Organizations“ wurde  von der Projektmitarbeiterin Lisa Herzog als Habilitationsschrift an der Philosophischen Fakultät der Goethe Universität Frankfurt eingereicht. Hierin wurden die spezifischen Herausforderungen für moralische Akteure, die sich durch ihre Rolle in Organisationen ergeben, untersucht, wobei eine innovative Methodik verwendet wurde, die empirisches Material mit normativen Fragestellungen verknüpft. Diskutiert werden u.a. der Umgang mit moralisch relevantem Wissen in komplexen Organisationen, das Verhältnis von moralischen Akteuren zu ihrer beruflichen Rolle und der Verantwortung für die Aufrechterhaltung einer Organisationskultur, in der moralische Fragen gestellt und moralische Probleme angegangen werden können.
In Hinblick auf die Untersuchung der Bedeutung von Ethik am Finanzmarkt und Märkten allgemein wurde u.a. ein Überblicksartikel in der englischsprachigen „Stanford Encyclopedia of Philosophy“ verfasst. Ein inzwischen erschienener Sammelband, der von PI und Projektmitarbeiterin gemeinsam herausgegeben wurde versammelt verschiedene Perspektiven auf den normativen Wert von Märkten. Hierzu wurden neben der Auswahl der Texte auch einleitende Erläuterungen verfasst.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Herzog, Lisa: Reclaiming the System. Transformational Agency in Organizations (Habilitation), i.E.

Herzog, Lisa (Hg.): Just Financial Markets? Finance in a Just Society, Oxford: Oxford University Press, 2017.

Herzog, Lisa und Axel Honneth (Hg.): Der Wert des Marktes. Berlin: Suhrkamp, 2014.

*Herzog, Lisa: „Eigentumsrechte im Finanzsystem. Rechtfertigungen und Reformimpulse“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 62(3), 2014, S. 415–442.

*Herzog, Lisa: „Markets”, in: Edward N. Zalta (Hg.): The Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2013, [online] http://plato.stanford.edu/archives/sum2013/entries/markets/ [05.10.2017].

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Honneth, Axel, Prof. Dr. Dr. h. c. mult.

Projektmitarbeiter

Herzog, Lisa, Dipl.-Vw., M.St. (Oxon), D.Phil. (Oxon)

Röß, Johannes

 

Genese und Geltung des Konzepts des Säkularen

Säkulare Gesellschaft und Religion sind in ihren Selbstbeschreibungen notwendig und konstitutiv aufeinander bezogen und zwar so, dass sie ihr Gegenüber als das Andere konstituieren, auf das sie zugleich als unverzichtbare semantische Ressource und Bedrohung ihrer Identität Bezug nehmen. Jeder abstrakte und einseitige Versuch, entweder die Unaufhaltsamkeit der Säkularisierung oder die Unverzichtbarkeit von Religion zu proklamieren, evoziert daher die Gegenreaktion der Verabschiedung dieser Verabschiedung.
Die Auffassung, dass Modernisierung mit dem notwendigen Verschwinden von Religiosität gleich zu setzen sei, wurde in den letzten Jahren stark kritisiert. Aber auch die Bestreitung und Relati¬vierung dieser These und die damit laut verkündete „Rückkehr der Religionen“ (Martin Riesebrodt) ist selbst wiederum bestritten worden. Bereits in den 60er Jahren haben Religionssoziologen zu engen theoretischen Rahmen der klassischen Säkularisierungstheorie kritisiert. Seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts kommt es zu einer anders akzentuierten Kritik an der klassischen Säkularisierungsthese. Sie wird aus der Perspektive von Positionen formuliert, welche die „säkularisierungsresistente“ Bedeutung der Religion stärker von ihrer politisch aktiven Rolle her bestimmen und weniger von ihrer gesellschaftlichen Integrationsfunktion.
Die Frage der Religion beschäftigt daher in der Gegenwart nicht nur die Religionsphilosophie, die Religionswissenschaft oder die Theologien, sondern in zunehmendem Maße auch die politische Philosophie. Dies hängt nicht nur mit politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Entwicklungen in den westlichen Gesellschaften zusammen, die der Religion im Raum der Öffentlichkeit einen größeren Stellenwert geben, als dies im Lichte der klassischen Säkularisieriungstheorien im Anschluss an Max Weber zu erwarten waren, sondern auch mit veränderten Prämissen innerhalb der Debatten der Philosophie selbst.
Der erste Schwerpunkt des einen Teilprojekts bestand in der die Untersuchung der Postsäkularitätsthese. Postsäkularismus, nach Habermas, widmet sich der Analyse und Erklärung des wachsenden Bewusstseins in den säkularisierten Gesellschaften heute, dass Religion aus einer sich weiterhin modernisierenden Gesellschaft nicht verschwindet, wie die weithin verbreitete Säkularisierungsthese besagt.
Ein zweiter Schwerpunkt dieses Teilprojekts zielte auf die Untersuchung des Postsäkularismus im Kontext postkolonialer Theorie. Dabei ging es um die Frage: Wie soll die theoretische Beschäftigung mit der Religion unter Bedingungen der Säkularisierung aus einer postkolonialen Perspektive verstanden werden?
Das dritte Teilprojekt beschäftigte sich mit den Herausforderungen, welche die Rede von Postsäkularität, wie sie von Habermas und Taylor verstanden wird, aus Sicht der normativen politischen Philosophie für die Rechtfertigung politischer Ordnungen, also säkularer, liberaler Demokratien mit sich zieht.
Nachdem im ersten Teilprojekt die Postsäkularismus-Konzeption von Habermas und Taylor in einem ersten Schritt rekonstruiert wurde, wurde sie anschließend problematisiert, indem diesen Konzeptionen der programmatisch anders angelegte Entwurf Talal Asads gegenübergestellt wurde. Insbesondere wurde die  epistemologische Dichotomie von Säkularität/Religiösität rekonstruiert und kritisch hinterfragt.
Zudem zeigte sich im zweiten Teilprojekt, in der Erörterung der Frage des Universalismus und Partikularismus bezüglich des Postsäkularismus-Begriffs, dass die inter-kontextuelle Erweiterung und Anwendung des Konzepts des Postsäkularismus auf der globalen Ebene gesucht werden sollte, und nicht vor dem Hintergrund der vom Universalismus geprägten normativen Säkularisierung. In einem vielbeachteten internationalen Workshop mit dem Titel „Postsecularism in a Global Context: New Perspectives on the Place of Religion in Postsecular Societies“ (Goethe-Universität, 4.-5. September 2015), an dem Vertreter aus Afrika, Mittel- und Nordamerika, Asien und Europa teilnahmen, wurden die Ergebnisse des zweiten Teilprojekts diskutiert. Die nunmehr anstehende Publikation dieser Arbeitsergebnisse wird zusammenfassend dokumentieren, welche kontextspezifischen Erfahrungen zu einer theoretischen Beschäftigung mit Religion im postkolonialen Kontext beitragen und welche Bedeutung sie für eine Politik im postkolonialen Kontext besitzen.
Im dritten Teilprojekt konnte eine Position entwickelt werden, die die Frage nach Religiosität und Säkularität politischer Deutungen und Diskussionsbeiträgen in eine Theorie des Pluralismus einfügt, der keine Selektion „angemessener“ und „unangemessener“ Deutungen entlang liberal demokratischer Positionen vollzieht. Ohne zu versuchen, religiöse Deutungsmuster als „vernünftig“ oder „rational“ zu verstehen, wurde die Frage danach gestellt, welchen Raum das nicht auf Vernunft Reduzierbare bei der Rechtfertigung politischer Ordnungen annehmen kann. Dabei wurde vorgeschlagen, die Frage nach der Vernunft und dem nicht auf Vernunft Reduzierbaren so zu formulieren, dass nicht nach der Vernunft und Rationalität der Glaubensinhalte, ästhetischen Erfahrungen etc. gefragt wird, sondern danach, ob es vernünftig sein kann, sich bei der Rechtfertigung politischer Entscheidungen auch auf das nicht auf Vernunft Reduzierbare zu berufen.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Lutz-Bachmann, Matthias (Hg.): Postsäkularismus. Zur Diskussion eines umstrittenen Begriffs, (Normative Orders Bd. 12), Frankfurt am Main: Campus, 2015.

Lutz-Bachmann, Matthias und Michael Kühnlein (Hg.):  Vermisste Tugend? Zur Philosophie Alasdair MacIntyres, Berlin: Berlin University Press, 2015.

Schmidt, Thomas und Annette Pitschmann (Hg.): Religion und Säkularisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart: Metzler, 2014.

Okeja, Uchenna B.: Normative Justification of a Global Ethic: A Perspective from African Philosophy, Lanham/Plymouth: Rowman & Littlefield,  2013.

Winandy, Julien: Normativität im Konflikt. Zum Verhältnis von religiösen Überzeugungen und politischen Entscheidungen, Baden-Baden: Nomos, 2013.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Lutz-Bachmann, Matthias, Prof. Dr. Dr.

Schmidt, Thomas, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Okeja, Uchenna, Dr.

Winandy, Julien, Dr. des.

Die Ausübung öffentlicher Gewalt auf der internationalen, supranationalen und staatlichen Ebene: Eine öffentlich-rechtliche Rekonstruktion von Governance im Mehrebenensystem

Das Projekt „Die Ausübung öffentlicher Gewalt auf der internationalen, supranationalen und staatlichen Ebene“ untersucht aus einer juristischen Perspektive die Governance internationaler und europäischer Institutionen sowie ihrer jeweiligen Gerichte. Diese Institutionen wirken sich mitunter sehr stark auf staatliches Handeln oder sogar auf Individuen aus. Das wirft die Frage auf, inwieweit sich ihr rechtliches Rahmenwerk den Prinzipien annähern muss oder bereits annähert, die für die Ausübung von Staatsgewalt maßgeblich sind.
Im Rahmen des Clusters steuert das Teilprojekt eine spezifische rechtswissenschaftliche Perspektive bei, welche auf rechtsdogmatische Begriffsbildung abzielt. Sie ist offen gegenüber der normativen und empirischen Analyse anderer Clusterprojekte. Deren Erkenntnisse helfen der dogmatischen Begriffsbildung, die Wirkung und normative Bedeutung neuer Governance-Phänomene angemessen zu erfassen. Umgekehrt kann dogmatische Begriffsbildung anderen Disziplinen als Folie für Wirklichkeitsbeschreibungen dienen.
Aus einem intensiven Diskussionsprozess zwischen Armin von Bogdandy, Matthias Goldmann und Ingo Venzke entstand ein Grundlagentext (Bogdandy, Goldmann und Venzke 2017) zur Erforschung von besonderen Themenfeldern. In mehreren Workshops, einer Habilitation und drei Dissertationen wurde das Potential dieses Ansatzes im Bereich des internationalen Finanz-, Arbeits- und Flüchtlingsrechts sowie der Ernährungssicherheit unter Beweis gestellt. Diskussionsveranstaltungen in Frankfurt und Heidelberg stellten den Ansatz einer breiten Öffentlichkeit mit Bezug auf TTIP und die Staatsschuldenkrise in Griechenland vor.
Es ist gelungen, den Begriff der internationalen öffentlichen Gewalt (International Public Authority) entscheidend weiterzuentwickeln und damit ein begriffliches und theoretisches Fundament für die juristische Erforschung des Verhältnisses zwischen staatlichen und überstaatlichen Rechtsordnungen sowie zwischen privatem und öffentlichem Recht zu legen. Der Ansatz liefert wichtige Impulse für die Forschungslandschaft, was sich am deutlich gesteigerten Interesse am Begriff „Authority“ auf Workshops und Konferenzen ablesen lässt, bei denen die Begriffsangebote des Clusterprojekts häufig eine zentrale Rolle spielen. Die allgegenwärtige Kritik an Globalisierungsphänomenen unterstreicht überdies die Praxisrelevanz des Projekts. Einige Projektmitarbeiter haben die Ergebnisse in ihre Beratungstätigkeit für internationale Organisationen einfließen lassen.

Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Podiumsdiskussion: Was ist Recht bei TTIP?, Armin von Bogdandy im Gespräch mit Staatssekretär Alexander Lorz (Reihe Stadtgespräch des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“), Historisches Museum, Frankfurt am Main, 10. November 2015.

Workshop: In Whose Name? A Public Law Theory on International Adjudication, Asser Institut, Den Haag, 8. September 2015.

Workshop: Democracy and the Financial Order: Legal Perspectives (in Kooperation mit dem German Law Journal), Keynote: Henrik Enderlein (Hertie School of Governance, Berlin), Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 2.–3. September 2015.

Podiumsdiskussion: Hellas‘ Zukunft? Greece and Europe after the Referendum (mit Armin von Bogdandy, Achilles Scordas, Michalis Ioannidis and Matthias Goldmann), DAI Heidelberg, 16. Juli 2015.

Workshop: IPA (International Public Authority) Meets Dissidenz (interdisziplinärer Workshop mit der Arbeitsgruppe von Nicole Deitelhoff), Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 4. April 2014.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

von Bogdandy, Armin/Matthias Goldmann/Ingo Venzke: „From Public International to International Public Law: Translating World Public Opinion into International Public Authority”, in: European Journal of International Law 28(1), 2017, S. 115–145.

von Bogdandy, Armin: Pondering Schmitt's Concept of the Political for International Public Authority: On Methods, Standards and Disciplinary Settings for Public Law Theory, MPIL Research Paper No. 2016–22, 2016.

Goldmann, Matthias und Silvia Steininger: „A Discourse Theoretical Approach to Sovereign Debt Restructuring: Towards a Democratic Financial Order”, in: German Law Journal 17(5), 2016, S. 709–746.

Goldmann, Matthias: Internationale öffentliche Gewalt, Berlin/Heidelberg: Springer, 2015.  

von Bogdandy, Armin und Ingo Venzke: In wessen Namen? Internationale Gerichte in Zeiten globalen Regierens, Berlin: Suhrkamp, 2014. Englische Übersetzung: In Whose Name?, Oxford: Oxford University Press, 2014.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

von Bogdandy, Armin, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Bagchi, Kanad

Ebert, Franz Christian, LLM

Goldmann, Matthias, Jun.-Prof. Dr.

Schmalz, Dana

Schmidt, Matthias

Soley, Ximena

Steinbrück Platise, Mateja, Dr.

Steininger, Silvia Karin, LL.M. (Amsterdam), BA

Vierck, Leonie

Villarreal, Pedro

Vischer, Benedict

Ziebritzki, Catharina

 

Die Normativität formalen Wissens: Exakte Wissenschaften, Gleichheit und situierter Universalismus im 18. Jahrhundert

Das Projekt untersucht das Zusammenspiel von formalem Wissen und der Formulierung normativer Positionen in der europäischen Aufklärung anhand des französischen Enzyklopädisten Jean d’Alembert. Ziel ist die Herausgabe einer kommentierten Übersetzung seiner Schrift „Essai sur les Éléments de Philosophie“, die drei interpretierende Essays zu den Aspekten ‚Naturwissenschaft‘, ‚Moralphilosophie‘ und ‚Epistemologie‘ umfassen wird. Im Zentrum des Interesses liegt die Allianz zwischen den an Einfluss gewinnenden mathematischen Wissenschaften und den sensualistisch-materialistischen epistemologischen Positionen der Zeit einerseits, mit bestimmten politischen Strömungen der Aufklärung andererseits. So wird etwa in der Diskussion, welches Wissen Gewissheit (certitude) beanspruchen kann, nicht nur Wissen selbst definiert, sondern gleichzeitig jede Art von Metaphysik abgelehnt. Damit werden nicht nur epistemologische Fragen beantwortet, sondern religiöse und traditionelle Geltungsansprüche abgelehnt. Dies verbindet D’Alembert mit Schlussfolgerungen über diejenige Gesellschaftsordnung, die auf einem solchen Wissen aufruht: Aus dem anthropologischen Gesetz der Selbsterhaltung eines auf Gesellschaft angewiesenen Wesens folgt für ihn eine radikale Umverteilungspolitik, solange in einer Gesellschaft Luxus und Armut koexistieren.  

Die Untersuchung zieht eine Verbindungslinie von epistemologischen Fragestellungen und Positionen zu normativen, gesellschaftspolitischen Ordnungsvorstellungen. Sie liefert so einen historischen Beitrag zum Verständnis der zentralen Rechtfertigungsbegriffe von Gleichheit und Gerechtigkeit, die im Cluster behandelt werden. Die in diesen Begriffen enthaltene Ambivalenz gibt Aufschluss über normative Konflikte, die sich in der Durchsetzung der Gerechtigkeitsvorstellungen ereignen.

Die Übersetzung und Kommentierung des Essays erfolgt in enger Kooperation mit dem französischen Herausgeberteam der Œuvres von D’Alembert und der französischen Forschungsgruppe „Groupe d’Alembert“ (Pariser Académie des sciences). Wissenstransfers fanden bei Vorträgen, Kooperations- und Arbeitstreffen in Lyon, Paris, Montpellier, Göttingen und in Marseille / Luminy statt. Dort konnte auch Christophe Schmit gewonnen werden, der einen einmonatigen Aufenthalt in Frankfurt absolvierte. Die Projektarbeit wird von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dagmar Comtesse geleistet, die im Laufe der zweiten Förderperiode ihre Promotion im Fach Philosophie absolviert hat. Bei der Revision der Übersetzung hilft die bilinguale wissenschaftliche Hilfskraft Céline Volders. Momentan wird das Manuskript fertig gestellt und beim Meiner-Verlag eingereicht.

Während der zweiten Förderperiode konnte die Arbeitsthese weiter entwickelt werden, dass sich ein Zusammenhang zwischen D’Alemberts epistemologischer Perspektive auf formale Wissenschaften und seinem Konzept einer science morale entwickeln lässt. Dieser Zusammenhang wurde von Moritz Epple in mehreren Vorträgen und Veröffentlichungen am Begriff der ‘Gleichheit’ entfaltet. Außerdem zeichnet sich aus der Bearbeitung der praktischen Philosophie D’Alemberts der Entwurf eines größeren Forschungsprojektes zur Politischen Philosophie der Encyclopédie ab. Beide Zwischenergebnisse ziehen eine Verbindungslinie von epistemologischen Fragestellungen und Positionen zu normativen, gesellschaftspolitischen Ordnungsvorstellungen.

Die Ergebnisse des Projekts wurden auch vorgestellt von Dagmar Comtesse auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Philosophie (DGPhil) im September 2014 in Münster. Der Vortragstitel lautete: „Die Politische Philosophie der Encyclopédie.“ Im Oktober 2017 wird Dagmar Comtesse weitere Ergebnisse vorstellen im Rahmen der internationalen Konferenz zur 300-Jahrfeier D’Alemberts an der Université Montpellier. Der Titel Ihres Vortrags lautet: „D’Alembert dans les débats de son temps“.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Comtesse, Dagmar und Moritz Epple: Jean D’Alembert: Versuch über die Elemente der Philosophie, i.E.

Comtesse, Dagmar und Moritz Epple: „Between Appropriation and Rejection: Translating D’Alembert into German”, and „D’Alembert on Translation", in: A. Guilbaud/C. Schmit (Hg.): Tercentenary of Jean Le Rond D’Alembert’s Birth (1717–1783). A Review of the Latest Research, Sonderheft des Journal Centaurus, i.E.

Comtesse, Dagmar: „Religion, Religionskritik, Zivilreligion und Revolution”, in: Franziska Flügel-Martinsen (Hg.): Staatsverständnisse in Frankreich, Baden-Baden: Nomos, i.E.

*Epple, Moritz: „Ulikhet, grenser og alliansen mellom de lærde og de store: Utidssvarende betraktninger fra en encyclopedist“, in: ARR – Idéhistorisk Tidsskrift 4, 2015, (= Liv, Arr, idéhistorie: Festtidskrift til Espen Schaanning), 2015, S. 27–49.

Epple, Moritz und Dagmar Comtesse: „Auf dem Weg zu einer Revolution des Geistes? Jean d’Alembert als Testfall", in: A. Fahrmeir und A. Imhausen (Hg.): Die Vielfalt normativer Ordnungen: Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive, Frankfurt am Main: Campus, 2013, S. 21–47.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Epple, Moritz, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Comtesse, Dagmar, Dr.

Nachhaltige Entwicklung, Global Governance und Gerechtigkeit

Bittere Armut, massive soziale Ungleichheiten und der Klimawandel stellen einige der dringlichsten Probleme der Menschheit dar. Milliarden von Menschen leben in großer Armut und sind gleichermaßen von den Krisen des globalen Finanzsystems wie von den Auswirkungen des Klimawandels bedroht. Einer der wichtigsten moralischen Gründe, sich mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen, ist seine unmittelbare Bedeutung für Menschen in wirtschaftlicher Not.
Ausgangspunkt des Forschungsprojekts war die Annahme, dass die Eindämmung von sowie die Anpassung an Auswirkungen des Klimawandels und die Armutsbekämpfung nicht als separate politische Ziele betrachtet werden können. Die extremen Entbehrungen und die besondere Betroffenheit der in Armut lebenden Menschen lassen sich nicht mit einer internationalen Ordnung vereinen, der das Konzept der Menschenwürde zugrunde liegt, wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verstanden wird. Anhaltende Armut, wachsende soziale Ungleichheit und der ansteigende CO2-Ausstoß sind Anzeichen für grobe Fehlentwicklungen im gegenwärtigen System globalen Regierens.
Innerhalb von Forschungsfeld 1 wird die Forschung zu Politik und Institutionen nicht einseitig als Prozess verstanden, in welchem Macht, Herrschaft und Gewalt bzw. langfristig wirkende Strukturen und andere Faktoren, als „externe” Größen wirkend begriffen werden, sondern als Prozess, in dem Normen und normative Orientierungen eine zentrale Rolle spielen. Zahlreiche Fragen, die das Problem des Klimawandels mit sich bringt, boten dabei Anlass, um auch grundlegende moralische Fragen über die mögliche Entstehung einer gerechten internationalen normativen Ordnung zu stellen. Der Begriff „Recht auf Nachhaltige Entwicklung“ kann eine wichtige Rolle in der Argumentation von armen Ländern spielen, wonach die internationale Klimaschutzpolitik nicht ihre legitimen Entwicklungsziele zurücksetzen darf. Es gibt auch eine Art von intergenerationaler normativer Ordnung, die in diesem Kontext besonders dringlich hervortritt. Die Vorstellung, dass Menschen, die jetzt am Leben sind, die moralische Verpflichtung gegenüber künftigen Generationen haben, den Klimawandel zu bekämpfen, rechtfertigt eine Klimaschutzpolitik, bedarf aber auch selbst wiederum spezifischer Formen der Begründung.
Dieses Forschungsprojekt umfasste sowohl moralphilosophische und politiktheoretische Erörterungen, Analysen internationaler Organisationen und Institutionen, als auch die Untersuchung von geeigneten Handlungsweisen, die einen gesellschaftlichen Wandel bewirken. Die Forschung des PI untersuchte insbesondere den gesellschaftlichen und normativen Zusammenhang von Klimawandel und Armut. Das Dissertationsprojekt des wissenschaftlichen Mitarbeiters Daniel Callies mit dem Titel “Intentionally Manipulating the Climate: The Ethics and Governance of Climate Engineering”, setzte sich insbesondere mit möglichen Argumenten gegen die Klima-Engineering-Forschung auseinander.

Die wichtigsten Veranstaltungen und Vorträge in diesem Projekt:

Vortrag: Progress, Destruction, and the Anthropocene (von Darrel Moellendorf), Universität-Duisburg-Essen, Mai 2017.

Vortrag: Progress, Destruction, and the Anthropocene (von Darrel Moellendorf), Liberty Fund/Social Philosophy and Policy conference, Redondo Beach, Juni 2017.

Workshop: Author-Meets-Critic-Section on his The Moral Challenge of Dangerous Climate Change (von Darrel Moellendorf), ECPR Prague, September 2016.

Präsentation: „Climate Engineering and Playing God” (von Daniel Callies), Warwick Graduate Conference on Political and Legal Theory, University of Warwick, England, Februar 2016.

Präsentation: „Institutional Legitimacy and Solar Radiation Management” (von Daniel Callies),  Science, Technology, and Public Policy Fellows Workshop, Harvard University, November 2016.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Moellendorf, Darrel: „Taking UNFCCC Norms Seriously”, in: D. Roser und J. Heyward (Hg.): Climate Change and Non-Ideal Theory, Oxford University Press, 2016, S. 104–124.

Moellendorf, Darrel: „Can Dangerous Climate Change Be Avoided”, Global Justice Theory Practice Rhetoric 8, 2016, [online]  http://publikationen.stub.uni-frankfurt.de/index.php/gjn [05.10.2017].

Moellendorf, Darrel:  „Global Distributive Justice: The Cosmopolitan Point of View,” in: D. Held und P. Maffettone (Hg.): Global Political Theory, London: Polity Press, 2016.

Moellendorf, Darrel und Axel Schaffer: „Equalizing the Intergenerational Burdens of Climate Change–An Alternative to Discounted Utilitarianism”, Midwest Studies in Philosophy XL, 2016, S. 43–62.

Moellendorf, Darrel:  „The Moral Challenge of Dangerous Climate Change: Values, Poverty, and Policy”, Cambridge: Cambridge University Press, 2014.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Moellendorf, Darrel, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Visak, Tatjana

Die Legitimation der Völkerstrafrechtsordnung – Normative Offenheit als legitimierendes Gut supranationaler Herrschaftsgewalt

Das (operationell erst Anfang 2016 begonnene) Clusterforschungsprojekt beleuchtet das rechtstatsächliche Phänomen, dass eine einheitliche öffentliche Rechtfertigung der Völkerstrafrechtspflege nicht in Sicht ist. Obschon im „Raum der Rechtfertigungen“ verortet, zeichnet sie sich durch die Fluidität, Pluralität, Diversität und Partikularität der Rechtfertigungsangebote aus. Dies wird hier als „normative Offenheit“ der Völkerstrafrechtsordnung bezeichnet. Doch wie ist darauf zu reagieren? Anstatt auf eine einheitliche Rechtfertigung zu setzen oder das bloße „Management“ der allfälligen Normenkonflikte in den Mittelpunkt zu stellen, wird hier für Folgendes geworben: Die besagte normative Offenheit der Völkerstrafrechtspflege ist ein legitimierendes Gut supranationaler Herrschaftsgewalt, weil durch sie die „Unbestimmtheit der rationalen Rechtfertigung“ in einer normativ fragmentierten Lebenswirklichkeit (besser) bewältigt werden kann.

Ausgehend vom Forschungsansatz des Clusters wurde das vergleichsweise junge System der Völkerstrafrechtspflege (zur Erinnerung: der ständige Internationale Strafgerichtshof nahm erst Anfang der 2000er seine Arbeit auf) als instruktives Anschauungsbeispiel gewählt, um die Herausbildung, Stabilisierung und Krise einer neuen Rechtsordnung zu untersuchen. Im Einklang mit der Programmatik von Forschungsfeld 3 standen die Konkurrenz und auch der Konflikt verschiedener normativer Referenzrahmen innerhalb einer Rechtsordnung, die noch nicht durch Pfadabhängigkeiten, einheitliche Vorverständnisse oder weithin geteilte Ideologien normativ geschlossen ist, zur Debatte.

Das Forschungsprojekt wird mit dem ganzen rechtswissenschaftlichen Forschungsrepertoire betrieben. Interdisziplinär werden u.a. die völkerrechtliche Konstitutionalisierungsdiskussion, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse (insbesondere über die Wirkung normativ mehrdeutiger Regime) und die politische Philosophie (insbesondere über den Umgang mit non-idealen Rechtfertigungskontexten) einbezogen. Für Ende 2017 ist ein Workshop geplant, auf dem die wesentlichen Forschungsergebnisse präsentiert werden sollen. Die im Sommersemester 2017 organisierte (inhaltlich weitergehende) Cluster-Ringvorlesung mit dem Titel „Strafrechtspflege zwischen Purismus und Pluralität“ ist ein „Spin-Off“ des Forschungsprojekts.

Der Sache nach hat sich der verfolgte Forschungsansatz bewährt. Beschreibend hat der Begriff der „normativen Offenheit“ mehr Alleinstellungspotential als die hypertroph verwendeten Begriffe „Pluralismus“ oder „Diversität“. Es zeigt überdies, dass sich nicht nur die Völker-, sondern auch die nationale Strafrechtspflege (allemal latent) durch ihre normative Offenheit auszeichnet. Für die Bewertung der normativen Offenheit ist entscheidend, dass es im Hier und Jetzt einer normativ fragmentierten Lebenswirklichkeit wenig Aussicht darauf gibt, sich auf eine bestimmte Orientierung der Strafrechtspflege zu einigen. Daher gilt es in Zukunft Mittel und Wege zu weisen, wie freie und gleiche Bürger die axiologische Unversöhnlichkeit ihrer normativen Positionierungen bewältigen können, um die normative Pluralität und Diversität der (Völker )Strafrechtsordnung legitim zu organisieren.

Zentralen Thesen des Projekts wurden veröffentlicht als:

Burchard, Christoph: „Die normative Offenheit der Strafrechtspflege: Eine beschreibende Annäherung“, in: Saliger et al. (Hg.): Festschrift für Ulfrid Neumann, 2017.

Die wichtigsten Veranstaltungen des Forschungsprojekts:

Workshop: Normative Openness – A novel concept to analyze and legitimize International Criminal Justice, Winter 2017.

Vortrag: “Openness and Dialogue as a Normative Foundation for the Justification of International Public Authority” (von Projektmitarbeiter Dusan Backonja), 3rd Seminar of the International Network of Doctoral Studies in Law: The Role of Dialogue in the Law Creation and Law Application Process, University Łódź, Łódź, Polen, 9. März 2017.

Vortrag: “The Legitimacy of International Criminal Justice – Normative Openness as a Resource of Legitimacy for International Public Authority” (von Projektmitarbeiter Dusan Backonja), auf dem 4. jährlichen international Criminal Law Workshop The Politics of International Criminal Law, University of Western Australia, Perth, Australien, 15. September 2016.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Burchard, Christoph, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Backonja, Dusan, Dipl.-Jur.

Recchia, Nicola

Welsch, Lea

Professur des Exzellenzclusters – Makroökonomie und Entwicklung

Prof. Dr. Nicola Fuchs-Schündeln

Der wissenschaftliche Schwerpunkt der Professur „Makroökonomie und Entwicklung“ liegt insbesondere auf der Untersuchung der Formbarkeit und Herausbildung ökonomischer und politischer Präferenzen, sowie auf der Analyse des weltweiten Arbeitsangebotsverhaltens von Haushalten.

Präferenzen werden in den Wirtschaftswissenschaften im Allgemeinen als exogen angenommen. Die Clusterprofessur untersucht dagegen, ob und wie das Leben unter gewissen ökonomischen oder politischen Systemen die individuellen Präferenzen beeinflusst. Die Formbarkeit individueller Präferenzen kann dabei als ein wichtiger Faktor in der Herausbildung normativer Ordnungen gesehen werden. Zudem widmet sich die Professur der Analyse des Arbeitsangebotsverhaltens weltweit, und zieht aus den Ergebnissen Schlussfolgerungen für Wohlfahrtsunterschiede zwischen armen und reichen Ländern. Diese wiederum beeinflussen die Entstehung normativer Ordnungen, während das Arbeitsverhalten selbst zumindest teilweise (insbesondere für Frauen) auch durch normative Ordnungen beeinflusst wird.

An der Professur wurden zwei großen Forschungsthemen untersucht. Einerseits die Herausbildung ökonomischer und politischer Präferenzen; andererseits das Arbeitsangebotsverhalten von Haushalten. Im ersteren Bereich wurde am Beispiel der Unterstützung für Demokratie die Frage erforscht, ob die Unterstützung für ein politisches System wächst, je länger Individuen unter diesem System leben. Der zweite Bereich zum Arbeitsangebot von Haushalten wird durch verschiedene Forschungsprojekte der Professur abgedeckt. Die große Fragestellung besteht darin, internationale Unterschiede im Arbeitsangebotsverhalten von Haushalten zu dokumentieren, sowie deren Entstehung und deren Auswirkungen für Wohlfahrtsmessungen zu analysieren.

Im ersten Bereich konnte gezeigt werden, dass in der Tat die individuelle Unterstützung der Demokratie mit der Zeit wächst, die jemand in einem demokratischen Regime verbracht hat, unabhängig von der Qualität des Regimes und anderen Faktoren. Politische Präferenzen sind somit endogen und werden beeinflusst von der individuellen Erfahrung mit dem Regime.

Im zweiten Bereich konnte in einer groß angelegten Studie gezeigt werden, dass in Ländern niedrigen Einkommens die durchschnittlichen Arbeitsstunden substantiell höher sind als in Ländern mit durchschnittlich hohen Einkommen, was bedeutet, dass die Arbeitsproduktivitäts- und Wohlfahrtsunterschiede höher sind als durch einen Vergleich der Kaufkraft pro Kopf nahegelegt wird.  Zudem finden wir, dass das Arbeitsangebotsverhalten von verheirateten Frauen in Europa und den USA maßgeblich vom Steuersystem beeinflusst wird.

Die wichtigsten Publikationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Fuchs-Schündeln, Nicola & Alexander Blick: “Quantifying the Disincentive Effects of Joint Taxation on Married Women’s Labor Supply”, in: American Economic Review Papers & Proceedings, forthcoming, May 2017.
Fuchs-Schündeln, Nicola & Tarek Hassan: “Natural Experiments in Macroeconomics”, in: Taylor, John B. and Harald Uhlig (eds.): Handbook of Macroeconomics, Elsevier, Vol. 2a, 2016, pp. 923-1012.
Fuchs-Schündeln, Nicola & Paolo Masella: “Long-Lasting Effects of Socialist Education”, in: Review of Economics and Statistics, 98(3), 2016, pp. 428-441.
Fuchs-Schündeln, Nicola & Matthias Schündeln: “On the Endogeneity of Political Preferences: Evidence from Individual Experience with Democracy”, in: Science, 347(6226), 2015, pp. 1145-1148.
Fuchs-Schündeln, Nicola & Kevin Bartz: “The Role of Borders, Languages, and Currencies as Obstacles to Labor Market Integration”, in: European Economic Review, 56(6), 2012, pp. 1148-1163.

Professur des Exzellenzclusters – Praktische Philosophie mit Schwerpunkt Politische Philosophie und Rechtsphilosophie

Prof. Dr. Christoph Menke

Die Forschungstätigkeiten der Professur, die im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt „Normativität und Subjektivität. 1. Natur – 2. Natur – Geist“  standen, beschäftigten sich vor allem mit der Klärung des Verhältnisses von Geist und (erster, vor allem innerer) Natur im Zusammenhang mit der Dialektik des Formbegriffs. Die Prämisse dabei lautet, dass die generelle Dialektik von Form und Stoff oder Materie Aufschluss darüber geben kann, wie die normativen Ordnungen des Geistes auf vorgeistige, natürliche Ordnungen und Kräftezusammenhänge bezogen sind.

Die Frage nach der Dialektik von Form und Materie ist ein Beitrag zur Klärung des Status normativer Ordnungen, die hier im Verhältnis zum Nicht- und Vornormativen betrachtet werden. Diese Untersuchungen sind interdisziplinär angelegt, weil sie in Auseinandersetzung mit der Rechtstheorie ein Konzept des modernen Rechts (und darin insbesondere der Form subjektiver Rechte) entwickeln.

In der Frage nach der Logik der Form oder der Formierung verknüpfen sich normativtätstheoretische Forschungen der Professur zur Form (der Norm, des Begriffs) mit ästhetiktheoretischen Fragestellungen. Denn v.a. die moderne Kunst ist eine Praxis der Formierung, die die genannte Dialektik von Form und Stoff entfaltet. Von hier aus lassen sich dann auch analoge Formprozesse in anderen Bereichen beobachten. Das ist vor allem für die Rechtsform, genauer: die selbstreflexive Form des modernen Rechts (dem „Recht der Rechte"), untersucht worden. Zudem wurden zahlreiche Promotions- und Habilitationsprojekte betreut, die sich mit Themen der Autonomie, der Subjekttheorie und Rechtstheorie beschäftigten.

Neben den erwähnten Ergebnissen zum kunsttheoretischen Formbegriff (s.o.) hat die Habilitation von Thomas Khurana „Das Leben der Freiheit: Form und Wirklichkeit der Autonomie nach Kant und Hegel“ durch Rekonstruktion eines philosophischen Lebensbegriffs, der von Kant erschlossen und von Hegel systematisch ausgeführt worden ist, ein vertieftes Verständnis praktischer Autonomie gewonnen. Dirk Quadfliegs Habilitation „Vom Geist der Sache. Zur Kritik der Verdinglichung“ hat im Ausgang von Hegel und in Auseinandersetzung mit ethnologischen Theorien gezeigt, wie sich von daher begreifen läßt, dass zu normativen, geistigen Ordnungen wesentlich das Moment ihrer Dinglichkeit und Äußerlichkeit gehört. In den Dissertationen von Judith Mohrmann und Felix Trautmann wurde untersucht, welche Konsequenzen die Dialektik von Norm und Natur, Geist und Leben für die Verfassung politischer Ordnungen hat.

Die wichtigsten Publikationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Menke, Christoph: Die Kraft der Kunst, Berlin: Suhrkamp Verlag, 2013. (Span. Übers.: Santiago de Chile: Metales Pesados, 2017.)

Khurana, Thomas: Das Leben der Freiheit. Form und Wirklichkeit der Autonomie, Berlin: Suhrkamp, 2017.

Mohrmann, Judith: Affekt und Revolution. Politisches Handeln nach Arendt und Kant, Frankfurt a.M.: Campus Verlag, 2015.

Quadflieg, Dirk: Vom Geist der Sache. Zur Kritik der Verdinglichung, Frankfurt a.M./New York: Campus Verlag, 2017 (i.E.)

Sheplyakova, Tatjana: „Das Recht der Klage aus demokratietheoretischer Perspektive", in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 64 (2016) 1, pp. 45–67.

Trautmann, Felix: Das Imaginäre der Demokratie. Politische Befreiung und das Rätsel der freiwilligen Knechtschaft, Paderborn: Konstanz University Press, 2017 (i.E.).

Die wichtigsten Veranstaltungen dieser Professur des Exzellenzclusters:

„The Force of Aesthetics: Power, Imagination, Affects: An International Conference”, New School for Social Research, New York, USA, April 28-29, 2014.

“Other Natures. Norm and Nature II.“, Workshop, Université de Montréal, Département de Philosophie, April 30-May 1, 2014.

„Die Rezeptivität des Urteilens. Norm und Natur III.“ Workshop, Goethe-Universität Frankfurt, May 23-25, 2014.

„Prozeduralisierung des Rechts.“ International Workshop, Goethe-Universität Frankfurt, organized by Tatjana Sheplyakova in the context of her project funded by the DFG, additionally funded by the Goethe University and in cooperation with the Cluster of Excellence “The Formation of Normative Orders”, May 3, 2015.

„Die Kunst der Zweiten Natur.“ Workshop, Goethe University. July 1-2, 2016.

Professur des Exzellenzclusters – Internationale Politische Theorie

Prof. Dr. Darrel Moellendorf

Die Clusterprofessur befindet sich an der Schnittstelle von Politikwissenschaft und Philosophie und untersucht insbesondere Phänomene, die nationale Grenzen überschreiten.

Zentrale Themengebiete der Professur sind: Die Idee und Bedeutung menschlicher Würde in politischen Rechtfertigungen; der moralische Wert und die richtige Zielsetzung nachhaltiger Entwicklung; die Begründung und Rolle sozio-ökonomischer Rechte für die menschliche Entwicklung; die Bestimmung geeigneter Ziele der Post-2015-Agenda für nachhaltige Entwicklung; die Anforderungen an einen gerechten internationalen Handel und gerechte Finanzregime; die Ursachen von Armut und globaler Ungleichheit; die gerechte Verteilung der Pflichten zur Abschwächung des Klimawandels sowie der Lasten der Klimaanpassung; die Bestimmung geeigneter internationaler Klimaschutzregime; die Relevanz von Geo-Engineering für die Klimapolitik; die Rechtfertigung und praktischen Möglichkeiten nachhaltiger Entwicklung durch ein internationales Steuersystem; und schließlich die moralischen Grundlagen grenzüberschreitender Solidarität.

Die Arbeiten im Bereich normativer Theorien globaler Gerechtigkeit gehen in vielerlei Hinsicht auf empirische Analysen in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Recht und Internationale Beziehungen zurück, sofern diese transnationale Probleme behandeln. Ausgehend von diesen Studien werden an der Professur die damit verbundenen Formen der Normativität in der transnationalen Politik untersucht und reflektiert. Viele Fragen bezüglich normativer Ordnungen von Umweltkrisen, lassen ähnliche Modi der Reflexivität erkennen und rücken zusätzlich interdisziplinäre Fragen der Normativität von intergenerationellen Ordnungen in den Fokus.

Unsere Publikationen und Präsentationen konzentrierten sich auf Themen globaler Gerechtigkeit, globaler Bioethik, Menschenrechte, Theorien des gerechten Kriegs und Umweltrassismus. Die zentralen Ergebnisse wurden in  Publikationen und Präsentationen vorgestellt.

Darrel Moellendorf hat zu der Frage veröffentlicht, wie ein Krieg zu einem gerechten Ende gebracht werden kann, sowie zu der Frage, ob ein Staat die Auswanderung von Bürgern einschränken kann, deren medizinische Ausbildung er finanziert hat. Auch Daniel Callies arbeitete und publizierte zu der Frage, ob es legitim sein kann, die Auswanderung von Bürgern einzuschränken, deren medizinische Ausbildung vom Staat finanziert wurde. Eszter Kolllár hat über Gerechtigkeit, Einwanderung, und Globale Chancengleichheit geschrieben. Und Merten Reglitz veröffentlichte einen Artikel über Kant, globale Armut und Gerechtigkeit. Daniel Hammer hat seine Arbeit über kollektives Handeln und Eigenverantwortung in einer internationalen Präsentation vorgestellt. Und auch Susanne Börner stellte ihre Arbeiten zum Thema Umweltgerechtigkeit in einer internationalen Präsentation vor. Brian Milstein hielt einen Vortrag über Krisentheorie. Alle diese Themen sind für die politische Diskussion relevant und viele der Veröffentlichungen bewerten ausgewählte Aspekte staatlicher Politik.

Die wichtigsten Publikationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Moellendorf, Darrel: “Just Endings”, in: H. Frowe & S. Lazar (eds.), The Oxford Handbook of the Ethics of War, Oxford: Oxford University Press, 2016.

Moellendorf, Darrel: “Two Doctrines of Jus ex Bello”, in: Ethics 125:3: 2015, pp. 653-673.

Callies, Daniel: “Brain Drain, Contracts, and Moral Obligation”, in: Moral Philosophy and Politics Vol. 3 No. 1: March 2016, pp. 83–93.

Kollár, Eszter: “Global Equality of Opportunity and Self-determination in the Context of Immigration”, in: Critical Review of International Social and Political Philosophy, 2016 (published online).

Reglitz, Merten: “A Kantian Argument against World Poverty”, in: European Journal of Political Theory, 2016, (online: http://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1474885116662566).


Die wichtigsten Veranstaltungen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Workshop on Chris Armstrong’s Manuscript “Justice and Natural Resources”, January 22 2016.

„International Workshop on the Ethics and Economics of Climate Change”, March 3-4 2016.

Frankfurt-Ottawa Workshop “Normative Perspectives on Labour Immigration”, June 6, 2016.

Arguing for Equality - ‘Author meets Critics’ workshop and Political Egalitarianism - Public Lecture by John Baker, December 19-20, 2016.

Lecture Series “Der Wert der Natur” organized in cooperation with ISOE and Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, December 2016-January 2017.

Professur des Exzellenzclusters – Ethnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen

Prof. Dr. Susanne Schröter

Der Forschungsschwerpunkt der Cluster-Professur „Ethnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen“ liegt auf Transformationen normativer Ordnungen in der islamisch geprägten Welt sowie in Ländern mit numerisch starken muslimischen Minderheiten. Dabei werden gegenwärtige Entwicklungen in den Bereichen Religion, Kultur und Politik sowohl in diachroner (kolonialer) als auch synchroner (postkolonialer) Perspektive untersucht, Theorie und Empirie eng miteinander verzahnt.

 Methodisch sind ethnographische Verfahren, insbesondere die teilnehmende Beobachtung von besonderer Bedeutung. Die regionalen Schwerpunkte lagen auf Südostasien (Indonesien, Malaysia, Philippinen und Thailand), China, Zentral- und Südasien (Afghanistan, Pakistan, Indien, Iran), auf dem Mittelmeerraum (Türkei, Libanon, Ägypten, Tunesien und Marokko) sowie auf Westeuropa (Deutschland, England, Frankreich und Belgien).

Die Forschungen wurden von der Inhaberin der Professur, wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen und Doktorand/innen durchgeführt, die überwiegend aus den Ländern stammten, in denen die Studien durchgeführt wurden. Durch eine fortlaufende Vortragsreihe sowie internationale Workshops und Konferenzen wurde der Rahmen zusätzlich durch Fallbeispiele aus Afrika sowie weiteren Ländern Asiens erweitert, in denen keine eigenen Daten erhoben wurden.

Dadurch wurde es möglich, Veränderungen normativer Ordnungen in einer globalen Dimension zu erfassen, in der lokale, nationale, regionale und transnationale Aspekte miteinander korrespondieren. Im Verbund mit Kolleg/innen aus anderen Disziplinen des EXNO wurde der Schwerpunkt Post/Säkularismus konstituiert. Die Ergebnisse zeigen, dass Religion als normbegründende Kraft eine zunehmende Bedeutung zuwächst und dass diese „Rückkehr der Religion“ (Riesebrodt) vorwiegend fundamentalistische oder sogar extremistische Kräfte stärkt.

Die Forschungen des Schwerpunktes wurden auf nationalen und internationalen Tagungen vorgestellt, die in Kooperation mit hessischen Ministerien (Soziales und Integration; Wissenschaft und Kunst), dem hessischen LKA, der Konrad Adenauer-Stiftung sowie dem französischen und dem US-Generalkonsulat standen. Sie führten zu zahlreichen Publikationen, darunter zu zwei Sammelbänden in der Clustereigenen Reihe im Campus Verlag. Im Bereich der Internationalisierung wurden acht Dissertationen ausländischer Doktorand/innen betreut. 2014 wurde das „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“ (FFGI) am EXNO gegründet, das die Sichtbarkeit des Forschungsschwerpunkts deutlich erhöhte und den Transfer der wissenschaftlichen Ergebnisse in Politik und Gesellschaft (Third Mission) erleichterte. Mitglieder des FFGI am EXNO wurden seitdem für Vorträge und Beratungen an Schulen und Jugendämtern, von Einrichtungen der Justiz, Verwaltung und Polizei sowie von politischen Parteien angefragt. Frau Prof. Schröter wurden ehrenamtliche Aufgaben in mehreren zivilgesellschaftlichen Einrichtungen, darunter dem Vorstand des Deutschen Orient-Instituts, dem Hessischen Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (HKE) und dem Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) übertragen.

Die wichtigsten Publikationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Schröter, Susanne: „Islamic feminism. National and transnational dimensions”, in: J. Cesari, (ed.), Islam, gender and democracy, Oxford: Oxford University Press, 2017, pp. 115-138.

Schröter, Susanne: Gott näher sein als seiner eigenen Halsschlagader. Fromme Muslime in Deutschland, Frankfurt: Campus, 2016.

Schröter, Susanne/Christoph Günther/Mariella Ourghi/Nina Wiedl: „Dschihadistische Rechtfertigungsnarrative und mögliche Gegennarrative“, in: HSFK-Report 4/2016, Frankfurt am Main.

Schröter, Susanne: „Die jungen Wilden der Ummah. Heroische Geschlechterkonstruktionen im Jihadismus“, in: Friedensgutachten 2015, Berlin: Lit, 2015, pp. 175-186.

Schröter, Susanne (ed.): Geschlechtergerechtigkeit durch Demokratisierung? Transformationen und Restaurationen von Genderverhältnissen in der islamischen Welt, Bielefeld: Transcript, 2013.

Schröter, Susanne (ed.): Gender and Islam in Southeast Asia. Women's rights movements, religious resurgence and local traditions, Leiden: Brill, 2013.

Die wichtigsten Veranstaltungen dieser Professur des Exzellenzclusters:

 „Entstehung von islamistischem Terrorismus: Die Rolle rechtsfreier Räume und Parallelgesellschaften“, February 3, 2017, Berlin.

„Muslimische Jugend – zwischen Integration, Abschottung und neuen Wegen“, October 28, 2016, Frankfurt am Main.

„Welcher Islam gehört zu Deutschland?”, April 29, Frankfurt am Main.

„Islamischer Extremismus: Prävention und Deradikalisierung zwischen Anspruch und Wirklichkeit“, July 3, 2015, Frankfurt am Main.

„Salafismus und Jihadismus. Der Traum vom Gottesstaat im 21. Jh.”, November 28, 2014, Frankfurt am Main.

“Islamism versus Post-Islamism? Mapping topographies of Islamic political and cultural practices and discourses“, December 13 – 15, 2013, Frankfurt am Main.

Professur des Exzellenzclusters – Wissenschaftsgeschichte der vormodernen Welt

Prof. Dr. Annette Warner (Imhausen)

Zwei Themen stehen im Fokus der wissenschaftlichen Ausrichtung der Clusterprofessur: 1.) die Erforschung der vormodernen Wissenschaften, insbesondere der altägyptischen und mesopotamischen wissenschaftlichen Praktiken und ihrer Ausprägungen; sowie 2.) die Historiographie der vormodernen, insbesondere frühen antiken wissenschaftlichen Quellen.

Normative Ordnungen (und ihre Veränderungen) werden dabei im Bereich der frühen Wissenschaften durch die Analyse der wissenschaftlichen Quellen gefasst, denn die wissenschaftlichen Texte bilden formal strukturierte Normensysteme. Die Bedeutung kasuistischer Verfahren, regionaler und temporaler Einflüsse sowie die Notwendigkeit von Konsistenz und Kohärenz in ihrer logischen Struktur lassen Aussagen über die Beschaffenheit von Ordnungssystemen zu, die auch für die Forschung zu neueren und neusten Entwicklungen relevant sein können.

Die Forschung der Professur ist grob in drei Bereiche zu gliedern:

1.) Die Entwicklung der ägyptischen Mathematik von der Erfindung des Zahlensystems bis in die griechisch-römische Zeit
Die Entwicklung der ägyptischen Mathematik kann über einen Zeitraum von insgesamt 3000 Jahren vor dem Hintergrund verschiedener sozialer und kultureller Konstellationen verfolgt werden (Publikation: Ancient Egyptian Mathematics. A contextual history). Am detailliertesten ist dies zu den Zeiten möglich, aus denen sogenannte mathematische Texte vorliegen (Mittleres Reich und griechisch-römische Zeit). Diese sind entsprechend ihres prozeduralen Charakters als Algorithmen analysierbar (laufendes Projekt).

2.) Die Normativität formaler Ordnungen und Prozeduren in der Antike. Mathematische und rechtliche Regelsysteme im Vergleich
Zentrales Clusterprojekt, siehe Bericht: http://www.normativeorders.net/de/forschung/forschungsprojekte-2012-2017/66-forschung/forschungsprojekte-2012-2017/1316-die-normativitaet-formaler-ordnungen-und-prozeduren-in-der-antike-mathematische-und-rechtliche-regelsysteme-im-vergleich

3.) (Buchprojekt Daliah Bawanypeck) „Mesopotamische Gelehrte und ihre Texte – Normative Ordnungen und keilschriftliche Wissenskonzepte“ (ursprünglicher Arbeitstitel: Zur Funktion von Normierungen bei der Wissensüberlieferung in Mesopotamien)
Das Buchprojekt von Daliah Bawanypeck „Mesopotamische Gelehrte und ihre Texte – Normative Ordnungen und keilschriftliche Wissenskonzepte“ (ursprünglicher Arbeitstitel: Zur Funktion von Normierungen bei der Wissensüberlieferung in Mesopotamien) wurde weitergeführt. Die Studie, die sich mit keilschriftlichen Wissenstexten, schriftkundigen Experten und den Orten der Wissensakkumulation befasst, soll veranschaulichen, unter welchen Voraussetzungen sich die mesopotamischen Wissenskulturen bildeten, wer die Wissensträger waren und welche Erkenntnisprozesse und Instrumentarien bei der Herausbildung, Etablierung, Tradierung und Entwicklung von verschriftetem Wissen eine Rolle gespielt haben.

Die zentralen Ergebnisse lassen sich dabei wie Folgt skizzieren: In einer Publikation zu zwei Workshops aus der ersten Laufzeit des Clusters wurden insgesamt acht Fallstudien aus den Wissensgebieten Medizin, Magie und Ritual, Astronomie, Mathematik und Recht zur Analyse wissenschaftlicher Quellen im Bereich der frühen Wissenschaften untersucht. Da verschriftetes Wissen in beiden Kulturen geplant bewahrt und weitergegeben wurde, können sich die Paradigmen der institutionellen Wissensbewahrung in den Texten widerspiegeln. Die Fallstudien bieten sowohl Übersichten über die Texttraditionen einiger Wissensgebiete als auch Betrachtungen besonderer Aspekte bestimmter Textkorpora.
In der Monographie zur ägyptischen Mathematik wurde erstmalig eine Geschichte der ägyptischen Mathematik vorgelegt, die mit der Erfindung des Zahlensystems beginnt und mit den letzten indigenen demotischen Quellen endet. Für die Beschreibung der einzelnen Epochen wurde dabei die ägyptische Mathematik jeweils in ihren sozialen und kulturellen Kontext eingebettet, um die Entwicklungen besser verstehen zu können.

Im Anschluss an die Tagung und Publikation „Writing of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Rome and Greece“, die sich mit Übersetzungen antiker wissenschaftlicher Texte beschäftigte, wurde im Anschlussprojekt ein Handbuch zum Übersetzen früher wissenschaftlicher Texte erarbeitet und inzwischen vorgelegt. Dort werden von Experten für die einzelnen Kulturen Fallbeispiele aus den Bereichen der antiken Heilkunde, Astronomie, Astrologie und Mathematik benutzt um so an konkreten Beispielen Vorschläge zu machen, wie beim Übersetzen vormoderner wissenschaftlicher Texte zu verfahren ist. Die einzelnen Beiträge stellen außerdem fachspezifische Hinweise auf Übersetzungs- und Kommentierungswege sowie fachbezogene Übersichten über Hilfsmittel zur Verfügung, die das Übersetzen, das Verständnis und die Bewertung bereits vorhandener Übersetzungen antiker wissenschaftlicher Texte erleichtern sollen.

In der Untersuchung „Mesopotamische Gelehrte und ihre Texte – Normative Ordnungen und keilschriftliche Wissenskonzepte“ konnte gezeigt werden, dass die mesopotamische Gelehrsamkeit auf Verfahren bzw. Bedingungen (z.B. Systematisierung von Wissen in Form von Listen; auf der Funktionsweise der Keilschrift basierende Hermeneutik; bilinguale Schreiberausbildung) beruht, die schon seit Beginn der Schrifterfindung angelegt waren und sich im Laufe von drei Jahrtausenden weiter ausgeprägt haben.

Die wichtigsten Publikationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Imhausen, Annette: Ancient Egyptian Mathematics. A Contextual History, Princeton: Princeton University Press, 2016.

Imhausen, Annette & Tanja Pommerening (eds.): Translating Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Greece and Rome. Methodological Aspects with Examples (Beiträge zur Altertumskunde 344), Berlin: de Gruyter, 2016.

Bawanypeck, Daliah & Annette Imhausen (eds.): Traditions of Written Knowledge in Ancient Egypt and Mesopotamia (Alter Orient und Altes Testament 403), Münster: Ugarit, 2014.

Imhausen, Annette & Tanja Pommerening (eds.): Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Rome and Greece (Beiträge zur Altertumskunde 286), Berlin: de Gruyter, 2010.

Bawanypeck, Daliah & Annette Imhausen: "Mesopotamien und Ägypten", in: M. Sommer/ S. Müller-Wille/C. Reinhardt (eds.), Handbuch Wissenschaftsgeschichte, Stuttgart: J.B. Metzler, 2017, pp. 108-117.

Die wichtigsten Veranstaltungen und Präsentationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

International Conference: Joint Maths Meeting in San Antonio, USA, January 2015.

International Conference: “History of ancient Astronomy and Mathematics”  in Xi’an, China, August 23-29, 2015.

Public Lecture: “Schriftentstehung in Ägypten und Mesopotamien”, Goethe Lectures, Offenbach, Germany, October 12, 2015.

2nd annual Huxley Lecture on the History of Mathematics, Maynooth University, Irland, April 24, 2017.

Professur des Exzellenzclusters – Straf- und Strafprozessrecht, Internationales und Europäisches Strafrecht, Rechtsvergleichung und Rechtstheorie

Prof. Dr. Christoph Burchard

Die breite Denomination der Mitte 2015 eingerichteten Professur spiegelt ihre ebenso breite Ausrichtung in Forschung und Lehre wider. Die Professur vertritt das deutsche Straf- und Strafprozessrecht einschließlich des Wirtschaftsstrafrechts und des Strafverfassungsrechts ebenso wie die Internationalisierung und Europäisierung der Strafrechtspflege. All dies wird insbesondere vor der Folie der Rechtsvergleichung und der Rechtstheorie reflektiert.

Die clusterprogrammatische Interdisziplinarität der durch die Professur verfolgten Forschung und Lehre zeigt sich in den Brückenschlägen zu anderen juristischen Fachgebieten (wie im generischen, durch den Inhaber der Professur geprägten Begriff des Strafverfassungsrechts offenbar wird), zur Politikwissenschaft und zur politischen Philosophie (wie das Clusterforschungsprojekt zur normativen Offenheit der Völkerstrafrechtspflege verdeutlicht). Die Internationalisierung und Europäisierung der Strafrechtspflege liefert reiches Anschauungsmaterial für die Herausbildung neuer (man denke an die Völkerstrafrechtsordnung) wie auch für die Transformation bestehender normativer Ordnungen (man denke an die justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen, die gerade in Europa zur Verbundstrafrechtspflege mutiert). Diese Prozesse werden im Lichte des grundlegenden Forschungsprogramms des Clusters untersucht, wobei insbesondere im Anschluss an den Forschungsschwerpunkt 3 die inter- wie auch intrajurisdiktionelle Konkurrenz verschiedener normativer Ordnungsvorstellungen in den Blick genommen wird.

Im Hinblick auf das nationale deutsche Strafrecht liegt der Fokus auf den tiefgehenden, häufig international oder europäisch induzierten Wandlungsprozessen der Strafrechtspflege. So wandelt sich etwa das Wirtschaftsstrafrecht zu einem „normalen“ regulatorischen Steuerungsinstrument und brechen die Rationalitäten des Strafverfassungsrechts der (demokratischen) Politisierung des Strafrechts Bahn. Ein weiteres Hauptinteresse gilt der justiziellen Zusammenarbeit in Strafsachen, insbesondere den sich dabei auftuenden Supranationalisierungs- (man denke an die anstehende Errichtung einer Europäischen Staatsanwaltschaft) wie auch Privatisierungsprozessen (man denke an die Angewiesenheit nationaler Strafverfolger auf die Kooperation mit privaten Internetdiensteanbietern). Zu all dem gesellt sich die grundlagentheoretische Fokussierung der Rechtsvergleichung und der Rechtstheorie, die insbesondere auf der wissenschaftstheoretischen Grundlage des epistemologischen Pluralismus betrieben wird.

Die wichtigsten Publikationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Burchard, Christoph: „Strafverfassungsrecht: Vorüberlegungen zu einem Schlüsselbegriff“, in: Tiedemann/Sieber/Satzger/Burchard/Brodowski (eds.), Die Verfassung moderner Strafrechtspflege – Erinnerung an Joachim Vogel, Baden-Baden: Nomos, 2016, pp. 27-61.

Burchard, Christoph: „Commentary on Art. 27 Rome Statute (Irrelevance of official capacity)”; “on Art. 71 Rome Statute (Sanctions for misconduct before the Court)”, in: Triffterer & Ambos (eds.), The Rome Statute of the International Criminal Court - A Commentary, München/Oxford: Beck/Hart, 2016, pp. 1037-1055, pp. 1760-1774.

Burchard, Christoph: „Kommentierung von § 13 StGB (Unterlassen)“, in: Leitner & Rosenau (eds.): Wirtschafts- und Steuerstrafrecht, Baden-Baden: Nomos, 2017, S. 1047-1066.

Burchard, Christoph: „Kommentierung von Vor § 1 IRG (Gesetz über Internationale Rechtshilfe in Strafsachen)“, in: Grützner/Pötz/Kreß (ed.), C.F. Müller, forthcoming 2017, ca. 300 pages.

Burchard, Christoph: “Judicial Dialogue in Light of Comparative Criminal Law and Justice”, in: P. Lobba & T. Mariniello (eds.), Judicial Dialogue on Human Rights: The Practice of International Criminal Tribunals, Brill|Nijhoff, forthcoming 2017.

Die wichtigsten Veranstaltungen dieser Professur des Exzellenzclusters:

AK Europäisches Strafrecht, Co-Initiator and organizer of the first workshop, June 23-24 2016, Frankfurt a.M.; Co-Initiator and organizer of the second workshop, April 27-28 2017, Zurich.

International Lecture Series „Strafrechtspflege zwischen Purismus und Pluralität“, Cluster of Excellence „The Formation of Normative Orders“, Summer Term 2017, Frankfurt a.M., Organizer.

Workshop „Normative Orders of the Digital“, Co-Organizer, first workshop of the research group „Internet und Gesellschaft”, Cluster of Excellence „The Formation of Normative Orders“, July 6-7 2017, Frankfurt a.M.

Workshop on Comparative Constitutional Criminal Justice, Organizer, scheduled for July 10 2017, Frankfurt a.M.

Interdisciplinary Seminar „Nationale Widerstände gegen die Internationalisierung des Strafrechts“, in cooperation with Prof. Dr. Jens Steffek (TU Darmstadt; Principal Investigator of the Cluster of Excellence „The Formation of Normative Orders“), scheduled for winter term 2017/2018.

Professur des Exzellenzclusters – Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnung

Prof. Dr. Nicole Deitelhoff

Die Clusterprofessur „Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungen” analysiert Formen und Praktiken von Widerstand innerhalb normativer Ordnungen und untersucht, wie Ordnungen auf diese reagieren und mit ihnen zusammenhängen. Die Forschungsprojekte an der Professur fokussieren darauf, wie sich Herrschaft in normativen Ordnungen konstituiert und wandelt und welche Rolle Widerstand dabei spielt. Konkrete Projektschwerpunkte liegen auf Formen der Sicherheitsprivatisierung als spezifische Herrschaftsstrategie und zugleich Herausforderung für Herrschaftsordnungen, (2) auf Konflikten über internationalen Normen und Institutionen und (3) Radikalisierungsprozessen in ihrem Zusammenhang mit Herrschaftsausübung.

(1) Die Privatisierung von Sicherheitsgewährleistung hat über die letzten Jahrzehnte stetig zugenommen, so dass inzwischen von einer vielfaltigen Sicherheitsgovernance gesprochen wird, die zunehmend in Co-Produktion privater und hoheitlicher Akteure vonstattengeht. Daraus haben sich grundsätzliche Legitimations- und Legitimitätsprobleme ergeben, die die Forschungsprojekte an der Professur thematisiert haben. Im Vergleich der Sicherheitsprivatisierung zwischen Deutschland und den USA einerseits, schwachen und starken Staaten andererseits ließ sich zeigen, dass starke Staaten  bzw. ihre Regierungen Sicherheitsprivatisierung vor allem als eine Herrschaftstechnik anwenden, um mehr Autonomie gegenüber Parlamenten und Öffentlichkeiten zu gewinnen, während schwache Staaten oftmals kaum andere Optionen haben als zu privatisieren. Entsprechend sind die Konsequenzen sowohl mit Blick auf die Legitimität  als auch Effektivität von Sicherheitspolitik in schwachen Staaten weit negativer als in starken Staaten. Aus diesem Forschungsschwerpunkt sind sowohl eine Expertise für das Forschungsforum „Öffentliche Sicherheit” des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) hervorgegangen als auch zahlreiche Publikationen.
(2) Konflikte über internationale Normen und Institutionen werden seit Jahren kontrovers diskutiert unter der Frage, wann solche Konflikte bzw. konkret Kontestation zu einer Schwächung von Normen führen und wann sie sie gegebenenfalls sogar stärken können. In diesem Forschungsschwerpunkt wurden über empirische Fallstudien zu stark umstrittenen Normen (darunter etwa das Folterverbot, das Verbot kommerziellen Walfangs, die Internationale Schutzverantwortung oder die Kaperschifffahrt) die Hypothese geprüft, dass der Effekt auf die Robustheit von Normen von der Art der Kontestation abhängt. Dabei konnten wir zeigen, dass Anwendungskontestation kaum negative Effekte auf die Robustheit von Normen hat, während Begründungskontestation mit hoher Wahrscheinlichkeit schwächende Effekte zeitigt. Momentan liegt ein internationales special issue im Begutachtungsverfahren bei einem führenden IB-Journal. Weitere Publikationen sind bereits erschienen. Zusätzlich ist aus dem Forschungszusammenhang der Impetus für die Gründung einer Themengruppe „Normenforschung” in der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) entstanden, die im März 2017 mit einem ersten Workshop im Exzellenzcluster die Arbeit aufgenommen hat.

(3) Der übergreifende Fokus der Professur liegt vor allem auf der Analyse des Zusammenspiels von Widerstand und Herrschaft. In den vergangenen Jahren wurde in Zusammenarbeit mit der Clusterprofessur „Internationale Organisationen” eine Forschungsgruppe „Internationale Dissidenz” aufgebaut, die fünf Drittmittelprojekte, die zu diesem Zusammenhang forschen, ebenso zusammenbringt, wie eine ganze Reihe von Promovierenden und PostDocs, die einen ähnlichen Forschungsfokus teilen. Die Forschungsgruppe hat eine kontinuierliche Vortragsreihe etabliert (Protest – Widerstand  - Aufstand. Streit um politische Ordnung), mehrere nationale und internationale Konferenzen und Workshops organisiert, die inzwischen auch mehrere Publikationen hervorgebracht haben und noch bringen werden. Ebenso sind in diesem Zusammenhang auch neue Drittmittelinitiativen entstanden.

Die wichtigsten Publikationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Deitelhoff, Nicole: „Billiges Gerede und leeres Geschwätz? Was ist eigentlich geblieben von der ZIB-Debatte?“ in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 24: 1, 2017, forthcoming

Deitelhoff, Nicole/ Priska Daphi/Dieter Rucht/ Simon Teune (eds.): „Protest und Bewegungen im Wandel?“, Sonderheft: Leviathan, Baden-Baden: Nomos, 2017, forthcoming.

*Deitelhoff, Nicole/Christopher Daase/Ben Kamis/ Jannik Pfister/Philip Wallmeier (eds.): Herrschaft in den Internationalen Beziehungen, Wiesbaden: Springer, 2017.

*Deitelhoff, Nicole & Christopher Daase: “Jenseits der Anarchie: Widerstand und Herrschaft im internationalen System“,in: Politische Vierteljahresschrift 56: 2, 2015, 299-318.

*Deitelhoff, Nicole & Michael Zürn, “Internationalization and the State. Sovereignty as the External Side of Modern Statehood”, in: S. Leibfried/E. Huber/M. Lange/ J.D. Levy/J.D. Stephens (eds.): The Oxford Handbook of Transformations of the State, Oxford: Oxford University Press, 2015.

Deitelhoff, Nicole & Christopher Daase: Privatisierung der Sicherheit. Eine sozialwissenschaftliche Studie, Schriftenreihe Sicherheit Nr. 11, Berlin: Freie Universität Berlin, 2013-09.

Die wichtigsten Veranstaltungen dieser Professur des Exzellenzclusters:

„Begriff und Phänomen der Norm“: Workshop of the newly founded working  group (Themengruppe) „IB-Normenforschung“  of the German Political Science Association (GPSA) at the Cluster of Excellence, „The Formation of Normative Orders“, March 29-30, 2017.

International Conference: „International Dissidence. Rule and Resistance in a globalized world“,  Goethe-University Frankfurt, March  2-4, 2017.

Lecture Series: „Protest - Widerstand - Aufstand. Streit um politische Ordnungen", November 2015 – July 2017, (co-organized with Christopher Daase)

Three panels organized by the Research Group “Internationale Dissidenz” at the  4th Global International Studies Conference of the World International Studies Committee (WISC),  August 6– 9, 2014, Frankfurt/M.

“IPA (International Public Authority) Meets Dissidenz“, interdisciplinary workshop with Armin von Bogdandy, Goethe University, Building „Normative Orders, April 4, 2014.

Professur des Exzellenzclusters – Professur für Bürgerliches Recht und Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt im internationalen Immaterialgüterrecht

Prof. Dr. Alexander Peukert

Die Clusterprofessur von Alexander Peukert hat ihren Forschungsschwerpunkt im Recht des geistigen Eigentums (intellectual property, IP) sowie im Wettbewerbsrecht. Im Zentrum des Forschungsinteresses stehen die theoretischen Grundlagen dieser Rechtsgebiete und ihre Dogmatik unter besonderer Berücksichtigung internationaler Aspekte. Bezüge zum interdisziplinären Forschungsprojekt des Clusters bestehen dabei in zweierlei Hinsicht. Zum einen wurde erforscht, mit welchen Begriffen und Narrativen die Expansion des internationalen Immaterialgüterrechts als heute praktisch universell anerkannte Rechtsordnung vonstattenging. Zum anderen wurde mit Blick auf das Spannungsfeld zwischen strikt nationalstaatlich-territorialer IP-Regulierung einerseits und globaler Wirtschaft und Kommunikation andererseits gefragt, inwieweit sich ein Recht jenseits des Staates bzw. im Schatten des Staates herausbildet, insbesondere in Gestalt von Kooperationen zwischen privaten und staatlichen Akteuren.
Zur Theorie des Immaterialgüter- und Wettbewerbsrechts legte Alexander Peukert 2012 eine grundlegende Monografie zum Begriff, zur Funktion und zur Dogmatik der Gemeinfreiheit im deutschen und europäischen Recht vor. In einem 2013 auf Deutsch und 2015 auf Englisch erschienenen Aufsatz entwickelte Peukert eine Theorie zweier unterschiedlicher Kommunikationskulturen, die im Internet koexistieren und deren Koexistenz rechtlich reguliert wird. In einer von Peukert betreuten Dissertation sowie mehreren Aufsätzen wurden die Narrative und zentralen Begriffe analysiert, auf denen das inzwischen praktisch universell anerkannte Urheber- und sonstige Immaterialgüterrecht beruhen. Zur Erklärung der Herausbildung und Expansion dieses Rechtsgebiets zog Peukert ferner sozialwissenschaftliche Theorien heran, insbesondere Karl Polanyis „Great Transformation“. Aus sozialtheoretischer Perspektive wurden auch das Schnittfeld von Urheber- und Wissenschaftsrecht sowie Ökonomisierungsphänomene am Beispiel des Rechts gegen unlauteren Wettbewerb beleuchtet. Im Grenzbereich zwischen Rechtstheorie und Rechtsdogmatik liegen ferner die Forschungsarbeiten im Rahmen des Clusterprojekts „Transnationale Regulierung geistigen Eigentums durch Kooperation“.
Aus den rechtsdogmatischen Forschungen der Professur sind umfangreiche Kommentierungen in Großkommentaren zum Urheber- und Lauterkeitsrecht sowie die Neubearbeitung der 17. Auflage eines Standardlehrbuchs zum Urheberrecht hervorzuheben.

Die wichtigsten Publikationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Peukert, Alexander: Die Gemeinfreiheit. Begriff, Funktion, Dogmatik (Geistiges Eigentum und Wettbewerbsrecht, Band 63), Tübingen: Mohr Siebeck, 2012, VIII, 321 pages.

Peukert, Alexander: Das Urheberrecht und die zwei Kulturen der Online-Kommunikation, GRUR-Beilage 2014, pp. 77-93; english version: “Copyright and the Two Cultures of Online Communication”, in: Paul L.C. Torremans (ed), Intellectual Property Law and Human Rights, 3rd ed. 2015, pp. 367-395.

Peukert, Alexander: “Intellectual property: the global spread of a legal concept”, in: P. Drahos/G. Ghidini/H. Ullrich (eds.): Kritika - Essays on Intellectual Property, Vol. 1, 2015, pp.114-133.

Peukert, Alexander: „Vom Warenzeichen zum Markeneigentum. Ein polanyischer Erklärungsversuch“, in: W. Büscher, et al. (ed.): Marktkommunikation zwischen Geistigem Eigentum und Verbraucherschutz. Festschrift für Karl-Heinz Fezer zum 70. Geburtstag, 2016, pp.405-426.

Nazari-Khanachayi, Arian: Rechtfertigungsnarrative des Urheberrechts im Praxistest: Empirie zur Rolle des Urheberrechts, Diss. Frankfurt am Main, Tübingen: Mohr Siebeck, 2016, 272 pages.

Die wichtigsten Veranstaltungen dieser Professur des Exzellenzclusters:

International Conference: Normative Orders of the Digital, July  6-7, 2017 (co-organized with C. Burchard und C. Daase).

Workshop Series: „International and Interdisciplinary Perspectives on Intellectual Property“, 2011-2017; with (among others): Susan Sell (George Washington U), Dan Burk (UC Irvine), Graeme Dinwoodie (Oxford), Jayashree Watal (WTO), Barton Beebe (NYU).

Lecture Series: „Frankfurter Abendkolloquium zum Immaterialgüterrecht“, with (among others): Karl-Nikolaus Peifer (Köln), Annette Kur (München), co-organized with Louis Pahlow.

Professur des Exzellenzclusters – Transnationales Regieren

Prof. Dr. Jens Steffek

Die Professur für „Transnationales Regieren“ liegt an der Schnittstelle zwischen der traditionellen Analyse internationaler Beziehungen, der Forschung zu grenzüberschreitend agierenden gesellschaftlichen Akteure und normativen Fragestellungen der politischen Theorie, insbesondere der Demokratietheorie. Verknüpft werden diese verschiedenen Stränge der Forschung durch die inhaltliche Schwerpunktsetzung des Arbeitsbereichs auf Fragen der Legitimität von Regieren jenseits des Nationalstaats.

Legitimation als sozialer Prozess und Legitimität als dessen Resultat sind Phänomene, die sich durch die enge Verklammerung einer empirischen und einer normativen Dimension auszeichnen, und zwar in dem Sinne, dass im Konzept der Legitimität die empirische Geltung einer politischen Ordnung abhängig gemacht wird von normativen Erwägungen der Richtigkeit und Angemessenheit. Ausgehend von diesem Kernkonzept und einem ebenso empirisch-analytischen wie normativ-theoretischen Erkenntnisinteresse versuchen wir im Arbeitsbereich eine neue, kritische Perspektive auf die politische Bearbeitung grenzüberschreitender Probleme und Konflikte zu entwickeln.

Die Forschungsaktivitäten lassen sich grob in drei Teilbereiche gliedern: 1. werden Legitimationsnarrative internationalen Regierens untersucht, wobei die nicht auf demokratischer Partizipation und Kontrolle basierenden Rechtfertigungen internationaler Organisationen als funktionale Agenturen im Mittelpunkt stehen. 2. Untersucht die Professur die Legitimationspotenziale zivilgesellschaftlicher Partizipation die u.a. im Rahmen der Institutionalisierung zivilgesellschaftlicher Beteiligung in internationalen Organisationen. Und 3. wurde der Zusammenhang der globaler Ordnung und der sozialen Frage in Rückblick auf das 20. Jhdt. wie auch in Hinblick auf aktuelle Entwicklungen, wie im Rahmen der jüngsten Klimaschutzabkommen untersucht.

Ad 1) Die zentrale These ist, dass das Vordringen internationaler Organisationen (gouvernmentaler wie nicht-gouvernmentaler) seit dem 19. Jahrhundert als Teil der von Weber dargestellten Bürokratisierung politischer Herrschaft verstanden werden muss und daher nur rational-legal legitimiert werden kann.

Ad 2) Die zentrale Erkenntnis dabei ist, dass die Teilnahme nicht-staatlicher Akteure am Regierungsprozess zwar im begrenzten Maß politische Öffentlichkeit herstellen kann, der Grundtendenz hin zu einer Technokratisierung transnationalen Regierens jedoch kaum entgegenwirkt.

Ad 3) Zum möglichen Ende des redistributiven Multilateralismus scheint es so, als habe die in Kopenhagen begonnene und 2015 in Paris bestärkte Wende der Klimapolitik von rechtlich abgesicherten hin zu freiwilligen Verpflichtungen auch die Gerechtigkeitskonzeption der globalen Klimapolitik verändert, indem sie die traditionell wichtige Begründungsfigur des Ausgleichs historischen Unrechts außer Kraft setzt.

Die wichtigsten Publikationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Holthaus, Leonie & Jens Steffek: “Experiments in International Administration. The Forgotten Functionalism of James Arthur Salter”, in: Review of International Studies 42(1), 2016, pp. 114-135.

McGee, Jeffrey & Jens Steffek: “The Copenhagen Turn in Global Climate Governance and the Contentious History of Differentiation in International Law”, in: Journal of Environmental Law Vol. 28(1), 2016, pp. 37-63.

Steffek, Jens: “Max Weber, Modernity and the Project of International Organization”, in: Cambridge Review of International Affairs, FirstView, DOI: 10.1080/09557571.2015.1020481, 2015.

Steffek, Jens. “The Cosmopolitanism of David Mitrany: Equality, Devolution, and Functional Democracy beyond the State”, International Relations 29(1), 2015,  pp. 23-44.

Steffek, Jens: „Fascist Internationalism“, in: Millennium: Journal of International Studies 44(1), 2015, pp. 3-22.


Aktuelles

„Normative Ordnungen“, herausgegeben von Rainer Forst und Klaus Günther, ist im Suhrkamp Verlag erschienen

Am 17. April 2021 ist der Sammelband „Normative Ordnungen“ im Suhrkamp Verlag erschienen. Herausgegeben von den Clustersprechern Prof. Rainer Forst und Prof. Klaus Günther, bietet das Werk einen weit gefassten interdispziplinären Überblick über die Ergebnisse eines erfolgreichen wissenschaftlichen Projekts. Mehr...

Das Postdoc-Programm des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“: Nachwuchsförderung zwischen 2017 und 2020

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist seit je her ein integraler Bestandteil des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“. Das 2017 neu strukturierte, verbundseigene Postdoc-Programm bietet die besten Bedingungen zu forschen und hochqualifizierte junge Wissenschaftler*innen zu fördern. Zum Erfahrungsbericht: Hier...

„Symposium on Jürgen Habermas’ Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Rainer Forst erschienen

Als jüngste Ausgabe der Zeitschrift "Constellations: An International Journal of Critical and Democratic Theory" ist kürzlich das „Symposium on Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Prof. Rainer Forst erschienen. Mehr...

Nächste Termine

28. Oktober 2021, 14.00 Uhr

Buchvorstellung und Diskussion: Wissenschaftsfreiheit im Konflikt. Mehr...

29. Oktober 2021, 17.00 Uhr

Buchvorstellung und Diskussion: The Government of Things - Foucault and the New Materialisms. Mehr...

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Studieren, Forschen, Lehren trotz Corona-Pandemie

Prof. Dr. Nicole Deitelhoff (HSFK und „Normative Ordnungen“), Prof. Dr. Stefanie Dimmeler (Cardio-Pulmonary Institute und Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Dr. Klaus Günther („Normative Ordnungen“) und Prof. Dr. Jan Pieter Krahnen (SAFE)
Moderation: Doris Renck (hr-Journalistin)
Frankfurter interdisziplinäre Live-Debatte

Europa kann mehr! Friedensgutachten 2021

Prof. Dr. Christopher Daase (Forschungsverbund "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK))
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Rainer Forst (2021):

Solidarity: concept, conceptions, and contexts. Normative Orders Working Paper 02/2021. Mehr...

Annette Imhausen (2021):

Sciences and normative orders: perspectives from the earliest sciences. Normative Orders Working Paper 01/2021. Mehr...